Griesinger, Wilhelm

Griesinger, Wilhelm
Griesinger, Wilhelm

[632] Griesinger, Wilhelm, berühmter Psychiater und Neurolog, geb. 29. Juli 1817 zu Stuttgart als Sohn eines dortigen Spitalverwalters, besuchte gemeinschaftlich mit seinen Altersgenossen Roser und Wunderlich das Gymnasium seiner Vaterstadt, studierte seit 1834 in Tübingen, später unter Schoenlein's Leitung in Zürich und promovierte am ersteren Orte mit einer Dissertation über Diphtheritis. Nach kurzer prakt. Thätigkeit in Friedrichshafen und zweijährigem Assistentendienst in Winnenthal (unter Zeller) liess sich G. 1842 wieder als Arzt in seiner Vaterstadt nieder, um schon im folgenden Jahre die ihm von seinem Freunde Wunderlich angebotene Stelle als dessen Assistent an der med. Klinik in Tübingen zu übernehmen, wo er sich 1843 habilitierte und 1847 a. o. Prof. wurde. 1849 folgte er einem Ruf als Direktor der Poliklinik nach Kiel, gab diese Stellung schon 1850[632] auf und übernahm die Leitung der med. Schule, sowie das Amt eines Präsidenten der Sanitätskommission unter dem Khedive Abbas in Kairo. Doch gab er auch diese Stellungen, mit denen zugleich diejenige eines Leibarztes des Khedive verbunden gewesen war, nach kurzer Zeit auf, kehrte 1852 nach Stuttgart zurück und lebte dort als Privatmann, bis er 1854 als Nachfolger Wunderlich's nach Tübingen ging. Von hier aus siedelte er in gleicher Stellung, d.h. als Prof. und Direktor der med. Klinik 1860 nach Zürich und von dort 1865 nach Berlin über, wo er als Direktor der psychiatr. und der auf seine Veranlassung neu begründeten Abt. für Nervenkranke an der Charité bis zu seinem 26. Oktober 1868 an Perforation des Proc. vermiformis erfolgten Ableben in segensreichster Weise wirkte. 1865 bis 67 war er gleichzeitig als Nachfolger Romberg's Direktor der med. Universitätspoliklinik gewesen. G.'s historische Bedeutung liegt in seinen Verdiensten um die Entwickelung der Psychiatrie. Sein Hauptwerk »Pathol. und Therapie der psychischen Krankheiten« (Stuttg. 1845; 2. Aufl. Ib. 1861; 2. unveränderter Abdruck Ib. 1867) enthält eine neue, bahnbrechende Auffassung von dem Wesen der psychischen Krankheiten, für die hier G. zum ersten Male eine auf rationeller psychologischer Grundlage beruhende Analyse versuchte. Für die meisten psychischen Affektionen schuf G. bestimmte, typische Bilder, welche in scharfsinniger klinischer Beobachtung gewonnen waren, sodass einzelne von diesen selbst heute noch mit geringen Modifikationen anerkannt werden. G. führte ferner die Berücksichtigung der pathol. Anat. auch für die Psychiatrie ein, der er damit die eigentliche wissenschaftlich exakte Basis gab und zugleich die definitive Emancipation von der älteren, unheilvollen spiritualistischen Richtung ermöglichte. Am allermeisten machte sich G. auch um die Therapie in der Psychiatrie verdient, indem er ein energischer Verfasser des sogen. No-restraint-Systems wurde. Ausser der genannten Schrift veröffentlichte G. die Abhandlungen: »Über Irrenanstalten und deren Weiterentwickelung in Deutschland« – »Die freie Behandlung« – »Weiteres über psychiatrische Kliniken«, »Über einige epileptoide [633] Zustände« – »Über einen wenig bekannten psychopathischen Zustand«, »Bemerkungen über die Diagnostik der Hirnkrankheiten« (diese Abhandlung erschien 1861 in dem von G. zus. mit Roser und Wunderlich redigierten »Archiv f. Heilkunde«) und gründete das »Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten«, dessen ersten 1868 erschienenen Band G. allein noch erlebte. – Neben seinen Leistungen auf dem Gebiete der Psychiatrie sind noch die Arbeiten G.'s zur Lehre von den Infektionskrankheiten bemerkenswert, die er für das grosse Virchow'sche Handbuch der speziellen Pathol. und Therapie (B. II, Abt. 2. Erlangen 1857, 64) bearbeitete. Einzelne Partien dieses Buches und die darin niedergelegten Anschauungen haben auch bis heute trotz der gewaltigen Umwälzung, welche die ganze Lehre erfahren hat, ihre Geltung behalten. G. erkannte und beschrieb zuerst in Deutschland die febris recurrens als eine Krankheit sui generis, unter die er auch das biliöse Typhoid einreihte. Ebenso bleiben, wie A. Eulenburg mit Recht in seiner ausgezeichn. Biographie G.'s für das ältere Lexikon betont, die Darstellungen des Darm- und Flecktyphus und der Malariakrankheiten durch die Reichhaltigkeit eigener Beobachtungen G.'s, dessen scharfe Kritik und mannigfaltig anregende Gesichtspunkte stets bemerkenswert. Auch dies Buch gehört wie seine »Pathologie der psych. Krankheiten« zu den klassischen Büchern der med. Litteratur.

Quelle:
Pagel: Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts. Berlin, Wien 1901, Sp. 632-634.
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