Großer Fichtenrüsselkäfer (Hylobius abictis)

[135] Den bunten Heilipen (Heilipus) in Südamerika sehr nahe steht die Gattung Pissodes, die Vertreter jener in den gemäßigten und kalten Strichen der nördlichen Halbkugel bildend. Die braunen, durch lichte Borstenhaare gezeichneten Arten leben, wie die ungemein ähnlichen Hylobien, [135] auf Kosten der Nadelhölzer, welche sie, an den jungen Trieben saugend, zur Saftzeit anzapfen. Der Saft fließt aus den zahlreichen Löchern aus, die Rinde bläht und löst sich und der Zweig stirbt ab. Pflanzenkulturen werden hierdurch vorzugsweise beeinträchtigt. Die beiden in dieser Beziehung als »Kulturverderber« bei der Forstverwaltung besonders schlecht angeschriebenen Käfer sehen wir hier abgebildet. Der große Fichtenrüsselkäfer oder große braune Rüsselkäfer (Hylobius abictis) entscheidet sich mit Vorliebe für Fichten und überwiegt an Größe, daher die Namen. Seine Körperform bedarf keiner weiteren Erörterung, hinsichtlich der Färbung sei nur bemerkt, daß auf heller oder dunkler kastanienbraunem Grunde die bindenartig gereiheten Flecke rostgelben Borstenhaaren ihren Ursprung verdanken. drei wesentliche Merkmale unterscheiden ihn von dem folgenden: die nahe am Munde dem dickeren Rüssel angehefteten Fühler, das ebene, dreieckige Schildchen und ein ziemlich tiefer Ausschnitt im Vorderrande der Vorderbrust. Eine stumpfe Schwiele vor der Spitze jeder Flügeldecke und die Dornspitze, in welcher die Schienen nach innen auslaufen, hat er mit dem folgenden gemein; der an jedem seiner dicken Schenkel bemerkbare Zahn endlich, unterscheidet ihn von anderen Gesinnungsgenossen. Mit Hülfe jenes Schienendornes können sich die trägen Käfer ungemein festhalten, so daß es schwer und sogar schmerzhaft wird, ihn von einem Finger wieder los zu bekommen. Die Hauptflugzeit des Käfers und mithin auch seine Paarung fällt in die Monate Mai und Juni, doch finden sich vereinzelt geeinigte Pärchen auch noch im September, ohne daß von dieser Zeit an das Brutgeschäft seitens der Weibchen weiter verfolgt wird. Wenn von einer Flugzeit gesprochen wird, so meinte man damit die Zeit des allgemeinen Erscheinens, ohne damit immer an Umherfliegen zu denken. Unser Käfer fliegt bei Sonnenschein und zieht sich namentlich behufs des Brutgeschäftes nach entfernter gelegenen Brutplätzen, sobald seine Geburtsstätte sich zu solchen nicht eignet, ist er aber an einem solchen angelangt, so sieht man ihn in trägem Marsche zu Fuße gehen oder an Stämmchen und Zweigen sitzen und fressen.


Großer Fichtenrüsselkäfer (Hylobius abietis). a Vergrößert, b in natürlicher Größe; c Kopf von der Seite, d Larve, e Puppe.
Großer Fichtenrüsselkäfer (Hylobius abietis). a Vergrößert, b in natürlicher Größe; c Kopf von der Seite, d Larve, e Puppe.

Wie bereits erwähnt, ist er ein Kulturverderber, indem er älteren Stammen mit dicker, härterer Rinde nicht zu nahe kommt, sondern nur schwache Rinde platzweise benagt. Infolge der Verletzung dringt das Harz hervor, erhärtet und gibt dem Stämmchen oder dem Zweige ein unangenehm grindiges Ansehen, dem das Vergilben der Nadeln und das Absterben der ganzen Pflanze nachfolgt. Während der Paarung besteigt das kleinere Männchen das Weibchen, beide verweilen längere Zeit in dieser Stellung und lassen sich an Stämmen, Klaftern, Planken usw. beobachten; ist dieselbe vorüber, so hört auch der Fraß allmählich auf, die Männchen sterben, die Weibchen erst dann, wenn sie sich ihrer Eier entledigt haben.

Die schmutzig weißen und durchscheinenden Eier werden in die Rindenritze von Stöcken, unterhalb des Wurzelknotens, an die vorstehenden Wurzeln, namentlich aber an die Enden der abgehauenen [136] Wurzeln, gelegt, und sind daher Kiefern- und Fichtenschläge, auf weiteren Flächen sich ausdehnende mehr als kleine und schmale, die wahren Brutstätten für diesen Käfer.

Die Larven schlüpfen zwei bis drei Wochen später aus den Eiern und arbeiten sich in mehr oder weniger geschlängeltem, mit ihrem Wachsthume natürlich an Breite zunehmenden Gange bis auf den Splint, bei dünner Rinde auch etwas in diesen hinein, verfolgen die Wurzeläste bis in die Erde hinab, bis vierundsechzig Centimeter unter die Oberfläche gehend. Schließlich findet sich am breitesten Ende des Ganges in einem Polster von Bohrspänen die Puppe. Ueber das Aussehen dieser sowie der Larve bedarf es keiner Worte weiter, da beide durch ein Bild zur Anschauung gebracht worden sind. Was die Zeitdauer der Entwickelung anlangt, so ist dieselbe keine so gleichmäßige, daß sie mit voller Bestimmtheit beurtheilt werden könnte; denn im Winter findet man Larven, Puppen und Käfer, letztere unter Moos, Bodenstreue, in vorgefundenen Bohrlöchern anderer Insekten oder auch in der Erde. Und wenn von der einen Seite eine einjährige, von der anderen eine zweijährige Brut angenommen wird, so können beide Theile recht haben, weil die Lage der Brutstätte, einige Wärmegrade mittlerer Jahrestemperatur mehr oder weniger, begünstigende oder verzögernde Witterungsverhältnisse in dem einen oder dem anderen Jahre an denselben Oertlichkeiten, früheres oder späteres Ablegen der Eier bei der Art, wie unsere Larve lebte, wohl von wesentlichem Einflusse auf ihre schnelle oder verzögerte Entwickelung sein können.

Wie wir gesehen haben, ist es hier nicht die Larve, sondern der Fraß des Käfers, welcher seine Schädlichkeit bedingt, und zwar unmittelbar durch das Tödten der jungen Pflanzen oder mittelbar dadurch, daß der kleine Kiefernrüsselkäfer oder Borkenkäfer angelockt werden und das Zerstörungswerk, ein jeder in seiner Weise, fortsetzt. Die empfindlichste Fraßweise des Käfers ist bereits erwähnt worden; er benagt aber auch Knospen, welche dann nicht zu einer Entwickelung gelangen können, junge Maitriebe, welche der Wind leicht umbricht und geht mit den geringsten Beschädigungen auch an die Knospen junger Birken, Elsen und Ebereschen.

Am sichersten beugt man den Beschädigungen vor, wenn man mit dem Wiederanbaue der eben durch Abtrieb entstandenen Blößen zwei bis drei Jahre wartet, weil dann die in den Stöcken und Wurzeln der geschlagenen Stämme vorhanden gewesene Brut nicht mehr vorhanden ist und der ihr entsprossene Käfer in Ermangelung von Nahrung für sich andere Stellen hat aufsuchen müssen. Diese Vorsichtsmaßregel ist namentlich im Harze mit bestem Erfolge in Anwedung gebracht worden, andere übergehen wir hier mit Stillschweigen, weil wir nicht für den Forstschutzbeamten schreiben. Nur des wichtigsten Vertilgungsmittels für den bereits vorhandenen Käfer sei noch in der Kürze gedacht. Man legt Fangrinde und Fangkloben aus und sammelt in den frühen Morgen- und späteren Nachmittagsstunden die sich gern hier anhäufenden Käfer. Als Fangrinde eignet sich die länger frisch bleibende der Kiefer besser als die früher trocknende der Fichte. Es werden Rindenstreifen nach innen eingeknickt und mit der Innenseite der Erde zugekehrt hingelegt, an einem Ende unter Umständen auch durch einen Stein beschwert, damit die Lage gesichert bleibt. Im Königreiche Sachsen wurden 1855 in sämmtlichen Staatsforsten auf solche Weise 6,703,747 Stück Käfer mit einem Kostenaufwande von 1933 Thlr. 201/2 Ngr. und im Jahre zuvor 7,043,376 Käfer für 2001 Thlr. 61/4 Ngr. vom 1. Mai bis 15. Juli eingesammelt, wobei der 30. Mai den reichlichsten Ertrag geliefert hat.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 135-137.
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