Uferschwalbe (Cotyle riparia)

[513] Viel genauer ist uns das Leben der Uferschwalbe, Erd-, Sand-, Koth-, Strand- und Wasserschwalbe (Cotyle riparia, fluviatilis, palustris, littoralis und microrhynchos, Hirundo riparia und cinerea, Chelidon microrhynchos), bekannt. Sie ist schon den Alten aufgefallen und ihre Thätigkeit in eigenthümlicher Weise erklärt worden. »In der Mündung des Nils bei Heraklia in Egypten«, sagt Plinius, »bauen die Schwalben Nest an Nest und setzen dadurch den Ueberschwemmungen des Stromes einen undurchdringlichen Wall entgegen von fast einem Stadium Länge, welchen Menschenhand kaum zu Stande bringen würde. In eben diesem Egypten liegt neben der Stadt Koptos eine der Isis geheiligte Insel, welche von den Schwalben mit vieler Mühe befestigt wird, damit der Nil sie nicht benage. Mit Beginn des Frühlings bekleben sie die Stirnseite der Insel durch Spreu und Stroh und üben ihre Arbeit drei Tage und Nächte hintereinander mit solcher Emsigkeit, daß viele an Erschöpfung sterben. Jedes Jahr steht dieselbe Arbeit ihnen aufs neue bevor.« Es ist leicht einzusehen, daß der Nestbau diese Sage begründet hat.

Die Uferschwalbe gehört zu den kleinsten Arten ihrer Familie. Ihre Länge beträgt höchstens dreizehn, die Breite neunundzwanzig, die Fittiglänge zehn, die Schwanzlänge fünf Centimeter. Das Gefieder ist oben aschgrau oder erdbraun, auf der Unterseite weiß, in der Brustgegend durch ein aschgraubraunes Querband gezeichnet. Beide Geschlechter gleichen sich; die Jungen sind etwas dunkler gefärbt.

Keine einzige Schwalbenart bewohnt ein Gebiet von ähnlicher Ausdehnung wie die Uferschwalbe, welche, mit Ausnahme Australiens, Polynesiens und der Südhälfte Amerikas, auf der ganzen Erde Brutvogel ist. Ihrem Namen entsprechend, hält sie sich am liebsten da auf, wo sie steile Uferwände findet, verlangt jedoch nicht immer ein Flußufer, sondern begnügt sich oft auch [513] mit einer steil abfallenden Erdwand. Wo sie auftritt, ist sie gewöhnlich häufig; in keinem von mir bereisten Lande aber sieht man so außerordentlich zahlreiche Scharen von ihr wie am mittleren und unteren Ob, woselbst sie Siedelungen bildet, in denen mehrere tausend Paare von Brutvögeln hausen. Auch bei uns zu Lande trifft man selten weniger als fünf bis zehn, gewöhnlich zwanzig bis vierzig, ausnahmsweise aber hundert und mehr Paare als Siedler einer Erdwand an. Hier höhlt sie sich in dem harten Erdreiche regelmäßig in einer Höhe, daß auch die bedeutendste Ueberschwemmung nicht hinaufreicht, gern aber unmittelbar unter der Oberkante der Wand, mit vieler Mühe und Anstrengung tiefe Brutlöcher aus. »Es grenzt«, sagt Naumann, »ans unglaubliche und muß unsere Bewunderung in hohem Grade erregen, ein so zartes Vögelchen mit so schwachen Werkzeugen ein solches Riesenwerk vollbringen zu sehen, und noch dazu in so kurzer Zeit; denn in zwei bis drei Tagen vollendet ein Paar die Aushöhlung einer im Durchmesser vorn vier bis sechs Centimeter weiten, am hinteren Ende zur Aufnahme des Nestes noch mehr erweiterten, in wagerechter oder wenig aufsteigender Richtung mindestens einen, oft aber auch bis zwei Meter tiefen, gerade in das Ufer eindringenden Röhre.


Uferschwalbe (Cotyle riparia) und Purpurschwalbe (Progne purpurea). 1/2 natürl. Größe.
Uferschwalbe (Cotyle riparia) und Purpurschwalbe (Progne purpurea). 1/2 natürl. Größe.

Ihr Eifer und ihre Geschäftigkeit bei einer solchen anstrengenden Arbeit grenzt aus possirliche, besonders wenn man sieht, wie sie die losgearbeitete Erde höchst mühsam mit den Füßchen hinter sich aus dem Inneren der Höhle hinausschaffen und hinausräumen und beide Gatten dabei hülfreich sich unterstützen. Warum sie aber öfters mitten in der Arbeit den Bau einer Röhre aufgeben, eine andere zwar fertig machen, aber dennoch nicht darin nisten und dies vielleicht erst in einer dritten thun, bleibt uns räthselhaft; denn zu Schlafstellen benutzt die ganze Familie gewöhnlich nur eine, nämlich die, worin sich das Nest befindet. Beim Graben sind sie sehr emsig, und die ganze Gesellschaft scheint dann aus der Gegend [514] verschwunden; denn alle stecken in den Höhlen und arbeiten darin. Stampft man mit den Füßen oben auf den Rasen über den Höhlen, so stürzen sie aus den Löchern hervor, und die Luft ist wieder belebt von ihnen. Wenn die Weibchen erst brüten, sitzen sie noch viel fester und lassen sich nur durch Störung in der Röhre selbst bewegen, herauszufliegen, daher leicht fangen. Am hinteren Ende der Röhre, ungefähr einen Meter vom Eingange, befindet sich das Nest in einer backofenförmigen Erweiterung. Es besteht aus einer schlichten Lage feiner Hälmchen von Stroh, Heu und zarter Würzelchen, und seine Aushöhlung ist mit Federn und Haaren, auch wohl etwas Wolle ausgelegt, sehr weich und warm. In Höhlen, welche sie in Steinbrüchen, an Felsengestaden oder alten Mauern finden, stehen die Nester sehr oft gar nicht tief, und sie können hier auch nicht so dicht neben einander nisten, wenn nicht zufällig Ritzen und Spalten genug da sind. An solchen Brüteplätzen hat dann freilich manches ein ganz anderes Aussehen, weil hier ein großer Theil ihres Kunsttriebes von Zufälligkeiten unterdrückt oder unnütz gemacht wird.«

Die Uferschwalbe ist ein sehr angenehmer, munterer, beweglicher Vogel, welcher in seinem Wesen vielfach an die Hausschwalbe erinnert. Dieser ähnelt sie namentlich wegen ihres sanften und schwebenden Fluges. Gewöhnlich hält sie sich in niederen Luftschichten auf, meist dicht über dem Spiegel der Gewässer hin- und herfliegend; selten erhebt sie sich zu bedeutenden Höhen. Ihr Flug ist so schwankend, daß man ihn mit dem eines Schmetterlings verglichen hat, aber durchaus nicht unsicher oder wechsellos. Die Stimme ist ein zartes, schwaches »Scherr« oder »Zerr«, der Gesang eine Aufeinanderfolge dieser Laute, welche durch andere verbunden werden. Von ihren Ansiedelungen entfernt sich die Uferschwalbe ungern weit, betreibt ihre Jagd vielmehr meist in unmittelbarer Nähe derselben und belebt daher öde, sonst an Vögeln arme Ströme in anmuthender Weise ebenso, wie ihre Nestlöcher in dem einförmigen Ufer jedes Auge fesseln. In zahlreichen Siedelungen fliegen vom Morgen bis zum Abende fast ununterbrochen hunderte und selbst tausende der kleinen, behenden Vögel auf und nieder, verschwinden in den Höhlen, erscheinen wiederum und treiben es wie zuvor. Vor dem Menschen scheuen sie sich hierbei wenig oder nicht; anderen Vögeln oder Thieren gegenüber zeigen sie sich friedlich, aber furchtsam.

Erst spät im Frühjahre, gewöhnlich zu Anfange des Mai, trifft die Uferschwalbe am Brutorte ein und verläßt diesen bereits zu Anfange des September wieder. Sofort nach ihrer Ankunft besucht sie die gewohnte Ansiedelung, bessert die Nester aus oder gräbt sich neue, und zu Ende des Mai oder im Anfange des Juni findet man die fünf bis sechs kleinen, länglich eiförmigen, etwa siebzehn Millimeter langen, zwölf Millimeter dicken, dünnschaligen, reinweißen Eier im Neste; zwei Wochen später sind die Jungen ausgeschlüpft und wiederum zwei Wochen nachher bereits so weit erwachsen, daß sie den Alten ins Freie folgen können. Eine Zeitlang kehrt nun alt und jung noch regelmäßig zu den Nistlöchern zurück, um hier Nachtruhe zu halten; schon im August aber begibt sich die Gesellschaft auf die Reise und schläft dann im Röhrichte der Teiche. Nur wenn die erste Brut zu Grunde ging, schreitet das Pärchen noch einmal zur Fortpflanzung.


*


Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Fünfter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Zweiter Band: Raubvögel, Sperlingsvögel und Girrvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 513-515.
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