3. Sippe: Roßkäfer, Geotrupinen

[81] Die größten Mistkäfer Deutschlands kennt man unter dem Namen der Roßkäfer (Geotrupes), früher mit vielen anderen zusammen Scarabaeus genannt. In ihrer schwerfälligen Weise sehen wir sie öfter in Feld oder Wald sperrbeinig über den Wegschleichen, oder hören sie an den Sommerabenden mit lautem Gebrumme an unseren Ohren vorbeisausen. Bei ihnen sind Oberlippe und Kinnbacken nicht, wie bei den vorhergehenden, häutig, sondern hornig und unbedeckt, der Seitenstückanhang der Hinterbrust frei, die Fühler elfgliederig und die Augen vollständig getheilt. Außerdem erkennt man sie an einem rautenförmigen, vorn aufgeworfenen, hinten vom Gesichte getrennten Kopfschilde, an einem queren, hinten geradrandigen Halsschilde, einem herzförmigen Schildchen, an sechs freien Bauchringen und einem kurzen, stumpf eiförmigen, oben ziemlich stark [81] gewölbten Körper. Ein Haarfleck an den Vorderschenkeln, ein gesägter Außenrand der zugehörigen Schienen und vier Kanten an den übrigen zeichnen die Beine aus. Indem die lange, unterseits leistenartige und geriefte Hüfte der Hinterbeine am Rande des dritten Bauchringes hin- und herreibt, entsteht ein schwach schnarrender Laut ohne jegliche Bedeutung.

Die schwarzen oder metallisch glänzenden Roßkäfer beschränken sich auf den gemäßigten Gürtel Europas und Nordamerikas, auf das Himalayagebirge in Asien, auf Chile in Südamerika und in Afrika auf die Nordküste.

Die Roßkäfer, so genannt, weil eine und die andere Art mit Vorliebe den Pferdedünger als Aufenthaltsort wählt, sind schwerfällige und plumpe Gesellen, von Natur weniger zum Lustwandeln als zum Graben befähigt, und ihr Loos ist kein beneidenswerthes. Denn wenn sie im Frühjahre zum erstenmale in ihrem Leben das Tageslicht erblickt, nachdem sie ihren tiefen Schacht verlassen haben, beginnen die Sorgen um die Nachkommenschaft. Jede Art sucht die ihr genehmen Rückstände derjenigen Hufthiere auf, welche des Weges gezogen sind, in der vorgerückteren Jahreszeit auch die von vielen Kerfen und von den Schnecken beliebten Hutpilze. Sie wühlt sich in den Haufen, in den Pilz, stillt den eigenen Hunger und, was die Hauptsache ist, gräbt in nahezusenkrechter Richtung eine bis dreißig Centimeter tiefe Röhre, schafft eine Portion des den Eingang deckenden Nahrungsmittels in deren Grund, und das Weibchen beschenkt die vorgerichtete Brutstätte mit einem Eie. So viele Eier abgesetzt werden sollen, so viele Schachte sind zu graben und meist auch so viele Dungstätten von neuem aufzusuchen; denn dieser eine Roßkäfer ist nicht der einzige, der sich der Goldgrube bemächtigt, ihm gesellen sich andere seinesgleichen, seiner Gattung, seiner Familie zu, und so mancher andere Käfer, dessen wir bereits gedachten und den wir mit Stillschweigen übergingen; zudem muß man erwägen, daß sich nicht jedes Stück Land, auf welchem die Lebensquelle angetroffen wird, auch zu der Anlage eines Schachtes eignet.


Männchen des Dreihorns (Geotrupes Typhoeus), natürl. Größe.
Männchen des Dreihorns (Geotrupes Typhoeus), natürl. Größe.

Darum hat das Auffinden einer passenden Stelle seine Schwierigkeiten; ihm gilt es, wenn wir den Roßkäfer bei Tage sich abquälen sehen, zu Fuße eine Umschau zu halten, ihm, wenn er des Abends seinen Körper zum Fluge erhebt und an unseren Ohren vorbeisummt. Daß er dies erst zu dieser Zeit thut, beweist seine Vorliebe für die Nacht, welche ihn beweglicher macht, während welcher er auch sein Brutgeschäft mit der Paarung beginnt. Der Aufenthalt an den genannten unsauberen Orten, das Wühlen in der Erde unter diesen bringt die Roßkäfer mit demselben Ungeziefer in Berührung, welches wir schon bei den Todtengräbern kennen gelernt haben. Eine oder die andere Käfermilbe läuft gewandt auf Brust und Bauch umher, und ihre Zahl wird um so zahlreicher, je erschöpfter die Kräfte des Mistkäfers sind, je mehr sein Lebensende herannaht. Im Herbste sieht man hier und da einen auf dem Rücken liegen, alle sechs Beine steif von sich gestreckt, als trockene, selbst von dem eben genannten Ungeziefer gemiedene Leiche. Er starb eines natürlichen Todes, andere Brüder wurden lebend von einem Würger ergriffen und auf einen Dorn gespießt, wie so manche Hummel.

Die einstige Wohnstätte der Roßkäfer verschwindet mit der Zeit, nur ein rundes Loch, mit einem Erdwalle umgeben, legt Zeugnis von ihrer Brutpflege ab. Im Laufe des Sommers und Herbstes gedeiht unten in der Sohle jener Röhre die Larve, wird zu einer Puppe und diese zu einem Käfer, welcher im nächsten Frühjahre zu dem oben geschilderten Werke sein Auferstehungsfest feiert.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 81-82.
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