Gesäumter Fadenschwimmkäfer (Dyticus marginalis)

[44] Der gesäumte Fadenschwimmkäfer (Dyticus marginalis) in unserer umstehenden Abbildung (Fig. 1 und 5) gehört zu den größten der ganzen Familie, hängt jetzt mit der äußersten Spitze seines Hinterleibes an der Oberfläche des Wassers, fährt im nächsten Augenblicke hinab und wühlt sich in den Schlamm des Grundes, oder versteckt sich in das Gewirr der dort wurzelnden [44] Pflanzen, kommt wieder hervor, eine kleine Larve oder einen anderen Mitbewohner des schmutzigen Dümpfels so lange verfolgend, bis er den leckeren Bissen triumphirend zwischen seinen scharfen Freßzangen festhält. Der Bau des Körpers und der gleichmäßig rudernden Hinterbeine verleihen ihm die ausreichende Gewandtheit. Die Mittel-und Vorderbeine sind zum Klettern und Festhalten eingerichtet, in beiden Geschlechtern aber verschieden gebaut. Während die fünf seitlich etwas zusammengedrückten Fußglieder beim Weibchen unter einander ziemlich gleich sind, höchstens das Klauenglied durch seine Länge sich mehr auszeichnet, erweitern sich die drei ersten der männlichen Mittelfüße und sind, wie bei vielen Laufkäfern, an der Sohle mit einer Bürste kurzer Borsten dicht besetzt. An den Vorderbeinen bilden dieselben zusammen eine kreisrunde Scheibe, welche auf der Sohle außer der Bürste noch zwei Näpfchen trägt. Eine einfache und doch wunderbare Einrichtung.


1 Männchen, 5 Larve des gesäumten Fadenschwimmkäfers (Dyticus marginalis). 2 Weibchen des gefurchten Fadenschwimmkäfers (Acilius sulcatus, S. 48). 3 Hydroporus elegans (S. 48). 4 Cnemidotus caesus (S. 48). 6 Larve des laufkäferartigen Kolbenwasserkäfers (Hydrous caraboides, S. 53); nur 3 und 4 schwach vergrößert.
1 Männchen, 5 Larve des gesäumten Fadenschwimmkäfers (Dyticus marginalis). 2 Weibchen des gefurchten Fadenschwimmkäfers (Acilius sulcatus, S. 48). 3 Hydroporus elegans (S. 48). 4 Cnemidotus caesus (S. 48). 6 Larve des laufkäferartigen Kolbenwasserkäfers (Hydrous caraboides, S. 53); nur 3 und 4 schwach vergrößert.

Wenn das Thier seine Vorderfüße platt aufdrückt auf einen Körper, z.B. ein im Wasser liegendes Aas, die polirte Oberfläche seines Weibchens, so kommt die Innenseite jener Näpfchen mit zur Berührung, dann aber zieht ein mitten durchgehender Muskel die Innenwand zurück und es bildet sich ein luftleerer Raum innerhalb dieses kleinen Schöpfkropfes, die Beine haften auf diese Weise fester, als es unter Aufwand von vielleicht zehnmal mehr Muskelkraft möglich wäre. Die immer glänzende, niemals nasse Oberfläche des ganzen Körpers ist oben dunkel olivengrün mit Ausnahme einer gleichmäßigen, gelben Einfassung rings um das Halsschild und einer nach hinten allmählich schwindenden am Außenrande der Flügeldecken. Diese letzteren bieten bei den anderen Dyticusarten ein noch anderes Unterscheidungsmerkmal der Geschlechter, bei der unsrigen nur theilweise. Sie sind nämlich auf ihrer größeren Vorderhälfte bei den Weibchen stark gefurcht, während gerade von unserer Art ebenso häufig Weibchen mit glatten, den männlichen vollkommen gleichen Flügeldecken angetroffen werden. Die Zweigestaltigkeit der Flügeldecken nach den beiden Geschlechtern kennt man längst und war auch schon früher bemüht, eine Deutung für sie zu finden. Die Annahme lag nahe, daß die durch Furchen erzeugte Rauheit des Rückens dem Männchen das Festhalten auf demselben bei der Paarung erleichtern dürfe. Kirby und Spence in ihrer »Einleitung in die Entomologie«, ebenso wie Darwin in seiner »Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« gehen von dieser Ansicht aus, jene betrachten aber die in Rede stehende Einrichtung als einen unmittelbaren Ausfluß der göttlichen Weisheit, dieser als das Produkt allmählicher Entwickelung durch Naturzüchtung. Darwin folgert nun weiter: Sind die Flügeldeckenfurchen als Förderungsmittel zur Begattung wirksam, so haben die damit ausgerüsteten Weibchen im Kampfe um das Dasein vor den glattdeckigen einen gewissen Vorzug voraus, diese letzten haben nach dem Gesetze der Kompensation des Wachsthums statt der komplicirteren Ausbildung der Flügeldecken kräftigere Natur, namentlich kräftigere Schwimmbeine und sind daher [45] wieder in dieser Beziehung im Vortheile; wogegen die minder begünstigten Zwischenformen im Laufe der Zeit vom Schauplatze verschwinden mußten. Joseph hat neuerdings ein solches Weibchen mittlerer Form aufgefunden, zwar nicht von der in Rede stehenden, sondern von einer anderen sehr nahen Art (Dyticus dimiatus). Dasselbe hat Andeutungen von Furchen, wie deren zwei auch beim Männchen vorhanden sind, schmal und seicht, nur die sechste und siebente Furche ist etwas breiter und tiefer. Wenn nun ein noch nicht von der Schaubühne abgetretenes Weibchen solcher Mittelform aufgefunden worden ist, so dürfte bei einer vielseitigeren Nachforschung vielleicht auch noch ein zweites und drittes aufgefunden werden, und dieselben sind somit noch nicht ausgestorben. Was weiter die kräftigeren Schwimmbeine der glatten Weibchen anlangt, so ist dieses Merkmal von so unbestimmter und unsicherer Natur, daß es von dem einen zu Gunsten seiner Ansicht gesehen, von dem anderen geleugnet worden ist und entschieden geleugnet werden kann, wodurch hier das Kompensationsgesetz des Wachsthums hinfällig wird. – Neuerdings bringt von Kiesenwetter eine andere Erklärung vom Dimorphismus der Dyticidenweibchen, welche den Darwin'schen Grundsätzen entspricht. Davon ausgehend, daß, wie wir bereits früher sahen, die Flügel der Kerfe als Ausstülpungen der Haut zu betrachten seien, welche von Adern oder Rippen, den ursprünglichen Luftröhrenstämmen gestützt werden, daß in den Flügeldecken der Käfer dieselben meist verwischt, aber immer noch nachweisbar sind, werden die gerippten oder gefurchten Flügeldecken im Gegensatze zu den glatten von vorn herein als die ursprünglichere Bildung betrachtet. Dafür spricht auch der Umstand, das schon in der Tertiärzeit Dyticiden mit gefurchten Flügeldecken vorgekommen sind. »Hat man nun«, fährt von Kiesenwetter fort, »die überaus formenreiche Entwickelung des Insektentypus, als der durch Tracheen athmenden Gliederthiere, nicht im Wasser, wo man verhältnismäßig wenige Insekten antrifft, sondern auf dem Lande zu suchen, wo sie bekanntlich in unendlicher Vielgestaltigkeit auftreten, so darf man insbesondere die Dyticiden als ursprüngliche Carabenform ansehen, die dem Leben im Wasser angepaßt worden ist, oder bestimmter im Darwin'schen Sinne gesprochen, die dem Wasserleben sich allmählich angepaßt hat; nicht umgekehrt die Caraben als Dyticiden, welche sich zu Landraubthieren umgestaltet haben. Den Carabentypus kommt aber jenes Rippensystem der Flügeldecken, dessen Bedeutung wir eben darzulegen suchten, in ganz bestimmt ausgesprochener Weise zu, und man hat es daher auch für die Dyticiden als das ursprünglich typische zu betrachten und folgerecht anzunehmen, daß die anfänglich vorhandenen Furchen erst durch Anpassung an das Leben im Wasser, für welches eine möglichst glatte Körperoberfläche vortheilhaft war, allmählich beseitigt worden sind, daß aber gewisse Weibchen sie in mehr oder minder modificirter Form beibehalten haben, da sie ihnen wieder in anderer Hinsicht (für die Begattung) von Vortheil waren, während andere Weibchen sie gleich den Männchen verloren. Letzteren Weibchen kommt (abgesehen von der mindestens problematischen Frage, ob sie eine kräftigere Entwickelung haben) die glatte Oberfläche für ihre Bewegungen im Wasser zu statten, erstere dagegen haben Aussicht auf zahlreichere Nachkommenschaft, und jeder dieser Vortheile ist nach Darwin'scher Auffassung schon an sich für ausreichend zu erachten, um im Laufe der Generationen die entsprechende Bildung der Weibchen zu fixiren oder in Fällen, wo beide Momente sich die Wage halten, die weiblichen Individuen in zwei Rassen zu spalten, die unvermischt neben einander bestehen, indem die minder begünstigten Zwischenformen ausgemerzt werden.« Wir müssen es dem Leser überlassen, sich selbst für die eine oder die andere Ansicht zu erklären oder keine von beiden anzunehmen und in diesen Unterschieden nur den überall vorkommenden Ausdruck für den unendlichen Formenreichthum in der organischen Natur zu erkennen. Nach dieser Abschweifung, welche wir für geboten hielten, um einen Begriff zu geben, wie weit die Spekulation auf diesem Gebiete von der eigentlichen Forschung ablenken kann, kehren wir zur Charakteristik des gesäumten Fadenschwimmkäfers zurück. Die Unterseite seines Körpers und die elfgliederigen Borstenfühler sind gelb gefärbt, die Beine etwas dunkler. Wie die größeren Laufkäfer einen übelriechenden grünbraunen Saft ausspeien, um denjenigen außer Fassung zu bringen und zur Freilassung ihrer Person zu nöthigen, der einen zwischen die Finger [46] nahm, so sondert unser Schwimmkäfer und die mittelgroßen anderen Arten aus Vorder- und Hinterrande seines Halsschildes eine milchweiße Flüssigkeit aus, welche gleichfalls einen unangenehmen Geruch verbreitet.

Wollen wir der Entwickelungsgeschichte dieses Schwimmkäfers weiter nachgehen und somit einen Begriff von der der übrigen erhalten, die im großen Ganzen keine andere sein dürfte, so brauchen wir nur eine Partie derselben in ein Aquarium zu setzen, welches über dem kiesigen Boden etwas Schlamm und statt des üblichen Felsens in der Mitte einige Rasenstücke enthalten müßte. Bei der großen Gefräßigkeit der Thiere verursacht ihre Sättigung einige Schwierigkeiten, doch können Ameisenpuppen, Frosch- und Fischbrut, Wasserschnecken, eine todte Maus und andere in Ermangelung von kleineren, weicheren Wasserinsekten aus der Noth helfen. Im Frühjahre legt das Weibchen auf den Grund seines Wasserbehälters eine ziemliche Anzahl gelber, etwa 2,25 Millimeter langer Eier von ovaler Gestalt. Diese brauchen zwölf Tage Zeit, ehe sie auskriechen. Winzig kleine Würmchen wimmeln dann im Wasser umher und ihre gewaltige Gefräßigkeit, in welcher sie sich unter einander nicht verschonen, zeigt, daß sie Lust haben, schnell größer zu werden. Schon nach vier bis fünf Tagen messen sie beinahe 10 Millimeter und ziehen ihr erstes Kleid aus, nach derselben Zeit sind sie noch einmal so groß und häuten sich zum zweiten, und bei gleich beschleunigtem Wachsthume ein drittes Mal. Freilich wurde manche dieser Larven, bevor sie sich einigermaßen kräftigte, die Beute eines stärkeren Räubers, wie einer Libellenlarve und anderer. Im späteren Alter, wenn sie erst mehr Nahrung bedarf, schreitet das Wachsthum weniger rasch fort; wir sehen sie erwachsen in unserer Abbildung, und zwar von derselben Gestalt, welche sie aus dem Ei mitbrachte. Mit geöffneten Zangen lauert sie ruhig, bis eine unglückliche Mücken- oder Haftlarve, oder wie all das kleine Gewürm heißen mag, welches, an Gestalt ihr nicht unähnlich, in gefährlicher Nachbarschaft mit ihr zusammen lebt, in ihre Nähe kommt, und ersieht den günstigen Augenblick, um sich unter einigen schlangenartigen Windungen ihres Körpers auf dasselbe zu stürzen und es zu ergreifen. Unter denselben Körperbewegungen und mit den Beinen arbeitend, geht sie nun auf den Boden, setzt sich an einer Wasserpflanze fest und saugt die Beute aus. Die Reihen der Larven hatten sich im Aquarium etwas gelichtet; denn obschon ich gleich nach dem Erscheinen der jungen Lärvchen zu deren Schutze die Käfer entfernt hatte, die übrigens nun sterben, da sie ihren Zweck erfüllt haben, obgleich ich mir alle Mühe gab, jenen hinreichende Nahrung zukommen zu lassen, verschonten sie sich doch nicht, sei es nun, daß die nahe Berührung, in welche sie im Aquarium kamen, ihre Mordgier reizte, sei es, daß ich ihren beständigen Hunger unterschätzt hatte. Um sie daher am Ende nicht alle zu verlieren, fing ich mir neue ein, die ich nach vorhergegangenen genauer Untersuchung als derselben Art angehörig erkannt hatte, und brachte sie zu den früheren. Die kleineren mußten sich am meisten ihrer Haut wehren, denn sie wurden gleich einmal gepackt wenn sie sich nicht vorsahen. Die erwachsenen unter ihnen fingen an, in ihrer Freßbegierde nachzulassen, sie krochen an der steinigen Unterlage der Rasenstücke in die Höhe und verschwanden allmählich unter diesen. Nach Verlauf von ungefähr vierzehn Tagen lüftete ich eins der Stücke, welches lose auf der Erdunterlage saß, und fand zu meiner Freude einige Höhlungen mit je einer Puppe, an welcher Form und Gliedmaßen des künftigen Käfers erkannt werden. Nach durchschnittlich dreiwöchentlicher Ruhe für die Sommerzeit reißt die Hülle im Nacken und der junge Käfer arbeitet sich hervor; die erst im Herbst zur Verwandlung gelangten Puppen überwintern. Ehe der Neugeborene seinen Eltern vollkommen gleicht, vergeht eine geraume Zeit. Am ersten entwickeln sich die zusammengerollten, äußerst zarten Flügel und deren Decken, hierauf ist der Käfer seiner Form nach ausgebildet, aber noch ungemein weich und von gelblichweißer Farbe. In diesem Zustande wäre er im Wasser noch nichts nütze, er bleibt daher auch ferner in seiner feuchten Wiege, wird mit jedem Tag fester und dunkler und erst am achten ist er fähig, seine düstere Geburtsstätte zu verlassen. Auch selbst dann noch, wenn sie schon lustig im Wasser umherschwimmen, kann man an der blassen Farbe des Bauches und der weicheren Chitindecke die jüngeren von den [47] älteren Schwimmkäfern unterscheiden. Rauben und Morden wird fortgesetzt. Der gesäumte Fadenschwimmkäfer und die wenigen Arten der Gattung Dyticus, welche neben ihm in Deutschland allgemeine Verbreitung haben, sind in Fischteichen nicht gern gesehen; denn sie greifen die junge Brut an und verhindern ihr Aufkommen.

Während Dyticus, oder auch Dytiscus geschrieben, zwei ziemlich gleiche und bewegliche Krallen an den Hinterfüßen hat, kommen bei den mittelgroßen Fadenschwimmkäfern, die den Gattungen Acilius und Hydaticus angehören, zwei ungleiche vor, deren obere fest ist, bei Cybister Roeselii nur eine bewegliche; überhaupt sind es die Verschiedenheiten in der Klauenbildung und in den Erweiterungen der männlichen Vorder- und Mittelfüße, welche die wesentlichen Erkennungszeichen der aufgestellten Gattungen abgeben.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 44-48.
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