Gelber Keulenkäfer (Claviger foveolatus)

[57] Der gelbe Keulenkäfer (Claviger testaceus, jetzt foveolatus genannt), der hier in starker Vergrößerung abgebildet ist, gehört zu den wenigen, sehr hülflosen Arten, deren Lebensweise entschieden das höchste Interesse bietet. Die Körperumrisse des Keulenkäfers finden sich auch bei den übrigen Familiengliedern wieder; zu seiner besonderen Charakteristik gehören: der Mangel der Augen, faltenartige Hinterecken der zusammengewachsenen Flügeldecken, an denen ein Haarbüschel steht, und eine tiefe Grube auf dem Rücken der Hinterleibswurzel. An den einklauigen Füßen sind die beiden ersten Glieder so kurz, daß man sie lange übersehen hat. Der Hinterleib glänzt am meisten, weil ihm nur an der Spitze die Behaarung des übrigen Körpers zukommt, erscheint fast kugelig, hat an den Seiten einen feinen Rand und läßt nur am Bauche die fünf ihn zusammensetzenden Ringe erkennen. Das Männchen unterscheidet man vom Weibchen durch einen kleineren Zahn an der Innenseite von Schenkel und Schienen der Mittelbeine.


Gelber Keulenkäfer (Claviger testaceus), stark vergrößert.
Gelber Keulenkäfer (Claviger testaceus), stark vergrößert.

Der Keulenkäfer lebt unter Steinen in den Nestern der gelben Ameisen, die ihn wie ihre eigenen Puppen erfassen und in das Innere des Baues tragen, wenn er durch Aufheben des Steines in seiner Oberfläche erschlossen und die Hausordnung der Thiere gestört wird. Es deutet dieser Zug auf ein inniges Verhältnis zwischen beiden hin, und sorgfältige Beobachtungen haben dieses auch in anderen Beziehungen bestätigt. Wir verdanken dieselben dem Herrn P.W.I. Müller, weiland Pastor zu Wasserleben bei Wernigerode. Der genannte, durch die eben erwähnte Erscheinung im höchsten Grade erstaunt, nahm Käfer, Ameisen, deren Brut von verschiedenem Alter, und Erde aus dem Neste nebst Moosstengeln in geräumigen Fläschchen mit heim. Schon am nächsten Tage hatten sich die Gefangenen häuslich eingerichtet und wurden nun mit Hülfe einer Lupe eifrig und so gründlich beobachtet, daß alles, was im folgenden mitgetheilt werden soll, zu oft gesehen worden ist, um auf Irrthum und Täuschung beruhen zu können. Lassen wir den Beobachter selbst berichten: »Die Ameisen verrichteten unbesorgt ihre gewohnten Geschäfte; einige ordneten und beleckten die Brut, andere besserten am Neste und trugen Erde hin und her; andere ruhten aus, indem sie ohne alle Bewegung still und fast stundenlang auf einer Stelle verweilten; andere suchten sich zu reinigen und zu putzen. Dies letzte Geschäft verrichtete jede Ameise an sich selbst, so weit es ihr möglich war, dann aber ließ sie sich – gerade wie es von den Bienen in ihren Stöcken zu geschehen pflegt – von einer anderen an den Körpertheilen reinigen, die sie mit Mund und Füßen selbst nicht zu erreichen vermochte. Die Keulenkäfer liefen indeß entweder zutraulich und unbesorgt zwischen den Ameisen umher, oder sie saßen in den Gängen, die meist an den Wänden des Glases entlang führten, ruhig und in einer Weise, welche andeutete, daß alles mit ihren gewohnten Verhältnissen vollkommen übereinstimmte. Indem ich nun den Bewegungen [57] meiner Gefangenen einige Zeit hindurch unverrückt mit den Augen gefolgt war, wurde ich mit einem Male zu meiner größten Verwunderung gewahr, daß, so oft eine Ameise einem Keulenkäfer begegnete, sie ihn mit den Fühlern sanft betastete und liebkoste und ihn, während er dies mit seinen Fühlern erwiderte, mit sichtlicher Begierde auf dem Rücken beleckte. Die Stellen, wo dies geschah, waren jedesmal zuerst die am äußeren Hinterwinkel der Flügeldecken emporstehenden gelben Haarbüschel. Die Ameise öffnete ihre großen Kinnbacken sehr weit, und sog alsdann vermittels der übrigen Mundtheile den ganz davon umschlossenen Haarbüschel mehrere Male mit großer Heftigkeit aus, beleckte dann noch die ganze Vorderfläche des Rückens, besonders dessen Grube. Dieses Verfahren wurde ungefähr aller acht bis zehn Minuten, bald von dieser, bald von jener Ameise, ja oft mehrmals hintereinander an dem nämlichen Käfer wiederholt, vorausgesetzt, daß er mehreren Ameisen begegnete, doch ward er im letzten Falle nach kurzer Untersuchung sogleich freigelassen«. Wie auf den Zweigen der Bäume die Blattläuse anderen Ameisen ihren Honigsaft reichen und darum von ihnen so eifrig aufgesucht und im höchsten Grade freundschaftlich behandelt werden, so bieten die Keulenkäfer dieser das Buschwerk nicht ersteigenden Art einen Leckerbissen in einer aus den Haaren ausgeschwitzten Feuchtigkeit; aber jene sind dafür auch erkenntlich. Es kommt noch besser. Hören wir weiter: »Um meine Gefangenen nicht verhungern zu lassen und möglichst lange beobachten zu können, mußte ich natürlich daran denken, ihnen irgend ein angemessenes Futter zu reichen. In dieser Absicht befeuchtete ich die Wände des Glases nahe dem Boden sowie einige Moosstengel mittels eines Haarpinsels mit reinem Wasser, mit durch Wasser verdünntem Honig, und legte außerdem noch einige Zuckerkrümchen und Stückchen zeitiger Kirschen an andere Stellen, damit jeder nach Belieben das ihm dienlichste wählen könne. Eine Ameise nach der anderen, wie sie in ihrem Laufe an eine befeuchtete Stelle kam, hielt an und leckte begierig, und bald waren ihrer mehrere versammelt. Einige Keulenkäfer kamen zu eben diesen Stellen, gingen aber über dieselben hinweg, ohne den geringsten Antheil zu nehmen. Jetzt brachen einige gesättigte Ameisen auf, standen auf dem Wege still, wenn ihnen diese oder jene Ameise begegnete, welche die Speise noch nicht gefunden hatte, fütterten die hungerigen und gingen weiter, um dasselbe mit der unten im Glase befindlichen Brut zu thun. Ich war schon darauf bedacht, für die Keulenkäfer eine andere Nahrung zu ersinnen, weil sie die vorhandene nicht berührten, als ich einen derselben einer vollgesogenen Ameise begegnen und hierauf beide still stehen sah. Ich verdoppelte meine Aufmerksamkeit, und nun bot sich meinen Blicken ein ebenso seltsames wie unerwartetes Schauspiel dar. Ich nahm deutlich wahr, wie der Keulenkäfer aus dem Munde der Ameise gefüttert wurde. Kaum konnte ich mich von der Wirklichkeit des Geschehenen überzeugen und fing schon wieder an zu zweifeln, ob ich auch recht gesehen haben möchte, als sich unmittelbar an drei, vier und mehr Stellen dieselbe Beobachtung bestätigte. Einige dieser Fütterungen wurden unmittelbar an der Wand des Fläschchens vorgenommen, so daß ich durch eine viel stärker vergrößernde Linse den ganzen Hergang aufs deutlichste beobachten konnte. Jedesmal, wenn eine gesättigte Ameise einem noch hungernden Käfer begegnete, lenkte dieser, gerade als wenn er, die Speise witternd, Futter von ihr begehrte, Kopf und Fühler aufwärts, nach dem Munde jener hin, und nun blieben sie beide still stehen. Nach vorhergegangenem gegenseitigen Berühren und Streicheln mit den Fühlern, Kopf gegen Kopf gewendet, öffnete der Käfer den Mund, ein gleiches that die Ameise, und gab aus ihren weit hervorgestreckten inneren Mundtheilen jenem von der soeben genossenen Nahrung, welche er gierig einsog. Beide reinigten alsdann ihre inneren Mundtheile durch wiederholtes Ausstrecken und Einziehen derselben und setzten ihren begonnenen Weg weiter fort. Eine solche Fütterung dauerte gewöhnlich acht bis zwölf Sekunden, nach welcher Zeit die Ameise in der Regel die Haarbüschel des Käfers auf die oben angegebene Weise abzulecken pflegte. Auf diese Art wurden alle in meinem Gläschen befindlichen Keulenkäfer jeden Tag mehrere Male, und so oft ich ihnen frisches Futter und Wasser gab welches letztere den Ameisen eines der wichtigsten Bedürfnisse ist, regelmäßig gefüttert, und nie sah ich einen Käfer etwas von der in dem Fläschchen [58] befindlichen Nahrung: Honig, Zucker und Obst, anrühren, ausgenommen, daß sie zu Zeiten die an der inneren Wand des Glases niedergeschlagenen Wasserdünste ableckten.

So groß auch immer die Liebe und Fürsorge der Ameisen gegen ihre Brut ist, gegen die Keulenkäfer scheint ihre Zärtlichkeit nicht minder groß zu sein. Es ist in der That rührend, zu sehen, wie sie dieselben auch dann, wenn keine Nahrung in ihren Haarbüscheln vorhanden ist, öfter im Vorbeilaufen mit den Fühlern streicheln; wie sie mit immer gleicher Zärtlichkeit und Bereitwilligkeit jeden ihnen begegnenden hungerigen füttern, noch ehe sie ihre Brut versorgt haben; wie sie dieselben geduldig über sich hinlaufen lassen, manchmal sogar mit ihnen spielen, indem sie den einen oder den anderen, der ihnen begegnet, mit ihren Zangen auf dem Rücken fassen, eine gute Strecke forttragen und dann niedersetzen. Andererseits ist das zutrauliche Wesen der Käfer gegen die Ameisen nicht minder bewundernswürdig. Man glaubt nicht verschiedene Insektengattungen, sondern Glieder ein und derselben Familie vor sich zu sehen, oder eigentlich in den Keulenkäfern die Kinder zu erblicken, die sorglos und zutraulich in den Wohnungen der Eltern leben, von ihnen Nahrung und Pflege erhalten und sie ohne Umstände dann allemal darum ansprechen, wenn das Bedürfnis sie dazu treibt, auch ihnen Gegendienste zu leisten versuchen, so weit sie es vermögen. So sah ich beispielsweise, daß ein Keulenkäfer eine stillsitzende, ruhende, gleichsam schlafende Ameise reinigte, indem er bald von den Seiten her, bald auf ihr sitzend, mit seinem Munde ihr den Rücken und Hinterleib abbürstete und beinahe eine halbe Viertelstunde mit diesem Geschäfte zubrachte«.

Interessant ist auch noch die Beobachtung, daß eine zweite Art derselben Käfergattung, welche bei einer anderen Ameisenart genau in derselben Weise lebt, von den gelben Ameisen ebenso behandelt wird, wie die ihnen eigenthümliche Art, obgleich die Ameisen selbst sich bekriegen. Beim Einsammeln beider Arten wurden nämlich aus Versehen Käfer und sechs bis acht dazu gehörige Ameisen jener Art zu den hier besprochenen gethan. Sofort fielen die gelben Ameisen über die fremden her, tödteten sie nach und nach, verschonten aber ihre Keulenkäfer und fütterten sie gleich den ihrigen. Mehrere späterhin absichtlich vorgenommene Versetzungen der beiden Arten (Claviger foveolatus und longicornis) aus einem Fläschchen in ein anderes zu fremden Ameisen bestätigten dieselbe Beobachtung.

Wunderbar! Die Keulenkäfer sind einzig und allein auf gewisse Ameisenarten angewiesen, welche letzteren sie aus ihnen angeborenem Triebe und weil die Anwesenheit derselben ihnen zugleich einen Genuß darbietet, als ihre Pfleglinge lieben, schützen, ernähren. Die Käfer, durch den Mangel der Augen und Flügel hülfloser als andere, können nirgends anders als in Ameisennestern leben, wo sie sich fortpflanzen und sterben, ohne sie je verlassen zu haben. Wer hätte solche Proben aufopfernder Freundschaft und Liebe verborgen unter Steinen gesucht?

Daß die Larve unseres Keulenkäfers sechsbeinig sein müsse, geht aus der Abbildung eines Puppenbalges hervor, welchen unser Gewährsmann aufgefunden hat. Derselbe steckt nämlich, wie wir dies auch bei anderen Käfern beobachten können, mit seiner Leibesspitze in der bei der Verpuppung abgestreiften Larvenhaut, und an dieser bemerkt man noch die Rückstände von vier Beinchen.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 57-59.
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