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Jugenerinnerungen aus Alt-Hamburg

Wenn ich heute meinen Blick über die weiten Gründe des Stellinger Tierparks schweifen lasse und zwischen den von Künstlerhand geschaffenen Felspartien, grünen Matten und glitzernden Seenspiegeln die Tiere und Menschen aller Erdteile betrachte, so will es mir wie ein Traum erscheinen, daß dies alles einstmals seinen Ursprung hatte in einem – großen Waschbottich, ausgestellt Anno 1848 in der Hamburger Hafenvorstadt St. Pauli.

Im März dieses Sturmjahres fingen die im Dienste meines seligen Vaters fahrenden Fischer in der Elbmündung sechs Seehunde in ihren Netzen und lieferten diese, wie es der Kontrakt erforderte, mit dem Fang in unserer damaligen Fischhandlung in der Petersstraße ab. Zu dem, was nun folgte, kann man wirklich sagen: Kleine Ursachen, große Wirkungen! Mein Vater, Gottfried Clas Carl Hagenbeck, kam nämlich auf den Gedanken, die Tiere gegen Geld sehen zu lassen, und stellte sie zu diesem Zwecke in zwei großen Holzbottichen auf dem Spielbudenplatz in St. Pauli aus. Einen Schilling (acht Pfennig) Eintrittsgeld zahlten die schaulustigen Hamburger und fremden Segelschiffer, ohne zu ahnen, daß sie damit an der Wiege eines weltumspannenden Tierhandels und des Stellinger Tierparkes Pate standen. Mit dieser Schaustellung wurde ein ganz gutes Geschäft gemacht. Sie war die erste Schau ihrer Art für meinen Vater, aus der sich das ganze Tiergeschäft später entwickelte. Von einem Berliner Geschäftsfreunde wurde meinem Vater dann nahegelegt, die Seehunde auch in der Hauptstadt zu zeigen – für den heutigen Leser eine sonderbare Idee! Damals handelte es sich aber wirklich um eine Seltenheit, und so reisten die Seehunde schleunigst nach Berlin, wo sie in Krolls Garten ausgestellt wurden. Trotz der politischen Gärung war das Geschäft gut. Als jedoch die revolutionäre Bewegung täglich zunahm, wurde es[1] meinem Vater zu ungemütlich. Er verkaufte die über Nacht berühmt gewordenen sechs Seehunde an einen Berliner Unternehmer, leider auf Kredit, denn dieser Mann hatte beklagenswerterweise ein sehr schlechtes Gedächtnis und suchte mit den Seehunden das Weite, ohne meinem Vater in Hamburg die Rechnung zu bezahlen. Das war der Anfang des Tierhandels. Es war nicht so schlecht, wie es vielleicht aussieht, denn mein Vater hatte durch die Schaustellung in Hamburg und Berlin ein hübsches Stümmchen erübrigt.

Man muß nun nicht glauben, daß der Gewinn bei den Schaustellungen und Tierankäufen, die jetzt folgten, allein eine Rolle spielte. Es kam bei meinem Vater eine angeborene Liebe für die Tiere hinzu. Ein Tiergeschäft, sei es klein oder groß, ist ohne Passion für die Tierwelt gar nicht denkbar. Mein Vater war ein ganz besonders ausgesprochener Tierfreund. Das erhellt schon daraus, daß er sich stets Ziegen, eine Kuh und neben anderen Haustieren einen Affen und einen sprechenden Papagei hielt. In den Verschlägen, die zum Aufbewahren der Rauchespäne dienten, stolzierten außerdem ein Paar Pfauen. Die Tierschau war eigentlich schon fertig, noch ehe jemand an ein Geschäft mit Tieren dachte.

Von meinem Vater muß die Liebe zur Tierwelt sicherlih durch Vererbung auf mich übergangen sein. Wenigstens hat sich die Tierneigung in frühester Jugend recht drastisch geäußert. Als zweijähriger Knirps brachte ich eines Tages in meiner Schürze zum Schrecken meiner guten Mutter acht lebendige junge Ratten ins Haus, die mir natürlich sofort abgenommen wurden. Resultat: Ein fürchterliches Geschrei, das erst verstummte, als mir mein Vater dafür ein paar junge Meerschweinchen zum Spielen gab, denn auch von diesen Tierchen hielt er sich eine ganze Zucht zu seinem besonderen Vergnügen.

Etwas später erhielt ich einen lebendigen Maulwurf geschenkt. Als Burg für den neuen Einwohner wurde eine große Tonne voll Sand geschaufelt. Die Hauptsorge war aber auch hier die Magenfrage! Allabendlich pilgerte ich mit meinen älteren Geschwistern zum Heiligengeistfeld, um Regenwürmer zu suchen, und hiermit[2] hielten wir den Maulwurf auch über zwei Monate am Leben. Leider vergaßen wir, während eines schweren Gewitterregens die Tonne zuzudecken, und so ertrank der arme Kerl in seiner eigenen Burg. Dies war die erste kleine Lehre, die ich bezüglich der Behandlung von Tieren empfing. Der Unfall ging meinem kleinen Herzen sehr nahe, und, wenn auch unbewußt, habe ich wohl aus ihm die Lehre zu größerer Vorsicht gezogen.

Als zwölfjähriger Junge erhielt ich ein halbes Dutzend Enten, deren Gefieder sehr schmutzig war. Ich pumpte darum ein leeres Seehunbassin halb voll Wasser, ergriff meine Enten und setzte sie eine nach der anderen ins Bad, wo sie sich vergnügt tummelten. Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich nach etwa zweieinhalb Stunden zurückkehrte und keine Enten mehr vorfand! Mit Hilfe eines alten Wärters suchte ich das ganze Grundstück ab – ohne Erfolg. Da verstieg sich der Wärter zu dem für mich damals sehr merwürdigen Ausspruch: Vielleiht sind die Enten ertrunken. Und richtig, tot fanden wir alle sechs still auf dem Boden des Bassins. Wegen des starrenden Schmutzes hatte das Gefieder nicht genügend durch die natürlichen Drüsen des Körpers eingefettet werden können. Das Gefieder sog sich voll Wasser, und seine Schwere zog die Tiere in die Tiefe. Man hätte sie zunächst nur in ganz seichtes Wasser setzen dürfen. Mein Vater schalt zwar sehr, jedoch hatte es für mich das Gute, mir eine weitere Lehre für die Zukunft zu geben.

Mit dem Seehundgeschäft war der Stein ins Rollen gekommen. In den nächsten Jahren wurden mit Erfolg neue Seehundegefangen, die mein Vater aber nicht mehr ausstellte, sondern an reisende Schausteller und Tierschaubesitzer der damaligen Zeit weiterverkaufte. Von diesen wurden die unschuldigen Tiere auf Messen und Märkten als »Seejungfern« oder gar als »Walrosse« vorgeführt – unter dem taten es diese Leute nicht. Im Juli 1852 wurde ein ausgewachsener Eisbär angeboten, den Kapitän Main mit seinem Walfänger »Der junge Gustav« aus Grönland nach Hamburg gebracht hatte. Für ein solches Ungetüm fand sich damals,[3] als erst drei zoologische Gärten in Deutschland existierten, so leicht kein Käufer. Unternehmungsgeist gehörte schon dazu, in diesen Eisbären sozusagen Geld hineinzustecken. Mein Vater zahlte dem Kapitän nach langem Handeln die geforderten 350 preußischen Taler. Zufällig gelangten um dieselbe Zeit eine gestreifte Hyäne sowie einige andere ebenfalls zu Schiff angekommene Tiere und Vögel in seinen Besitz, und diese ganze Tierschau wurde alsbald auf dem Spielbudenplatz zu St. Pauli in dem damaligen Hühnermärderschen Museum gegen vier Schilling Eintrittsgeld ausgestellt. Nun muß man nicht denken, daß es damals genügte, eine Anzeige in die Zeitung zu setzen und auf das Publikum zu warten. I wo! Ein »Rekommandeur« wurde vor die Tür gestellt, und was für einer! Der damals sehr bekannte Ausrufer Barmbecker wurde in einen roten Frackanzug gesteckt, wie ihn die dänischen Postbeamten als Uniform trugen. In die Hand bekam er ein riesiges Sprachrohr, durch das er in die staunende Menge hineintutete, daß hier der Rieseneisbär aus Grönland, der Schrecken der Eskimos, gegen nur vier Schilling lebendig zu besichtigen sei. Solche Reklame mußte man zu jener Zeit machen, denn der Spielbudenplatz mit seinen Theatern, Karussells und Schaubuden verlangte starke Wirkungen.

An diese Schaustellungen schlossen sich dann alljährlich die Vorführungen auf dem »Hamburger Dom« an, einem Weihnachtsmarkt, der im vorigen Jahrhundert seine ersten Anfänge in den Vorhallen der Hamburger Domkirche gehabt hatte. Deutlich sehe ich noch den mit verschneiten Buden bedeckten Großneumarkt vor mir, wie er sich zur Weihnachtszeit ausnahm. Die Hände in den Taschen, vor Kälte von einem Fuß auf den anderen hüpfend, drängte sich das Jugendvolk vor den lockenden Auslagen mit Zuckerwerk, Spielsachen und duftendem Schmalzgebäck, aber mehr noch vor den mechanischen Theatern, Wachsfigurenkabinetten und Buden mit menschenfresserischen Wilden und seltenen Tieren. Auf dem alten Dom konnte man noch allen Ernstes die »Meerweibchen« und ähnliche Fabeltiere leibhaftig zu sehen bekommen. Vor[4] den Buden gingen die Ausrufer, »Rekommandeure« genannt, hastig auf und ab, denn auch sie froren, und ließen laut ihre einladenden Stimmen erschallen. Einer von ihnen war der »Schauspieler« Schwanenhals oder, wie er sich selbst nannte, Swonenhals, ein origineller Mensch, der sich für alle möglichen Dienstleistungen anwerben ließ. Jetzt also, an einem Winterabend des Jahres 1853, schritt Swonenhals auf dem Großneumarkt vor einer Schaubude auf und ab und rief immer wieder die denkwürdigen Worte in das staunende Publikum: »Immer hereinspaziert, meine Herrschaften! Hier ist zu sehen: das größte Schwein der Welt! So etwas muß man gesehen haben, das ist kolossal, das ist unglaublich, das ist noch nicht dagewesen! Das Riesenschwein, meine Herrschaften, persönlich hier in Augenschein zu nehmen. Erwachsene zahlen einen Schilling, Kinder die Hälfte!« – Diesen Text unterstützte ein mächtiges Schild, auf dem das Schwein, so groß wie ein Nilpferd, abgebildet war.

Was aber das merkwürdigste an dieser Bude auf dem alten Hamburger Dom für mich ist, das ist die Tatsache, daß auch jenes primitive Unternehmen den Namen Hagenbeck trug. Der Unternehmer, der das Riesenschwein auf dem Großneumarkt einem verehrlichen Publikum vorführte, war mein lieber Vater, der das Tier, das in der Tat 900 Pfund wog, von einem alten Tierarzt gekauft hatte. In jenen Jahren pflegte mein Vater die Domzeit nie vorübergehen zu lassen, ohne irgendeine seltene oder merkwürdige Erscheinung aus der Tierwelt auszustellen. Es kamen dabei freilich die ergötzlichsten, heute ganz unmöglich gewordenen Täuschungen vor. Derartige Scherze durfte man sich damals jedoch ohne weiteres erlauben. Man war in der Zoologie noch nicht so gut bewandert wie heute, holte man doch seine Kenntnisse aus umherziehenden Tierschauen, die sich noch ganz andere Unterschiebungen gestatteten. Doch darf man aus dem kleinen Domschwindel, der im lustigen alten Hamburg nichts bedeutete, keine falschen Schlüsse ziehen. Existierte doch auf dem Dom die berühmte Bude »Hamburg bei Nacht«, in die man den Besucher gegen einen Schilling[5] Entgelt vorn hereinließ, um ihn hinten einfach wieder auf die Straße hinauszulassen: Da hatte er Hamburg bei Nacht!

In meiner Erinnerung steht die Gestalt meines Vaters als die eines aufrechten, scharf umrissenen Charakters. Er war ein Mann von unerschütterlichen Grundsätzen und großen Gesichtspunkten. Dankerfüllt muß ich sagen, daß zu allem, was erreicht worden ist, er den Grundstein gelegt hat. In seinem Charakter paarte sich großer Lebensernst mit einer freundlichen Umgangsform. Hinter äußerer Strenge, die mein Vater in der Erziehung seiner Kinder beobachtete, verbarg sich eine große Herzensgüte. Der Stock spielte in der Erziehung keine Rolle, schon durch das Vorbild des Vaters, der ganz aus Tätigkeit, Pünktlichkeit und Sparsamkeit zusammengesetzt war, lernten wir Kinder, in seinem Geiste zu leben. Nur ein einziges Mal entsinne ich mich, Prügel bekommen zu haben; der Vater hatte mich rufen lassen, und ich war trotzdem nicht rechtzeitig zu Tisch gekommen. Seitdem gewöhnte ich mich an strenge Pünktlichkeit. Ganz besonders wurden wir zum Sparen angehalten; nichts, was irgendwie von Wert sein konnte, durfte verlorengehen. So wurden zum Beispiel die Nägel, die sich beim Öffnen der Kisten krumm bogen, wieder gerade geklopft und noch einmal verwendet. Als eine Art Talisman trug mein Vater das erste größere Geldstück, das er in seiner Jugend verdient hatte, stets in der Tasche, und als ein teures Vermächtnis ist dieses alte Geldstück jetzt mein ständiger Begleiter.

Für die Arbeit, die wir Kinder schon frühzeitig im Geschäft leisten mußten, erhielten wir eine bestimmte Entlohnung, die jedes Kind eigenhändig in eine tönerne Sparbüchse stecken mußte. Zu Weihnachten wurden dann diese Spardosen zerschlagen und das Geld in Silber und auch Golddukaten umgewechselt. Die meinigen besitze ich heute noch. Wir waren drei Knaben und vier Mädchen. Meine Mutter starb im Frühling 1865. Durch eine zweite Ehe, welche mein Vater später wieder einging, besitze ich noch zwei Halbbrüder, John Hagenbeck, der später nach Colombo auf Ceylon auswanderte, und Gustav.[6]

Meine ganze arbeitsreiche Knabenzeit hat sich zwischen dem Fischgeschäft, das aus kleinen Anfängen zu beachtlicher Größe erwuchs, und dem beginnenden Tierhandel abgespielt. In die Schule ging ich nur, wenn Zeit dazu vorhanden war, höchstens drei Monate im Jahre. Die Elementarweisheiten wurden mir in einer Mädchenschule, bei Mutter Feind in der Friedrichstraße auf St. Pauli, eingetrichtert. Erst von meinem zwölften Jahre ab erhielt der Schulbesuch mehr Regelmäßigkeit. Mein Vater verschloß sich keineswegs dem Segen der Bildung, aber er stellte ganz im heutigen Geiste den frühzeitigen praktischen Erwerb ebenso hoch. Er pflegte zu sagen: Pasters süllt je nich warden, aber reeken und schriben mut je könen! Als später das aufblühende Geschäft Verbindung mit Frankreich und England anknüpfte, bewährte sich der weite Blick meines Vaters, und da hieß es: Dat nützt nix, englisch und franzeusch mußt du oock noch leern. In den wenigen noch übrigbleibenden Schuljahren wurde dann der Grund in den höheren Fächern und auch in Sprachen gelegt, allein in der Hauptsache blieb der Erwerb derjenigen Kenntnisse, die zu einer ausgebreiteten Geschäftsbetätigung nötig sind, jener hohen und höchsten Schule vorbehalten, die man praktisches Leben nennt.

Die Haupttätigkeit im Fischgeschäft fiel in den Sommer. Damals kamen noch massenhaft die jetzt brandteuren Störe auf den Markt, und mein Vater war einer der Hauptabnehmer. Er hatte sogar eine Anzahl von Fischern gegen festes Gehalt in seinem Dienst, die alles, was sie fingen, kontraktlich abliefern mußten. Von März bis Juli zogen die Fische aus der Nordsee elbaufwärts, um zu laichen. Wir kauften und verarbeiteten in jeder Saison 4000–5000 Störe. Unter Verarbeitung ist die Gewinnung des Kaviars und das Räuchern des Fleisches zu verstehen. Ein Pfund geräuchertes Störfleisch galt damals bereits als teuer, wenn es nach heutigem Gelde mit zweiunddreißig bis vierzig Pfennig bezahlt werden mußte. Ich stand schon damals als zehnjähriger Junge mitten im Geschäft. Oft bin ich mit den Fischkuttern hinausgefahren zum Fang und habe mit meinen Knabenhänden die mit harten Schuppen gepanzerten[7] Riesenfische aus den Netzen herausziehen helfen. Den Stören wurde dann ein Tau durch das Maul gezogen, so daß sie schwimmend dem Boote folgen mußten. Einmal fingen wir in der Nähe von Glückstadt ein Riesenexemplar, welches die stattliche Länge von dreizehn Fuß1 und eine entsprechende Stärke besaß. Das Einholen des Kolosses, dem die Fischer einen Haken in den Rücken schlugen, ward zu einem Kampf. Die Beute entpuppte sich als ein Rogenstör. Als wir ihm den Bauch aufschlitzten, quollen in einer großen schwarzen Walze etwa zweieinhalb Eimer Kaviar hervor, der damals mit zwölf preußischen Talern je Eimer (15 Liter) bezahlt wurde. Auf die frühen Jagdfahrten ist vielleicht meine Vorliebe für die See und die sportliche Hochseefischerei zurückzuführen, die mich noch kürzlich an den Gestaden des Mittelmeeres bei einer Haifischjagd beinahe das Leben gekostet hätte.

Von Mitte Juli ab begannen die Aale den Stören die Herrschaft streitig zu machen. In dieser Zeit, bis etwa Ende September, erhielt mein Vater große Aalsendungen aus Jütland, zuweilen wöchentlich bis zu 10000 Pfund, die in Säcken verpackt waren. Bei dem Reinigen und Verarbeiten der Fische mußten wir Kinder alle mit heran. Auch im Herbst und Winter konnten wir die Hände keineswegs in den Schoß legen. Heringe und Sprotten waren auf Eisendrähte zu ziehen. Mir kribbelt es noch in den Fingern, wenn ich an diese herrliche Arbeit zurückdenke. Man mußte die Fische nämlich aus einem eisigen Pökel, worin sie eingesalzen waren, herausnehmen und auf ebenso kalte Eisendrähte aufreihen. Da gab es manchmal verfrorene Hände. Aber Spaß machte die Sache uns Kindern doch. Es wurde sogar um die Wette gearbeitet, denn für jede zehn vollgezogenen Drähte erhielten wir einen Hamburger Schilling als Arbeitslohn.

Von diesen Jugenderinnerungen kann ich unmöglich scheiden, ohne zweier bekannter, ja damals berühmter Hamburger Originale zu gedenken, die seltsamerweise mit unserm Hause ebenso verwachsen[8] sind wie der Hamburger Dom. Der eine war der alte »Aalweber«, einer unserer treuesten Kunden. Ich sehe ihn noch vor mir mit seiner hellen Jacke, seiner roten Weste und auf dem Kopf den hohen weißen Filzhut. Am Arm trug er stets den von einer Serviette bedeckten Korb mit leckeren Räucheraalen. Es gab in Hamburg keinen Menschen, der nicht einmal am Lämmermarkt- oder Waisengrüntage vor Aalwebers Bude in der Kirchenallee zu St. Georg, wo später das Deutsche Schauspielhaus erbaut wurde, erschienen oder sonst zu dem Genuß Aalweberscher Aale gekommen wäre. Wohl niemals hat sich irgendein Straßenverkäufer, der es verstand, in einem unendlichen Singsang von originellen Knüppelversen seine Ware anzupreisen, größerer Popularität erfreut. In einem Theater der Steinstraße brachte man Aalweber, von einem jungen Schauspieler treffend dargestellt, auf die Bühne, und das Stück – es hieß »Gustav oder der Maskenball« – hatte einen ungeheuren Zulauf.

Das zweite Original war Dannenberg. Es wird mir schwer, diesen ganz seltsamen Menschen zu schildern, obschon ich ihn in meiner Knabenzeit so genau kennengelernt habe wie wenige. Dannenberg wohnte im zweiten Stock unseres Hauses in der Petersstraße, und ich hatte natürlich stets freien Eintritt bei ihm. Schön war der berühmte Mann gerade nicht, denn sein von einem schwarzen Backenbart umrahmtes Gesicht wurde durch eine eingesunkene Nase entstellt. In den Ohren trug er kleine Ringe, wie man es heute noch bei Seeleuten sieht. Dem unschönen Äußeren stand aber ein um so anständigeres Innere gegenüber. Es gab keine Arbeit, die dieser Mann, der eigentlich von Beruf Schauspieler war, nicht für Geld und gute Worte angegriffen hätte. Wenn ein Kind oder ein Hund sich verlaufen hatte, wenn irgendwo frisch eingetroffene Eßwaren angekommen waren, wenn etwas versteigert wurde: Dannenberg kündigte alles an. Gab es nichts auszurufen, dann sah man den Tätigen Holz zerkleinern, beim Umzug helfen oder allerhand andere Verrichtungen besorgen.

Eine besondere Aushilfestellung hatte Dannenberg bei meinem[9] Vater. Natürlich mußte er auch hier zunächst den Ausrufer spielen: Hört, Lüd! Frisch gerökerte warme Neesen! Bi Hogenbeck in de Peterstroot giwt dat acht dicke, fette, warme Neesen für eenen Schilling! Zu anderen Zeiten hatte dieser »Mann für alles« uns drei älteste Kinder zu beaufsichtigen. Die Glanzzeit Dannenbergs begann aber erst nachmittags, denn nun verwandelte sich der Ausrufer und Hilfsarbeiter in den Theaterdirektor, dessen problematischer Ruhm selbst in die Annalen der Hamburger Theatergeschichte Eingang gefunden hat. Wenn Dannenberg, als Ritter der Vorzeit gewandet, im blanken Harnisch, den Helm auf dem Haupte und das gewaltige Schwert an der Seite, die versunkene Nase durch rote Schminke verdeckt, vor seinem Elysium-Theater auf St. Pauli stand – dann war er nicht wiederzuerkennen! Man entdeckte den St. Paulianer Ausrufer in ihm erst wieder, wenn er den Mund öffnete und das Publikum, diesmal in gewähltem Hochdeutsch, seine Stimme immer drohender steigernd, zum Besuch der großen Tragödie einlud: Eintrittsgeld erster Platz vier, zweiter Platz zwei und letzter Platz, ich schäme mich fast, es zu sagen, nur einen Schilling! Mehr als einmal habe ich als Galeriebesucher den Aufführungen beigewohnt und die heitersten Szenen miterlebt. Mitten in die hochtrabendsten Ritterdialoge sausten zuweilen vom hohen Olymp herab faule Äpfel und Eier auf die Bühne. Während die Vorstellung unterbrochen wurde, stürmten im Laufschritt die Schauspieler zur Galerie, um die Übeltäter an die Luft zu setzen. Das war also Dannenberg, und wer mehr über ihn hören will, findet eine gute Charakteristik und die heitersten Episoden in Borcherdts Werk »Das lustige alte Hamburg« verzeichnet.

Im Herbst des Jahres 1858 entsprang aus einem Wagen der damals bekannten Kreutzbergschen Tierschau auf dem Transport nach Hamburg der Löwe »Prinz«, ein prächtiges ausgewachsenes Tier. Die erste Tat war die, daß er dem Pferde, welches den Wagen zog, an die Gurgel sprang und sich festbiß. Ein kaltblütiger Bursche, welcher den Wagen begleitete, der später unter dem Ehrentitel »Der Löwe von Hamburg« bekannt gewordene Heinrich Rundshagen,[10] warf dem Raubtier eine Schlinge um den Hals und erdrosselte es. Merkwürdigerweise zeigte man später nicht nur den ausgestopften Löwen für Geld, sondern auch Rundshagen, dem sein Heldentum zu Kopf gestiegen war, ließ sich für Geld sehen. In dem Dezember also, der auf diese weltbewegende Begebenheit folgte, ersann mein Vater eine ganz großartige Schaustellung für den Hamburger Dom, die heute natürlich keine Katze anlocken würde. Mit Hilfe des alten Schusters Baum – auch er war so ein Original des alten St. Pauli – wurde eine Nachahmung des Löwenrittes fabriziert und in einer Bude gegen einen Schilling Eintrittsgeld gezeigt. Das ganze Kunstwerk bestand aus einer alten ausgestopften Löwenhaut, die am Nacken eines noch betagteren ausgestopften Schimmels befestigt wurde. Beide Tiere entstammten dem Hühnermärderschen Museum, nur die Stellung wurde etwas umgeändert, und die Blutspuren am Nacken des armen Schimmels stellte man durch aufgetropften Siegellack her. Dieses Unternehmen erwies sich als außerordentlich einträglich. Dem Publikum gruselte vor Entsetzen, und der Löwenritt war wohl das beste Weihnachtsgeschäft, das mein Vater auf dem Dom bis dahin gemacht hatte.

Während einer anderen Domzeit kam wieder einmal das beliebte Riesenschwein dran. Dieses Mal war es ein großer Eber der englischen Yorkshire-Rasse, die bekanntlich nur schwach mit Borsten geschmückt ist. Dadurch kam einer der Arbeiter meines Vaters auf die originelle Idee, das Tier als eine ganz besondere Merkwürdigkeit, nämlich als »nacktes Riesenschwein« zu zeigen. Zu diesem Zweck wurden dem Eber die letzten Haare abrasiert. Er quiekte jämmerlich dabei, denn er war vorher nicht eingeschmiert. Auf dem Schilde, das oberhalb der Bude angenagelt wurde, befand sich natürlich ein Porträt des glattrasierten Ebers und darunter die schönen Verse:


Oft sah man schon ein großes Schwein,

Doch niemals diesesgleichen.

Drum tret ein jeder hier herein,

Die Größe zu vergleichen.
[11]

Große Reichtümer wurden bei derartigen Schaustellungen nicht gewonnen. Doch blieben immerhin einige hundert Mark übrig, die als Zuschuß zu den Winterspesen höchst willkommen waren.

Langsam begann nun neben der Fischhandlung das Tiergeschäft sich zu entwickeln, wobei allerdings ein schriftlich angebotener Ara2 große Verlegenheit verursachte, denn wenn es über die heimischen Fische hinausging, so waren unsere zoologischen Kenntnisse erst im Werden. Auf kleine Geschäfte folgten größere, und die meisten waren mit Reisen verbunden, an denen ich schon als Knabe und Gehilfe meines Vaters teilnahm. Von da ab hat sich mein halbes Leben sozusagen auf der Walze abgespielt. Stets habe ich mündliche Verhandlungen, Auge in Auge, der Schreiberei vorgezogen und damit die besten Erfolge erzielt. Ehe sich's jemand versah, saß ich schon auf der neumodischen Eisenbahn oder dem Dampfschiff. Seit meiner Knabenzeit hat sich, wie ich glaube, diese Eigenschaft nicht im mindesten verändert. Meine erste Geschäftsreise machte ich als elfjähriger Junge in Begleitung meines Vaters nach Bremerhaven. Hier hatte ein Schiffslieferant namens Garrels einige Tiere zu verkaufen. Damals mußte man noch, um mit der Eisenbahn von Hamburg nach Bremen zu gelangen, einen Umweg über Hannover machen. Eine Fahrt nach Bremen war unter diesen Umständen damals schon eine kleine Reise. Wir kauften einen großen Waschbären, zwei amerikanische Opossums3, einige Affen und Papageien, die mit dem Dampfboot zunächst nach Bremen gebracht wurden. Hier bestiegen wir die Postkutsche, auf deren Verdeck die kleine Tierschau kreischte und zeterte. Nachdem die »Diligence« die ganze Nacht hindurch gerasselt war, entdeckten wir am anderen Morgen in Harburg, daß der Waschbär sich während der Nacht zwischen den Holzstäben hindurchgenagt und das Weite gesucht hatte. Nie werde ich das Gesicht meines Vaters vergessen, als er, sich hinter den Ohren kratzend, mit verlorenen Blicken den leeren[12] Kasten besah. Der Waschbär war und blieb indes verschwunden, und man durfte nicht einmal Lärm schlagen, weil einem sonst ein ganzer Rattenschwanz von Prozessen hätte an den Hals geworfen werden können. Wirklich hat sich der Waschbär noch volle zwei Jahre als freier Herr in der Lüneburger Heide umhergetrieben, bis man das seltene Wild erlegte. Wir lasen es in der Zeitung, verhielten uns aber natürlich mäuschenstill, und niemand außer meinem Vater, dem Postillion und mir erfuhr jemals, wie der Waschbär in die Heide gelangt war.

An ähnlichen Episoden, die sich aber meistens in unserem Hamburger Hause abspielten, war überhaupt kein Mangel. Mitten aus dem schönsten Schlummer wurden wir einmal von einem Nachtwächter aufgerüttelt, der uns schreckensbleich mitteilte, daß beim Millerntor in der Nähe des Stadtgrabens ein großer Seehund umherrutsche. Sogleich machten sich mein Vater und ich auf den Weg, und wir konnten den Flüchtling eben noch erwischen, als er gerade die steile Wallböschung zum Stadtgraben hinabrutschen wollte. Es war keine schwere Arbeit, das Tier in einem unserer Seehundnetze zu verwickeln und nach unserem Quartier am Spielbudenplatz zurückzubringen.

Ein andermal war uns eine Hyäne ausgebrochen. Mein Vater bekam keinen geringen Schreck, denn wir hatten damals noch keine Erfahrung in dem Umgang mit solchen Raubtieren. Auf die Hilfe des alten siebzigjährigen Wärters war nicht zu rechnen. Darum begleitete ich meinen Vater, bewaffnet mit einem Seehundnetz, und meine Schwester hielt die Stallaterne. Mit langen Knüppeln scheuchten wir das entsetzlich heulende Tier unter einem Kasten hervor, und in dem Augenblick, als es sich voll Wut auf meinen Vater stürzen wollte, konnte ich der Hyäne das Netz überwerfen. Das ganze Abenteuer spielte sich aber durchaus nicht so rasch ab, denn todmüde kehrten wir erst um acht Uhr in der Frühe in unser Heim zurück. So harmlos und ohne Wunden ging es leider nicht immer ab. Wir zahlten unser Lehrgeld in blauen Flecken und oft schmerzhaften Biß- und Kratzwunden. An diese kleinen Abenteuer mögen[13] sich noch zwei Bärengeschichten anschließen, womit ich allerdings der Zeit etwas vorgreife, denn sie fanden erst einige Jahre später, 1863, am Spielbudenplatz statt.

Ein Proviantmeister der Hapag4 brachte aus New York fünf große dressierte Bären mit. Es waren zwei Grislybären, zwei Zimmetbären und ein schwarzer Baribal5. Alle stammten aus dem Besitze des in Amerika damals überall populären »Grisly-Adams«, eines alten Trappers, der sie jung gefangen und dressiert hatte und dann mit ihnen jahrelang in den Vereinigten Staaten umhergezogen war. Nach dem Tode des Trappers waren die Bären zur Versteigerung und auf diese Weise in den Besitz des Proviantmeisters gekommen. Die gekauften Tiere wurden bei uns auf dem Hofplatz untergebracht. Eines Nachts brach einer der mächtigen Grislybären aus einem Käfig aus und machte sich's auf dessen Dach bequem. Ein in der Nähe wohnender Schuhmacher war von dem Getöse aufgewacht und hatte mit Entsetzen den aus seinem Käfig brechenden Meister Petz beobachtet. Außer Atem brachte er uns die Nachricht. Glücklicherweise, kann man hier sagen, war der Bär blind. Meinem Vater kam nun der rettende Gedanke, ein halbes Schwarzbrot auf eine Futtergabel zu stecken, und hinter diesem Köder, dem der Bär schnuppernd folgte, spazierte er friedlich in seinen neuen Käfig.

Wenige Tage später aber kam ich selbst an demselben Platz zu meinem ersten Bärenabenteuer. Ich sollte einen russischen Bären zur Reise »verpacken«. Stundenlang mühte ich mich, das Tier mit einem Umsetzkasten in seinen Reisekäfig zu locken, doch der Bär verspürte nicht die geringste Neigung zu einem Wohnungswechsel. Die Zeit drängte. Wollte ich das Tier noch rechtzeitig zur Bahn schaffen, so mußte gehandelt werden. Ich sperrte den Hof ab,[14] öffnete das Gitter des Käfigs und warf dem Bären kleine Stücke Zucker vor. Mein Bär kam aus seinem Kasten heraus und fraß im Weiterschreiten ein Stück Zucker nach dem anderen auf. Als er sich eben wieder nach einem Stück bückte, packte ich ihn mit der einen Hand im Genick, griff mit der anderen in den Pelz des Rückens und wollte den Bären mit Gewalt in den Käfig drängen.

Ich hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und es kam zu einem regelrechten Duell. Der Bär war weit stärker, als ich geglaubt hatte. Er sträubte sich in der ersten Überraschung, drehte sich dann aber um und packte mich mit seinen Vordertatzen. Im nächsten Augenblick war der schönste Ringkampf im Gange. Die Kleider flogen mir in Fetzen vom Leibe. Wütend biß und kratzte das Tier, und ich empfing meine ersten ernstlichen Wunden. Der Wärter, den ich um Hilfe rief, warf nur einen Blick auf die kämpfende Gruppe und suchte mutig das Weite! Ich ließ indes nicht locker. Mit Einsetzung aller meiner Kräfte warf ich mich auf das wütende Tier und zeigte ihm endlich den Meister. Der ungeschliffene braune Flegel hatte mich fast ausgezogen, und ich blutete aus vielen glücklicherweise ungefährlichen Wunden. Für die Folge habe ich aber nicht wieder versucht, Bären aus einem Käfig in den anderen auf diese Weise »zu locken«.

Niemand kann ermessen, und es läßt sich auch gar nicht schildern, mit wie vielen kleinen und großen, ich möchte sagen, technischen Schwierigkeiten das beginnende Tiergeschäft auf Jahre hinaus zu kämpfen hatte. Alles, was wir heute in bezug auf den Tiertransport und die Tierbehandlung wissen, mußte damals erst in der Praxis ausprobiert und mit Fehlschlägen und Opfern bezahlt werden. Der damalige Mangel an Erfahrungen hatte nun leider nicht nur derartige kleine Abenteuer und Unfälle im Gefolge, sondern bildete auch für das Geschäft in seiner Gesamtheit einen schwer zu überwindenden Hemmschuh. So wichtig war dieser, daß mein Vater im Jahre 1858, ein Jahr vor meiner Konfirmation, allen Ernstes erwog, die Tierhandlung wieder an den Nagel zu hängen und sich auf das Fischgeschäft, das ja inzwischen seinen Fortgang[15] genommen hatte, allein zu beschränken, ob wohl das Tiergeschäft bereits größeren Umfang angenommen hatte. Die Zukunft des ganzen Tierhandels stand also auf der Wippe. Aus diesem Gedanken heraus fragte mich denn eines Tages mein Vater, für welchen Teil unseres Unternehmens ich mich künftig entscheiden wolle. Er setzte mir in väterlicher Weise seine Erfahrungen auseinander und gab mir den Rat, mich dem Fischgeschäft zuzuwenden.

Ich bin aber sicher, er tat dies mit schwerem Herzen und nur deshalb, um mir Enttäuschungen zu ersparen. Wie er selbst, war ich schon viel zu eng mit dem Tiergeschäft verwachsen und liebte den gewohnten Umgang mit unseren Tieren schon viel zu sehr, um auch nur dem leisesten Gedanken an eine Aufgabe dieses Geschäftszweiges Raum geben zu können. Ich entschied mich also kurzerhand für die Fortführung des Tiergeschäftes und fand, da ich der Liebling meines Vaters war, seine Zustimmung, allerdings unter der Bedingung, daß er bei einem eventuellen späteren Verluste nicht mehr als 2000,– Mark zuzuzahlen brauche. An Vertrauen zu mir, obwohl ich noch ein Knabe war, fehlte es meinem Vater nicht, und mir nicht an Feuereifer, fortan selbständig zu arbeiten.

Bereits vor einem Jahr, als mein Vater in Wien von dem damaligen soeben heimgekehrten Afrikaforscher Dr. Natterer seinen ersten Tiertransport aus dem ägyptischen Sudan gekauft hatte, hatte auch ich mein erstes absonderliches, aber nicht schlechtes Geschäft absolviert. Die Absonderlichkeit mag man meiner dreizehnjährigen Jungenhaftigkeit zugute halten. Ich kaufte im Hamburger Hafen von einem gerade aus Mittelamerika zurückgekommenen Schiffsjungen 280 große Käfer, die in drei Zigarrenkästen verpackt waren. Den Jungen machte ich mit zweieinhalb Hamburger Schilling per Stück, das sind zwanzig Pfennige nach heutigem Gelde, überglücklich. Als ich aber meinem Vater diesen Einkauf zeigte, war er durchaus nicht sehr erbaut davon und sagte: »Nun, was du an diesen Kakerlaken verdienst, das kannst du für dich behalten.« In diesem Falle hatte sich mein Vater aber doch getäuscht. Zunächst zeigte ich die Sammlung dem Bäckermeister Dörries, der ein großer Kenner[16] und Sammler von Käfern und Schmetterlingen war. Er meinte, ich müsse mindestens ein bis zwei Mark für jeden Käfer erzielen können, wenn ich die Sammlung zu dem damals größten Muschel- und Naturaliengeschäft in Deutschland, namens Breitrück, tragen würde. Kurz, ich verkaufte meine Käfer wirklich und erhielt nicht weniger als hundert Taler. Später hörte ich, daß die Sammlung für einen weit höheren Preis an den Londoner Tierhändler Jamrach weitergegangen war. Dieser kaufte von meinem Vater auch einige Tiere aus dem Afrikatransport. Andere fanden ihre Liebhaber in verschiedenen Tierschaubesitzern. Die Antilopen, Gazellen und Affen dagegen sowie auch ein paar Jagdleoparden rollten in ihren Transportkästen zum Amsterdamer Zoologischen Garten, dessen Direktor, der gute alte Dr. Westermann, uns im Jahre zuvor in Hamburg besucht hatte. Da mein Vater mit dem Fischgeschäft alle Hände voll zu tun hatte, machte ich die Honneurs, und der alte Herr schloß mich derart in sein Herz, daß er meinen hinzutretenden Vater bat, mich unter seiner Leitung in Amsterdam Zoologie studieren zu lassen. Seine Tierhäuser waren wahre Musteranlagen. Die Freundschaft, die von meiner Seite mehr eine Verehrung für den alten holländischen Gelehrten war, erwies sich als dauernd, und so wurde in den späteren Jahren fast alles, was der Amsterdamer Zoo an Tieren benötigte, bei mir gekauft.

Nachdem ich also im März 1859, fünfzehnjährig, die Schule verlassen hatte, ward es Ernst. Ich widmete mich ganz dem Tierhandel, während mein Vater nur noch dem Fischgeschäft vorstand. Seine Neigung aber gehörte nach wie vor dem Tiergeschäft, und sein Rat blieb maßgebend. Niemals war ich froher, als wenn ich mir durch ein glücklich beendetes Geschäft das Lob meines Vaters verdient hatte. Bis an sein Lebensende blieb er der gütigste Berater und rastlose Mitarbeiter. Und wie er den Grundstein zu dem materiellen Geschäft gelegt hat, so hat er auch den Grundstein zur Tätigkeit, zur Beharrlichkeit und zum Maßhalten ge legt und die Liebe zur Tierwelt in unsere Herzen gepflanzt, so daß alle späteren Erfolge auf ihn zurückgehen, der längst unter dem Rasen schlummert.

Fußnoten

1 Ein Hamburger Fuß = 28,66 cm; der Stör muß also rund 3,73 m lang gewesen sein!


2 Ara, auch Arara: große Papageienart Süd- und Mittelamerikas, fast ausnahmslos sehr bunt im Gefieder, mit sehr kräftigem Schnabel


3 Opossum: Beutelratte, in Amerika beheimatet


4 Hapag: Abkürzung für »Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft«, 1847 in Hamburg gegründete Reederei, die 1856 monatliche Dampfschiffahrten zwischen Hamburg und New York und 1871 eine direkte Verbindung nach Westindien einrichtete; heute wieder eine der größten westdeutschen Reedereien; Aktienmehrheit seit 1958 im Besitz der Deutschen Bank.


5 Baribal: Schwarzbär


Quelle:
Hagenbeck, Carl: Von Tieren und Menschen. Leipzig 1967, S. 17.
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