Biedert, Philipp

Biedert, Philipp
Biedert, Philipp

[167] Biedert, Philipp, in Hagenau im Elsass, geb. zu Niederflörsheim bei Worms 25. November 1847, studierte in Giessen, Würzburg und Wien, fungierte eine Zeitlang als Volontär in der Augenheilanstalt von A. Pagenstecher in Wiesbaden und erlangte 1869 die Doktorwürde mit der unter Kehrer gearbeiteten Dissertation: »Untersuchungen in dem chemischen Unterschiede der Menschen- und Kuhmilch.« Nachdem er am Feldzuge 1870/71 als freiwilliger Arzt teilgenommen hatte, liess er sich als Arzt resp. Militärarzt in Worms nieder und gab hier, gleichzeitig mit v. Ziemssen, den Trichterhebeapparat für Magenausspülungen, sowie den jetzt noch in über 1000 Exemplaren gebrauchten pneumatischen Rotationsapparat an. Auch schrieb B. hier über »pneumatische Therapie« (für v. Volkmann's Samml. klin. Vortr.) und setzte die Untersuchungen über Milch als Kindernahrung fort; die Ergebnisse veröffentlichte er in Virchow's Arch. und den Jahrb. f. Kinderheilk., deren Mitherausgeber er wurde. 1877 siedelte B. als Oberarzt an das Bürgerspital in Hagenau über, war hier von 1878 ab als Kreisarzt thätig, seit 1889 mit dem Titel als Sanitätsrat, seit 1895 als Professor. 1879 wurde B. Schriftführer des ärztlichhygienischen Vereins für Elsass-Lothringen, 1883 Vorstandsmitglied der damals begründeten deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde. Schriften: »Die Kindernahrung im Säuglingsalter« (Stuttgart 1880, 4. Aufl. 1900) – »Lehrbuch der Kinderkrankheiten« (neue Bearbeitung des Vogel'schen Lehrbuchs in 8. Aufl. 1887; 11. Aufl. 1894) – »Diätetik und Kochbuch für Verdauungskranke« (zus. mit B.'s Assistent Langermann, Stuttgart 1895) – »Die Reinkulturen im Reichsgesundheitsamt«[167] (Berlin 1884), daran anschliessend bakteriologische Arbeiten, in denen B. zuerst die Variabilität der Spaltpilze mit den Koch'schen Methoden nachwies (Virchow's Arch. C 1885). B. ist ferner Mitarbeiter an Drasche's Bibl. d. ges. med. W., an Penzoldt und Stintzing's Handbuch der Therapie (Art.: Skrofulose), an v. Leyden's »Handbuch der Ernährungstherapie«; dazu kommen zahlreiche Arbeiten über Tuberkulose und den Tuberkelbazillus, sowie die Tuberkulinbehandlung; am bemerkenswertesten davon sind die Abhandlungen: »Chronische Pneumonie, Phthise und miliare Tuberkulose« (zus. mit Sigel, Virchow's Arch. XCVIII 1884), worin zuerst die Variationen des Tuberkelbazillus, Körnchenreihenbazillen u.a. gezeichnet sind und dargelegt ist, dass für Erzeugung der herdförmigen Phthise ein präparatorisches Infiltrat und für Entstehung Disposition, nicht Infektion massgebend ist. Auf Grund dessen hat B. in seinem Lehrbuch für Kinderkrankheiten (9. Aufl. 1887 p. 156) zuerst die Phthise als eine »Symbiose des Tuberkelbazillus mit anderen Bakterien« bezeichnet. B. hat unter den ersten tuberkelähnliche Affektionen ohne Tuberkelbazillen mit anderen Organismen nachgewiesen und gezeichnet, sowie ein entscheidendes (Sendimentierungs-) Verfahren zum Nachweis von Tub.-Bazillen in zweifelhaften. Fällen angegeben. Andere Arbeiten B.'s betreffen die Cholera, worin B., der eine[168] Zeitlang mit v. Pettenkofer zusammen arbeitete, eine vermittelnde Stellung zwischen diesem und Koch einnimmt, die Behandlung der Pleuritis, die Typhuskrankheiten, die Knochen- und Gelenkleiden, Tracheotomie (Einheitskanüle), Diphtherie, verschiedene hygienische Themata, besonders die Kinderernährung, Produktion und Behandlung der Milch, die Prinzipien der Säuglingsernährung (B.'s Rahmgemenge!). Das wichtigste Ergebnis davon ist der Nachweis, dass die qualitativen Verschiedenheiten der Nährstoffe, besonders der Menschen- und Kuhmilch, dann die Menge der Nahrungszufuhr (vergl. B.'s Unters, über notwendige Minimalnahrung im Jahrb. für Kinderheilk. XVII und XIX 1881 und 1883) das Massgebende entweder für das Vertragen derselben oder der bakteriellen Infektion des unverdauten Restes im Kinderdarm und danach des Entstehens der Darmkrankheiten der Kinder sind. B. betont die Individualisierung in der Pädiatrie und berücksichtigt in besonders eingehender Weise in seinem Lehrbuch die sozialen und ökonomischen Verhältnisse für Erkrankung und Sterblichkeit der Kinder im besonderen und macht den Versuch der Begründung einer »Experimentalökonomie« und einer »experimentellen Geschichtswissenschaft«. (»Die Kindersterblichkeit und die sozialökonomischen Verhältnisse« Stuttgart 1897 und »Die Versuchsanstalt f. Ernährung, eine wissenschaftl., staatliche und humanitäre Notwendigkeit«, München 1899).

Quelle:
Pagel: Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts. Berlin, Wien 1901, Sp. 167-169.
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