Gemeine Stechmücke (Culex pipiens)

[446] Die geringelte Stechmücke (Culex annulatus, Fig. a) mag die Sippe der Culiciden vergegenwärtigen, derjenigen Mücken, welche durch einen langen Stechrüssel, mäßig breite, in der Ruhe dem Leibe flach aufliegende, an der Spitze gerundete Flügel mit mindestens sechs gleich dicken, dicht behaarten Längsadern, von denen die des Randes fast ringsum in gleicher Stärke läuft, durch den Mangel der Punktaugen und einer Querfurche auf dem Rücken des Brustkastens charakterisirt sind. Nur beim Männchen verlängern sich die rauhhaarigen, fünfgliederigen Taster sogar über den Rüssel hinaus und bilden sammt den vierzehngliederigen Federbüschen der Fühler einen üppigen Haarwuchs um den Kopf. Nie wird man dergleichen an einer Mücke bemerken, welche sich uns auf die Hand setzt, ihre hornige Borste innerhalb der sich einknickenden Scheide in die Haut und bis zu einem Blutgefäße einbohrt – denn es sind, wie wir bereits wissen, die solches Schmuckes entbehrenden Weibchen – wohl aber sehen, wie ihr Bauch röther und dicker wird, wenn sie in vollen Zügen schwelgt; jeder weiß auch, daß die juckende Wunde mehr schmerzt, wenn man die Mücke todtschlägt und die Spitze ihres Rüssels dabei in jener zurückbleibt, als wenn man sie das einmal begonnene Werk ungehindert zu Ende führen läßt. Die genannte Art wird an den weißen Ringen von Hinterleib und Füßen auf braunem Untergrunde, an den zwei dunklen Striemen auf [446] dem Rücken und an fünf dunklen Fleckchen der Flügel leicht erkannt. Indem sie 9 Millimeter und darüber mißt, stellt sie die größte der heimischen Arten dar. Die vielleicht noch häufigere gemeine Stechmücke (Culex pipiens) pflegt in ihrer Gesellschaft zu sein; sie ist kleiner, am Hinterleibe auch heller und dunkler geringelt, aber den Füßen und braun geaderten Flügeln fehlen die dunklen Zeichnungen. Die Larven beider leben zu Millionen in stehenden Gewässern. Es ist interessant, diese zarten Wesen mit dem am vorletzten Leibesgliede seitwärts abgehenden Athemrohre, den Kopf nach unten gerichtet, an der Wasserfläche hängen zu sehen. An diesem sind die beiden inneren, am meisten zugespitzten und stark bewimperten Hervorragungen in unserem Bilde die Kinnbacken, welche sich in fortwährender Bewegung befinden, dadurch einen Strudel erzeugen und der Mundöffnung die kleinen Schmutztheilchen zuführen, welche den Darm alsbald schwarz färben. In dieser Weise, oder mit dem Vorderkörper sich erhebend und mit dem anderen Paare der Anhängsel, den Fühlern, umhertastend, hängen die Thiere die lange Zeit da, und nur wenn das eine dem anderen zu nahe kommt, zausen sie sich wohl auch an den Köpfen, ohne sich in längeren und ernstlichen Streit einzulassen. Die leiseste Erschütterung des Wassers aber läßt sie von der Oberfläche verschwinden, in schlangenartigen Windungen des Körpers steigt alles auf den Boden hinab. Hier halten sie jedoch nicht lange aus. In derselben Weise, wie sie untertauchten, kommt bald eins nach dem anderen wieder herauf und hängt mit dem Athemrohre an der Oberfläche. Auch ohne erschreckt zu sein, tauchen sie einzeln unter, krabbeln am Boden umher, legen sich auf den Rücken und – entleeren sich. So treibt diese Gesellschaft ihr Spiel ununterbrochen fort, bedeutend lebhafter an sonnigen Tagen, und wem es Vergnügen macht, dergleichen selbst und besser zu beobachten, als es sich schildern läßt, der schöpfe ein Glas Wasser aus einem von ihnen bevölkerten Troge, aus einem Löschkübel usw.


Geringelte Stechmücke (Culex annulatus), a Weibchen, b Larve, c Puppe. Alle vergrößert.
Geringelte Stechmücke (Culex annulatus), a Weibchen, b Larve, c Puppe. Alle vergrößert.

Ist ihre Zeit gekommen, so hängen sie in fragezeichenförmiger Krümmung ihres Leibes an der Oberfläche, der Körper bekommt hinter dem Kopfe einen Längsriß und daraus kriecht dasselbe Thier, der Körper nur in etwas größeren Umrissen, hervor. Die Häutung ist erfolgt. Die alten Bälge schwimmen im Wasser umher, lösen sich allmählich auf und werden von den Mückenlarven selbst und von anderen Mitbewohnern des eben nicht sauberen Aufenthaltsortes wieder verspeist. Jede hat drei solcher Häutungen zu bestehen, bis sie ihre volle Größe von durchschnittlich 8,75 Millimeter erlangt. Platzt die Haut im Nacken zum viertenmale, so ist es um das bisherige Leben geschehen, die schlanke Form ist verschwunden und hat einer gedrungeneren, an den Seiten etwas zusammengedrückten Platz gemacht. Die Puppe (Fig. c) hängt mit zwei Luftröhren, welche hinter dem Kopfe stehen, an der Wasserfläche und bewegt sich gleich der Larve zum Zeitvertreibe auf und nieder, indem sie mit dem Schwanze gegen den Vordertheil ihres Körpers schnellt. Jetzt wirbeln und tummeln sich Larven und Puppen in unserem kleinen Aquarium durcheinander, die Zahl jener nimmt ab, diese würde sich in demselben Maße mehren, wenn nicht eine nach der anderen einem vollkommneren Zustande entgegenreifte und nach acht Tagen dem Mummenschanze ein Ende machte. Auch ihr Stündlein hat geschlagen: ein Riß der Haut befreit das Mücklein von seiner Maske. Es arbeiten sich sechs lange Beine hervor, ein schmächtiger, zweiflügeliger Leib folgt nach. Das Thierchen faßt zunächst Fuß auf der schwimmenden Hülle, welche es soeben noch barg, mit welcher es, wenn ein unerwarteter Windstoß kommt, wohl auch Schiffbruch leidet und – ertrinkt dann [447] auf dem Wasser selbst oder auf hier schwimmenden Körperchen, ruht noch etwas von seiner Arbeit aus, während die Flügelchen sich vollkommen entfalten und trocken werden, und schwingt sich zuletzt als Mücke in die Luft, um, lebendig wenigstens, in die ihm nun feindliche Heimat, das Wasser, nie wieder zurückzukehren. Nur das Weibchen, welches sich einen Mann ertanzt hatte, kehrt kurz vor seinem Tode noch einmal dahin zurück, um seine Eier abzulegen. Zu diesem Zwecke setzt es sich an einen Pflanzentheil, von welchem aus es mit der Hinterleibsspitze das Wasser erreicht, oder auf einen schwimmenden Gegenstand, kreuzt seine Hinterbeine in Form eines X übereinander und beginnt nun in die der Leibesspitze zugekehrte Winkelöffnung die gestreckten, nach oben gespitzten, nach unten breiteren Eier zu legen, welche mit ihrer klebrigen Oberfläche senkrecht an einander haften und den Winkel nach und nach ausfüllen. Ist damit erst der Anfang gemacht, so bedarf es der Richtschnur und des Halters nicht mehr, weil jene schwimmen. Die Hinterbeine werden nun hoch in die Luft gehalten, in welcher Stellung die Mücken gern ruhen. Endlich ist ein kleines, vorn und hinten zugespitztes, plattes Boot flott, welches zweihundertundfunfzig bis dreihundertundfunfzig Eier zusammensetzen. Am unteren Ende kriechen die Larven bald aus, und die Eischalen treiben auf dem Wasser umher, bis sie von ihm zerstört werden.

Wenn man berücksichtigt, daß ein Weibchen durchschnittlich dreihundert Eier legt, aus diesen in vier bis fünf Wochen fortpflanzungsfähige Mücken hervorgehen, so kann man sich einen Begriff davon machen, wo die ungeheueren Schwärme derselben herkommen, und daß feuchte Jahre, in welchen es nicht an Dümpeln und Pfützen, ihren Geburtsstätten, fehlt, ihrer Entwickelung und Vermehrung besonders günstig sind. Die befruchteten Weibchen der letzten Brut überwintern an den verschiedensten Schlupfwinkeln, besonders gern in Kellern, um im nächsten Frühjahre ihre Art fortzupflanzen.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 446-448.
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