Stellers Seekuh (Rhytina Stelleri)

[668] Mit diesen Worten beginnt der schon oft erwähnte Naturforscher Steller, welcher im November des Jahres 1741 auf der vorher noch unbekannten Be ringsinsel gestrandet war und dort zehn traurige Monate verleben mußte, seinen Bericht über eins der merkwürdigsten Seesäugethiere, ein Geschöpf, welches bereits gänzlich ausgerottet und vernichtet worden zu sein scheint, die nach ihrem Entdecker benannte Seekuh oder das Borkenthier (Rhytina Stelleri). Bereits siebenundzwanzig Jahre nach der Entdeckung wurde die letzte Seekuh erlegt; seitdem hat man wohl noch einen Schädel und eine Gaumenplatte nebst einigen wenigen Knochen des Geripps aufgefunden, aber keine lebende Morskaja mehr gesehen. Angelockt durch die gewinnverheißenden Berichte der russischen Entdeckungsgesellschaft, unter welcher Steller sich befand, strömten Walfänger und waghalsige Abenteurer in hellen Haufen nach der Beringssee und begannen dort eine so furchtbare Metzelei unter den wehrlosen Meeresbewohnern, daß die Seekühe von der Erde vertilgt wurden. Man hat sich seitdem vergeblich bemüht, wenigstens ein Stück von diesen Thieren zu erhalten. Jedes Schiff, welches nach dem Beringsmeere absegelte, ist auf sie hingewiesen worden, keines hat irgend eine Nachricht zurückgebracht.

Steller hielt das Borkenthier für den von Hernandez entdeckten Lamantin. Aus seiner Beschreibung geht aber deutlich genug hervor, daß die Seekuh ein von den früher beschriebenen Sirenen sehr verschiedenes Geschöpf war. Anstatt der Zähne waren die Kiefern mit vier Kauplatten belegt, welche nur mit dem Zahnfleische zusammenhingen. Diese einzige Angabe genügt zur Kennzeichnung des Thieres.

»Die größten von diesen Thieren«, fährt Steller fort, »sind vier bis fünf Faden (etwa acht bis zehn Meter) lang und an der stärksten Stelle, um die Gegend des Nabels, vierthalb Faden dick. Bis an den Nabel vergleicht sich dies Thier den Robbenarten, von da bis an den Schwanz einem Fische. Der Kopf vom Geripp ist von einem Pferdekopfe in der allgemeinen Gestalt nicht unterschieden; wo er aber mit Fell und Fleisch noch überkleidet ist, gleicht er einigermaßen einem Büffelkopfe, besonders was die Lippen anbetrifft. Im Munde hat es statt der Zähne auf jeder Seite zwei breite, längliche, glatte, lockere Knochen, davon der eine oben im Gaumen, der andere inwendig am Unterkiefer angeheftet ist. Beide sind mit vielen, schräg im Winkel zusammenlaufenden Furchen und erhabenen Schwielen versehen, mit denen das Thier seine gewöhnliche Nahrung, die Seekräuter, zermalmt. Die Lippen sind mit vielen starken Borsten besetzt, davon die am Unterkiefer dergestalt dick sind, daß sie Federkiele von Hühnern vorstellen könnten und durch ihre inwendige Höhle den Bau der Haare klärlich vor Augen legen. Die Augen dieses so großen Thieres sind nicht größer als Schafsaugen und ohne Augenlider; die Ohrlöcher sind dergestalt klein und verborgen, daß man sie unter den vielen Gruben und Runzeln der Haut nicht finden und erkennen kann, bevor man die Haut nicht abgelöst, da dann der Ohrgang durch seine polirte Schwärze in die Augen fällt, obwohl er kaum so geraum ist, daß eine Erbse darin Platz hat. Von dem äußeren Ohre ist nicht die geringste Spur vorhanden. Der Kopf ist durch einen kurzen, unabgesetzten Hals mit dem übrigen Körper verbunden. An der Brust sind die seltsamen Vorderfüße und die Brüste merkwürdig. Die Füße bestehen aus zwei Gelenken, deren äußeres Ende eine ziemliche Aehnlichkeit mit dem Pferdefuße hat; sie sind unten wie eine Kratzbürste mit vielen kurzen und dicht gesetzten Borsten versehen. Mit seinen Vordertatzen, woran weder Finger noch Nägel zu unterscheiden, schwimmt das Thier vorwärts, schlägt die Seekräuter vom steinernen Grunde ab, und wenn es sich zur Begattung, auf dem Rücken liegend, fertig macht, umfaßt eins das andere gleich als mit den [668] Armen. Unter diesen Vorderfüßen finden sich Brüste mit schwarzen, runzeligen, zwei Zoll langen Warzen versehen, in deren äußerstes Ende sich unzählige Milchgänge öffnen. Wenn man die Warzen etwas stark streift, so geben sie eine große Menge Milch von sich, die an Süßigkeit und Fettigkeit die der Landthiere übertrifft, sonst aber nicht davon verschieden ist. Der Rücken an diesen Thieren ist ebenfalls wie bei einem Ochsen beschaffen, die Seiten sind länglich rund, der Bauch gerundet und zu allen Zeit so voll gestopft, daß bei der geringsten Wunde die Gedärme sogleich mit vielem Pfeifen heraustreten. Von der Scham an nimmt das Thier auf einmal im Umfange sehr stark ab; der Schwanz selbst aber wird nach der Floßfeder zu, die statt der Hinterfüße ist, noch immer dünner; doch ist er unmittelbar vor der Floßfeder im Durchschnitte noch zwei Schuh breit. Es hat übrigens dieses Thier außer der Schwanzflosse keine andere auf dem Rücken, wodurch es von den Walfischen abgeht. Die Schwanzflosse steht wagerecht wie bei den Walen und Delfinen.

Diese Thiere leben, wie das Rindvieh, herdenweise in der See. Gemeiniglich gehen Männlein und Weiblein neben einander, das Junge treiben sie vor sich hin am Ufer umher. Sie sind mit nichts anderem als ihrer Nahrung beschäftigt. Der Rücken und die Hälfte des Leibes ist beständig über dem Wasser zu sehen. Sie fressen, wie die Landthiere, unter langsamer Bewegung vor sich hin; mit den Füßen scharren sie das Seegras von den Steinen ab und kauen es unaufhörlich; doch lehrte mich die Beschaffenheit des Magens, daß sie nicht wiederkäuen, wie ich anfangs vermuthete. Unter dem Fressen bewegen sie den Kopf und Hals wie ein Ochse, und je nach Verlauf einiger Minuten erheben sie den Kopf aus dem Wasser und schöpfen mit Räuspern und Schnarchen, nach Art der Pferde, frische Luft. Wenn das Wasser fällt, begeben sie sich vom Lande in die See, mit zunehmendem Wasser aber wieder nach dem Seerande, und kommen oft so nahe, daß wir selbige vom Lande mit Stöcken schlagen und erreichen konnten. Sie scheuen sich vor dem Menschen nicht im geringsten, scheinen auch nicht allzuleise zu hören, wie Hernandez gegen die Erfahrung vorgibt. Zeichen eines bewunderungswürdigen Verstandes konnte ich, was auch Hernandez sagen mag, nicht an ihnen wahrnehmen, wohl aber eine ungemeine Liebe gegen einander, die sich auch so weit erstreckt, daß, wenn eins von ihnen angehauen worden, die anderen alle darauf bedacht waren, dasselbe zu retten. Einige suchten durch einen geschlossenen Kreis den verwundeten Kameraden vom Ufer abzuhalten, andere versuchten die Jolle umzuwerfen; einige legten sich auf die Seite oder suchten die Harpune aus dem Leibe zu schlagen, welches ihnen verschiedene Male auch glücklich gelang. Wir bemerkten auch nicht ohne Verwunderung, daß ein Männlein zu seinem am Strande liegenden, todten Weiblein zwei Tage nach einander kam, als wenn es sich nach dessen Zustande erkundigen wollte. Dennoch blieben sie, so viele auch von ihnen verwundet und getödtet wurden, immer in derselben Gegend. Ihre Begattung geschieht im Junius nach langem Vorspiel. Das Weiblein flieht langsam vor dem Männlein mit beständigem Umschauen, das Männlein aber folgt demselben ohne Unterlaß, bis jenes endlich des Sprödethuns überdrüssig ist.

Wenn diese Thiere auf dem Lande der Ruhe pflegen wollen, so legen sie sich bei einer Einbucht an einem stillen Orte auf den Rücken und lassen sich wie Klötze auf der See treiben.

Diese Thiere finden sich zu allen Zeiten des Jahres allenthalben um diese Insel in größter Menge, so daß alle Bewohner der Ostküste von Kamtschatka sich davon jährlich zum Ueberflusse mit Speck und Fleisch versorgen könnten. Die Haut der Seekuh hat ein doppeltes Wesen: die äußerste Schale der Haut ist schwarz oder schwarzbraun, einen Zoll dick und an Festigkeit fast wie Pantoffelholz, um den Kopf voller Gruben, Runzeln und Löcher. Sie besteht aus lauter senkrechten Fasern, welche wie im Strahlengips hart an einander liegen. Diese äußere Schale, welche sich leicht von der Haut abschält, ist, meinem Bedünken nach, eine aus an einander stehenden, verwandelten Haaren zusammengesetzte Decke, die ich ebenso bei Walfischen gefunden habe. Die untere Haut ist etwas dicker als eine Ochsenhaut, sehr stark und an Farbe weiß. Unter diesen beiden umgibt den ganzen Körper des Thieres der Fettlappen oder Speck vier Finger hoch, alsdann folgt das Fleisch. Ich schätze das Gewicht des Thieres mit Einschluß von Haut, Fett, Speck, Knochen und Gedärmen [669] auf 1200 Pud oder 480 Centner. Das Fett ist nicht öligt oder weichlich, sondern härtlich und drusigt, schneeweiß, und wenn es einige Tage an der Sonne gelegen, so angenehm gelblich wie die beste holländische Butter. An sich selbst gekocht, übertrifft es an Süßigkeit und Geschmack das beste Rindsfett; ausgesotten ist es an Farbe und Frischheit wie frisches Baumöl, an Geschmack wie süßes Mandelöl und von ausnehmend gutem Geruche und Nahrung, dergestalt, daß wir solches schalenweise getrunken, ohne den geringsten Ekel zu empfinden. Der Schwanz besteht fast aus lauter Fett, und dieses ist noch viel angenehmer als das an den übrigen Theilen des Körpers befindliche. Das Fett von den Kälbern vergleicht sich gänzlich dem jungen Schweinefleische, das Fleisch derselben aber dem Kalbfleische. Es quillt dabei dergestalt auf, daß es fast noch einmal so viel Raum einnimmt, und kocht in einer halben Stunde gar. Das Fleisch der alten Thiere ist vom Rindfleische nicht zu unterscheiden; es hat aber die ganz besondere Eigenschaft, daß es auch in den heißesten Sommermonaten in der freien Luft, ohne stinkend zu werden, zwei volle Wochen und noch länger dauern kann, ohngeachtet es von den Schmeißfliegen dergestalt verunfläthet wird, daß es allenthalben mit Würmern verdeckt ist. Es hat auch eine viel höhere Röthe als aller anderen Thiere Fleisch und sieht fast wie von Salpeter geröthet aus. Wie heilsam es zur Nahrung sei, empfanden wir gar bald alle, soviel unserer es genossen, indem wir an Kräften und Gesundheit eine merkliche Zunahme spürten. Hauptsächlich erfuhren dies diejenigen unter den Matrosen, welche bis dahin an Zahnfäule gelitten und bis auf diese Zeit sich noch nicht hatten erholen können. Mit diesem Fleische der Seekühe versorgten wir auch unser Fahrzeug zur Abreise, wozu wir sonst gewiß keinen Rath zu schaffen gewußt hätten.

Ich wunderte mich nicht wenig, daß ich auf Kamtschatka vor meiner Reise, da ich doch sorgfältig nach allen Thieren gefragt, nie etwas von der Seekuh hatte erfahren können, nach meiner Zurückkunft jedoch hörte, daß dieses Thier vom Kronotzkischen Vorgebirge bis an den Meerbusen Awatscha verbreitet sei und zuweilen todt ans Land geworfen werde; und da haben es die Kamtschadalen in Ermangelung eines anderen mit dem Namen des Krautfressers belegt.«

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Dritter Band, Erste Abtheilung: Säugethiere, Zweiter Band: Raubthiere, Kerfjäger, Nager, Zahnarme, Beutel- und Gabelthiere. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1883., S. 668-671.
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