Broca, Paul

Broca, Paul
Broca, Paul

[247] Broca, Paul, der berühmte Anthropolog, 28. Juni 1824 in Sainte-Foy-la-Grande (in der Gironde) geb., wo sein Vater als pensionierter Militärarzt lebte. Seine wissenschaftliche Vorbildung eignete sich B. in dem Collège seines Heimatsortes an und bezog im Oktober 1841 die Universität in Paris, um sich hier auf Wunsch seiner Eltern dem Studium der Medizin zu widmen. Nach 2 Jahren wurde er als Externe der Abteilung von Ricord im Hôpital du Midi zugewiesen, Ende 1843 trat er, zuerst im Hôpital Bicêtre bei Leuret, später im Hôpital Beaujon bei Langier ein, sah dann seinen lebhaften Wunsch erfüllt, in die Stellung eines Interne bei Gerdy zu kommen, zu dessen Assistenten er im Jahre 1846 ernannt wurde und durfte sodann noch ein viertes Jahr im Hôtel Dieu in der Abteilung von Blandin als Interne fungieren. Die Erfolge, welche B. bis zum Schlusse seiner medizinischen Studien erzielt hatte, veranlassten seine Mutter, ihrem lange gehegten Wunsche, den Sohn als praktischen Arzt in seiner Heimat zu sehen, zu entsagen und ihm die Einwilligung zum Eintritte in die akademische Laufbahn zu erteilen. – Im Jahre 1849[247] erlangte B. auf Grund seiner Inauguralschrift: »De la propagation de l'inflammation. – Quelques propositions sur les tumeurs dites cancéreuses« die Doktorwürde und 1853 wurde er nach glänzend bestandenem Concurs und auf Grund seiner vortrefflich gearbeiteten These: »Sur l'étranglement dans les hernies abdominales et les affections, qui peuvent le simuler« (in zweiter bedeutend erweiterter Bearbeitung. Par. 1856) zum Professeur agrégé und wenige Tage später zum Chirurgien des hôpitaux ernannt, ein Ereignis, welches die »junge medizinische Schule« von Paris, der er angehörte, mit dem grössten Jubel erfüllte, da sie in dem Erfolge eines der ihrigen eine offizielle Anerkennung ihrer Bestrebungen erblickte. Dieser Triumph gründete sich wesentlich darauf, dass B., einer der befähigtesten Schüler Lebert's, als Evangelist der von diesem aus Deutschland nach Paris verpflanzten pathologisch-histologischen Forschung aufgetreten war und in seinen Arbeiten, so schon in seiner Inauguralschrift, sowie in zahlreichen Mitteilungen über die Erkrankungen der Gelenkknorpel, die pathologische Anatomie der Rhachitis, über pathologische Verhältnisse beim Knochenwachstum u. v. a., welche in den Bulletins der Société anatomique der Jahre 1842 bis 51 veröffentlicht worden sind, vor allem aber in dem mit dem Portal'schen Preise gekrönten (in den Mém. de l'Acad. de Méd. Tom. XVI, pag. 453, abgedruckten, besonders Paris 1852 erschienenen) »Mémoire sur l'anatomie pathologique du cancer« die Pariser medizinische Gelehrtenwelt mit dieser in Frankreich bis dahin kaum beachteten Forschung in der wissenschaftlichen Heilkunde bekannt gemacht und ihr die verdiente Geltung verschafft hatte. – Im Jahre 1856 erschien sein »Traité des anévrismes et leur traitement«, 1863 der erste Band seiner »Traité des tumeurs«, 1866 seine meisterhaft gearbeitete »Étude sur Celse et la chirurgie romaine« (in Conférences historiques de la Faculté de Méd. de Paris, Paris 1866, pag. 445), in welcher der Verfasser Beweise seiner klassischen Bildung gegeben hat und 1867 die »Recherches sur un nouveau groupe des tumeurs désignées sous le nom d'odontômes«, welche den Anfang des zweiten (nicht vollendeten) Teiles seiner Geschwulstlehre bilden. –[248] In Anerkennung seiner hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen war B. 1868 zum Mitgliede der Académie de Médecine erwählt und auf den Lehrstuhl der Chirurgie (Pathologie externe) an der Fakultät berufen worden, den er jedoch alsbald mit der Professur der chirurgischen Klinik vertauschte, in welcher Eigenschaft er der Reihe nach im Hôpital St. Antoine, in der Pitié, im Hôpital des Cliniques und zuletzt (zur Zeit seines Todes) im Hôpital Necker thätig gewesen ist. Diesen grossen Verdiensten B.'s um die Förderung der pathologischen Histologie und Physiologie und der Chirurgie schliessen sich seine Leistungen im Gebiete der Anthropologie und Ethnographie an. – Durch die Arbeiten von Geoffroy-Saint-Hilaire, Serres und Quatrefages angeregt, hatte er sich diesem wissenschaftlichen Gebiete, das in der bereits früher gebildeten Société ethnologique eine Vertretung gefunden hatte, seit dem Jahre 1859 mit wahrem Enthusiasmus hingegeben; mit Hilfe von Gesinnungsgenossen bildete er 1860 die Société d'anthropologie, in welcher er seit 1862 die Stelle des Secrétair général bekleidet hat und in Verbindung mit welcher, und zwar ebenfalls auf seine Anregung, im Jahre 1876 das anthropologische Institut begründet wurde, in welchem öffentliche Vorträge über vergleichende Anatomie, Ethnologie, Ethnographie, Demographie u.s.w. gehalten werden und Unterricht in kraniometrischen und anthropometrischen Messungen erteilt wird. In diesem Institute hat B. während der letzten Jahre seines Lebens fast täglich nachmittags einige Stunden zugebracht und sich mit kraniometrischen Studien, die ihn vorzugsweise interessierten und für welche er zahlreiche, ingeniös erdachte Instrumente erfunden hat, beschäftigt. Seine sehr zahlreichen Arbeiten auf diesem Gebiete sind in dem Journal de physiologie und in den Bulletins und Mémoires der anthropologischen Gesellschaft veröffentlicht[249] worden. In dieser Gesellschaft war B. mit seinem Landsmanne und alten Freunde Gratiolet zusammengetroffen; er schloss sich demselben an und wurde gemeinsam mit ihm von dem Boden der Kraniometrie auf ein anderes Gebiet, das der Lehre von den Funktionen des Gehirns, geführt, auf welchem B. durch seine Lehre von der Hirnlokalisation und der Lehre von der Aphasie (oder Aphémie, wie B. selbst den Zustand genannt hat) epochemachend aufgetreten ist. Seine ersten Arbeiten über die Anatomie der Hirnwindungen und über Hirnlokalisation, mit spezieller Berücksichtigung des Sprachcentrums, erschienen in den Bulletins der anthropologischen und anatomischen Gesellschaft in den Jahren 1861 bis 63, sein erster Bericht über Aphémie (bezw. Aphasie) im Julihefte 1863 des Bulletin der anatomischen Gesellschaft (auch als Broschüre besonders ausgegeben), dem dann eine grössere Reihe den Gegenstand behandelnder Mitteilungen in den genannten Zeitschriften folgten. – Schliesslich ist aus dem wissenschaftlichen Leben B.'s auch noch des Interesses zu gedenken, das er der öffentlichen Gesundheitspflege und der Volkserziehung entgegengetragen hat; er hat mehrere diesen Gebieten angehörende Arbeiten, so über Kindersterblichkeit, über die Bevölkerungsbewegung in Frankreich, über die Organisation des Sanitätsdienstes in der französischen Armee u.a. veröffentlicht und in dem einen Falle, in welchem er als Mitglied des Senates das Wort ergriffen hat, sich für Unabhängigkeit des Unterrichtes des weiblichen Geschlechtes in Frankreich von der Kirche dem Bischof Dupanloup gegenüber ausgesprochen, der gefordert hatte, dass die Bildung der Frauen »sur les genoux de l'église« erfolge. – In Anerkennung seiner Verdienste wurde B. Anfang 1880 zum lebenslänglichen Senatsmitglied gewählt. Doch begann er bereits in demselben Jahre zu kränkeln und starb am 8. Juli.

Quelle:
Pagel: Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts. Berlin, Wien 1901, Sp. 247-250.
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