Stettiner und Stralsunder Jugendzeit

Obwohl mir die Schülerzeit eigentlich wie eine einzige Kette mehr oder weniger gelungener dummer Jungensstreiche vorkam und geschaffen gleichsam zur Auswahl treuer Lebensgefährten für eine voraussichtlich recht lange Lebenslaufbahn, habe ich doch eigentlich dem Unterricht immer ein gewisses Interesse entgegengebracht, weniger der faden Disziplinen, als der Persönlichkeiten der Lehrer wegen, an denen irgendeine humoristische Seite scharf herauszufinden, ich eine große Neigung hatte, welche natürlich auf meine Mitschüler stark infektiös wirkte, so daß die Klasse, welche ich im Gymnasium betrat, wohl stets den Ruf einer besonderen Rüpelvereinigung erwarb. Aber wir waren nicht bösartig, und da die meisten unserer Lehrer bei meinen Eltern an den dienstagabendlichen Jours teilnahmen, wo bei Tee und Brötchen und einem Fäßchen echt Stettiner luftdichten Bieres Philosophie und Ästhetik getrieben wurde, bei welchen ich, mein Freund Otto Vorpahl und Gustav Heinrich mit herumstehen und lauschen durften, so blieb zwischen den Herren Lehrern und mir immer meinerseits eine Zone unverletzlichen Respektes bestehen. Mein Vater achtete die Herren von der anderen Fakultät sehr, und es ist wohl wichtig für die Erziehung, daß die Eltern den Erziehern ihrer Kinder diejenige Ehrfurcht bezeugen, welche für das freiwillige Hinnehmen und Verarbeiten aller Details der sogen. Wahrheiten unbedingt erforderlich ist. Auf diesen Jour-Abenden trug meines Vaters Freund, Dr. Wißmann, der Kunstpfeifer und Aristophanes-Übersetzer, Koloraturarien vor und rezitierte Szenen aus den »Wolken«, den »Vögeln«; Dr. Pfundtheller, ein Neuphilologe,[81] verlas eigne Übertragungen französischer Chansons, namentlich Béranger lernte ich hier besonders lieben; der alte Giesebrecht las eigene Balladen und Oratorien, mein Vater debattierte mit meinem Onkel, dem Pastor Hermann Friedrichs, einem großen Original und konversationslexikonartigen Polyhistor, über Religionsfragen mit großer Heftigkeit: diesen Debatten folgte ich mit glühendem Kopfe, denn ich liebte und achtete alle diese Männer sehr, und ich kam mir vor wie ein Laienschüler in einem Konvikt geweihter Gelehrter. Es ist ganz sonderbar, wie tief manche Argumente für und gegen den lieben Gott und die Unsterblichkeit in mein junges Gemüt einschlugen,1 so daß ich noch heute die Stelle am Sofa in unserer Wohnung in der Großen Wollweberstraße Nr. 22 in Stettin bezeichnen könnte, an welcher mein Onkel Friedrichs ausrief: »Hat doch ein Voltaire selbst behauptet, daß, wenn es keinen Gott gäbe, man extra einen erfinden müßte, so tief steckt der Gottesglaube den Menschen im Herzen!«, worauf mein Vater heftig antwortete: »Das beweist weder für die Existenz eines Gottes noch seine Weisheit das allergeringste, es ist höchstens ein Beweis für die Feigheit der Menschen!« Solche und ähnliche Argumente konnten mich tagelang beschäftigen und warfen ihre Reflexe auch in die Religionsstunden und später, bis heute, in meine philosophischen Betrachtungen, wodurch mir derartige Diskussionen immer sehr viel interessanter erschienen sind als meinen Mitschülern, die es nicht begriffen, wie man über solche »abgetanen« Dinge »noch« grübeln könne. Man sieht, daß auch das Elternhaus viel tun kann, die trockenen Disziplinen der Schule lebendig zu erhalten.[82] Da mein Vater ein großer Naturfreund und Spezialist für Kleinschmetterlinge war, erwachte gleichzeitig mein Interesse für die Natur sehr früh, und spielend brachte er mir das Gemeinsamkeitsleben von Pflanze und Tier, die Rolle des Milieus bei allen Lebewesen zur Anschauung, so daß ich den Stunden für Physik, Chemie und Naturkunde ein sehr lebhaftes Interesse entgegenbrachte. Überhaupt habe ich dank der enormen Übersicht, die mein Vater über fast alle Gebiete des Wissens hatte, fast spielend durch ihn die Richtlinien zur Orientierung erhalten. Freilich kniete er mit uns am Boden über Globi, Planetenmodellen, Sterntafeln und Atlanten und dozierte in eins weg vom Kap der Guten Hoffnung bis zum Nordpolarstern, unsere jungen Seelen durch den ganzen Weltraum schleifend. Diese Art des Forschens (d.h. lang auf dem Bauch über den Teppich gestreckt) in Vaters großem Studierzimmer, wo auch Skelette, große Reflektorenspiegel, Retorten und Chemikalien standen, vor mir ausgebreitet ein Atlas, ein Band Brehms Tierleben, eine Biographie Goethes etwa, habe ich viele Jahre, bis in mein sogen. reiferes Alter beibehalten. Mein Vater rutschte einfach zu uns nieder mit seinem gemütlichen: »Na, was habt ihr denn da?« und fing an zu dozieren. Mein Vater besaß, glaube ich, damals die ganze Goetheliteratur komplett, und da er selbst Zeit seines Lebens ein großer Goetheschwärmer geblieben ist, machte ich natürlich schon früh, mit nacktem Fuß, meine ersten Zehentippversuche in diesen Ozean der in einer göttlichen Brust widergespiegelten Welt. Da meine Mutter eine eifrige Verfechterin der angeblich durch Goethe oft gekränkten Frauenrechte war, so ließen mich diese Kontroversen bei den Mahlzeiten manches aus Goethes Leben früher schon intensiver beleuchtet sehen, als dies Biographien zu wagen pflegen. Es mag wohl unvorsichtig von meinen Eltern gewesen sein, einen 10–12jährigen lebhaften Jungen bei solchen Auseinandersetzungen Zeuge sein zu lassen, es umhüllte mir aber alle Goetheschen Beziehungen mit dem[83] Reize einer Stellungnahme zweier so verschiedener und doch so innig geliebter Wesen zu ihm, wie Vater und Mutter es waren, auch zu anderen Personen und Erlebnissen großer Menschen der Vergangenheit. Rücksicht auf unsere Kinderohren wurde überhaupt nicht genommen. Mein Vater ließ uns frei aufwachsen wie Piratenkinder. So hatten wir denn auch ganz intime Beziehungen mit den sogen. Straßenkindern, konnten da beliebig Freund und Feinde wählen und tauschten die Nachteile einer nicht immer tadellos reinlichen Leibeshaltung mit einer gewissen Dressurlosigkeit unserer geistigen Neigungen und Gepflogenheiten ein. Wir waren gewissermaßen für zwei Klassen eingestellt. Wir konnten uns sehr sein benehmen, wenn's Not tat, aber auch höchst anstößig, wenn's die Situation so mit sich brachte. Dieses Zweiseelensystem habe ich nie ganz aufgegeben, und noch heutzutage verbringe ich gern einmal einen Abend in der tollsten, wenn nur geistreichen Bohême der Großstadt. Ich komme mir dann öfter vor, wie ein bürgerlicher Renegat und ein bummelnder Bourgeois. Hier versammeln sich bei Frau Maenz in der Augsburger Straße mein lieber Jacques Fränkel, mein Verleger Rowohlt sowie eine große Zahl bedeutender Künstler, wie Paul Wegener, Jannings, Krauß, Tiedtke und Stahl-Nachbaur neben den Malern Goetz, Orlik, Heuser. Auch die führenden Kinoleute und die Dramatiker sind hier Stammgast. Ein anderer Kreis tagt im Kl. Xantner am Savignyplatz um Franz Evers, Möller v. d. Bruck, Däubler und andere, meist viel jüngere, strebende Geister, als ich. Aber es ist für mich ein schäumendes Bad im Meer brausender junger Gedanken, was mich Alten immer wieder einmal zwingt, in dem Kreis dieser genialen Jugend Auffrischung zu suchen. Nur gut, daß um 1/2 12 alles aus ist. Es würden sonst gewiß philosophische Nächte daraus werden, von denen ich doch nicht weiß, ob ich ihnen noch gewachsen wäre. Ich habe nicht die Empfindung, daß ich in diesen Symphonien von Geist und Humor unwillkommen meinen alten Baßgeigenpart übernehmen darf.[84]

Jedenfalls habe ich in Stettin von irgendeinem Erziehungszwang nichts empfunden. Ich wußte nicht einmal, war ich eigentlich faul oder fleißig? Es flog mir eben das meiste so an, ich machte es mit, weil die andern es taten. Meine eigentliche Kindersehnsucht war auf die Welt da draußen gerichtet, an dem Hafen, im Boot, in den Wäldern zigeunerartig, wie in Kalkofen, dahin zu pendeln und zu träumen. Früh aber erwachte in mir eine ernste Leidenschaft zur Musik, deren Ursprung mir eigentlich nie recht klar geworden ist. Mein Vater war zwar musikalisch, hatte gleich seinem Bruder Johannes, der dann Sänger wurde, eine sehr schöne weiche Tenorstimme, meine Mutter war eine Lieblingsschülerin Carl Löwes, als blutjunge sehr hübsche Frau – alle Verwandten bezeugten mir, daß sie etwas überaus frisches, gesundes und geistsprühendes gehabt habe –, aber beide hatten doch nichts von diesem meinem ganz elementaren Trieb, unter allen Umständen in die Geheimnisse der Musik, ihr Gefüge, in die Geistigkeit ihrer Sprache eindringen zu wollen, der mich zeitlebens nicht verlassen hat und der mich dann auch, freilich unter unendlichen Schwierigkeiten schließlich autodidaktisch zu einer Kenntnis des Instrumentierens und Partiturlesens geführt hat mit einer gewissen Zähigkeit, die namhafte Musiker schon erstaunen gemacht hat. Immer erfolgte das gleiche Kopfschütteln: »Aber wie kommen Sie nur zu dieser Technik?« Ob vielleicht die Kalkofener Zigeuner, der alte Harfner, die tote Mignon und der gefangene Jungo mir diese Musiksehnsucht eingepflanzt haben? Frühzeitig erhielt ich etwas Klavierunterricht, um vorläufig Noten und Tonleitern kennen zu lernen, bei dem alten hinkenden Vater Rowe, der eine sechsköpfige Familie anständig mit Violinbogen und klopfendem Bleistift-Taktieren beim Klavierspiel durchbrachte, seine Söhne studieren und seine Töchter gebildete Männer heiraten ließ. Der Tag muß für ihn 48 Stunden hergegeben haben. Er war rührend, der alte, liebe Mann, der beim Exerzieren bisweilen einnickte, uns aber alles[85] übliche mit seinem stettinerischen: »Speil noch eins run!« beibrachte. Komisch, warum alle Stettiner Klavierlehrer humpelten: Rowe, Herr Schwenke, Gustav Heinrich, mein musikalischer Jugendfreund, der, kaum dreißig Jahre alt, seinem Künstlerleben aus unglücklicher Liebe mittels eines Pistolenschusses ein Ende machte.

Sehr bald bekam ich, da ich dazu »musikalisch genug« sein sollte, Violoncellunterricht bei Herrn Rohde, einem prächtigen Mann, der mich alle zwei Tage, bis ich nach Stralsund übersiedelte, in die Dressur der Reitergeige, wie ich mein Cello taufte, einweihte. Ich habe stets fleißig geübt und mir eine nicht unerhebliche Technik angeeignet, die mich immerhin befähigt hat, schon in vielen Schülerkonzerten als Solist und später in Orchestern in Stralsund, Greifswald, Berlin und Zürich mitzuwirken. Ich habe durch mein Cellospiel auch eine sehr intensive Kenntnis der Kammermusik erworben, denn die ersten Trioübungen führte ich schon mit Otto Vorpahl, einem Mitschüler, und Gustav Heinrich, der geigte, einem seiner Verwandten, aus. Wir drei musizierten ohne Unterlaß, nahmen auch gemeinsamen Harmonie- und Kompositions-Unterricht in dem Kunzeschen Konservatorium, woselbst sich bald ein Orchester am Stettiner Stadtgymnasium unter unserem Mitschüler Paul Gutmann, einem geborenen Klaviervirtuosen, bildete, jetzt Professor der Augenheilkunde in Berlin, mit dem ich auch später noch, als er an der Greifswalder Augenklinik Assistent war, lebhaft musizierte, wir spielten dazumal die Cello-Sonaten von Beethoven, Rubinstein, Mendelssohn und die E-Moll-Sonate von Brahms, auch Klavierquartette und -Trios haben wir gemeinsam mit Freund, dem Sohn des berühmten Gynäkologen, fleißig geübt. Von damals, im Konservatorium, erinnere ich mich einer drolligen Orchesteraufführung der Norma-Ouvertüre von Bellini, die nach einer Einleitung mittels einiger präludierender Akkorde mit einem Flötensolo beginnt. Der betreffende Flötist aber bekam, ich glaube, über den steinernen Ernst des[86] jungen Dirigenten einen Lachanfall, den er vergeblich zu unterdrücken suchte. Der kleine Bülow in der Westentasche gab den Einsatz immer nachdrücklicher, als wolle er selbst die berühmte Kantilene der Luft entpressen – umsonst – kein Spitzenfederchen der großen Schweigerin im Raume ließ sich auch nur ein leisestes Gepiepse entzupfen. Wir mußten von vorne beginnen und erst nach einem Rüssel des Direktors erlebte der gefüllte Saal die Freude des Stapellaufes unserer Norma-Ouvertüre. Die Jubel-Ouvertüre von Weber zum Schluß machte alles wieder gut. Wir wurden viel bestaunt und einige von uns hatten nach Schluß der Vorstellung auffällig lange und dringend auf dem Podium an ihren Instrumenten oder den Noten »zu tun«. Es ist ein großer Genuß, sich als Mitglied einer gefeierten Kapelle zu fühlen; der höchste Genuß aber ist es, seine eigenen musikalischen Gedanken sich von einem vollen Orchester als Dirigent selbst entgegenbrausen zu lassen; eine Selbsterhebung köstlichster Art, deren ich doch wenigstens einige Male in meinem Leben teilhaftig geworden bin; denn ich habe es durch zähen Fleiß trotz aller Nebenbeschäftigungen doch schließlich dazu gebracht, für Groß-Orchester schreiben zu lernen. Ehe man das nicht kann, bleibt auch der Musikalischste doch das, was man in der Literatur einen Analphabeten nennt; musikalisch lesen und schreiben, das sollte statt der ganzen leidigen Mathematik auf den Schulen gelehrt werden. Es ist auch Mathematik, aber solche mit Gefühlseinschlag; und zweitens gibt es unendlich mehr musikalisch als mathematisch begabte Kinder. Die Grundlagen zu diesen Studien aber wurden für mich in Stettin bei Kunze, Adolf Lorenz und Eduard Krause gelegt, welch letzterer, einst ein gefeierter Pianist, meine ersten Kompositionen – ich mochte kaum 10 Jahre damals gewesen sein –, begutachtet hat. Meine Mutter schilderte sein Lächeln sehr bezeichnend, als er mit erstaunten Augen zunächst die Überschriften auf dem Klavierstückchen las. »Trauermarsch, weil ich nicht versetzt bin« und »Lustiges Schneiderlied zur Aufheiterung der[87] Mutter«. Dann sah er die Sächelchen an und meinte: »Gewiß! der Junge hat Talent!« Von da ab befiel mich eine wahre Kompositionswut. Ich komponierte, was mir unter die Finger kam, Dutzende von Psalmen, Monologe der Jungfrau von Orleans und Hamlets, die Taucher, Zueignung, Prolog im Himmel, als Solo, Duette, Terzette. In einer förmlichen Raserei habe ich Dutzende von Notenbüchern von Anfang bis zu Ende vollgeschrieben, keine Cousine war vor meinen Mond-, Todes- und Liebesliedern sicher. Von allem dem Zeug hatte meine gute Mutter einen ganzen Stoß pietätvoll aufbewahrt. Ich habe es Jahrzehnte später einmal aufmerksam durchlesen – es war leider nichts, aber auch gar nichts Brauchbares dabei, aber auch keine direkten Unsinnigkeiten; einfache Leiereien auf Grundakkord, Unterdominante, Dominante, einige Wechselakkorde und als Glanzpunkte reihenweise verminderte Septimakkorde, diesen Zementkitt musikalischer Gedankenlücken. Nur Goethes »Meeresstille« für »drei junge Matrosenstimmen, auch von Mädchen zu singen«, hatte eine eigene, melancholische Linie durch wiederkehrende rasche Wendungen von schwimmendem, A-Moll (pianissimo) nach As-dur; darin war etwas wie der Odem des ruhenden Meeres oder sollte es wenigstens sein. Es ist das einzige, was ich aufbewahrt habe, sonst habe ich den ganzen Notenschwamm an Psalmen und Hymnen dem Feuer zur Sühne übergeben. In diese Zeit fielen auch meine ersten poetischen Versuche. Ich war mit 12 Jahren schwer verliebt in ein 18jähriges sehr schönes Mädchen, Selma von Bredoreck, welche in unserem Hause im dritten Stock wohnte, und jeden Morgen sollte ihr schöner Fuß über ein Versblättchen von meiner Hand dahinwandeln, ehe ihre Sohle die Erde küßte. In vielen Variationen wurde dieses sterbende Veilchen des Morgens in der Frühe der reizenden Selma auf die letzte Stufe ihrer Stiege, mit einem Blümchen beschwert, vor die Füße gebreitet; diese Huldigung brachte mir auch wirklich einen schwindeln machenden, wohl schwesterlichen Kuß der »Geliebten« ein, bis dann eines[88] Tages der alte General Bredoreck ein solches Blättchen auffing und den dummen Bengel zu ohrfeigen drohte, wenn er weiter seiner Tochter so anzügliche Sachen zu schreiben wage. In kummervollen Romanzen veratmete ich dann meine gekränkte Liebe. Zu dieser Zeit wurde ich auf Veranlassung von Adolf Lorenz, dem Nachfolger Carl Löwes, Kirchenchorsänger an St. Jacobi, wo ich mit Otto Vorpahl, der im Alt sang, im Sopran mitwirkte zur Liturgie bei Trauungen und auch im Chor des Musikvereins. Wir beide hatten eine solche Übung im Kirchenliedersingen, daß Lorenz uns oft Soli sogar in Händelschen oder Bachschen Kantaten vom Blatt singen ließ und sich weidlich über unsere Treffsicherheit freute. Zu meinem Vater hat er einmal gesagt: »Die beiden Bengels recken ihre Hälse wie ein paar Staarmätze und schmettern mit Nachtwandlerkühnheit ihre Passagen raus, daß es eine Freude ist. Lassen Sie den Carl ruhig Musiker werden!« Dazu brummte dann aber mein Vater stets höchst mißvergnügt, ich mußte durchaus Doktor werden. Der gute Lorenz merkte aber eben so wenig wie die zahlreichen Kirchenbesucher, daß wir Übermütigen bei den langatmigen Passagen des »Halle–lu–lu–lu–lu–lu–ja!« stets ganz frech »Langer–lu–lu–lu–lulatsch!« in die Figuration von Orgel und Orchester hineinschmuggelten. Übrigens verdiente ich hier im Kirchenchor mein erstes Geld durch Assistenz beim Kurrendesingen auf Höfen und Kirchplätzen, wobei wir beide Nichtwaisen mit einem schwarzen Umhang und dunklem Dreispitz maskiert wurden.

Um jene Zeit erwachte in mir und meinem Bruder Ernst – einem so lebhaften kleinen Kerl damals, daß mein Vater immer behauptete, im Dunkeln und unter dem Tisch leuchteten seine Augen grün wie die einer Katze – eine schwärmerische Luft zum Theaterspielen,2 die nicht nur[89] an den uns vom guten Vater sofort gespendeten großen Puppentheatern, Kasperlebuden usw. befriedigt wurden, sondern uns auch mit unsern jüngeren Schwestern Gertrud und Clara in innigste Spielverbindung nebst ihren kleinen, reizenden Freundinnen brachte. Wir schrieben und lernten Rollen zu phantastischen Ritterstückchen, auch faustische Hexenszenen wurden unter der Regie des schon erwähnten dämonischen Primaners Georg Knaack, schwarzhaarig wie ein Zigeuner und glutäugig wie ein Mexikaner, studiert und aufgeführt, was nur durch die absolute Toleranz meiner Eltern und unseres Hauswirtes so in Küche, Hof und Kellern zu ermöglichen war, wie wir es trieben. Ost brüllten ganze Chöre von Statisten à la Meininger durch die weiten Räume des Weinarsenals, der Speicher, Ställe und Kornböden, und die wilde Hetze ging treppauf treppab. Wir sahen die gutbürgerliche Welt nicht mehr, und wo sie uns sah, da wich man uns, lächelnd über unsern jungen Eifer, aus, ohne unsere wilde Luft zu stören. So hat mich denn einst auf Veranlassung meines Vaters Rosa Behm, die bekannte Stettiner Malerin, erwischt und direkt vom Räuberspiel in ihr Atelier geschleppt. So sah ich aus in dieser Zeit blühendster Kinderromantik, wie die Reproduktion des noch in meinem Besitz befindlichen Ölbildes als Titelbild dieses Buches bekundet.[90]

Um jene Zeit auch begann unsere Zirkustollheit. Wir mußten fast jeden Abend hinein, kannten alle Clowns, Akteurs und Gymnastiker persönlich und suchten Mutters große Stube mit aller Gewalt in eine Arena zu verwandeln. Das ging nun freilich sehr schwer. Aber es gelang. Große umgekehrte Bettdecken bildeten den Sand, auf dem wir alle Clownstücke und -späße (mein Bruder Ernst war sehr gewandt und wurde ein vollendeter Turner) imitierten. An Stühlen und Leitern wurden waghalsige Kunststücke vollführt, alles in entliehenen Trikots, rings um das Zimmer waren auf Stuhllehnen verschiedene Plättbretter ausgestreckt, auf denen unsere süßen kleinen Schwesterchen und Cousinchen in Hemdchen und Badehöschen wie auf breiten Pferdeschabracken ihre Pirouetten tanzen und durch Reisen springen mußten, während wir als Stallmeister in Vaters oder Onkels gemopsten Fräcken, in Unterhosen und Stulpstiefeln mit den feinsten Peitschen knallten und andere als Bajazzi die bekannten gut belauschten Clownspäße in den Pausen herunterleierten. Schwester Anna mußte dazu die Zirkusmusik machen. Dazu kam, daß in dieser Zeit der berühmte Zauberkünstler Bellachini oft Vorstellungen in Stettin gab. Auch ihn imitierten wir mit allen Kräften. Namentlich die Geistervorstellungen mit Skeletten unseres Vaters spielten für unseren großartigen Impresario Knaack eine große Rolle.

Es war zu himmlisch, als daß das Schicksal nicht endlich einen Schlag gegen dieses vollendete Glück meines Kinderherzens hätte führen müssen – und er fiel. Schuldlos warf er mich aus diesem Paradies. Die Veranlassung war jener tiefe Riß in dem Glück der Ehe meiner Eltern, der unheilbar war. Nur mit unendlichem Weh vermögen wir Kinder an diesen größten Schmerz unseres Lebens zu denken, so daß es mir nicht möglich ist, seine Bedingungen der Öffentlichkeit preiszubieten. Genug, ich wurde sein Opfer. Er kostete mich den Aufenthalt in meiner paradiesischen Heimat. Aus mir nie ganz erfaßbarer Härte der Gesinnung riß mich mein Vater aus den[91] Armen meiner Mutter, teils, um sie zu kränken, teils auch wohl in der ehrlichen Absicht, mich ihrer allzu nachsichtigen Liebe zu entziehen. Von heute auf morgen – ich hatte eben eine große Zaubervorstellung für die ganze Horde unserer Freundschaft, Erwachsene mit eingerechnet, auf den nächsten Sonntag eingeladen, da packte meine Mutter unter heißen Tränen mein Köfferchen. Alles war per Depesche in wenigen Stunden arrangiert und ausgeführt. Ich kam nach Stralsund in die Pension zu wildfremden Menschen!

Ich war wie betäubt und erholte mich erst langsam im Hause des strengen Oberlehrers Reißhaus, wo ich mir wie in ein Zuchthaus eingesperrt vorkam. Mein Vater setzte mich einfach ab, weinte und fuhr davon. Was sollte ich beginnen? Ich beschloß ein sehr artiger Junge zu sein und zu arbeiten, nichts als arbeiten. Ganz allmählich hob sich der vor dem Gewitter schwer darniedergebrochene Halm wieder in die Höhe und lugte durch die fremdartigen Gräser wieder in die Sonne. War diese hier nicht auch schön, und leuchtete in die kleine Gasse, auf die Türme, auf die Seen und drüben überm Bodden auf die schöne Insel Rügen? Teufel! was gab's hier alles zu sehen! Das wundervolle kreisgefensterte altgothische Rathaus, die herrliche Marienkirche, auf der ich gleich am dritten Tag bei Kapellmeister Dornheckter die Orgel probieren durfte. Kollege Lorenz hatte ihm geschrieben, ein ganz talentvoller junger Musikvogel würde ihm bald ins Gehege flattern, er möge ihn gut füttern mit reiner Musenkost, es wolle da was ansetzen zu einem kühnen Fluge in die Musikwelt. Da war der Stein zu sehen, auf dem Freiherr v. Schill von Franzosenhand erschossen niedersank, was eine goldene Inschrift und ein schönes Bildrelief des Heldenkopfes bezeugte;3 da hieß der erste mir zum Vorturner bestellte Primaner[92] Moritz Arndt. »Doch nicht verwandt mit Ernst Moritz?« »Je, woll, dat wir min Großvadding!« Wie war es so traulich, dieses Platt, das ich bald lernen wollt! Dann das Kahnfahren auf den Teichen, Schwimmen in der See, die Schlittenfeste im Winter da drauf, hielt doch die zugefrorene See ganze Lastwagen; Segelschlitten! Das war etwas ganz Neues; dann die alten Kirchengänge in den Mönchsklostern, das Weberhaus mit lauter steinalten Margaretleins am Spinnrade darinnen in Pension, die vor irgendeinem Faust wohl auch Gedanken spannen; die Tanzstunden – – junge Lieben – genug, das Herz fing wieder an in alter Unverzagtheit zu schlagen, und in der alten, wundervollen Klosterschule erlebte ich dann den Mann, der mir noch heute tief im Herzen wohnt, und von dessen Geist gesegnet zu sein ich als ein Glück bis auf den heutigen Tag empfinde und wofür ich die Hände meines toten Vaters küssen möchte, ihm abbittend, daß ich ihn innerlich einst hart gescholten, weil er mich dem Heimatparadies entrissen.[93]

1

Als ich eingesegnet wurde, war ich unter dem Einfluß des Predigers Pfundtheller, dem Bruder des obigen, fest entschlossen, Pastor zu werden. Die vollendeten Kanzelreden dieses Mannes mit einem bildschönen Negerkopfe (so kraus waren seine Locken) rissen mich so hin, daß ich sie immer in einem Zuge niederschrieb. Noch heute besitze ich eine solche Predigt über den Text: »Herr, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!«

2

Dumme Streiche haben wir auch sonst genügend in Szene gesetzt. Unsere jüngste, allerliebste Schwester Gertrud, die jeder aus der Schule kommend, zuerst abknutschen wollte, worum sich dann jedesmal erst ein Tournierringkampf entspann, haben wir einst durch einen Ulk in arge Verlegenheit gesetzt. Wir bummelten in den Vormittagsstunden herum, gingen früh in die Mädchenschule, wo wir Trudchen, Zimmer Nr. 6, die Bank drücken wußten, und hatten die Unverschämtheit, an der Tür zu klopfen und die erscheinende Lehrerin ganz demütig zu bitten, Trudchen Schleich einen Augenblick herauskommen zu lassen; sie kam, schwer erschreckt, wir schlossen die Tür und sagten eilig: »Putsch! Wir wollten bloß mal schnell einen Knutsch von dir haben. Gib her! So, und nun wieder rein. Sage: du hast aus Versehen den Speisekammerschlüssel eingesteckt. Adjüs!« Mit solchen Schnurren könnte ich dutzendweis aufwarten. Auch unsere liebe Käthe und ihre Freundin »Selmus«, masculinisiert aus Selma, wegen ihrer Sittenstrenge, haben wir weidlich geneckt, »weil wir sie so liebten.«

3

Das eigentliche Schilldenkmal stammt von meines Freundes, v. Glümers, Hand, eines Begasschülers, ebenso wie das Löwedenkmal in Stettin. Merkwürdig, daß die Bildwerke der Helden meiner Jugend von so lieber Freundeshand vollendet an Schönheit ausgeführt wurden!

Quelle:
Schleich, Carl Ludwig: Besonnte Vergangenheit. Lebenserinnerungen (1859–1919), Berlin 1921, S. 79-95.
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