Kapitel XC.
De alcumistica
oder
Von der Goldmacherkunst

[111] Das Goldmachen, es mag eine Kunst oder ein Schwindel oder ein natürlich Nachgrübeln genennet werden, ist fürwahr eine recht schöne Erfindung und ein artiger, unstrafbarer Betrug, dessen Vanität und Eitelkeit gar leicht sich herfür tut, indem es dasjenige verspricht, was die Natur keinesweges leiden noch erreichen kann; da doch sonsten jedwede Kunst und Wissenschaft der Natur nachahmet, niemals aber dieselbe übertrifft, denn die Gewalt der Natur ist viel stärker als die Macht der Kunst. Aber die alchymistische Kunst ist


Ars suspecta probis, ars ipsa invisaque multis

Invisos etiam cultores efficit artis.

Mendaces adeo multi manifeste videntur,

Qui se ipsos aliosque simul frustrantur inertes.


Das ist: Eine Kunst, welche bei allen frommen ehrliebenden Menschen verhasset, und machet auch diejenigen, so sie treiben, verhasset; denn man siehet bei vielen, wie sie in Lügen stecken bleiben, wann sie sich selbst und viel andere Leute damit betrügen und aufsetzen.[111] Denn indem dieselbe bemühet ist, das eigentliche Wesen der Dinge umzukehren, und den gesegneten philosophischen Stein, wie sie ihn nennen, herfür zu bringen trachtet, so unterstehet sie sich auf Art des Midae Corporische Sachen in Gold und Silber zu verwandeln, und gleichsam aus dem höchsten Himmel eine gewisse Quintessenz zu ziehen, dadurch sie nicht allein mehr als Croesi Reichtümer herfürzubringen, sondern auch alte Leute wieder jung zu machen, und ihnen stetswährende Gesundheit, ja bald gar eine Unsterblichkeit zuwege zu bringen verspricht.


At nusquam totos inter qui talia curant

Apparet ullus, qui re miracula tanta

Comprobet.


Das ist: Aber unter allen, die sich dieser Sachen befleissigen, ist keiner, welcher ein solches Wunderwerk, als sie vorgeben, in der Tat bestätiget.

Die Alchymisten sammeln etliche Experimenta aus Bleiweiss, Schminke, Seife und andern betrügerischen Schönheitsmitteln der Weiber zusammen (welche die Heilige Schrift Hurensalbe nennet) und richten damit ihre törichte Werkstatt an, dahero ist ein Sprichwort entstanden: Oimnis Alcumista vel Medicus vel Saponista. Das ist: Ein jeder Alchimiste oder Goldmacher ist entweder ein Medicus oder Seifensieder. Sie füllen den leichtgläubigen Leuten die Ohren mit leeren Worten, nehmen Geld und machen ihnen ihre Beutel leer; wem sie Reichtum versprechen, dem nehmen sie sicherlich einige Münzen ab. Dahero gibet sich's ja von sich selbsten, dass diese Kunst pur lauter nichts sei und nichts anders als ein Geschwätz und vergebliche Erdichtung eines betrügerischen Menschen, und ungesunden Geistes.

Nichtsdestoweniger finden sie Gemüter, welche nach der Glückseligkeit dieser Kunst begierig sind; wann ihnen von den Goldmachern in einer artlichen Manier weisgemachet wird, dass sie in dem Quecksilber mehr Reichtum als im Golde erlangen sollen,[112] und obwohl sie allbereit drei oder viermal von ihnen betrogen worden sind, so gehen sie doch immer wieder dran und lassen sich von ihnen die Augen aufs neue verblenden, dass sie den Alchymisten mit dem Blasebalg Luft in den Goldmacherofen blasen.

Es ist keine süssere Unsinnigkeit, als dass sie glauben, dass das Fixum zu einem Volatili, und das Volatile zu einem Fixo könne gemachet werden; also sind diesen törichten Leuten die grässlichen Kohlen, Gift, Schwefel, Dreck und Binkelte süsser als Honig, solange bis sie ihr Hab und Gut und ganzes Patrimonium verdestillieret und in Asche und Rauch verwandelt haben; sie haben sich eine treffliche Belohnung ihrer Mühe und Arbeit versprochen, eine annehmliche Geburt grosser Goldklumpen oder neue Jugend und immerwährende Gesundheit zuwege zu bringen, aber sie erlangen nichts anders, als nach verlorener Zeit und Arbeit und vielen Spesen und Unkosten lauter Ungesundheit, ausgeleerte Beutel und zerlumpte Kleider, welche nach nichts anders als nach Schwefel, Kohlen und Russ Stinken. Auf die Letzt aber werden sie durch das giftige Anrühren des Quecksilbers paralytisch oder gelähmt, und ihr Nasenfluss ist ihr einziger Reichtum und so gehen sie einem armen und erbärmlichen Ende entgegen; diese Leute werden so elende, dass sie für 3 Pfennige ihre Seele verkaufen und verdestillieren sollten, da sie endlich an ihnen erfahren haben, dass sie aus Goldmachern Krankmacher und aus Medicis Bettler wurden, aus Seifensiedern Branntweinverkäufer; sie prostituieren sich dergestalt mit ihrer Narrheit, dass sie endlich Fabula vulgi und ein Spott der Leute werden. Und da sie in ihrer Jugend sich nicht damit begnügen wollten, ihr Leben bescheiden und ehrlich hinzubringen, müssen sie jetzt, nachdem sie so lange diesen schändlichen goldmacherischen Betrug ausgeübt haben, in ihrem Alter krepieren oder betteln gehen; und setzen sich also in solches Elend und solche Verachtung, dass sie anstatt Gunst und Erbarmnis ein Auslachen und Verspotten[113] bei den Leuten wegtragen; ja ihr Bedürfnis und jämmerlicher Zustand zwinget sie oftermals zu verbotenen Künsten, zu Münzverfälschungen und andern Betrüglichkeiten, wie wir der Exempel genug haben.

Derowegen ist diese Kunst nicht allein bei der römischen Republik öffentlich ausgetrieben, sondern auch durch aas päpstliche Recht in der ganzen christlichen Kirche verboten worden; und fürwahr, wann heutiges Tages allen denjenigen, welche die Kunst exerzieren (ausgenommen die eine besondere Erlaubnis des Fürsten haben), das Land verboten und ihre Güter konfiszieret oder sie mit einer harten Leibesstrafe gestrafet würden, wir wollten gewisslich nicht soviel falsche Münzen haben, womit ja alle Reiche und Länder nicht ohne sonderbaren Schaden voll sind. Eben dieser Ursachen wegen, wie ich dafür halte, hat Amasis, der König in Ägypten, ein Gesetz gegeben, dadurch ein jedweder Untertaner ist gezwungen worden, seiner vorgesetzten Obrigkeit jährlich Rechenschaft zu geben, was er für Hantierung treibe und womit er sich ernähre, und wer solches nicht tun wollen, der wurde am Leben gestrafet.

Ich könnte noch viel von dieser Kunst (welcher ich, damit ich's frei bekenne, nicht sehr feind bin) sagen; aber ich habe das, was diejenigen, welche Ihre grossen Mysterien lernen wollen, zu tun pflegen, getan und versprochen und Verschwiegenheit geschworen; welches auch jederzeit bei dieser Kunst von den alten Philosophis und besten Scriptoribus beständig und heilig ist gehalten worden, also dass unter ihnen nicht einer von Ruhm und Ansehen gewesen, der auch nur ein Wort von diesen Geheimnissen verraten hätte; welches vielen Ursache gegeben zu glauben, alle Bücher über diese Kunst seien in neuerer Zeit geschrieben; das zeigt sich klar durch die wenig berühmten Namen der alchymistischen Meister, die man anderswo gar nicht genannt findet; auch sind die Wörter,[114] die sie gebrauchen, ungewöhnlich, ihre Sätze schwerfällig und ihre Art zu philosophieren verkehrt.

Gleichwohl finden sich auch die dafür halten, dass das güldene Vliess ein alt alchymistisch Buch gewesen sei, auf eine Haut nach der alten Art geschrieben, darauf die Kunst und Wissenschaft, Gold zu machen, gestanden haben soll. Wir lesen aber, dass Diocletianus dergleichen Bücher bei den Ägyptiern, welche in dieser Kunst sehr erfahren gewesen, mit grossem Fleiss gesammlet und hernach dieselben auf einmal verbrennen lassen, zu dem Ende, damit die Ägyptier, wann sie durch diese Wissenschaft einen Schatz oder viel Gold und Silber gehäutet hätten, dermaleins mit den Römern nicht einen Krieg anfangen möchten; dahero ist auch hernach ein kaiserlich Edikt angeschlagen und diese Kunst und Wissenschaft für unehrlich und lasterhaftig gehalten worden.

Aber es würde zu lang werden, alle närrischen Geheimnisse dieser Kunst und ihre vergebliche Rätselworte zu erzählen, nämlich von dem grünen Löwen, von dem flüchtigen Hirsche, von dem fliegenden Adler, von dem springenden Narren, von dem Drachen, der seinen Schwanz frisset, von der aufgeblähten Kröte, von dem Rabenkopfe, von derjenigen Schwärze, die schwärzer ist als schwarz, vom Siegel des Hermetis, vom Dreck der Narrheit (ich wollte sagen der Weisheit) und von unzähligen andern Possen mehr.

Endlich noch etwas zu sagen von diesem einigen alleine, ohne welches kein anderes ist, und doch überall gefunden wird, nämlich von dem gesegneten Stein der heiligen Weisen oder von dem Lapide philosophico, oder aber auch... ich darfs nicht nennen, sonsten möchte ich für einen Meineidigen oder für einen Klätscher oder Kirchenschänder ausgerufen werden. Ich darf's[115] nicht sagen; ich will's aber doch sagen, jedoch mit einem feinen weiten Umschweif und mit einer dunklen Beschreibung, damit es niemand als die Söhne und die Liebhaber dieser Kunst, und welche sich die Geheimnisse ein wenig haben auslegen lassen, verstehen können: es ist ein Ding, welches ist eine Substanz, und hat ein Wesen nicht ganz feuricht noch ganz irdisch, auch nicht schlechter Dinge wässericht, welches an sich hat nicht die schärfeste, auch nicht die stumpfeste Qualität, sanft anzurühren, etwas weich und nicht harte, nicht herbe, sondern dem Geschmack nach etwas süsse, dem Geruch nach lieblich, dem Gesichte nach angenehm, dem Gehöre nach freundlich, den menschlichen Gedanken nach heiter. Mehr aber und was noch wichtiger ist als dieses, was ich jetzo gesaget, ist mir nicht vergönnet zu sagen.

Aber gleichwohl achte ich diese Kunst (denn ich habe mir sie gar zu familiär gemacht) aller Ehren wert, und erbebe sie mit einem solchen Lobe, wie Thucydides eine ehrbare Frau herausgestrichen hat, sagende: die Ist unter allen die Beste, von welcher man am wenigsten spricht.

Dieses aber muss ich gleichwohl darzu setzen, dass die Goldmacher die Elendesten unter der Sonne sind, denn Gott hat zwar befohlen: in sudore vultus vescendum est pane suo; im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brot essen, und der Prophet saget gar an einem andern Orte: Labores manuum tuarum quia manducabis, ideo beatus es, et bene tibi erit. Das ist: Du wirst dich nähren von deiner Hand Arbeit; wohl dir, du hast es gut. Aber diese Verächter dieses heiligen Gebots und des Versprechens arbeiten ganz anders und wollen, wie man zu reden pfleget, aus der Weiber Rocken und aus Kinderspiel güldne Berge zuwege bringen.

Ich kann gleichwohl nicht leugnen, dass aus dieser Wissenschaft viel schöne Kunststücke herfür kommen und aus ihr den Ursprung genommen haben. Aus dieser kommen her die schönsten Farben, Zinnoher,[116] Mennige, Purpur und was man sonsten singend oder klingend Gold nennet; aus dieser Wissenschaft bekommen wir das Golderz und alle andere Vermischungen der Metalle, Amalgame und Scheidungen. Aus dieser Wunderkunst haben sie erfunden viel Wundersachen, die Büchsen und grobe Geschütze; aus dieser Kunst ist herfürkommen das Glasblasen oder Glasmachen, eine der edelsten Künste, so nur hat können gefunden werden, von welcher ein gewisser Theophilus ein absonderlich schön Buch geschrieben hat; Plinius erzählet, dass zu Zeiten des Kaisers Tiberii eine Invention bei den Glasmachern wäre erdacht worden, dass man das Glas hat biegen und strecken können wie man gewollt; aber der Kaiser Tiberius hat befohlen, diese Werkstatt gänzlich wieder zu verstören und abzuschaffen, den Künstler auch oder den Erfinder (wann wir dem lsidoro glauben dürfen) ums Leben bringen lassen, alles zu dem Ende, damit das Gold gegen das Glas nicht möchte geringer geschätzet, und dem Golde und Silber, auch anderm Erze nicht seine Würde entzogen werden. Aber genug einmal von diesem.[117]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 2, S. 111-118.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stramm, August

Gedichte

Gedichte

Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.

50 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon