Lichtscheue Termite (Termes lucifugus)

[531] Die lichtscheue Termite (Termes lucifugus oder T. arda) ist die zweite südeuropäische Art, welche häufig mit der ihr sehr ähnlichen gelbhalsigen zusammen die Mittelmeerländer bewohnt, noch eintausendvierundneunzig Meter über dem Meeresspiegel auf Madeira lebt und bis nach Rochefort und Rochelle in Frankreich vorgedrungen ist, in welch letzteren Stadt sie an den ihre Grundlage bildenden Pfählen arge Verwüstungen anrichtet. Dieser Umstand wird um so interessanter und auffälliger, als alle Arten in den übrigen Erdtheilen nur bis zum vierzigsten Breitengrade nördlich und südlich vom Gleicher angetroffen werden.


1 Schreckliche Termite (Termes dirus), Männchen von oben, a von der Seite gesehen, b Kopf desselben, c Arbeiter, d derselbe von vorn, e Soldat, f derselbe von vorn. 2 Kriegerische Termite (Termes bellicosus), Arbeiter, g Nymphe. 3 Weibchen von Termes regina. (b, 2, g vergrößert.)
1 Schreckliche Termite (Termes dirus), Männchen von oben, a von der Seite gesehen, b Kopf desselben, c Arbeiter, d derselbe von vorn, e Soldat, f derselbe von vorn. 2 Kriegerische Termite (Termes bellicosus), Arbeiter, g Nymphe. 3 Weibchen von Termes regina. (b, 2, g vergrößert.)

Das Thier ist dunkel schwarzbraun, braun behaart; die Spitzen der Schienen und der Füße sind gelblich, die Spitzen der Fühler- und Tasterglieder weißlich gefärbt, der Körper mißt 6 bis 9, die Flügelspannung 18 bis 20 Millimeter. Seine mehrfach erforschte Naturgeschichte ward neuerdings von Lespès mit großer Sorgfalt dargelegt und soll zum Schluß noch in ihren Grundzügen mitgetheilt werden, da den europäischen Kerfen immer der Vortritt eingeräumt worden ist. Die eben beschriebenen Geschlechtsthiere entstehen aus zwei Puppenformen, deren eine sich durch lange und breite, den vorderen Hinterleibstheil ganz bedeckende, die zweite seltenere und dickere, durch sehr kurze, zur Seite gelegene Flügelscheiden auszeichnet. Beide beginnen vom Juli ab im Neste sichtbar zu werden, überwintern also, und die ersteren verwandeln sich Ende Mai in den geflügelten Kerf, die der zweiten Form erst [531] im Laufe des August des nächsten Jahres, bedürfen somit durchschnittlich zwanzig Monate vom Eie ab. Eine gleiche Zeit rechnet man auch auf die »Neutra«, wie die geschlechtlich unentwickelten Arbeiter und Soldaten im Gegensatze zu jenen mit gemeinsamem Namen genannt zu werden pflegen. Vom Winter bis zum März findet man im Neste die jüngsten Larven jeglicher Kaste, welche Lespès als erste Altersstufe bezeichnet. – Sie sind träger Natur, lehnen an den Wänden umher und sehen einander, wenn sie die Länge von 2 Millimeter noch nicht erreicht haben, so ähnlich, daß man noch nicht wissen kann, was sich aus ihnen entwickeln werden. Die Larve der zweiten Altersstufe, die sich also einmal gehäutet haben und 2 oder 3 Millimeter messen, lassen schon zwei Formen unterscheiden. Die einen ähneln im Mittelleibe den Arbeitern, sind an ihrer Gestalt, ihren langsamen Bewegungen und an ihrem kleineren, mattweißen Kopfe leicht zu erkennen und verwandeln sich im Juni zu Arbeitern und Soldaten. Die anderen sehen hinsichtlich des breiteren Mittelleibes und der beiden folgenden Ringe, indem die Erweiterung nach hinten zu den nachmaligen Flügelscheiden bereits beginnt, den Geschlechtsthieren ähnlicher. Diese zweite Altersstufe zeigt sich einzeln schon im Winter, herrscht aber vor, sobald die erste verschwunden ist, eben weil sie aus ihr durch Häutung hervorgeht. 4 bis 6 Millimeter große Larven, in der ersten Form einem Arbeiter und Soldaten schon sehr ähnlich, in der zweiten den Nymphen, bilden die dritte Altersstufe, welche die zweite bald verdrängt. Die Larven der ersten Altersstufe haben zehngliederige, die der zweiten zwölf- bis vierzehngliederige, die der dritten sechzehngliederige Fühler. Arbeiter und Soldaten finden sich das ganze Jahr im Neste, sie werden aber gegen Juni hin seltener; zuerst die Soldaten, dann die Arbeiter, magern ab und tragen die Spuren der Altersschwäche an sich, denn es ist für sie die Zeit gekommen, dem neu herangereiften jüngeren Geschlechte das Feld zu räumen. Wie die allgemeine Schilderung schon hervorhob, unterscheiden sich die Soldaten von den Arbeitern nur durch die gewaltige Größe des Kopfes und der Kinnbacken; jener ist noch einmal so lang als breit und walzig, diese sind schwarz, säbelförmig nach oben und innen gebogen, innen ungezähnt und von halber Kopflänge.

Die Arbeiter, auf denen fast allein alle Sorgen um den Staat lasten, haben die Gewohnheit aller Gattungsgenossen, sich nur unter bedeckten Gängen zu bewegen, was sie jedoch nicht des Lichtes wegen, sondern um den Zutritt der frischen Luft abzusperren, thun mögen. Lespès nämlich trug verschiedene Nester in gläserne Gefäße ein und bemerkte nicht, daß sich die Arbeiter durch das von der Glasseite eines Ganges einfallende Sonnenlicht beirren ließen. Gewöhnlich legen sie das Nest in einem alten Fichtenstumpfe, mitunter in Eichen, Hollunder, Tamarisken, an, jedoch stets in abgestorbenem und feuchtem, unter oder wenig über der Erde gelegenem Holze. Kleine Gesellschaften, die seit einem oder höchstens zwei Jahren bestehen, halten sich hinter der Rinde auf, dann aber gehen sie das Holz an. Die Gänge werden von dem Umfange nach dem Mittelpunkte geführt und gleichzeitig die bei den Fichten flach unter der Erdoberfläche verlaufenden Wurzeln in Angriff genommen. Sie sind nicht regelmäßig, und sehr oft bilden holzfressende Larven, besonders die der Bohrkäfer, die Pioniere der Termiten, während die weiteren Höhlungen der Bockkäfer zu großen Zellen benutzt werden. Ohne dergleichen Vorarbeiten führen sie die Gänge insofern in einer gewissen Regelmäßigkeit durch, als sie dieselben zwischen den Jahresringen anlegen und diese als die härteren Theile stehen lassen. Runde Oeffnungen, groß genug, um einen oder zwei Arbeiter neben einander durchzulassen, vermitteln zwischen ihnen die Verbindung. Die ganze Innenseite des Nestes ist mit einer hellbraunen, glatt polirten Schicht überzogen; daß diese aus den Exkrementen bestehe, stellte sich bei der Beobachtung in der Gefangenschaft heraus. Lespès fand in einzelnen Baumstümpfen neben den Termiten auch ein Ameisennest, beide nur durch eine dünne Scheidewand getrennt, eine Beobachtung, welche auch von anderen Seiten bei ausländischen Baumtermiten gemacht worden ist, und welche beweist, daß die ärgste Feindschaft, in welcher beide Thiergruppen leben, den Trieb zum Nesterbauen nicht zu stören vermag. Jederseits werden an der passenden Stelle die Kolonien gegründet, unbekümmert darum, ob der Feind in nächster Nachbarschaft [532] gleichen Interessen nachgehe. Wenn Lespès ein Stück Nest nebst Inhalt in seine Beobachtungsgläser einkerkerte, so begannen die Arbeiter zunächst auf dem Boden des Gefäßes im Gerölle Gänge anzulegen, um sodann das Nest an den Seitenwänden jenes zu befestigen. In den Gegenden Frankreichs, auf welche sich die Beobachtungen erstrecken, fehlt es nicht an Fichtenstümpfen, weil man sie nach dem Fällen der Bäume stehen läßt, und dies mag der Hauptgrund sein, weshalb die Häuser von Bordeaux so ziemlich von Termiten verschont bleiben, obschon sich hier und da Spuren von ihnen gezeigt haben. Zum Bauen der Wohnungen gehört auch ihre Erhaltung, und da sind es eben wieder die Arbeiter, welche diese Sorge übernehmen. Wird das Nest an einer Stelle verletzt, dem Zutritte der freien Luft preis gegeben, so holen sie die verschiedensten Gegenstände aus der Nähe herbei, um den Schaden sogleich auszubessern; darum findet man auch selten ein Nest, in welchem nicht wenigstens einige größere oder kleinere Räume mit den Exkrementen zum Bekleiden der Wände oder Verstopfen der Bresche angefüllt wären, welche die Arbeiter gleichfalls zusammentragen. Das Ausbessern geschieht in der größten Ordnung und ohne die geringste Einmischung der Soldaten; dieselben spielen niemals die Rolle der Aufseher. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit lassen die Arbeiter den Eiern zu theil werden. Oeffnet man eine mit diesen gefüllte Zelle, so kommen sie herbeigestürzt und schleppen fünf bis sechs auf einmal hinweg; ja, Lespès brachte einmal eine An zahl, welche er im Freien gefunden, in eines seiner Gläser, und in kürzester Zeit waren sie im Inneren des Nestes geborgen. Einmal sah er auch eine Nymphe einem Arbeiter gegenüber stehen und vom Futter fressen, welches jener hervorwürgte; doch hält er diese Erscheinung für einen Ausnahmefall. Er konnte außer dem eben angeführten Falle keine Fütterung wahrnehmen, auch keine Fürsorge für König und Königin, und doch muß wohl für die jungen Larven wenigstens in Bezug hierauf etwas geschehen, wiewohl es sehr große Schwierigkeiten hat, dies zu beobachten. Andererseits erwähnt Lespès Beispiele, welche die Theilnahme der Arbeiter an dem Gedeihen der Brut außer allen Zweifel setzen. Sie beleckten die Nymphen, und hatte sich eine verletzt, was öfters vorkam, so waren gleich zwei oder drei um diese beschäftigt. Bei den letzten Häutungen von Arbeiter- und Soldatenlarven beobachtete er mehrmals Hülfsleistungen seitens erwachsener Arbeiter, um das alte Kleid zu beseitigen, niemals aber, wenn sich die Nymphen zum Geschlechtsthiere verwandelten, obgleich auch dann allemal besonders reges Leben im ganzen Stocke wahrgenommen ward. Eine noch nicht erklärte Gewohnheit haben die Arbeiter an sich. Mitten in einer Beschäftigung oder auch müßig schlendernd, heben sie sich plötzlich auf den Beinen hoch empor und schlagen ein Dutzend Male, auch öfter, schnell hinter einander mit der Hinterleibsspitze auf den Boden.

Die Soldaten, zum Schutze der anderen bestimmt, erscheinen dem Menschen gegenüber mehr drohend, oft lächerlich, aber niemals gefährlich. Lespès hielt seinen Finger öfters hin, sie bissen aber nicht hinein, weil sie die Zangen nicht so weit auseinander brachten, um die Haut zu fassen. Trotz ihres Muthes und Eifers sind sie infolge ihrer Blindheit ziemlich unbeholfen und gebärden sich grimmiger, als sie in Wirklichkeit zu sein vermögen. Meist halten sie sich unbeweglich in den Gängen oder Zellen auf, wird aber das Nest geöffnet, so rennen sie aufs Gerathewohl mit geöffneten Kinnbacken umher. Sind sie gereizt, so nehmen sie eine äußerst possirliche Haltung an: ihr Kopf liegt auf dem Boden mit weit geöffneten Zangen, nach hinten hebt sich der Leib hoch, jeden Augenblick stürzen sie vor, den Feind zu fassen, haben sie dies aber mehrfach vergeblich gethan, so schlagen sie mit dem Kopfe vier- bis fünfmal auf die Unterlage und bringen dadurch einen scharfen Ton hervor, der früher als »zischend« bezeichnet wurde. Wenn Lespès die Scheidewand zwischen dem benachbarten Ameisenneste öffnete, so entspann sich ein wüthender Kampf. Die ergriffene Ameise war ein Kind des Todes, der Soldat mußte in der Regel aber auch sterben; denn jener kamen ihre Kameraden zu Hülfe und fielen in Mehrzahl über ihn her, bis er erlag.

Die alten Larven halten sich gewöhnlich gedrängt bei einander in den engen Gängen, die Soldaten meist an deren Enden; jene entfliehen, sobald man diese öffnet. Dasselbe gilt genau auch [533] von den Nymphen. Bei den jedesmaligen Häutungen zeigt sich ein reges Leben, welches seinen Grund hauptsächlich darin zu haben scheint, daß die Neugeborenen, besonders die, welche nun keine Häutung weiter zu bestehen haben, ein einsames Plätzchen aufsuchen, wo sie außer dem Gewühle der Masse ihren ungemein weichen Körper erhärten, die geflügelten ihre Flügel ohne Störung auswachsen lassen können, was in Zeit von einer Stunde geschieht. Die eben zur Vollendung gekommenen Arbeiter sind, wie alles, was eben die Haut abstreift, vollkommen weiß, und nehmen sich ein paar Tage Zeit, ehe sie sich arbeitsfähig fühlen. Die Geschlechtsthiere verlieren sehr bald die Flügel und halten sich ebenfalls dicht zusammen. Lespès sah sie im Freien nur dann schwärmen, wenn er zu der bestimmten Zeit ein Nest öffnete; seine Gefangenen starben im Juli. Einmal, als das Glas in der Sonne stand, kamen sie an die Oberfläche des Nestes, die Weibchen verfolgt von sehr hitzigen Männchen, meist von einem, seltener von zweien, und zwar so nahe, daß man hätte meinen sollen, es habe die Hinterleibsspitze mit den Kinnbacken gefaßt. Die Paarung konnte er weder hier, noch im Freien beobachten, und ich bin nach dem, was ich darüber gelesen habe, der Ueberzeugung, daß sie nicht in der Luft, sondern nach dem Verluste der Flügel auf der Erde und zwar in einem dunkeln Winkel oder während der Nacht erfolgt. Dieses emsige Nachlaufen des Männchens, was auch bei anderen Arten beobachtet wurde, die Licht-und Luftscheue der Thiere, welche sie während ihrer ganzen Lebenszeit als Eigenthümlichkeit bewahren, läßt mit voller Bestimmtheit erwarten, daß sie es nicht den Honigbienen, den Kindern des Lichtes, nachthuen. – Wie es scheint, sind Königinnen selten aufzufinden, und was Lespès über sie berichtet, enthält zum Theil Widersprüche. Er traf wohl Eier, allemal in Klumpen vereinigt, an, niemals aber eine Königin dabei und meint, daß sie von den im August schwärmenden Geschlechtsthieren gelegt sein müßten. Nach eifrigem Suchen gelang es ihm endlich, am 28. Juli zwei Pärchen, und zwar in einem und demselben Baumstumpfe, anzutreffen, jedes aber in einer besonderen Zelle, die beide in einem Zusammenhange standen und die Vermuthung nahe legten, daß hier zwei Kolonien neben einander hausten, wie im oben erwähnten Falle eine neben einer Ameisenkolonie. Arbeiter und Soldaten leisteten Gesellschaft sowie Larven und – Eier, aber keine Nymphen. Daß die Eier nicht von dem Weibchen sein konnten, ergab dessen anatomische Untersuchung. Auch im November fand sich ein derartiges Pärchen in einem kleinen Neste, dessen Weibchen im Eierstocke Eier mit Schale hatte. Königinnen wurden im December, März und Juli in Gesellschaft eines Königs oder ohne solchen angetroffen. Jene wachsen mehr und mehr, je älter sie werden, halten sich in keiner besonderen Zelle, sondern nur in einer tiefer gelegenen Gallerie mit dem sehr lebhaften Könige zusammen auf, kriechen trotz ihrer Wohlbeleibtheit behend umher und beginnen erst ein Jahr nach der letzten Häutung mit dem Legen der Eier, was nur kurze Zeit und zwar im Juli geschehen dürfte.

Wie ungeachtet der eifrigen Forschungen Einzelner die Natur in ihrem Walten der Geheimnisse noch gar viele birgt, auch solcher, welche der menschliche Scharfblick durch unermüdliche Beobachtung zu enthüllen vermag, hat wiederum das Leben der »weißen Ameisen« bewiesen und den Mahnruf an alle Strebsame erneuert: Suchet, so werdet ihr finden!

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 531-534.
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