Funfzehnte Ordnung: Die Walthiere[671] (Cetacea).

Unter den Säugethieren sind die Wale dasselbe, was die Fische unter den Wirbelthieren: ausschließlich dem Wasser angehörige und solchem Leben entsprechend gebaute Geschöpfe. Die Robben verbringen wenigstens noch ein Drittheil ihres Lebens auf dem Lande, werden dort geboren und suchen es auf, wenn sie die freundlichen Strahlen der Sonne genießen und schlafen wollen; bei den Sirenen ist mindestens noch die Möglichkeit des Landlebens vorhanden: die Wale dagegen sind ausschließlich dem Meere zugewiesen. Darauf deutet schon ihre Größe hin; denn nur das Wasser gestattet leichte Beweglichkeit solcher Riesen, und nur das unendlich reiche Meer gewährt ihnen die erforderliche Nahrung.

Warmes Blut und Lungenathmung, Lebendiggebären und Säugen der Jungen, vollkommene Entwickelung des Gehirns und der Nerven: diese wesentlichen Merkmale der Säugethiere sind die einzigen, welche die Wale mit den übrigen Ordnungen der Klasse theilen. In jeder anderen Hinsicht weichen sie noch weit mehr von den höheren Säugethieren ab als die Sirenen, in denen wir bereits Zwittergestalten zwischen Säugern und Fischen kennen lernten. Jeder wenig gebildete Mensch, jedes noch in der Kindheit stehende Volk hat sie den Fischen zugezählt und erst die genaue Erforschung ihres Wesens und Seins ihnen die Stellung angewiesen, welche ihnen gebührt.

Der Leib der Wale ist massig und ungefüge, ohne alle äußere Gliederung; der oft unförmlich große und in der Regel ungleich gebaute Kopf geht ohne deutlich zu unterscheidende Grenze in den Rumpf über, und dieser läuft, nach hinten zu sich verschmächtigend, in eine breite, wagerechte Schwanzfinne aus. Die hinteren Glieder, welche, mit Ausnahme der Sirenen, alle übrigen Säugethiere kennzeichnen, fehlen gänzlich; die vorderen sind zu eigentlichen Flossen geworden: man muß sie mit dem zergliedernden Messer untersuchen, wenn man sie als Hände erkennen will, und findet auch dann noch Eigenthümlichkeiten ihres Baues auf. Eine hier und da vorkommende Fettflosse, welche längs des Rückens verläuft, trägt zur Vermehrung der Fischähnlichkeit dieser Thiere bei. Im übrigen kennzeichnen die Wale äußerlich der weitgespaltene, lippenlose Mund, in welchem entweder eine ungewöhnlich große Menge von Zähnen oder aber Barten stehen, das Fehlen des inneren Augenlides, die Lage der Zitzen hinten neben den Geschlechtstheilen und eine dünne, glatte, weiche, fettige, sammetartig anzufühlende, ausnahmsweise an wenigen Stellen mit einzelnen Borsten bedeckte Haut von düsterer Färbung, in welcher eine sehr dicke Fettschicht liegt, da es die auffallend verdickte Lederhaut ist, zwischen deren Zellen das Fett eingebettet ist.

Auch in ihrem inneren Leibesbau zeigen die Riesen der See eigenthümliche Merkmale. Die Knochen des Geripps werden durch lockere, schwammige Zellen gebildet, welche von flüssigem Fette so innig [671] durchdrungen sind, daß dieses ihnen niemals entzogen werden kann, und sie auch nach längerem Bleichen immer noch ein fettiges, gelbliches Aussehen behalten; dagegen fehlen allen Knochen die Markhöhlen. An dem gewaltigen Schädel, welcher nur bei den wenigsten in einem regelrechten Verhältnisse zum Leibe steht, sind die Kopfknochen sonderbar verschoben, liegen lose auf einander oder hängen nur durch Weichtheile mit anderen Knochen zusammen; einzelne von ihnen scheinen verkümmert, andere auffallend vergrößert und jede Ordnung und Regelmäßigkeit aufgehoben zu sein. Während, laut Carus, bei den Bartenwalen der Oberkiefer einen nach oben gewölbten Bogen bildet, fällt bei den Delfinen die Gesichtslinie des Schädels von der Hinterhauptsleiste steil nach vorn ab. »Die Hinterhauptsfläche steht ziemlich senkrecht, die Hinterhauptsgelenkknöpfe sind nach hinten gerichtet; die Scheitelbeine bilden an der Oberfläche nur einen schmalen, queren Saum, an welchen sich die entweder nur in der Mitte und am Seitenrande sichtbaren oder mit den hinteren Enden der Oberkiefer verbundenen pfeilerförmig nach außen tretenden Stirnbeine legen; die nach hinten und außen gerückten Schläfenbeine tragen an ihrem vorderen Ende, dem Jochfortsatze, die bei den Bartenwalen sehr kurzen, bei den Delfinen längeren und dünneren Jochbogen, welche die Augenhöhle von unten begrenzen. Die Oberkiefer sind stark bogenförmig entwickelt, decken bei den Delfinen, wo sie sich sehr verbreitern, selbst die obere Fläche der Stirnbeine, reichen fast bis an die Hinterhauptsleiste und nehmen die stark verlängerten, fast ebenso weit nach hinten reichenden Zwischenkiefer zwischen sich. Dicht vor der Gehirnkapsel weichen die letzteren bogenförmig auseinander, um die knöcherne Nasenöffnung zu bilden, in deren Grunde das Pflugscharbein erscheint. Den hinteren Rand derselben begrenzen die kleinen Nasenbeine. An der hinteren Wand der senkrecht nach der Schlundhöhle hinabführenden Nasenhöhle liegt das nur wenig größere Oeffnungen tragende Siebbein. Thränenbeine scheinen nicht überall vorhanden zu sein; wo sie sich finden, sind sie nicht durchbohrt. Die Unterkiefer sind entweder bogenförmig nach außen geschweift oder gerade und haben vor ihrem, ohne aufsteigenden Ast, unmittelbar am oberen Rande ihres hinteren Endes sitzenden Gelenkknopfe kaum eine Andeutung eines Kronenfortsatzes.« In der Wirbelsäule fällt der Halstheil besonders auf. Noch ist die gewöhnliche Zahl der Wirbel vorhanden; allein diese gleichen nur dünnen, platten Ringen und verwachsen infolge der geringen Beweglichkeit nicht selten theilweise so fest unter einander, daß man die Siebenzahl bloß aus den Röhren erkennt, durch welche die Halsnervenpaare hervortreten. Die Verwachsung trifft meistens die vorderen Wirbel; doch kommt es ausnahmsweise vor, daß ihrer sechs oder sämmtliche Wirbel mit einander verschmelzen. Außer den Halswirbeln besitzen die Wale elf bis neunzehn Brustwirbel, zehn bis vierundzwanzig Lenden- und zweiundzwanzig bis vierundzwanzig Schwanzwirbel; doch ist hierbei zu bemerken, daß man, streng genommen, nur von Brust- oder Rücken- und Lendenschwanzwirbeln sprechen kann, da ein entwickeltes Becken mangelt und ein durch Verwachsung mehrerer Wirbel gebildetes Kreuzbein nicht vorhanden ist, dasselbe vielmehr einzig und allein durch die lockere Befestigung der verkümmerten Beckenknochen angedeutet wird. Sämmtliche Wirbel tragen einfache Fortsätze. Die Anzahl der wahren Rippen ist sehr gering: die echten Wale haben nur eine einzige, und mehr als ihrer sechs scheinen bei keinem Mitgliede der Ordnung vorzukommen. Falsche Rippen sind immer in größerer Zahl vorhanden als wahre. Das Brustbein besteht bei den Delfinen oder Zahnwalen überhaupt aus mehreren hinter einander liegenden, zuweilen verschmelzenden Stücken und stellt bei den Bartenwalen ein einziges, zuweilen durchbohrtes oder am Vorderrande tief ausgeschnittenes Stück dar. Dem dreieckigen Schulterblatte fehlt der Kamm. Kürze und Plattheit aller Knochen und eine auffallend hohe Gliederzahl der Finger zeichnen die Vorderglieder aus; denn während bei anderen Säugethieren drei Fingerglieder vorhanden sind, besitzen einige Wale an manchen Fingern sechs, neun und zwölf Glieder.

Das Gebiß der Wale unterscheidet sich nicht allein von dem aller übrigen Säugethiere, sondern sehr wesentlich auch je nach den beiden Hauptabtheilungen der Ordnung. »Bei allen Walen«, sagt Carus, »bilden sich in Längsgruben der Kieferschleimhaut Zahnkeime, welche indeß nur bei [672] den Delfinen zu bleibenden Zähnen, welche nicht gewechselt werden, sich weiter entwickeln. Bei den Bartenwalen verschwinden sie, und es entwickelt sich ein diesen Thieren eigenthümlicher Besatz der Oberkiefer und Gaumenflächen. In queren Furchen entstehen hornige, frei in die Mundhöhle herabhängende Platten, von denen die äußeren, am Oberkiefer befestigten, die längsten, die an der Gaumenfläche stehenden die kürzesten sind: die Elasmia, welche das Fischbein bilden.«

Im übrigen dürfte noch folgendes zu bemerken sein: die Zunge ist außerordentlich groß; Speicheldrüsen fehlen; die weite Speiseröhre geht in einen vielfach getheilten, d.h. in vier, fünf und selbst sieben Abtheilungen geschiedenen Magen über; doch stehen diese nicht sämmtlich, wie bei den Wiederkäuern, mit der Speiseröhre in Verbindung, sondern die auf die weitere Magenmundabtheilung folgenden Abschnitte sind einzelne, mittels trichterförmig durchbohrter Scheidewände mit einander verbundene Abschnitte des Pförtnertheiles. Eine Gallenblase ist nicht vorhanden. Die Nieren sind gelappt, die Hoden im Inneren des Leibes gelegen; die Gebärmutter ist zweihörnig.

Besonders merkwürdig sind die Athmungswerkzeuge. Die Nase hat ihre Bedeutung gänzlich verloren und ist ausschließlich Luftweg geworden. Ihre auf der höchsten Erhebung des Schädels gelegene Oeffnung, das Spritzloch, führt, wie bereits bemerkt, senkrecht in die Nasenhöhle und durch diese in den Kehlkopf, welcher, wie Carus beschreibt, kegelförmig in die Rachenhöhle hinaufragt und hierdurch den Speiseweg in zwei seitliche Zweige theilt. Bei dem Mangel eines eigentlichen Kehldeckels wird das Schlucken dadurch ermöglicht, daß die Speisen nicht über die Stimmritze hinweg, sondern zu beiden Seiten neben ihr in die Speiseröhre treten. Der Kehlkopf ist nicht geeignet, eine wohllautende Stimme hervorzubringen, wohl aber eine Menge Luft mit einem male durchgehen zu lassen. Die Luftröhre ist sehr weit, die Lunge hat einen beträchtlichen Umfang, und alle Luftröhrenäste stehen unter einander in Verbindung, so daß von einem aus die ganze Lunge gefüllt werden kann. Dazu kommen noch andere Hülfsmittel, welche die Athmungsfähigkeit erhöhen: so besitzen die Herz- und Lungenschlagader weite Säcke, in welchen sich gereinigtes und der Reinigung bedürftiges Blut ansammeln kann.

Die Muskeln sind einfach, der Größe der Thiere angemessen und ungemein kräftig. Die Nervenmasse ist äußerst gering: bei einem fünftausend Kilogramm schweren Walfisch von sechs Meter Länge wog das Gehirn noch nicht zwei Kilogramm, nicht mehr als bei dem selten über hundert Kilogramm schweren Menschen! Alle Sinneswerkzeuge stehen auf tiefer Stufe. Die Augen sind klein, die Ohren äußerlich kaum sichtbar, sozusagen, nur angedeutet. Gleichwohl läßt sich nicht annehmen, daß Gesicht und Gehör verkümmert sein müssen. Alle Wale beweisen, daß sie nicht allein sehr scharf, sondern auch in weite Ferne sehen, ebenso, daß sie Geräusche aller Art gut wahrnehmen. Nur Geruch scheinen sie nicht zu besitzen; Riechnerven hat man wenigstens noch bei keiner Art gefunden. Ueber den Geschmack vermögen wir nicht zu urtheilen; vom Gefühl aber wissen wir, daß es einigermaßen entwickelt ist.

Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß solcher Leibesbau für das Wasserleben der Wale durchaus geeignet ist. Die wagerecht gestellte Schwanzflosse befähigt zu spielendem Auf- und Niedertauchen oder müheloser Ausbeutung verschiedener Schichten der Höhe und Tiefe; die Glätte der Haut erleichtert die Fortbewegung der ungeheueren Masse, die Fettlage verringert ihr Gewicht, ersetzt das wärmende Haarkleid und gibt zugleich den nöthigen Widerstand für den kaum zu berechnenden Druck, welchen ein Wal auszuhalten hat, wenn er in die Tiefe des Meeres hinabsteigt; die sehr große Lunge ermöglicht, außerordentlich lange unter dem Wasser zu verweilen, und die erweiterten Schlagadern, welche Herz und Lunge verbinden, bewahren noch eine beträchtliche Menge gereinigten Blutes in sich auf, welches verwendet werden kann, wenn die Thiere längere Zeit als gewöhnlich verhindert werden, die zur Blutentkohlung nöthige Luft zu schöpfen.

Die Wale sind zu vollkommenen Meeresbewohnern geworden. Die meisten von ihnen meiden die Nähe der Küsten soviel wie möglich; denn das Land wird ihnen verderblich. Nur die Mitglieder einer Familie gehen zuweilen ziemlich hoch im süßen Wasser empor, jedoch nicht gern weiter, als [673] die Wirkung der Flut sich bemerklich macht. Alle übrigen verlassen das Salzwasser nicht, durchwandern jedoch mehr oder minder regelmäßig kürzere oder weitere Strecken des Meeres. Ueber diese Wanderungen hat Eschricht in ebenso sachgemäßer wie eingehender Weise berichtet, und seine Angaben sind es, welche ich, nach der von Cornelius in seinem trefflichen Büchlein über die Zug- und Wanderthiere gegebenen Uebersetzung, dem nachfolgenden zu Grunde lege.

»Walthiere gibt es in allen Meeren; keine einzige Art von ihnen aber hat irgendwo einen bleibenden Aufenthalt. Im ganzen genommen halten sich, wie von vornherein zu erwarten, die größeren Arten an die großen, freien Weltmeere, und sowie in die Ostsee hinein einzig und allein der Braunfisch regelmäßig zieht, so schwimmen durch die Gibraltarstraße gewiß nur größere und kleinere Zahnwale, aber weder der Potwal noch irgend ein Bartenwal. In großen Meeren kommen letztere, auch die größten unter ihnen, den Küsten oft sehr nahe und wagen sich in Buchten hinein, welche sie sonst meiden; dies thun insbesondere die trächtigen Weibchen, mitunter offenbar des Gebärens halber, wie z.B. an der Westküste Afrikas der Südwal im Juni und Juli erscheint und im September mit den Neugeborenen wieder abzieht. Am meisten scheinen die Tintenfischfresser unter den Walthieren auf das offene Meer sich zu beschränken, so besonders die Grindwale und Entenwale, indem sie nur an einsam im Meere liegenden Felsgruppen, beispielsweise an den Färöerinseln, regelmäßig vorkommen. Jede Art hat, wie es scheint, gewisse Lieblingsaufenthaltsplätze für den Sommer, andere, vielleicht weit entlegene, für den Winter, und wandert, nach Art der Zugthiere überhaupt, auf ziemlich bestimmten Fahrstraßen im Frühjahre von diesem zu jenem, im Spätjahre von jenem zu diesem Meere. Schon hieraus ergibt sich, daß nicht nur ein und dieselbe Art, sondern auch dieselben Thiere an mehreren zum Theil sehr entfernt von einander liegenden Gegenden bekannte, weil jährlich erscheinende Gäste sein können: in einigen Meeren stete Sommer- oder Wintergäste, in anderen vorüberziehende Wanderer, sowie anderseits keine Küstenstrecke und vielleicht kein Meer auf irgend eine Walthierart einen ausschließlichen Anspruch erheben kann, weil eine Gegend dieselben höchstens für eine gewisse Jahreszeit, oft auch nur eine sehr kurze Frist, aufzuweisen vermag. Die Walthierarten eines und desselben Meeres sind also im allgemeinen durchaus verschiedene im Sommer und im Winter. Wer nur das Meer kennt als Sommeraufenthalt der einen Art, wird eine ganz andere angeben als derjenige, welcher im Winter in ihm beobachtet hat. Um also die Verbreitung der Walthiere zu bestimmen und ein wirklich genügendes Bild sich zu entwerfen, kann man nicht genugsam die Jahreszeit ins Auge fassen. Die Meere, in denen nicht allein jede Art und jedes Stück regelmäßig während des Sommers und Winters sich aufhält, liegen oft sehr fern von einander: das Meer, in welchem eine Art den Sommer zubringt, kann für eine andere der Winteraufenthalt sein. Dies gilt für alle Meere und alle Küsten. Ich brauche nur auf die dänischen Länder hinzuweisen, um ein Beispiel zu geben: die Meerschweine, welche sich in den Ise-Fjorden und im Kleinen Belt aufhalten, findet man auf anderen Stellen im Frühjahre, hier aber nur im Spätjahre, sowie sie in der Ostsee nur im Sommer anzutreffen sind.

Zu den Walthieren, welche nie das hochnordische Meer und dessen Grenzen verlassen, sondern bloß nach Süd und Nord ziehen, gehören nicht mehr als drei Arten: der Narwal, der Grönlandswal und der Weißwal oder Weißfisch; die anderen Walthiere, welche ihren Sommeraufenthalt in der Davisstraße und Baffinsbai haben, verlassen die grönländischen Meere im Winter und ziehen gegen Süden: so drei verschiedene Finnwale und zwei Delfine; alle übrigen, welche in der Davisstraße und Baffinsbai vorkommen, sind nicht regelmäßige und nur unbestimmte Sommergäste: so der Narwal, Grindwal, der noch unbestimmte Finnlandswal und der ebenfalls noch wenig bekannte Delfin Pernak.

Ueber die Verbreitung der Walthiere können wir also keine vollständige Vorstellung bekommen, ohne nach den südlichen Meeren hinzublicken. In diesen müssen wir in den Wintermonaten nicht allein dieselben Arten, sondern auch dieselben Thiere finden, welche in den arktischen Fahrwassern Sommergäste sind. Die erste Reihe der Erfahrungen können wir in Bezug auf Norwegens Westküste [674] feststellen.« »Nach Heiligendreikönigtag«, sagt Pontoppidan, »sehen die Norweger von allen Bergen nach den Walfischen aus, welche ihnen durch die Ankunft der Häringe angezeigt werden.« Zuerst nimmt man den Springwal wahr, einen nicht regelmäßigen Gast der Davisstraße, um acht bis vierzehn oder auch nur um drei bis vier Tage Vorläufer des großen Wales, welcher aber nicht der Grönlandswal, sondern ein Finnwal ist, indem jener nicht nach Fischen jagt und nicht so weit landeinwärts geht. Wenn alle beide, Spring- und Finnwal, Sommergäste der Davisstraße sind und im November sie verlassen, so paßt ihre Ankunft im Januar an der norwegischen Küste zur Zeit ihrer Abreise, und die Vermuthung erscheint berechtigt, daß es ein und dieselben Thiere sein müssen. Um die Mitte des Winters stoßen große Scharen von Häringen und Kabeljaus auf die Westküste Norwegens, welche von ihren Verfolgern, den Springwalen, Seehunden, Meerschweinen und besonders dem großen Finnfische, dem Häringswal, dahin getrieben werden. Wenn letzterer wegen seiner Größe sich nicht zwischen die Außeninseln und Sandbänke wagen darf, so verweilt er doch dort anderthalb Monate und besetzen so die sechzig norwegische Meilen (über sechshundert Kilometer) lange Linie. Man wird finden, daß dieser Aufenthalt des großen Finnfisches ganz genau mit seiner Abwesenheit im hochnordischen Meere zusammenfällt. Eine andere Reihe von Erfahrungen, welche in Betracht kommen muß, um den nordischen Finnwalen nachspüren zu können, ist die allgemein bekannte Thatsache, daß die an der europäischen Küste ans Land getriebenen oder gestrandeten Thiere immer im Frühjahre und Herbste vorkommen, offenbar also auf ihren Wanderungen nach und von dem Eismeere. Besonders wichtig sind auch die Beobachtungen in den Bermudasseen, wo im März regelmäßig der langhandige Finnwal sich einstellt. Da ich nämlich gefunden zu haben glaube, daß dieser mit dem grönländischen Keporkak gleichartig ist, so haben wir eine Spur von dem Aufenthalte dieses nordischen Zugthieres in den Sommermonaten und zugleich ein Zeugnis, daß seine Wanderungen zum wenigsten theilweise weit außerhalb der nordischen Meere sich erstrecken, daß er nämlich mit Gewißheit sehr oft, wenn auch nicht regelmäßig und jährlich, nach dem Meere unter den Wendekreisen und bis jenseit des Gleichers wandert. Mit Bezug auf die Finnwale und Meerschweine ist der Sachverhalt ein anderer: jene sind Sommergäste an der norwegischen Küste und der Davisstraße.

»Im December, Januar und Februar war in früheren Zeiten, wie auch jetzt, die Gegend des Nordpols und der Baffinsbai und bis zum 68. Grade, ganz in der Nähe der Hudsonsbai und Hudsonsstraße, besonders des östlichen Meeres von Grönland und des ganzen Meeres um Spitzbergen und Nowaja Semlja, kurz des hochnordischen Meeres, so weit dieses mit einer festen, zusammenhängenden Eisdecke überzogen ist, aber auch nur so weit, gänzlich von Walthieren entblößt. Dicht hinauf an der festen Eisdecke zwischen dem losen Eise oder in eingeschlossenen Oeffnungen, namentlich in der St. Lorenzbucht, dem nördlichen Theile der Davisstraße, südlich von Spitzbergen und Nowaja Semlja bis an Islands Nordspitze und vermuthlich bis ans Nordkap leben um diese Zeit Narwale und Grönlandswale, in dem südlichen Theile der Davisstraße und dem offenen Theile des Meeres zunächst der Eislinie jedoch nur Weißwale. Die meisten fischfressenden Walthiere ziehen im December dem Häringszuge nach: so die eigentlichen Delfine oder Springwale, die Meerschweine und Finnfische; an diese schließen sich die Schwertfische, welche im Januar in großen Scharen die norwegische Küste erreichen; im nordischen Atlantischen Meere tummeln sich die Schwarzfischfresser, die Grindwale und Schnabelwale, in der Biskayabucht Nordkaper; bis jenseit des Wendekreises streifen die Kascheloten, zum Theil die Finnfische und der langhandige Finnwal oder Keporkak, letzterer vorzugsweise an der amerikanischen Küste. Ueberall ziehen die großen Finnwale sowie alle großen Walthiere überhaupt im offenen Meere dahin, und nur ausnahmsweise nähern sie sich der Küste. Gegen Ende Februar zeigt sich bei den meisten nach Süden wandernden Walthieren eine Annäherung an die nördlichen Gegenden; im März kommen Scharen des langflossigen Finnwales auf ihren Wanderungen gegen Norden an die Bermudasinseln, unter dem 33. Grade nördlicher Breite, und ebenso verunglückt mancher Finnwal an der europäischen [675] Westküste. Der Nordkaper verläßt dann den Biskayabusen; die Meerschweine ziehen in verschiedene Buchten von Nordeuropa und Amerika. Im April sind in der Baffinsbai schon Narwale, Grönlandswale und Weißfische angelangt und rücken etliche Grade näher gegen den Nordpol; in der Davisstraße treffen die Finnwale und Meerschweine ein. Im Mai und Juni ist das Meer nicht bloß um Spitzbergen, die Nordküste von Grönland und im nördlichen Theile der Baffinsbai, sondern auch um Kanada, Neufundland und Labrador voll von Walfischen, zum Theil auch von Narwalen und Weißfischen. In dem südlichen Theile der Baffinsbai befinden sich jetzt, doch wohl nicht in großer Menge, Finnwale, der Keporkak, der kurzfingerige Tunnolik und der Tikagulik wie auch Meerschweine.

Außer diesen Thieren kommen auch noch zu allen Jahreszeiten dort Raubdelfine und zuweilen ebenso unbeständige Gäste aus dem Atlantischen Meere in die Davisstraße und andere Theile des Nördlichen Eismeeres. Indeß schwärmen zwischen Island, Jan Mayen und dem Nordkap in diesen Jahreszeiten der kleine und wilde, mit Kreuzgebiß ausgerüstete Rethwal, Nordkaper und Islands Sletbag; zwischen Island und Schottland ziehen Grindwale; gegen Nordosten im Atlantischen Meere schwärmen Kaschelot und Narwal; Meerschweine treten auch in die Ostsee ein, sowie sich andere Walthiere, beispielsweise der Vaagehwal, der norwegischen Küste in der Gegend von Bergen nähern. Vom Atlantischen Meere ziehen mehrere Delfinarten in das Mittelländische und von dort in das Schwarze Meer, wie dies schon im 16. Jahrhundert Belon berichtet hat. Vom letzten Juni bis zur Mitte des September hatten früher, wie auch jetzt, alle Walthiere ihren nördlichen Standpunkt eingenommen; die früheren Aufenthaltsorte der hochnordischen Walthiere, des Grönlandwales, Narwales und Weißfisches, werden in diesen Monaten vom großen und kleinen Finnfische, dem Keporkak und dem Rethwal besucht. Um diese Jahreszeit wird es vermuthlich sein, daß die Pottfische, zugleich mit anderen Gästen, vom Atlantischen Meere aus das nördliche Eismeer besuchen; ums Nordkap schwärmen die danach benannten Rethwale, etwas weiter nach Südwesten die Grindwale, Schnabelwale und die eigentlichen Delfine. Die europäische Küste hat zur selben Zeit ihre Sommergäste. In der letzten Hälfte des September beginnt der allgemeine Rückzug nach Süden: alle Arten ziehen zu ihren früheren Aufenthaltsorten zurück, und diese Wanderung währt bis Mai und Juni. Der Dögling zeigt sich bei Island und südlich von den Färöerinseln, an denen durch die Spätherbststürme oft viele Walthiere verunglücken. Im Oktober und November kehren sie zu ihren Winterherbergen zurück, um sie im December wieder einzunehmen.

Die Uebereinstimmung der Wanderungen der Wale mit denen der Zugthiere zeigt sich am deutlichsten in der Regelmäßigkeit ihrer jährlichen Wiederholung, und zwar ebensowohl hinsichtlich der Zeit wie der Straßen und Ruheplätze. Im Herbste, besonders gegen Michaeli z.B., kommen an der südlichen Küste der Färöerinseln und an ihnen wieder vorzugsweise im Qualbon-Fjord, drei, vier bis sechs Döglinge vor. So war es bereits vor 180 Jahren, und damals schon lautete die Sage, daß es auch in den heidnischen Zeiten so gewesen. In der Davisstraße nähert sich namentlich bei Jakobshafen unter dem 62. Grade, bei Pisselbik unter dem 64. Grade und bei Friedrichshafen unter dem 62. Grade der Keporkak oder Buckelwal in jedem Sommer regelmäßig der Küste und soll sich von jeher dann an der Küste gezeigt haben. An der norwegischen Küste ist es fast ausschließlich der Skogsvaag und der Qualvaag unweit Bergen, in welche der Naagewal und Zwergwal jeden Sommer einzudringen wagen.

Diese Anhänglichkeit an gewisse Aufenthaltsorte ist um so merkwürdiger, als die Walthiere dort einer blutigen, schonungslosen Verfolgung ausgesetzt sind. Wenn aber letztere so weit getrieben wird, daß jedesmal jeder anlangende Wal sein Leben einbüßt, so kann eine solche Vorliebe offenbar nur auf gewissen Bedingungen der Oertlichkeit beruhen, und vielleicht darf man annehmen, daß eben durch die jedesmalige Niedermetzelung die Thiere verhindert werden, unter Anführung eines erfahrenen Alten ihrer Art andere, minder gefährliche Stellen aufzusuchen. Allein auch da, wo die Vernichtung nicht so vollständig wird, kommen die Scharen immer wieder an; ja, was hier am [676] entscheidendsten ist, wenn die Jagd nur auf ein Stück ausging, und solches mit genauer Noth und nicht ohne Verwundungen davon kam, so hat es in manchen Fällen während der folgenden Jahre immer wieder dort sich blicken lassen, bis es endlich erlag. So war es mit dem an einem Loche in der Rückenflosse kenntlichen Finnwale, welchen die Fischer einer Bucht Schottlands zwanzig Jahre lang beobachteten und unter dem Namen ›Hollie Pyke‹ kannten, bis es ihnen endlich gelang, ihn zu erbeuten. Vielleicht gehört hierher auch der von Bennett erwähnte Fall von einem Potwale, welcher auf den Spermwalgründen bei Neuseeland den Walfischfängern als ›New Zealand Tom‹ lange bekannt gewesen war, und zwar ebensowohl seiner Größe und Wildheit wie auch der weißen Färbung seines Buckels halber. Am auffallendsten ist die Angabe Steenstrups, welche ich hier wörtlich wiedergeben will. ›Die Küstenbewohner Islands geben ihren Walfischen Namen, und die einzelnen Stücke sind ihnen überhaupt als Persönlichkeiten bekannt. Die Walfische wählen immer dieselbe Bucht, um ihre Kälber abzulegen; die Mutter kommt regelmäßig jedes zweite Jahr. Man nimmt die Jungen, verschont aber die Alte, deren Leben nur dann bedroht ist, wenn sie sich in eine fremde Bucht verirrt.‹

Was die Straßen anlangt, denen die Walthiere folgen, so kommen darin bei aller Regelmäßigkeit im allgemeinen doch mancherlei mehr oder weniger bedeutende Abweichungen vor, wie das ja wohl bei den Zugthieren überhaupt der Fall ist. Auf ihren Weg scheint nicht sowohl der Strom als vielmehr der Wind einen wesentlichen Einfluß zu haben, indem sie, wie es wenigstens viele erfahrene Leute behaupten, immer dem Winde entgegenschwimmen sollen. Gewiß ist, daß nicht nur einzelne Walthiere oft aus ihrer gewohnten Bahn verschlagen werden, sondern auch ganze Scharen, wie z.B. die zweiunddreißig Potwale, welche im Jahre 1784, und die siebzig Grindwale, welche im Jahre 1812 an der französischen Küste verunglückten. Ein merkwürdiges Beispiel von einer anhaltenden Abweichung von dem gewöhnlichen Wege findet sich auch in der Geschichte des letztgenannten Thieres, indem das Vorüberziehen der großen Scharen desselben an den Färöerinseln in den Jahren 1754 bis 1776, also zweiundzwanzig Jahre lang, fast gänzlich aufgehört hatte, seitdem aber jährlich wieder stattfindet und namentlich im letzten Jahrzehnt eher im Zunehmen begriffen ist.

Dieses Abweichen von der gewohnten Straße, vielleicht auch das beabsichtigte Eindringen in Flußmündungen sind Ursache, daß Walthiere von Zeit zu Zeit in größerer Anzahl stranden und eine Beute der Küstenbewohner werden, wie es in früheren Jahren zuweilen mit dem Grönlandswale, welcher jetzt nur noch im hohen Norden gefunden wird, der Fall war.

Die Walthiere sind, wie die meisten Zugthiere überhaupt, gesellige Thiere. Man findet da, wo Futter vorhanden ist, oft hunderte und über tausend nicht nur derselben, sondern selbst verschiedener Arten beisammen, und auch den großen ziehenden Scharen sollen sich, nach dem Zeugnis der Küstenbewohner, einzelne oder mehrere einer anderen Art anschließen oder beimischen. Da die Liebe der Weibchen zu den Jungen bei den Walen fast alles übertrifft, was wir sonst bei Thieren beobachten, und die Erziehung der Jungen wie deren Schutz fast allein der Mutter überlassen ist, so hat man die großen Scharen vorzugsweise aus Weibchen bestehend gefunden, welche von einzelnen alten Männchen angeführt werden. Das Zusammenhalten der Walthiere in kleineren oder größeren Truppen beruht also zum Theil auf der gemeinsamen Nahrung, zum Theil auf Gesellschafts- und Familienverhältnissen, bei manchen Arten aber offenbar noch, wie bei den Zugthieren überhaupt, auf einem Triebe, während der Wanderung einander sich anzuschließen.«

Alle Wale sind im hohen Grade bewegungsfähige Thiere. Sie schwimmen mit der größten Meisterschaft, ohne irgend sichtbare Anstrengung, manche mit unvergleichlicher Schnelligkeit, und bethätigen, wenn sie wollen, eine so außerordentliche Kraft ihrer mächtigen Schwanzflosse, daß sie, trotz der ungeheueren Last ihres Leibes, über das Wasser sich emporzuschnellen und weite Sprünge auszuführen vermögen. Gewöhnlich halten sie sich nahe der Oberfläche, und vielleicht steigen sie in größere Tiefen des Meeres nur dann hinab, wenn sie verwundet werden. Die oberste[677] Schicht des Wassers ist ihr eigentliches Gebiet, weil sie mit dem Kopfe und einem Theile des Rückens emporkommen müssen, wenn sie Athem schöpfen wollen. Ihr Luftwechsel geschieht in folgender Weise. Der emporgekommene Wal spritzt zuerst unter schnaubendem Geräusche das Wasser, welches in die nur unvollkommen verschlossenen Nasenlöcher eindrang, mit so großer Gewalt empor, daß es sich in seine Tropfen auflöst, aber dennoch bis zu fünf und sechs Meter Höhe emporgeschleudert wird. Dieser Wasserstrahl läßt sich am besten mit einer Dampfsäule vergleichen, welche aus einer engen Röhre entweicht; auch das Schnauben erinnert an das durch den Dampf unter gegebenen Umständen verursachte Geräusch. Einen Wasserstrahl, wie ihn ein Springbrunnen in die Höhe schleudert, wirft kein Wal aus, obgleich die meisten Zeichner dies darstellen und noch viele Naturbeschreiber es angeben. Gleich nach dem Ausstoßen zieht das Thier unter ebenfalls laut hörbarem, stöhnendem Geräusche mit einem raschen Athemzuge die ihm nöthige Luft ein, und manchmal wechselt es drei, vier, auch fünfmal in der Minute den Athem, aber nur das erstemal nach dem Auftauchen wird ein Strahl emporgeschleudert. Die Nasenlöcher sind so günstig gelegen, daß der Wal beim Auftauchen immer mit ihnen zuerst ins Freie kommt, und somit wird ihm das Athmen ebenso bequem wie anderen Thieren. Er erhebt sich schwimmend bis zur Oberfläche des Wassers, reckt den vorderen Theil des Leibes über dieselbe empor, so daß etwa das vordere Drittel der Rückenfirste sichtbar wird, athmet und versinkt, den ganzen Leib krümmend, hierauf wiederum in der Tiefe wobei der hintere Theil seines Leibes beinahe ganz, die Schwanzflosse in der Regel gänzlich sichtbar zu werden pflegt. Man darf annehmen, daß ein ruhig dahinschwimmender, ungestörter Wal mindestens alle anderthalb Minuten einmal Luft schöpft; aber man hat auch beobachtet, daß er weit länger unter Wasser verweilen kann: erfahrene Walfänger behaupten übereinstimmend, daß gewisse Wale, wenn verwundet, bis achtzig Minuten unter Wasser aushalten können. Unter solchen Umständen leistet wahrscheinlich das in den erwähnten Schlagadersäcken aufbewahrte, angesäuerte Blut der Athemnoth noch eine Zeitlang Vorschub; endlich aber macht sich das Säugethier doch geltend, und der Wal muß wieder zur Oberfläche emporsteigen, um dem unvermeidlichen Erstickungstode zu entrinnen. Bei unterbrochenem Luftwechsel stirbt der Wal so sicher wie jeder andere Säuger an Erstickung, nach den Beobachtungen der Waljäger sogar in sehr kurzer Zeit. Ein Wal, welcher sich in dem Taue verschlang, mit dem man einen seiner eben getödteten Gefährten behufs der Ausnutzung emporgewunden hatte, war nach wenigen Minuten eine Leiche. Schwerer zu begreifen ist, daß unsere Thiere, welche doch bloß Luft athmen, in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit ebenfalls sterben, wenn sie auf das Trockene geschleudert werden. Dort fehlt es ihnen nicht an Luft, und auch der Hunger tödtet ein so gewaltiges Thier schwerlich so schnell; gleichwohl ist der gestrandete Wal, wie schon bemerkt, jedesmal dem Verderben preis gegeben.

Mehrfach ist als Streitfrage aufgeworfen worden, ob die Wale eine Stimme haben oder nicht. Die Frage darf, wie sich eigentlich von selbst versteht, von vorn herein bejaht werden, da eine Stimmritze vorhanden ist, und es sich nicht einsehen läßt, aus welchem Grunde diese nicht ihre Schuldigkeit thun sollte; es liegen jedoch auch hinreichend verbürgte Beobachtungen vor, welche entscheidend sind. Bei großer Gefahr, unter dem Schmerzgefühle schwerer Verwundungen, nach Strandungen, überhaupt in Todesnoth, schreien die Wale zuweilen laut. Nach Versicherung aller Ohrenzeugen, welche hierüber berichten, lassen sich die unter solchen Umständen ausgestoßenen Laute mit denen irgend eines anderen Thieres nicht vergleichen. Sie bestehen in einem Brüllen, welches als schrecklich, entsetzlich geschildert wird und diese Bezeichnung um so mehr verdienen soll, je größer der Wal ist, welcher brüllt. Ob die Thiere ihre Stimme auch behufs einer Benachrichtigung anderer ihrer Art verwenden, hat man, so viel mir bekannt, bisher noch nicht mit Sicherheit feststellen können; Beobachtungen, welche gelegentlich des Strandens gesellig lebender Walthiere gemacht wurden, sprachen jedoch auch hierfür.

Alle Wale nähren sich von Thieren und nehmen wahrscheinlich nur zufällig Pflanzen mit auf; wenigstens bedarf es noch genauerer Beobachtung, bevor man behaupten kann, daß eine Art, [678] der Finnfisch nämlich, die Tange, welche man oft in großer Menge in seinem Magen findet, abweidet oder ein Delfin die in das Flußwasser gefallenen Früchte frißt. Größere und kleinere Meerthiere der verschiedensten Klassen sind die Beute, welcher sie nachstreben. Gerade die größten Arten nähren sich von den kleinsten Meerthieren, und umgekehrt die kleineren sind die tüchtigsten Räuber. Sämmtliche Zahnwale sind Raubthiere im eigentlichen Sinne des Wortes, und manche von ihnen verschonen selbst die Schwächeren ihrer eigenen Sippschaft nicht; dagegen begnügen sich die Bartenwale mit sehr kleinen Thieren, mit winzigen Fischen, Krebsen, schalenlosen Weichthieren, Quallen und dergleichen. Man kann sich leicht vorstellen, welch unschätzbare Massen von Nahrung die Riesen des Weltmeeres zu ihrer Erhaltung bedürfen: ein einziger Wal verzehrt wahrscheinlich täglich Millionen und selbst Milliarden winziger Geschöpfe.

Ueber die Zeit der Fortpflanzung fehlen noch genauere Nachrichten. Vielleicht geschieht sie zu jeder Jahreszeit, am häufigsten aber wohl gegen das Ende des Sommers. Es scheint, daß sich dann die Herden in bestimmte Paare auflösen, welche längere Zeit zusammenhalten. Vor der Begattung zeigt das Männchen seine Erregung durch Plätschern mit den gewaltigen Flossen an und verursacht bei stillem Wetter Donnergetöse. Gar nicht selten wirft es sich auf den Rücken, stellt sich senkrecht auf den Kopf und bewegt die Wogen auf weit hin, springt auch wohl, mit der riesigen Masse seines Leibes spielend, über die Oberfläche des Wassers heraus, taucht senkrecht in die Tiefe, erscheint von neuem und treibt andere Scherze zur Freude des Weibchens. Die Begattung geschieht in verschiedener Weise, indem sich das Männchen entweder auf das umgedrehte Weibchen legt, oder beide zur Seite geneigt sich aneinander schmiegen, oder endlich beide, Brust gegen Brust gekehrt, eine mehr oder weniger senkrechte Stellung im Wasser annehmen. Beider vereinigte Kraft ermöglicht, wie Scammon sagt, jede beliebige Stellung während der Begattung. Wie lange die Tragzeit währt, ist zur Zeit noch nicht ermittelt. Man nimmt zwar an, daß sie bloß sechs bis zehn Monate dauert, dürfte aber schwerlich diese Annahme beweisen können. Bei den kleineren mag die angegebene Zeit der wahren wohl ziemlich nahe kommen; die großen aber können ebenso gut einundzwanzig oder zweiundzwanzig wie neun oder zehn Monate trächtig gehen. Für letzteres spricht die mitgetheilte Beobachtung Steenstrups, daß die Mutter in jedem zweiten Jahre an gewissen Orten erscheint, um zu gebären. Ueber den Geburtshergang selbst fehlt jegliche Kunde; insbesondere wissen wir nicht, was die Alte thut, um das Junge zum Saugen zu veranlassen, ihm begreiflich zu machen, wo und wie es den Nahrungsquell zu finden und zu benutzen habe. Andere Seesäugethiere werden entweder auf dem festen Lande, welches ihnen unbehinderte Athmung gestattet, zur Welt gebracht, oder, wenn sie im Wasser geboren werden, wie dies bei den Sirenen der Fall ist, von der Alten mit Hülfe der Brustflossen an die Brüste gelegt und wahrscheinlich, so lange sie saugen, über dem Wasser gehalten; die Wale hingegen müssen, ihrem Leibesbaue entsprechend, vom ersten Augenblicke ihres wirklichen Lebens an dieselben Bewegungen ausführen wie die Alten, um nicht zu ersticken, also im wesentlichen deren Lebensweise theilen. Schon hieraus ergibt sich, daß sie in einem hoch entwickelten Zustande zur Welt kommen müssen, um überhaupt leben zu können. Nach mehrfachen Beobachtungen haben sie bei der Geburt bereits ein Viertheil der Größe ihrer Erzeuger, keineswegs aber auch deren Befähigung erlangt, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, müssen im Gegentheile sehr sorgfältig gepflegt und sehr lange gesäugt werden. Frühere Beobachter gaben an, daß die säugende Alte nach wie vor ihres Weges weiter schwimme und das an den Zitzen angehängte Junge einfach nachschleife; Scammon hingegen bemerkt ausdrücklich, daß sie, während sie ihren Mutterpflichten Genüge leistet, wie erschlafft in dem Wasser liege, fast den ganzen Hintertheil ihres Leibes über der Oberfläche erhebe und sich ein wenig zur Seite neige, um es dem säugenden Jungen möglichst bequem zu machen. Letzterem kommt die Lage der Milchdrüsen unzweifelhaft sehr zu statten, und es benutzt diese vielleicht schon, ehe der Nabelstrang zerrissen ist. Später packt es mit der Schnauzenspitze die große, ungemein milchreiche Zitze und saugt, nothwendigerweise in Absätzen, dazwischen von Zeit zu Zeit behufs des Luftwechsels aufsteigend und wiederum in die immerhin [679] beträchtliche Tiefe sich versenkend. Die kleineren Arten können wahrscheinlich weit früher entwöhnt werden als die großen, welche kaum vor Ablauf ihres ersten Lebensjahres fähig sein dürften, ihre Nahrung selbst zu erwerben. Bis dahin pflegt sie die Mutter mit rührender Zärtlichkeit, gibt sich ihrethalben ohne Bedenken allen Gefahren preis, welche beider Leben bedrohen können, und verläßt sie, so lange sie leben, nie. Das Wachsthum der Jungen scheint verhältnismäßig langsam vor sich zu gehen: die Bartenwale zumal dürften, wie man annimmt, kaum vor dem zwanzigsten Jahre ihres Lebens zur Fortpflanzung geeignet sein. Wie lange ihr Dasein währt, weiß man nicht. Man behauptet, daß das hohe Alter sich durch Zunahme des Grau an Körper und Kopf, das Vergilben der weißlichen Farbe, die Abnahme des Thrans, die große Härte des Speckes und die Zähigkeit der sehnigen Theile bestimmen läßt; allein man ist durchaus nicht im Stande die Zeit anzugeben, in welcher diese Veränderungen beginnen.

Auch die Wale haben ihre Feinde, namentlich in den ersten Zeiten ihres Lebens. Mehrere Haie und der Schwertfisch sollen förmlich auf junge Walfische jagen, wie sie ja auch ältere angreifen, und dann tagelang mit Vergnügen von dem riesenhaften Leichname fressen. Weit gefährlicher als alle Seeungeheuer wird den Walen der Mensch. Er ist es, welcher bereits seit mehr als tausend Jahren fast sämmtliche Arten der Ordnung regelrecht verfolgt und einige von ihnen bereits der Vertilgung nahe gebracht hat.

Bei Gefahr vertheidigen die Wale sich gegenseitig, zumal die Mütter ihre Kinder mit großem Muthe. Die kleineren gebrauchen ihr starkes Gebiß; die größeren versuchen nur durch unbändige Bewegungen Angriffe abzuwehren. Im Verhältnisse zu ihrer Größe sind die ungeschlachten Thiere höchst ungefährliche Gegner desjenigen Feindes, welcher ihnen den größten Schaden zufügt. Der Mensch kümmert sich im ganzen wenig um das Toben und Wüthen der von ihm angegriffenen Riesen, weil er Mittel zu finden weiß, auch deren größte Anstrengungen zu vereiteln.

Im Anfange hat sich der Mensch wahrscheinlich bloß mit denjenigen Walen begnügt, welche ihm das Meer selbst zuführte, d.h. mit solchen, welche durch Stürme auf den Strand geworfen wurden. Erst später dachte er daran, mit den Riesen des Meeres im Kampfe sich zu messen. Man schreibt den Basken die Ehre zu, das erste Volk gewesen zu sein, welches im vierzehnten und funfzehnten Jahrhunderte eigentliche Schiffe für den Walfischfang ausrüstete. Anfangs begnügten sich diese kühnen Seefahrer, die Finnfische in dem nach ihrem Lande genannten Golfe aufzusuchen; aber schon im Jahre 1372, bald nach der Entdeckung des Kompasses, steuerten sie nach Norden und fanden hier die eigentlichen Walfischgründe auf. Es steht fest, daß sie schon, trotz aller Gefahr der unbekannten Meere und des furchtbaren Klimas, bis an die Mündung des Lorenzstromes und an die Küste von Labrador vordrangen. Um das Jahr 1450 rüsteten die Rheder von Bordeaux ebenfalls Walfischfahrer aus und suchten die werthvolle Beute in den östlichen Theilen des nördlichen Eismeeres auf. Bürgerkriege lähmten Schiffahrt und Handel der Basken, und der im Jahre 1633 erfolgte Einfall der Spanier in ihr Land beendete ihren Walfischfang für immer. Ihre großartigen Erfolge aber mochten die Habsucht anderer Seevölker erweckt haben; denn schon im sechzehnten Jahrhunderte zeigten sich englische und bald darauf holländische Walfischfahrer in den grönländischen Meeren. Man sagt, daß die ausgewanderten baskischen Fischer den beiden nördlichen Völkern die Kunst des Walfischfanges gelehrt haben. Die Stadt Hull rüstete im Jahre 1598 die ersten Schiffe aus; in Amsterdam wurde 1611 eine Gesellschaft gebildet, welche ihre Jagdfahrten nach den Meeren von Spitzbergen und Nowaja Semlja richteten. Bald nahm dieser Theil der Seefahrt einen bedeutenden Aufschwung. Schon sechzig Jahre später verließen hundertunddreiunddreißig Schiffe mit Walfischfängern die holländischen Häfen. Die Blütezeit des Fanges trat später ein. In den Jahren 1676 bis 1722 sendeten die Holländer fünftausendachthundertsechsundachtzig Schiffe aus und erbeuteten in dieser Zeit 32,907 Wale, deren Gesammtwerth damals mindestens dreihundert Millionen Mark unseres Geldes betragen haben mag. Noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurde die gewinnreiche Jagd eifrig betrieben. Friedrich der Große ließ im Jahre 1768 [680] Walfischfänger ausrüsten; die Engländer hatten etwa um dieselbe Zeit zweihundertzweiundzwanzig Schiffe auf den nördlichen Meeren.

Gegenwärtig sind die Amerikaner die eifrigsten Walfänger. Nach einer von Scammon gegebenen Zusammenstellung beschäftigten sich in dem Zeitraume von 1835 bis 1872, also in achtunddreißig Jahren, 19,943 Fahrzeuge, und zwar 17,685 Barks und Vollschiffe, 907 Briggs und 1351 Schoners und Sloops, mit dem Walfischfange, gewannen 3,671,772 Tonnen oder Fässer Walrat sowie 6,553,014 Tonnen Thran und erzielten dafür die Summe von 272,274,916 Dollars. Nach Scammons Schätzung wurden, um dies zu erreichen, alljährlich 3865 Pottfische und 2875 Bartenwale getödtet, wozu noch ein Fünftheil an verwundeten und verlorenen gerechnet werden muß, so daß man die Gesammtsumme aller innerhalb des gegebenen Zeitraumes erbeuteten oder doch vernichteten Wale auf nicht weniger als 292,714 annehmen darf.

Bei dem ungeheueren Aufschwunge, welchen die Schiffahrt genommen hat, darf es uns nicht Wunder nehmen, daß zur Zeit alle Polarmeere, welche den kühnen Seefahrern nicht unüberwindliche Hindernisse entgegensetzen, besucht werden. Die Schiffe verlassen ihre heimischen Hafen schon im März oder im September, je nachdem sie mit Beginn des Sommers in dem nördlichen oder im südlichen Eismeere fischen wollen. Dort bleiben die meisten Fänger bis zum September, einige wohl auch bis zum Oktober, hier bis zum März oder spätestens bis zum April. Der Fang ist im ganzen wenig gefährlich, wohl aber die Fahrt. Jedes Jahr bringt der Walfischflotte schwere Verluste. Von dreiundsechzig Schiffen im Jahre 1819 gingen zehn, von neunundsiebzig im Jahre 1821 elf, von achtzig im Jahre 1830 einundzwanzig zu Grunde. Am gefährlichsten wird den Walfahrern die Ostküste der Baffinsbai, bezüglich der Versuch, die große Eisbarre zu durchdringen, welche diesen Meerestheil fast ganz erfüllt. »Wird«, sagt Hartwig, »auf dieser engen und gefährlichen Durchfahrt das Schiff vom Treibeise gegen die fest ansitzenden Eismassen gestoßen, so ist dessen Verlust unvermeidlich, den seltenen Fall ausgenommen, daß es durch den Druck aus dem Wasser gehoben und später, beim Auseinandergehen des Eises, wieder in die Fluten gesenkt wird. Zum Glück gehen bei solchen Schiffbrüchen nur selten Menschenleben verloren, da das Meer fast immer ruhig ist und die Mannschaft Zeit genug hat, auf andere Schiffe sich zu retten. Der Walfang überhaupt ist nicht nur ein sehr gefährliches und anstrengendes, sondern auch ein höchst unzuverlässiges Geschäft, so daß bei im das Ostender Sprichwort: ›Vischerie – Lotterie‹ sich vollkommen bewährt. Oft gelingt es in kurzer Zeit, das ganze Schiff mit Thran und Fischbein zu beladen, wobei natürlich der Rheder ein glänzendes Geschäft macht und die ganze Bemannung sich eines reichlichen Lohnes erfreut; manchmal aber ist am Ende der Fahrt auch kein einziger Fisch gefangen worden, und dann hat die Mannschaft, welche für ihren Lohn auf einen Theil des Fanges angewiesen ist, alte Noth und Mühe umsonst gehabt, und der Unternehmer ist um eine bedeutende Summe ärmer.

Wie sehr der Walfang von den Launen des Zufalls abhängt, geht aus folgenden amtlichen Angaben deutlich hervor. Im Jahre 1718 wurden von den hundertundacht Schiffen der holländischen Grönlandsflotte 1291 Fische gefangen, deren Werth etwa zwölf Millionen Mark betrug; im folgenden Jahre dagegen erbeuteten hundertsiebenunddreißig Schiffe bloß zweiundzwanzig Wale. Infolge dieses entmuthigenden Ergebnisses rüstete man das nächstemal nur hundertundsiebzehn Schiffe aus; diese fingen aber 631 Walfische und entschädigten die Rheder einigermaßen für den erlittenen Verlust.«

Daß bei einer ebenso unumschränkten wie unvernünftigen Verfolgung auch die früher reichsten Jagdgründe verarmen müssen, ist selbstverständlich. Die Abnahme der Wale, welche von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich steigerte, erregt das lebhafte Bedauern des Thierfreundes, vermindert glücklicherweise aber auch die Anzahl der unmenschlichen Jäger. Aus der obenerwähnten Zusammenstellung Scammons geht hervor, daß die amerikanische Walfischerei im Jahre 1854 ihre höchste Blüte erreicht hatte, von dieser Zeit an jedoch stetig zurückging. Während man in dem gedachten [681] Jahre sechshundertachtundsechzig Schiffe ausrüstete und 73,696 Tonnen Walrat sowie 319,837 Tonnen Thran gewann, ist die Anzahl der Schiffe bis zum Jahre 1872 auf zweihundertundachtzehn und die Ausbeute auf 44,881 Tonnen Walrat und 31,395 Tonnen Thran herabgesunken. Der Gewinn erreicht die Kosten der Ausrüstung nur noch in einzelnen Fällen, und diese Erwägung steuert der sinnlosen Vertilgung der theilnahmswerthen, dem Menschen nur ausnahmsweise Schaden zufügenden Seethiere mehr als jede andere Rücksicht.

Der Fang der Wale ist schon so oft und so ausführlich beschrieben worden, daß ich mich auf die kürzeste Schilderung desselben beschränken darf. Wenn die Schiffe in den Walgründen angekommen sind, kreuzen sie entweder in bestimmten Breiten auf und nieder oder legen sich an irgend einer günstigen Stelle vor Anker und beobachten von nun an unablässig das Wasser. Der Ausruf des Mannes im Mastkorbe: »Dort blasen sie!« bringt die gesammte Mannschaft in eine unglaubliche Aufregung. Sorgfältig ausgerüstete Boote werden ausgesetzt, jedes von ihnen mit sechs bis acht tüchtigen Ruderern, einem Steuermanne und dem Harpunenwerfer bemannt, und alle jagen nun so eilig als möglich den ruhig ihren Weg schwimmenden Walen entgegen. Die Angriffswaffe, deren sich der Harpunier bedient, ist ein lanzenartig zugespitztes, scharfes, mit Widerhaken versehenes Eisen, welches an einer sehr langen und äußerst biegsamen Leine befestigt wurde. Letztere liegt auf einer leicht drehbaren Walze im Vordertheile des Bootes sorgfältig aufgerollt. Beim Näherkommen rudert man langsam und vorsichtig auf den Walfisch zu, je näher, um so besser, und der Harpunier wirft nun mit voller Kraft das scharfe Eisen in den Leib des riesigen Thieres. In demselben Augenblicke schlagen alle Ruder in das Wasser, um das Boot aus der gefährlichen Nähe des verwundeten Ungeheuers zu entfernen. Gewöhnlich taucht der Wal sofort nach dem Wurfe blitzschnell in die Tiefe und wickelt dabei die Leine so rasch ab, daß man Wasser auf die Rolle gießen muß, um die Entzündung derselben zu verhindern. Die große Schnelligkeit der ersten Schwimmbewegung hält jedoch nicht lange an. Der Wal schwimmt ruhiger, und seine furchtbaren Feinde sind jetzt im Stande, die Verfolgung wieder aufzunehmen. Freilich kommt es auch vor, daß das Boot von dem fliehenden Thiere mit rasender Schnelligkeit stunden-, ja halbe Tage lang nachgeschleift wird. Nach einer Viertelstunde etwa erscheint der Verwundete wieder an der Oberfläche, um zu athmen. Das eine oder andere Boot nähert sich ihm zum zweitenmale, und ein neuer Wurfspieß dringt in seinen Leib. »Die menschliche Einbildung«, sagt ein Augenzeuge, »kann sich nichts schrecklicheres vor stellen, als die Schlächterei, welche man hier sieht. Entsetzt stürzt sich der Walfisch von Woge zu Woge, springt im Todeskampfe aus dem Wasser heraus und bedeckt das Meer umher mit Blut und Schaum. Er taucht unter, indem er einen Wirbel auf seinem Pfade zurückläßt; er kommt empor, und die tödtliche Lanze dringt in einen noch unberührten Lebensquell; wohin er sich auch kehrt, das kalte Eisen stachelt ihn zur Verzweiflung auf. Im vergeblichen Aufwande seiner Stärke macht er die See kochen wie in einem Topfe; ein Zittern ergreift seinen ungeheueren Leib und schüttelt ihn wie der erwachende Vulkan die Wand des Berges. Endlich hat er sich verblutet, senkt sich auf die Seite und wird nun verächtlich von den Meereswogen umhergeschleudert, ein willkommenes Ziel für tausende von Vögeln, welche augenblicklich herbeikommen, in der Absicht, von dem riesigen Aase zu speisen.«

Der getödtete Wal geht rasch in Fäulnis über. Schon einen Tag nach seinem Tode ist er zu einer ungeheueren schwammigen Masse angeschwollen, und gar nicht selten treiben die sich entwickelnden Gase den Leichnam so auf, daß er unter heftigem Knalle berstet und dabei einen unerträglichen Gestank verbreitet. Gewöhnlich haben die Walfischfänger ihre Arbeit schon beendet, ehe die Fäulnis beginnt. Man schleppt den erlegten Riesen an einem starken Seile mit mehreren Booten nach dem Schiffe, befestigt ihn dort und schreitet nun zum Einschneiden. Am Hauptmaste hat man zwei schwere Rollen angebracht; durch diese laufen starke Taue, deren Enden auf der einen Seite an der Ankerwinde befestigt sind, auf der anderen über Bord herabhängen. Art ihnen befestigt man den ungeheueren Kopf, um ihn bis zu den Halswirbeln emporzuwinden. Im Genick [682] trennt man ihn von dem übrigen Körper, welchen man an großen Haken zum Zerschneiden aufhängt. Der Kopf wird mittlerweile auf das Deck gezogen und später dort des Fischbeins, der Zähne und bezüglich des Walrats beraubt. Die Speckschneider stehen auf schmalen Gerüsten, welche an den Seiten des Schiffes hängen. Sie stechen zuerst um den Körper herum, über den Rücken und Bauch meterbreite Streifen ab, befestigen einen solchen Streifen an einem Taue und geben das Zeichen zum Aufwinden. Während die einen die Ankerwinde in Bewegung setzen, helfen die untenstehenden mit ihren scharfen Spaten nach und trennen den Speck von dem infolge des Aufwindens sich drehenden Leibe ab. So fährt man fort, bis aller Speck in schraubenartig gewundenen Streifen vom Leibe abgeschält ist. Der Rumpf bleibt dem Meergethier überlassen.

Nach dem Aufwinden kommt der Speck in das Zwischendeck, wo er zuerst von mehreren Leuten in größere Stücke und sodann durch eine Maschine in dünne Scheiben geschnitten wird. Das Auskochen geschieht in großen, auf dem Verdecke eingemauerten Kesseln, deren Herd ringsum mit Wasser umgeben ist. Im Anfange verwendet man Steinkohlen zur Feuerung, später benutzt man die übrig bleibenden Stücke des ausgekochten Speckes zur Unterhaltung der Flamme. Der gewonnene Thran wird in einer Kühlpfanne abgekühlt und dann sofort in die Tonnen gefüllt, welche man im untersten Schiffsraume verladet. Kleine Wale weidet man aus, zerhackt sie sodann in Stücke und kocht diese. »In ihren schlechtesten Kleidern«, so schildert Pechuel-Lösche, »halbnackt, tanzend und singend, sich jagend und ihre Geräthschaften schwingend, triefend von Thran und rußig wie die Teufel, tummeln sich die Schiffsleute um den Herd. Ein doppelt reges Leben herrscht überall am Bord. Ueberraschend zumal ist der Anblick dieses Treibens des Nachts, wenn in einem erhöhten eisernen Korbe behufs der Beleuchtung ein Haufen ausgesottener Speckstücke lustig brennt und die lodernden Flammen grelle Streiflichter auf das Deck, die schwarzen Rauchwolken, die ragenden Masten mit ihren Segeln und weit hinaus auf die Wellen werfen. Am Tage verrathen mächtige Rauchmassen im Gesichtskreise einen auskochenden Walfänger lange, bevor man das Schiff selbst in Sicht bekommt.«

War der Wal ein Bartenwal, so werden, nach Angabe des eben genannten Berichterstatters, die auf dem Vorderschiffe aufgestapelten, schon in kleinere Stücke zerlegten Fischbeinsiebe einer abermaligen Bearbeitung unterzogen, um sie in einzelne Platten zu zerlegen und von der anhängenden Gaumenhaut zu befreien. Nachdem man sie soweit gereinigt, verstaut man sie einstweilen im hinteren Raume des Zwischendeckes, um sie später, wenn das Schiff aus den hohen Breiten in wärmere Gewässer zurückkehrt, einer nochmaligen Behandlung durch Wasser zu unterziehen, nämlich mit Besen blank zu scheuern, an der Luft zu trocknen und endlich in Bündel zu packen.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Dritter Band, Erste Abtheilung: Säugethiere, Zweiter Band: Raubthiere, Kerfjäger, Nager, Zahnarme, Beutel- und Gabelthiere. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1883., S. 671-683.
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