Rothschulteriger Bienenkäfer (Sitaris muralis)

[128] Der rothschulterige Bienenkäfer (Sitaris muralis, früher Necydalis humeralis) ist ein interessantes Käferchen des südlichen Europa, welches am nördlichsten bisher in Südtirol und in jüngster Zeit in Frankfurt am Main in mehreren Stücken an einem Hause beobachtet worden ist. Es erinnert in seiner Körpertracht einigermaßen, mehr noch durch seine Entwickelungsgeschichte an den Fächerträger. Der Käfer ist durch die gleich von der Wurzel klaffenden, am Außenrande ausgeschweiften, nach hinten ungemein verschmälerten und stumpf gespitzten Decken, welche die wohl [128] entwickelten Flügel nur schlecht verbergen, leicht kenntlich; die Fühler sind fadenförmig, die Kinnbacken von der Mitte an rechtwinklig umgebogen, die Klauen einfach, d.h. keine derselben gezähnt, und die Hinterhüften weit von den Mittelhüften entfernt. Der Körper ist schwarz, an den Schultern roth.

Fabre fand in der Erde Löcher, welche von der einsam bauenden pinselbeinigen Schnauzenbiene (Anthophora pilipes) bewohnt waren, einer Honig eintragenden Biene, welche sehr zeitig im Frühjahre erscheint und weit verbreitet, auch bei uns keineswegs selten ist. Ende August kamen aus den Fluglöchern einzelne rothschulterige Bienenkäfer, anfangs Männchen, welche mit großer Ungeduld die Weibchen erwarteten und deren Gehäuse aufbissen, um das Herauskommen derselben zu beschleunigen. Sowie letztere erschienen waren, erfolgte am Eingange der Bienenwohnungen die Paarung und das Ablegen der zahlreichen ovalen, sehr kleinen Eierchen hinten in den zu den Bienennestern führenden Erdröhren, Ende September entschlüpften die einen Millimeter langen Larven von beistehender Form (a), ausgezeichnet durch lange Fühler, lange, langbehaarte Beine, zwei gekrümmte Schwanzborsten am stumpf zugespitzten Leibesende und durch zwei Augen jederseits des Kopfes. Alle diese Merkmale sowie die harte Körperbekleidung erinnern an die erste Larvenform der vorher besprochenen Familienglieder.


a Erste, b zweite, d dritte Larvenform, c Scheinpuppe, e Puppe des rothschulterigen Bienenkäfers (Sitaris muralis). Alles vergrößert.
a Erste, b zweite, d dritte Larvenform, c Scheinpuppe, e Puppe des rothschulterigen Bienenkäfers (Sitaris muralis). Alles vergrößert.

Die Lärvchen sind außerordentlich beweglich, verlassen jedoch ihre Geburtsstätte nicht, und sitzen schließlich haufenweise beisammen, um die Wintermonate zu verschlafen. Mit dem Erwachen des neuen Lebens im Frühjahre verlassen die rechtmäßigen Zellenbewohner, die jungen Schnauzenbienen, ihre Wiege, und sofort sind die Sitarislarven bereit, sich an die vorbeikriechenden Bienen festzuhalten und sich von ihnen wegtragen zu lassen. Da die Bienenmännchen stets mehrere Tage vor den Weibchen ausschlüpfen, so gelangen die Larven zum großen Theil auf die männlichen Bienen. Diese würden für ihr weiteres Fortkommen schlecht sorgen, da ihnen die Weibchen allein nur dienen können. Sei es nun, daß sie durch Vermittelung der honigspendenden Blumen oder während der Paarung der Bienen auf letztere überkriechen, sei es, daß manche, bei den Bienenmännchen zurückbleibend, zu Grunde gehen, so viel steht fest, daß ihrer genug, wie es ihre Bestimmung fordert, auf den weiblichen Schnauzenbienen verweilen. Diese nun bauen, gleich ihren Müttern, Nester, tragen Honig in die Zellen, legen je ein Ei auf den Vorrath und verschließen die Zelle. Letzteres darf die Sitarislarve nicht abwarten, sondern muß sofort auf das Ei herabgleiten, sowie es dem mütterlichen Schoße entschlüpft ist. Am 21. Mai beobachtete Fabre gefüllte und mit je einem Eie belegte Zellen und hier und da auf dem Eie eine Larve. Sobald die Zelle geschlossen ist, beißt die Larve das Ei auf, verzehrt dessen Inhalt als erste Nahrung nach so langer Entbehrung und bleibt auf der Eischale wie auf einem Floße sitzen, um von da aus die für die Bienenlarve bestimmten Vorräthe aufzuzehren. In ihrer ursprünglichen Form würde sie dies schwerlich bewirken können, weil die harte Körperbedeckung zu wenig nachgeben und eine Vergrößerung nicht zulassen würde. Unzweifelhaft erfolgt die Körperumwandlung unmittelbar nach dem Genusse des Bieneneies und vor dem des Honigs, welcher das volle Wachsthum bedingt. Ist dieser aufgezehrt, so hat die erwachsene zweite Larvenform (b) ein mehr madenartiges Aussehen: einen dicken, weichen Körper, mit einem augenlosen, kleinen Kopfe, an welchem Fühlerstumpfe und Kinnbacken unterschieden werden können; auch tragen die drei vordersten Glieder sechs, allerdings [129] sehr kurze Beinchen. Diese zweite Larvenform verkürzt sich allmählich, erhärtet und nimmt Eiform, den zu der Ueberwinterung geschickten Zustand, an, welcher als Scheinpuppe, Pseudonymphe (c), bezeichnet worden ist. Aus dieser entsteht im nächsten Frühjahre eine dritte, der zweiten außerordentlich ähnliche Larvenform (d), und aus dieser endlich durch abermalige Häutung die regelrechte Puppe (e), welcher der Käfer schließlich Ende August des zweiten Jahres seit dem Eierlegen sein Dasein verdankt.

Die Verwandlungsgeschichte, wie wir sie bei den beiden letzteren Familien, den Pflasterkäfern und den Fächerfühlern, in ihren Grundzügen kennen gelernt haben, überrascht durch die größere Mannigfaltigkeit im Vergleiche zu den zwei Uebergangsformen der Larve und der Puppe bei den anderen Käfern. Es kommt hier ein nicht zu übersehender Umstand, die Abhängigkeit von dem Leben eines anderen Kerfes, mit einem Worte, das Schmarotzerleben hinzu. Wir werden später bei einer anderen Ordnung dasselbe in noch weit ausgebildeterer Form kennen lernen, aber so verborgen und in geheimnisvolles Dunkel gehüllt, daß nur der mit dem Mikroskope vertraute Fachmann unter gewissen günstigen Verhältnissen den Schleier zu lüften vermag. Die Versuche hierzu stehen sehr vereinzelt da, haben aber eine gleich große Wandelbarkeit der Larvenform ergeben. Für unsere Familienbedarf es nicht jener wissenschaftlichen Apparate und Durchbildung, sondern nur der Ahnung von den interessanten Verhältnissen, einer günstigen Gelegenheit und der Ausdauer in vorurtheilsfreier Beobachtung. In der Voraussetzung, daß bei einem oder dem anderen meiner Leser die beiden letzten Punkte eintreffen könnten, habe ich den Gegenstand berührt und auch einem Deutschen Gelegenheit geboten, denselben weiter zu verfolgen, um zu berichtigen oder zu vervollständigen.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 128-130.
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