Sippe: Termiten, Unglückshafte (Termitina)

[521] Die Termiten, Unglückshafte (Termitina), rechtfertigen insofern eine dritte Benennung weiße Ameisen, als sie wie die Ameisen in größeren Gesellschaften gemeinsame Nester bewohnen oder Bauten ausführen, und weil in den Kolonien neben den geflügelten, fortpflanzungsfähigen Geschlechtern ungeflügelte und unfruchtbare Individuen vorkommen; im übrigen weichen sie durch die Körperform, die unvollkommene Verwandlung und sonst noch wesentlich von jenen Hautflüglern ab. Leider sind unsere Kenntnisse über diese so höchst interessanten Bewohner wärmerer Erdgegenden noch ungemein lückenhaft, obschon ältere Reisende, wie König, Smeathman, Savage, St. Hilaire usw., über sie berichtet, obschon in den neuesten Zeiten ein Lespès, Bates, Fritsch, Fritz Müller und andere ihnen an Ort und Stelle größere Aufmerksamkeit gewidmet haben. Allein, die unwirtlichen Gegenden, in denen sie leben, und die wenig zu so sorgfältigen Beobachtungen geeignet sind, wie sie so im Verborgenen lebende Thiere beanspruchen, die so verschiedenen Formen einer und derselben Art und das Vorkommen mehrerer Arten an derselben Oertlichkeit erschweren die Forschung ganz außerordentlich. Aus diesen Gründen und weil die Lebensweise aller nicht dieselbe ist, so läßt sich, ohne ausführlicher zu sein, als es der Raum hier erlaubt, auch nur in sehr allgemeinen Umrissen ein ungefähres Bild von ihnen entwerfen.

Die Termiten haben, wie die nachfolgenden Abbildungen zeigen, einen länglichen, ziemlich gleichbreiten Körper von eiförmiger, oben mehr abgeflachter, unten gewölbter Gestalt, an welchem der freie, schräg oder senkrecht nach unten gerichtete Kopf sammt dem Mittelleibe ungefähr die Hälfte der ganzen Länge ausmacht, viergliederige Füße und, sofern sie geflügelt sind, vier gleichgroße, lange und hinfällige Flügel mit einer Quernaht an der Wurzel. Dieselben sind von vier Längsadern durchzogen, welche schräge, unter sich gleichlaufende oder auch einfach gegabelte Aeste aussenden. Die Gestalt des verhältnismäßig kleinen, oben gewölbten, unten platten Kopfes ändert nach den verschiedenen Arten ab, immer aber rundet sich sein großer, hinter den Augen gelegener Theil halbkreisförmig; eine mehr oder weniger deutliche Längsnaht, welche sich auf dem Scheitel gabelt, theilt ihn in drei fast gleiche Theile. Die meist großen Augen quellen hervor und grenzen jederseits nach innen an ein Nebenauge, deren im ganzen nur zwei vorkommen, gar keine bei Termopsis und Hodotermes. Dicht vor den Netzaugen sitzen die perlschnurförmigen, dreizehn- bis zwanzig- (siebenundzwanzig-) gliederigen Fühler, welche höchstens den Kopf um ein Geringes an Länge übertreffen. Die Mundtheile entwickeln sich kräftig: eine verschieden gestaltete, muschelartig aufgetriebene Oberlippe, stumpf endende, am Innenrande vier- bis sechszähnige Kinnbacken, Unterkiefer und Unterlippe; jener aus einer zweizähnig endenden inneren, einer höher liegenden, säbelförmig gekrümmten äußeren Lade (Helm) und fünfgliederigen Tastern bestehend, diese vier Lappen darstellend, welche von ihren dreigliederigen Tastern wenig überragt werden. Die drei Ringe des Mittelleibes haben gleiche Größe, vorherrschende Breite, je eine flache, seitlich unbedeutend überragende Chitinplatte als Bedeckung, deren vorderste sich von den übrigen einigermaßen unterscheidet und gute Artmerkmale abgibt. Die Beine sind schlank, aber kräftig und die Hüften der zusammengehörigen Paare berühren einander. Am Hinterleibe zählt man oben zehn, unten nur neun Ringe. Die Flügel liegen in der Ruhe wagerecht übereinander dem Leibe auf, den sie weit überragen. Die Färbung der Termiten bietet wenig Abwechselung und erstreckt sich in der Regel bei jedem Einzelwesen ziemlich gleichmäßig über alle Theile. Braun geht durch alle Tinten einerseits in Schwarz, andererseits in Gelb über. Je nach dem Alter sind die Stücke einer und derselben Art verschieden gefärbt; eben ausgeschlüpfte haben stets die gelbe Farbe alten Elfenbeines. Die Geschlechter unterscheiden sich durch die Bauchschuppen, beim Männchen nämlich sind die sechs ersten gleichlang, die beiden folgenden bedeutend kürzer, beim Weibchen die ersten fünf gleich, die sechste größer, je nach der Art anders geformt, die beiden folgenden verkümmert; die neunte erscheint bei beiden Geschlechtern verkümmert und getheilt.

Die Larven, aus welchen die eben beschriebenen, vollkommenen Kerfe entstehen, sind anfangs kleine und zarte, stark behaarte Wesen, deren einzelne Körpertheile sich wenig von einander absetzen, [522] sondern gewissermaßen in einander übergehen, noch undeutliche Augen, kürzere Fühler und keine Spur von Flügeln zeigen. Nach mehrmaligen Häutungen erscheinen diese allmählich, die Körperhaut wird durchsichtiger, beweist aber durch ihre geringere Festigkeit, daß sie noch nicht zur Vollendung gelangt ist. Endlich hängen die Flügel an der Körperseite, bis zum sechsten Ringe reichend, herab, die Puppe (Nymphe) ist geboren und sieht ihrer letzten Vollendung entgegen.

Mit dem Namen König und Königin werden allgemein diejenigen Bewohner eines Termitenbaues belegt, welche die Fortpflanzung zu bewirken haben und entschieden gepaart gewesene Männchen und Weibchen sind, welche ihre Flügel verloren haben, und von denen das letztere im Hinterleibe oft unförmlich angeschwollen ist, so daß der Vorderleib in noch viel höherem Maße gegen den sackartigen Hinterleib verschwindet, als bei einer vollgesogenen Hundszecke. Die Vergrößerung erfolgt durch Wachsthum oder Ausdehnung der Zwischenhäute; denn die Chitinplatten der Glieder selbst verändern sich nicht, sondern liegen als weit entfernte, dunklere Flecke auf diesem gelblich weißen, von Eiern strotzenden Sacke, vergleichbar den Keimgrübchen auf der Oberfläche einer gestreckten Kartoffel. Man kennt erst von sehr wenigen Arten die Königin.

Neben den bisher besprochenen Formen finden sich in jedem Neste und zwar viel zahlreicher, die sogenannten Arbeiter und Soldaten, beide flügellos und hauptsächlich in Kopfform und Größe von einander unterschieden. Der vollkommen entwickelte Arbeiter steht an Größe der eben beschriebenen geflügelten Form wenig nach, bleibt aber infolge des entschieden geringer entwickelten Mittelleibes etwas kürzer. Der fast senkrecht gestellte Kopf, bei den meisten Arten augenlos, ist etwas gewölbter, sonst sind seine Theile wie bei den eben geschilderten Geschlechtsthieren gebildet. Der Mittelleib, weil er nie Flügel zu tragen hat, weicht wesentlich ab: der vordere Ring ist sehr schmal und die beiden folgenden von den Hinterleibsgliedern nicht zu unterscheiden. Lespès fand durch anatomische Untersuchung in den Arbeitern die Anlage von männlichen Geschlechtstheilen bei den einen, von weiblichen bei den anderen. Vor der ersten Häutung lassen sich die arbeitenden und zur geschlechtlichen Reife gelangenden Termiten nicht unterscheiden, allmählich jedoch prägen sich durch die Häutungen die Unterschiede der ersteren in der Lage des Kopfes und der Bildung des Mittelleibes aus. – Die Soldaten stimmen bis auf die beträchtlichere Körpergröße und die überwiegende Ausdehnung des Kopfes mit den Arbeitern überein. Letzterer nimmt nicht selten die Hälfte des ganzen Körpers ein und wechselt in Umrissen und Oberfläche je nach der Art. Bei allen aber treten die Kinnbacken drohend heraus, indem sie den dritten Theil der Kopflänge erreichen, mitunter sogar die ganze Kopflänge noch übertreffen, wogegen Kinnlade und Unterlippe fast verkümmern. Auch bei den Soldaten fand Lespès zwei Geschlechter in der Anlage. Die Larven der Arbeiter und Soldaten fangen erst nach der zweiten Häutung an, sich zu unterscheiden. – Hagen gedenkt bei der Gattung Eutermes noch einer weiteren Form fabelhafter Geschöpfe, nämlich solcher, deren Kopf sich vorn nasenartig in die Länge zieht und die der übrigen Bildung nach als einem der beiden oben genannten Stände zugehörig betrachtet werden müssen; er hat sie daher nasuti (Nasenträger) genannt.

Die Eier haben eine walzige, bisweilen gekrümmte Gestalt, runden sich an den Enden ab und sind bei einer und derselben Art nicht alle von gleicher Größe.

Was nun das Leben und Treiben der Termiten im allgemeinen anlangt, so steht fest, daß Geschlechtsthiere, unfruchtbare Arbeiter und Soldaten zu einem Staate gehören, dessen Aufenthaltsort zunächst, abgesehen von seiner Form und Einrichtung, das Nest genannt sein mag. Die beiden letzten Kasten auf verschiedenen Altersstufen und wenigstens eine Königin kommen im Neste vor, wenn auch letztere nicht immer aufgefunden worden ist, geflügelte Männchen und Weibchen nur zeitweilig, wie es scheint, bei Beginn der Regenzeit. Sobald diese vollkommen entwickelt sind und Ueberfüllung im Neste eintritt, erfolgt, wie bei den Ameisen, das Schwärmen und die Paarung, sei es in der Luft oder nachdem die Thiere wieder festen Boden unter sich gewonnen und die Flügel an der Quernaht abgebrochen haben. Bates, welcher das Schwärmen in Amazonien beobachtete, erzählt, daß es am Morgen geschehe, bei bedecktem Himmel, oder an trüben, feuchten [523] Abenden. Im letzteren Falle haben die Lichter der menschlichen Wohnungen, wie für alle des Abends fliegenden Kerfe, auch für die Termiten eine besondere Anziehungskraft. Myriadenweise dringen sie zu Thür und Fenster ein, erfüllen die Luft mit einem laut rasselnden Geräusche und verlöschen die Lampen. Rengger spricht in seiner »Reise nach Paraguay« von dem wunderbaren Eindrucke, den der Anblick einer »Säule« dieser Thiere hervorbringt, die aus der Erde aufsteige und im Sonnenlichte aus Silberblättchen zu bestehen scheine. G. Fritsch, welcher sich drei Jahre in Südafrika aufgehalten hat, gedenkt nur des von ihm beobachteten »Schwärmens der Männchen«. »Sie erheben sich gegen Abend in dichter Masse über den Bau, und es gewährt einen beinahe gespenstischen Anblick, wenn man Halbdunkel die weißliche, in ihren Umrissen beständig wechselnde Wolke dieser Thiere zwischen den verworrenen Zweigen eines umgestürzten Kameldornbaumes umhertanzen sieht. Uebrigens sind sie sehr schwache Flieger und verlassen sich auch nicht gern auf die langen, lose angehefteten Schwingen. Trifft man ein geflügeltes Männchen außerhalb des Baues und sucht es zu erhaschen, so ist es augenfällig bemüht, sich durch lebhaftes Drehen und Wenden des Körpers die lästigen Zugaben abzubrechen, um ungehinderter fliehen zu können.«

Diese Angaben mögen als Beweise dafür genügen, daß verschiedenen Arten auch in dieser Hinsicht verschiedene Gewohnheiten eigen sind. Nur wenige entrinnen bei ihren wilden Hochzeitsreigen den unzähligen Feinden, den Ameisen, Spinnen, Eidechsen, Kröten, Fledermäusen, Ziegenmelkern, welche alle gierig über sie herfallen. Diese wenigen werden König und Königin einer neuen Kolonie und wen der Zufall begünstigt, der kann die hohen Herrschaften nebst wenigen Arbeitern in den ersten Anfängen ihres künftigen Nestes antreffen. Daß das Männchen fortlebt, also auch ein »König« das Nest bewohnt, gehört zu den bisher noch nicht aufgeklärten Erscheinungen im Termitenstaate und läßt eine wiederholte Befruchtung vermuthen.

Die Arbeiter und Soldaten und vielleicht auch ihre erwachseneren Larven sind es, welche sich rührig in Beschaffung von Nahrung für diejenigen, die sich dieselbe nicht selbst suchen können, umhertreiben, welche die Eier in die verschiedenen Räumlichkeiten des Nestes tragen, Schäden ausbessern, den Schwärmenden einen Ausgang aus dem Neste bahnen und dergleichen mehr. Sie verlassen bei ihren Arbeiten dasselbe, kommen aber meist nicht an das Tageslicht, sondern überwölbenden Weg, den sie zurücklegen und bauen am Neste hauptsächlich auch nur des Nachts. In Betreff des letzteren kommen wohl die größten Verschiedenheiten unter den Termiten vor. Eine beträchtliche Anzahl errichtet die seit lange bekannten, zu gewisser Berühmtheit gelangten Bauten. Auf die in Afrika sehr verbreitete kriegerische Termite (Termes bellicosus) beziehen sich zahlreiche Mittheilungen, von denen diejenigen Smeathmans und Savage's von hervorragendem Werthe sind. Die Bauten bestehen hiernach in außen unebenen, mit vielen Hervorragungen versehenen Hügeln, welche sich am besten mit einem Heuschober vergleichen lassen und besonders zahlreich auf ebenem Lande vorkommen, wenn dieses zum Anbau gelichtet und das gefällte Holz dem Verderben preis gegeben worden ist. Von heftigen Regengüssen, oder in der Nähe der Städte von den darauf spielenden Kindern beschädigte Hügel sind von den Thieren verlassen; haben sie dagegen aufwärtsstrebende Thürmchen und Spitzen, mit welchen ein solcher Bau ursprünglich seinen Anfang nimmt, so befinden sie sich noch im Wachsthume. Ein Thürmchen entsteht neben dem anderen und die Zwischenräume werden ausgefüllt. In jedem derselben ist eine Höhle, welche als Weg in das Innere des Hügels führt, oder in anderen das Ende eines Weges bildet, der eine freie Verbindung im Baue unterhält. Hat der Hügel die Form eines Heuschobers, so hat er seine volle Ausbildung und mit ihr eine senkrechte Höhe von 3,76 bis reichlich 5 Meter erreicht, bei einem Umfange von 15,7 bis 18,83 Meter an seinem Grunde. Das Material besteht vorzüglich aus Thon, der je nach Beschaffenheit des Bodens eine verschiedene Färbung annimmt und durch den Speichel der Thiere angeknetet wurde; Sand eignet sich begreiflicherweise zu dergleichen Bauten nicht, weil er sich nicht dauerhaft binden läßt. Die Festigkeit jener Thonbauten ist nach dem übereinstimmenden Urtheile zahlreicher Beobachter so bedeutend, daß sie mehr Menschen [524] oder Vieh tragen könnten, als auf ihnen Platz haben. Drei Männer brauchten 21/2 Stunde Zeit, bis sie einen solchen Hügel vollständig öffneten. Durch ihre Härte werden die letzteren vor Zerstörung durch die dort überaus heftigen Regengüsse und häufig auf sie stürzenden Bäume geschützt. Entfernt man Gras und Gestrüpp rings um den Fuß, so sieht man verschiedene bedeckte Wege oder Thonröhren zu benachbarten Baumstümpfen und Klötzen führen. Mitunter haben sie über 31 Centimeter im Durchmesser, werden allmählich kleiner und verzweigen sich an den Enden. Ist ihre Verbindung mit dem Hügel unterbrochen, so erblickt man viele Höhlungen als Eingang zu den Wegen, die abschüssig nach dem Baue verlaufen. Diese Wege münden in die durch Thonpfeiler gestützten Räume im Grunde jenes. Die Pfeiler tragen eine Anzahl Bogenbaue, die Zellen, die königlichen Wohnungen und die übrigen inneren Räume. Die Umgebung der Hügel besteht in einem Thonwalle von 15,7 bis 47 Centimeter Stärke und enthält Zellen, Höhlungen und Wege, die sich verbinden, oder von dem Fuße bis zur Spitze laufen und die Verbindung mit dem inneren Dome vermitteln. Unten in dem Grunde, 31 bis 62,8 Centimeter über der Bodenfläche, im Inneren des Hügels, liegt die königliche Kammer, umgeben von anderen Gemächern mit Eiern, Jungen verschiedener Größe, je nach der Entwickelungsstufe. Was Smeathman weiter von der inneren Einrichtung und über die verschiedenen Stoffe berichtet, welche er im Neste gefunden hat, übergehen wir mit Stillschweigen, da es mancherlei Irrthümer enthalten dürfte. Aehnliche Gebilde, spitze Kegel von vierundneunzig bis einhundertsiebenund funfzig Centimeter Höhe und ungefähr einunddreißig Centimeter Breitendurchmesser an ihrem Fuße, einzeln stehend oder in Reihen wie Gebäude von wunderbarem Ansehen dicht bei einander, beobachtete Leichardt in Australien, und Epp wurde an Grabdenkmäler erinnert, als er auf der Insel Banka den Termitenwohnungen begegnete. Golberry erwähnt eigenthümliche Nester, die er mit Termes mordax in Zusammenhang bringt: auf einer vierundneunzig bis einhundertfünfundzwanzig Centimeter hohen, walzigen Unterlage ruht ein kegelförmiges, allseitig über fünf Centimeter weit überstehendes Dach, vielleicht dieselben, welche Lichtenstein als »pilzförmige« Termitennester bezeichnet. Bates (»der Naturforscher am Amazonenstrome«) wählte zu seinen Beobachtungen besonders die Sandtermiten (Termes arenarius), weil sie in jenen Gegenden Amazoniens die zahlreichsten kleinen Hügel baut, die weich genug sind, um mit einem Messer zerschnitten werden zu können. »Der ganze, große Distrikt hinter Santarem«, so fährt er fort, »ist dicht mit ihren Hügeln bedeckt und alle sind mit einander durch ein System von Straßen verbunden, die mit demselben Material überwölbt sind, aus welchem die Hügel bestehen. So kann man die ganze Masse von dieser Art Termiten als eine einzige große Familie betrachten, und das erklärt das System ihres Nestbaues. Es gibt deren von jeder Größe, vom kleinen Klümpchen im die Basis eines Grasbüschels an bis zu den größten Hügeln und in allen Zwischenstufen ihres Wachsthumes. Man findet: 1) neue Hügel, in welchen sich nur einige wenige Soldaten und Arbeiter aufhalten, welche die Wurzel der Grasbüschel zerstören; 2) kleine, im Wachsthume begriffene, gleichfalls nur von wenigen der genannten Kasten bewohnt; 3) wenig Zoll hohe Hügel, die ein paar Eiklümpchen nebst den unvermeidlichen Arbeitern und Soldaten enthalten, von denen jene sichtlich aus einem überfüllten Neste, das eine Königin besitzt, herübergebracht worden sind; 4) große Hügel mit zahlreichen Eiern in verschiedenen Kammern und mit jungen Larven auf allerlei Stufen ihres Wachsthumes, jedoch ohne Königin oder Anzeichen einer königlichen Zelle; 5) sehr kleine Hügel mit einer Anzahl geflügelter Geschlechtsthiere, mit einigen Arbeitern und Soldaten, aber ohne Eier, ohne junge Larven, Nymphen und Königin; 6) beinahe vollständig große Hügel ohne Königin oder Zelle für sie, sondern nur mit einer Anzahl fast erwachsener Larven und mit ihnen fressender Nymphen; 7) Hügel derselben Größe mit Nymphen und geflügelten Geschlechtsthieren; 8) Hügel mit einer Königin nebst dem ihr beigegebenen Könige in einer geräumigen Zelle nahe dem Mittelpunkte der Basis, aus Material gebaut, das sich vom übrigen Theile des Hügels unterscheidet. Es ist dick, zähe und lederartig, während das Uebrige eine körnige, leicht zerreibliche Masse bildet.« Solche Hügel fand Bates stets mit Thieren förmlich vollgestopft: [525] einige damit beschäftigt, die Eier aus der Zelle der Königin in alle Theile des Nestes, selbst in die Zellen des Gipfels, zu schaffen; kürzlich geborene Larven und andere auf verschiedenen Stufen des Wachsthumes waren überall in den Zellen dicht zusammengekeilt, die Köpfe gegen einander gewendet und zum Boden gesenkt, offenbar im Fressen begriffen. In denselben Zellen fanden sich, zusammen fressend, sehr junge schwache Larven, offenbar Arbeiter, sehr junge und schwache Soldaten, allein an der Kopfform kenntlich, ferner Arbeiter und Soldaten, mehr erwachsen, sehr dünne, schwache Nymphen, kleiner als die ausgewachsenen Arbeiter und neben allen diesen auch erwachsene Nymphen.

Ein Punkt, den Bates mit genügender Sicherheit feststellen kann, ist der, daß zwischen den jungen Thieren schlechterdings keine Absonderung stattfindet, woraus folgt, daß kein Theil derselben in verschiedenen Zellen mit verschiedener Nahrung gefüttert wird. In einem Hügel mit einer Königin fanden sich in der Regel außer Soldaten und Arbeitern nur Eier und junge Larven, einige Male ein paar Nymphen, niemals aber geflügelte Termiten, und er kann nicht sagen, ob von einem solchen Hügel je ein Schwarm ausgehe. Uebrigens herrscht im Betreff des Inhaltes der Hügel eine solche Unregelmäßigkeit, und Puppen wie Geschlechtsthiere finden sich mit Larven in denselben Gängen so untermischt, daß die Bestimmung des Hügels, von welchem der Schwarm ausgeht, ohne Bedeutung sein dürfte. Nymphen und selbst einige ausgebildete Geschlechtsthiere und Larven treten unzweifelhaft aus überfüllten Nestern in neugebaute über, und die bedeckten Wege sind nur Verlängerungen der Röhren eines Termitenbaues.

Wie unsere Ameisen, so bauen auch sehr viele Termiten nicht aus der Erde heraus, sondern bleiben in ihr verborgen, sitzen unter Steinen, begeben sich auf unterirdischen Gängen nach dem Holzwerke und anderen ihrem Zahne zugänglichen Gegenständen. In sandigen Gegenden Afrikas hat man tief unter der Oberfläche röhrenartige, erhärtete Gänge aufgefunden, den sogenannten Blitzröhren zu vergleichen, die von Termiten herrühren, wenn man zur Zeit auch weit und breit in denselben Gegenden keine mehr antrifft, weil der Pflanzenwuchs verschwunden, die Wurzel verzehrt ist, welche vielleicht ehemals von dieser oder jener Röhre umschlossen gewesen. So erzählt Pallme von einer Art, die in Kordofan in feuchtem Sande lebt und hart werdende Gänge anlegt, um ihr Wesen unter denselben zu treiben. Trotz aller Mühe, ihre Wohnungen aufzufinden, erreichte er nichts durch seine Nachgrabungen; setzte er aber eine Kiste an einen Ort, in dessen Nähe er ein Nest vermuthete, so fand er sehr bald Hunderte von Termiten unter dem Boden jener. Auch Vogel begegnete auf seiner Reise in das Innere Afrikas zwischen Mursuk und Kuka Röhren von sechsundzwanzig bis achtundsiebenzig Millimeter im Durchmesser, welche meist senkrecht bis siebenundvierzig Centimeter tief in den Sand hineinreichten und von ihm für die Erzeugnisse einer Termitenart gehalten wurden, die in Bornu sehr gemein ist, und die mit vielen anderen Arten die Gewohnheit theilt, Holz, Baumzweige, Grashalme und dergleichen zuerst mit einer Erdrinde zu ummauern und sie dann unter dem Schutze der Umkleidung zu verzehren. In den Wäldern gab es Röhren von sehr bedeutendem Umfange, welche vor Zeiten stärkere Baumstämme umschlossen hatten. Wie tief manche Termiten eindringen, zeigte sich in Louissiane bei Anlage eines Brunnens. Hier fand man über acht Meter tief unter dem Boden Röhren, welche einem Hodotermes zugeschrieben wurden.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 521-526.
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