Die Entstehung und Beendigung des Lebens

[108] Der Abschnitt lehrt die Unzulänglichkeit alles vedischen Wissens; das Studium der Veden führe nicht zur Erkenntnis. Er lehrt, unter Ablehnung des Gedankens, daß aus dem Nichtseienden die Welt entsprungen sein könnte, das Seiende als Anfang aller Dinge. Das Seiende schuf die Glut, die Glut die Wasser, das Wasser die Speise. Die höchste Gottheit durchdrang diese drei Elemente mit der Seele, schuf ›Name und Gestalt‹ und machte jede von ihnen dreifach. Alles ist ein Produkt dieser drei Elemente.

Der Autor erläutert das an Beispielen aus der Natur. Aus der Glut stamme die rote Erscheinungsform des Feuers, aus dem Wasser die weiße, aus der Speise die schwarze: es gibt eigentlich kein Feuer, man nenne es nur so, obwohl es nur eine Mischung aus den drei Elementen ist. So Sonne, Mond, Blitz usw.

Auf den Menschen findet dasselbe Anwendung; er besteht aus Speise, Wasser, Glut. Aber die Speise verteilt sich bei ihm dreifach. Ihre substantiellsten Bestandteile werden zu Faeces, ihre mittleren zu Fleisch, ihre feinsten gehen nach oben und werden zum Denkorgan, zum Manas. Ebenso wandelt das Wasser sich zu Haut, Blut und Hauch, die Glut zu Knochen, Wort und Stimme.

Das Wichtigste ist der Prâna. Der Mensch braucht durch 15 Tage nicht zu essen; wenn er nur Wasser trinkt, geht der Prâna, der Lebenshauch, ihm nicht verloren; die erworbenen Kenntnisse im Veda schwinden, weil mit der fehlenden Speise das Denkorgan schwindet, aber der Prâna bleibt. Mit dem verbleibenden Sechzehntel vermag man die Vedenkenntnis wiederzugewinnen, sobald man wieder Speise zu sich nimmt, so wie eine kleine Kohle hinreicht, um ein ganzes Feuer anzufachen.

Schlaf, Hunger und Durst, Tod sind die wichtigsten äußeren Erscheinungen des menschlichen Lebens. Der Verfasser erörtert das Wesen des Schlafes, und zwar stellt er, ohne es besonders auszusprechen, die Erklärung des Tiefschlafes, in dem der Mensch[108] mit dem Seienden, dem Sat, sich vereint, und die des Traumschlafes, in dem die Seele wie ein Vogel hin und her schweift, um schließlich zu ihrer festen Stelle wiederzukehren, nebeneinander. Hunger und Durst sind Zustände, in denen das Wasser die Speise, die Glut das Wasser fortführt. Die unmöglichen Etymologien, die diese Ansicht begleiten, gehen in der Übersetzung verloren. Der Leib wurzelt in der Nahrung, diese im Wasser, dies in der Glut, diese im Sat. Im Sat wurzeln, ruhen alle Geschöpfe.

Wenn der Mensch stirbt, so geht – in einer der vorhergehenden Erörterung nicht parallelen Folge – seine Stimme in das Manas, das Manas in den Prâna, der Prâna in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit. Wir würden die Reihe Manas, Prâna, Vâc, höchste Gottheit erwarten, da Manas oben der Speise, Prâna dem Wasser, die Vâc der Glut entspricht.

Wie man den Zustand nach der Vereinigung der Seele mit dem Sat sich denken soll, erklärt er an dem Beispiel des Honigs, den die Bienen von verschiedenen Bäumen sammeln. So wie die Teile des Honigs nichts mehr von ihrer Herkunft von dem einzelnen Baume wissen, so wissen die einzelnen Wesen, wenn sie mit dem Sat sich vereinigen, nicht, daß sie in das Sat eingehen.

Das Beispiel der Ströme schildert das Entstehen der Wesen aus dem Sat; es setzt die Anschauung voraus, daß die Flüsse nicht nur in das Meer strömen, sondern auch aus dem Meer (durch Wolken, Regen) stammen. (Siehe die beiden Zitate in meiner Ved.-Myth. III, S. 253.) Wie sie im Meer nicht wissen, welcher Strom sie waren, so wissen sie auch nicht, daß sie daraus kommen. Ebenso die Wesen. Sie gehen ins Sat und kommen, ohne es zu wissen, daher.

Wie ein Zweig, ein Baum verdorrt, wenn ihn die ›Seele‹ verläßt, die Seele aber selbst nicht stirbt, so stirbt zwar der Körper, wenn ihn die Seele verläßt, nicht aber diese selbst.

So wenig man in einer Nyagrodhafrucht oder in ihren Körnern, selbst wenn man sie spaltet, das feine Fluidum findet, durch das der große Nyagrodhabaum besteht, so wenig nimmt man in den Geschöpfen das feine Fluidum wahr, das alles Sein durchdringt und mit dem Âtman wesenseinheitlich ist; so wie man das Salz nicht wahrnehmen kann, das, ins Wasser gelegt, dieses durchdringt und doch in allen dessen Teilen geschmeckt werden kann. Um die Wahrheit zu erkennen, braucht man einen Lehrer, wie ein Mann, der mit verbundenen Augen fortgeführt und nach Lösung der Binde freigelassen ohne einen klugen Führer den rechten Weg nicht finden kann. Ein Mann, der beim Ordal heißes Eisen angreift und dabei die Unwahrheit sagt, verbrennt sich und wird getötet; wenn er aber die Wahrheit gesagt hat, verbrennt er sich nicht und wird frei. So verharrt ein Mensch, der der Unwahrheit anhängt, in Leid und Tod des Samsâra; aber der, der der Wahrheit anhängt, wird befreit.

[109] Die griechische Philosophie in ihrer Frühzeit bietet manche Ähnlichkeiten zu den hier zum Ausdruck gelangenden Gedanken. Deussen weist auf den Ausspruch des Parmenides hin, wonach alles, was die Menschen vertrauensvoll für wahr angenommen haben, alles Werden und Vergehen ein bloßer Name sei. Man kann auch die logische Spekulation zu Beginn der Darstellung, in der die Ansicht zurückgewiesen wird, es könne das Sein aus dem Nichtseienden sich entwickelt haben, mit einem weiteren Satz des Parmenides vergleichen, demzufolge das Nichtseiende nicht ist, weil es nicht denkbar, nicht vorstellbar ist. Das Seiende ist allein und es gibt kein Nichtseiendes neben ihm (Baeumker, Jahrb. für klass. Philologie 1886, S. 555). Ferner darf man bei der Entstehungsreihe Glut – Wasser – Nahrung an Heraklits, im einzelnen allerdings abweichende, Meinung erinnern, daß die ewige Weltbewegung sich im Feuer darstelle; das Feuer werde auf dem ὁδος κάτω zu Wasser, dieses zu Erde und kehre auf dem ὁδος ἄνω zurück. Im Menschen wiederhole sich der Gegensatz des reinen Feuers und der niederen Stoffe. Die Seele als Lebensprinzip sei Feuer und finde sich in dem aus Wasser und Erde gefügten Leibe gefangen. (Windelband, Gesch. der alten Phil. S. 149, 150.)


Shvetaketu war der Sohn des Âruni. Zu ihm sprach der Vater: ›Shvetaketu, tritt in den heiligen Schülerstand. Denn es gibt aus unserem Geschlecht, mein Lieber, keinen, der nicht studiert hätte und nur eine Art Brahmanenvetter wäre.‹

Zwölf Jahre alt begab dieser sich da in die Lehre, mit vierundzwanzig Jahren hatte er alle Veden studiert und kehrte hochfahrend, wissensstolz und eingebildet heim.

Zu ihm sprach der Vater: ›Shvetaketu, wenn du, mein Lieber, so hochfahrend, wissensstolz und eingebildet bist, hättest du noch nach der Unterweisung gefragt1, durch die das Ungehörte gehört, das Ungedachte gedacht, das Unerkannte erkannt ist?‹

»Wie ist diese Unterweisung, Ehrwürdiger?«

›Mein Lieber, wie man an einem Lehmklumpen alles erkennt, was aus Lehm ist, die Umwandlung nur ein Behelf im Ausdruck, eine Bezeichnung, die Wirklichkeit aber »Lehm« ist; wie, mein Lieber, man an einer kleinen Kupferkugel alles, was aus Kupfer ist, erkennt, die Umwandlung[110] nur ein Behelf im Ausdruck, eine Bezeichnung, die Wirklichkeit aber »Kupfer« ist; wie, mein Lieber, man an einer Nagelschere alles, was aus Eisen ist, erkennt, die Umwandlung nur ein Behelf im Ausdruck, eine Bezeichnung, die Wirklichkeit aber »Eisen« ist, derart, mein Lieber, ist die Unterweisung.‹

»Das haben die Ehrwürdigen sicherlich nicht gewußt. Wenn sie es gewußt hätten, wie sollten sie es mir nicht gesagt haben. Aber der Ehrwürdige wolle mir das erklären.« ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.

›Nur das Seiende, mein Lieber, war hier zu Anbeginn, das Seiende, ganz allein, ohne ein zweites. Da sagen nun einige: »Nur das Nichtseiende war hier zu Anbeginn, das Nichtseiende allein, ohne ein zweites. Aus diesem Nichtseienden entstand das Seiende.« Wie könnte das wohl sein, mein Lieber‹, sprach er. ›Wie könnte aus dem Nichtseienden das Seiende entstehen? Das Seiende also nur war hier zu Anbeginn, das Seiende allein, ohne ein zweites.

Dieses dachte bei sich: »Ich möchte mich vermehren2, ich möchte mich fortpflanzen.« Es schuf die Glut. Die Glut dachte bei sich: »Ich möchte mich vermehren, ich möchte mich fortpflanzen.« Sie schuf das Wasser. Wo immer es heiß ist oder ein Mensch schwitzt, entsteht darum Wasser aus der Glut. Das Wasser dachte bei sich: »Ich möchte mich vermehren, ich möchte mich fortpflanzen.« Es schuf die Speise. Wo immer es regnet, da gibt es darum Speise in reicher Fülle; aus dem Wasser entsteht da die Nahrung.

Diese Wesen haben hier dreierlei Ursprung: aus dem Ei, aus einem Lebenden, aus einem Keim.

Die Gottheit (das Seiende) dachte bei sich: »Wohlan, ich will diese drei Gottheiten mit meiner lebendigen Seele3 durchdringen und ›Name und Gestalt‹ sondern. Eine jede von ihnen will ich dreifach machen.« Die Gottheit durchdrang die drei Gottheiten mit dieser seiner lebendigen Seele und sonderte »Name und Gestalt«. Sie machte eine jede von[111] ihnen dreifach. Wie nun jede einzelne von den drei Gottheiten dreifach erscheint, das lerne von mir.

Die rote Erscheinungsform des Feuers ist die der Glut, seine weiße Erscheinungsform die des Wassers, seine schwarze die der Speise. Damit ist das »Feuersein« vom Feuer geschwunden; die Umwandlung ist nur ein Behelf im Ausdruck, eine Bezeichnung; Wirklichkeit sind nur die drei Erscheinungsformen. Die rote Erscheinungsform der Sonne ist die der Glut, ihre weiße Erscheinungsform die des Wassers, ihre schwarze die der Speise. Damit ist das Sonnesein von der Sonne geschwunden; die Umwandlung ist nur ein Behelf im Ausdruck, eine Bezeichnung; Wirklichkeit sind nur die drei Erscheinungsformen. Die rote Erscheinungsform des Mondes ist die der Glut, seine weiße die des Wassers, seine schwarze die der Speise. Damit ist das Mondsein vom Monde geschwunden, die Umwandlung ist nur ein Behelf im Ausdruck, eine Bezeichnung; Wirklichkeit sind nur die drei Erscheinungsformen. Die rote Erscheinungsform des Blitzes ist die der Glut, seine weiße die des Wassers, seine schwarze die der Speise. Damit ist das Blitzsein vom Blitz geschwunden, die Umwandlung ist nur ein Behelf im Ausdruck, eine Bezeichnung; Wirklichkeit sind nur die drei Erscheinungsformen. Das haben die des kundigen großen Patriarchen und Gelehrten der Vorzeit ausgesprochen. Denn aus ihnen wußten sie ja: nicht wird uns heut irgendeiner etwas vorbringen, was ungehört, was ungedacht, was unerkannt ist. Sie wußten: was rot zu sein schien, ist die Form des Feuers; sie wußten: was weiß zu sein schien, ist die Form des Wassers; sie wußten: was schwarz zu sein schien, ist die Form der Speise; sie wußten: was unbekannt zu sein schien, ist eine Zusammensetzung aus diesen Gottheiten. Wie nun, mein Lieber, von diesen Gottheiten eine jede im Menschen sich dreifach teilt, das lerne von mir.

Die genossene Speise teilt sich dreifach. Ihr gröbster Bestandteil wird zu Kot, ihr mittlerer zu Fleisch, ihr feinster[112] zum Denkorgan. Das genossene Wasser teilt sich dreifach. Sein gröbster Bestandteil wird zu Harn, sein mittlerer zu Blut, sein feinster zum Lebenshauch. Die genossene Glut teilt sich dreifach. Ihr gröbster Bestandteil wird zu Knochen, ihr mittlerer zu Mark, ihr feinster zur Stimme. Denn aus Speise, mein Lieber, besteht das Denkorgan, aus Wasser der Lebenshauch, aus Glut die Stimme.‹ »Belehre mich weiter, Ehrwürdiger.« ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.

›Wenn saure Milch gequirlt wird, so strebt der feinste Bestandteil davon nach oben und wird Butter. Ganz ebenso strebt von genossener Speise der feinste Bestandteil nach oben und wird zum Denkorgan. Wenn Wasser genossen wird, mein Lieber, so strebt der feinste Bestandteil davon nach oben und wird zum Lebenshauch. Wenn Glut genossen wird, mein Lieber, so strebt der feinste Bestandteil nach oben und wird zur Stimme. Denn aus Speise, mein Lieber, besteht das Denkorgan, aus Wasser der Lebenshauch, aus Glut die Stimme.‹ »Belehre mich weiter, Ehrwürdiger.« ›Ja, mein Lieber‹, sagte er.

›Aus sechzehn Teilen, mein Lieber, besteht der Mensch. Nimm fünfzehn Tage hindurch keine Nahrung zu dir, aber trinke Wasser nach Belieben. Der Lebenshauch besteht aus Wasser und wird dem, der trinkt, nicht abgeschnitten werden.‹ Er nahm fünfzehn Tage hindurch keine Speise zu sich. Alsdann nahte er ihm und fragte: »Was soll ich sagen, Herr?« ›Den Rik-, den Yajur- und den Sâmaveda.‹ Er sprach: »Sie fallen mir nicht ein, Herr.« Der sprach zu ihm: ›Wie ein großes Feuer, von dem eine einzige Kohle in der Größe eines Leuchtkäfers übriggeblieben ist, damit auch nicht heller als diese brennen möchte, ebenso, mein Lieber, dürfte von deinen sechzehn Teilen nur einer übrig sein und vermöge dessen hast du jetzt die Veden nicht mehr inne. Iß. Dann wirst du mehr von mir lernen.‹ Dieser aß. Alsdann nahte er ihm und was immer der fragte, alles beantwortete er. Der sprach zu ihm: ›Wie ein großes Feuer,[113] von dem eine einzige Kohle in Größe eines Leuchtkäfers übrig ist, wenn man diese unter Anlegung von Stroh zum Aufflammen bringt, auch heller als diese brennen möchte, so war, meine Lieber, von deinen sechzehn Teilen nur einer übriggeblieben; dieser, mit Speise genährt, flammte auf, und vermöge dessen hast du die Veden jetzt inne. Denn aus Speise, mein Lieber, besteht das Denkorgan, aus Wasser der Prâna, aus Glut die Stimme.‹ So wurde er von ihm belehrt; von ihm belehrt.


Uddâlaka, der Sohn des Aruna, sprach zu seinem Sohne Shvetaketu: ›Erfahre von mir das Wesen des Schlafes. Wenn hier nämlich ein Mensch schläft, so hat er mit dem Seienden sich vereinigt. Er ist in sich eingegangen. Darum sagt man von ihm sva-piti, »er schläft«4; denn er ist in sich eingegangen (svam-apîta). (Tiefschlaf.)

Wie ein Vogel, der an eine Schnur gebunden ist, nach dieser und jener Richtung fliegt und, ohne anderwärts einen Stützpunkt gefunden zu haben, wieder zu seinem Gefängnis zurückkehrt, so fliegt das Denkvermögen nach dieser und jener Richtung und kehrt, ohne anderwärts einen Stützpunkt gefunden zu haben, zum Prâna zurück. Denn das Denkorgan ist an den Prâna gebunden. (Traum.)

Erfahre von mir das Wesen von Hunger und Durst. Wenn hier ein Mensch zu essen wünscht, so führt das Wasser die Speise weg. Wie man von einem Kuh-, Rosse-, Menschenführer spricht, so nennt man das Wasser »Speiseführer«5. Eine sich dergestalt äußernde Wirkung, wisse, wird nicht ohne Ursache sein. Wo anders könnte die Wurzel liegen als in der Speise? Ebenso, mein Lieber, suche bei der Speise als Wirkung die Ursache in dem Wasser, bei dem Wasser, mein Lieber, als Wirkung suche die Ursache in der Glut; bei der Glut, mein Lieber, als Wirkung suche die Ursache in dem Sat. In dem Sat, mein Lieber, haben all die Geschöpfe ihre Ursache, in dem Sat ihre Stütze, in dem Sat ihren Grund.[114]

Wenn nämlich hier ein Mensch zu trinken wünscht, da führt die Glut das Getrunkene hinweg. Wie man von einem Kuh-, Rosse-, Menschenführer spricht, so nennt man die Glut »Wasserführer«6. Eine sich dergestalt äußernde Wirkung, wisse, wird nicht ohne Ursache sein. Wo anders könnte die Ursache liegen als im Wasser? Bei dem Wasser als Wirkung, mein Lieber, suche in der Glut die Ursache; bei der Glut als Wirkung, mein Lieber, suche in dem Sat die Ursache. In dem Sat, mein Lieber, haben all die Geschöpfe ihre Ursache, in dem Sat ihre Stütze, in dem Sat ihren Grund.

Wie von diesen Gottheiten, mein Lieber, eine jede im Menschen sich dreifach teilt, das ist oben gesagt. Wenn der Mensch nun stirbt, mein Lieber, so geht die Stimme in das Denkorgan über, das Denkorgan in den Hauch, der Hauch in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit.‹7 »Lehre mich noch weiter, Ehrwürdiger.« ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.

›Wie die Bienen, mein Lieber, Honig bereiten und die Säfte verschiedener Bäume sammelnd den Saft zu einer Einheit werden lassen, wie diese einzelnen Säfte dort den Unterschied »ich bin der Saft von dem oder jenem Baum« nicht mehr gewahren, so, wahrlich, mein Lieber, gehen all diese Wesen in das Seiende ein und wissen nicht, daß sie in das Seiende eingehen. Was diese immer hier sind, sei es Tiger, Löwe, Wolf, Eber, Wurm, Motte, Fliege oder Bremse, sie werden zum Sat.‹8 »Lehre mich noch weiter, Ehrwürdiger.« ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.

›Die Flüsse hier im Osten fließen nach Osten, die im Westen fließen nach Westen, aus dem Meer fließen sie ins Meer, sie werden zum Meer. Wie diese dort nicht wissen, »ich bin dieser oder jener Strom«, so kommen alle diese Geschöpfe aus dem Sat, ohne zu wissen, daß sie aus dem Sat kommen. Was diese immer hier sind, sei es Tiger, Löwe, Wolf, Eber, Wurm, Motte, Fliege, Bremse, sie werden dazu.‹ »Lehre mich noch weiter, Ehrwürdiger.«9 ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.[115]

›Wenn einer, mein Lieber, diesen großen Baum an der Wurzel anschlägt, so wird dieser, weiter lebend, seinen Saft ausströmen lassen; wenn er ihn in der Mitte anschlägt, so wird dieser, weiter lebend, seinen Saft ausströmen lassen; wenn er ihn am Gipfel anschlägt, so wird dieser, weiter lebend, seinen Saft ausströmen lassen. Von der lebendigen Seele durchdrungen, strotzt er fröhlich weiter. Wenn aber die Seele einen Zweig von ihm verläßt, dann verdorrt er; verläßt sie einen zweiten, so verdorrt er, verläßt sie einen dritten, so verdorrt er; verläßt sie den ganzen (Baum), so verdorrt er ganz. Ganz in derselben Weise, wisse, mein Lieber‹, sprach er, ›stirbt das, was von der lebenden Seele verlassen ist; nicht stirbt die lebende Seele. Diese feinste Substanz durchzieht das All, das ist das Wahre, das ist das Selbst, das bist du, Shvetaketu.‹ »Lehre mich noch weiter.« ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.

›Bringe mir von da eine Nyagrodhafrucht.‹ »Hier ist sie, Ehrwürdiger.« ›Spalte sie.‹ »Sie ist gespalten, Ehrwürdiger.« ›Was siehst du da?‹ »Ganz feine Körner, Ehrwürdiger.« ›Spalte eines von diesen.‹ »Es ist gespalten, Ehrwürdiger.« ›Was siehst du da?‹ »Nichts, Ehrwürdiger.« Der sprach zu ihm: ›Der feinste Stoff, den du nicht wahrnimmst, aus dem besteht so der große Nyagrodhabaum. Glaube, mein Lieber, dieser feinste Stoff durchzieht dies All, das ist das Wahre, das ist das Selbst, das bist du, Shvetaketu.‹ »Belehre mich weiter, Ehrwürdiger.« ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.

›Tue hier Salz in das Wasser und stelle dich früh bei mir ein.‹ Er tat so. Der sprach zu ihm: ›Bringe mir das Salz, das du abends in das Wasser getan hast.‹ Er tastete danach und fand es nicht, da es zergangen war. ›Koste von dieser Seite. Wie schmeckt es?‹ »Salzig.« ›Koste von der Mitte. Wie schmeckt es?‹ »Salzig.« ›Koste von unten. Wie schmeckt es?‹ »Salzig.« ›Wirf etwas hinzu und stelle dich bei mir ein.‹ Er tat so. »Das (Salz) bleibt immer.« Der sprach zu ihm:[116] ›Das Seiende wirst du hier nicht gewahr, (dennoch:) hier ist es. Dieser feinste Stoff durchzieht dies All, das ist das Wahre, das bist du, Shvetaketu.‹ »Lehre mich weiter, Ehrwürdiger.« ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.

›Wenn man einen Mann aus dem Gandhâralande mit verbundenen Augen herbrächte, ihn dann in der Fremde freiließe und er dort nach Osten, Norden, Süden oder Westen laut riefe: »Man hat (mich) mit verbundenen Augen hierhergeführt, mit verbundenen Augen freigelassen«, wenn dann einer ihm die Binde löste und zu ihm spräche: »In dieser Richtung liegt Gandhâraland, gehe in dieser Richtung«, so würde er, von Dorf zu Dorf sich befragend, unterrichtet, kundig nach dem Gandhâralande gelangen. Genau so weiß ein Mensch, der einen Lehrer hat: dieser Welt gehöre ich nur so lange an, als ich nicht befreit werde. Alsdann werde ich hier (zu dem Seienden) gelangen.‹10 »Belehre mich weiter, Ehrwürdiger.« ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.

›Um einen Schwerkranken sitzen die Angehörigen und fragen ihn: »Kennst du mich, kennst du mich?« Solange seine Stimme in das Denkorgan, das Denkorgan in den Hauch, der Hauch in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit11 nicht eingeht, solange erkennt er sie. Aber wenn seine Stimme in das Denkorgan, das Denkorgan in den Hauch, der Hauch in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit eingeht, dann erkennt er sie nicht.‹12 »Belehre mich weiter, Ehrwürdiger.« ›Ja, mein Lieber‹, sprach er.

›Man führt einen Menschen herbei, der an den Händen gefesselt ist. »Er hat gestohlen«, ruft man, »machet für ihn die Axt heiß.« Wenn er der Täter ist, so macht er sich zum Lügner. Er macht eine unwahre Aussage, hüllt sein Selbst in Unwahrheit und ergreift die heiß gemachte Axt. Er verbrennt sich und wird getötet. Wenn er aber der Täter nicht ist, so macht er sich wahrhaftig. Er macht eine wahre Aussage, hüllt sein Selbst in Wahrheit und ergreift die heiß gemachte Axt. Er verbrennt sich nicht und wird nicht getötet.[117] Wie er sich dabei nicht verbrennt (infolge der ihm innewohnenden feinsten Substanz), so durchzieht dieser feinste Stoff alles, das ist das Wahre, das ist der Âtman, das bist du, Shvetaketu.‹ Das lernte er von ihm, das lernte er von ihm13.


(VI)

1

Man erwartet aprakshyas; siehe Taitt.-Brâhm. III, 10, 9, 5: atyaprakshyas, mûrdhâ te vyapatisyat.

2

»Ein-vieles-werden.«

3

Böhtlingk: »mit dem Selbst, dem Lebensorgan«, Deussen: »mit dem lebenden Selbst«.

4

Wortspiel, unübersetzbar und wertlos.

5

Wortspiel, unübersetzbar und wertlos.

6

Siehe vorige Anmerkung.

7

Der Text schiebt hier den Satz ein: »Dieser feinste Stoff durchzieht das All, das ist das Wahre, das bist du, Shvetaketu.« So bedeutungsvoll der Satz ist, so gehört er doch noch nicht hierher, sondern durchbricht den Gang der Darstellung und ist aus dem Folgenden, wo er am Platz ist, herübergenommen.

8

Sic! Hier ist sat, nachher dagegen tad zu lesen, wie es dem Sinn an beiden Stellen entspricht. In betreff der Worte: »das, was hier der feinste Stoff ist usw.« siehe die vorige Anmerkung.

9

Sic! Hier ist sat, nachher dagegen tad zu lesen, wie es dem Sinn an beiden Stellen entspricht. In betreff der Worte: »das, was hier der feinste Stoff ist usw.« siehe die vorige Anmerkung.

10

Siehe Anmerkung 91.

11

Siehe S. 111f.

12

Der Text schiebt hier den Satz ein: »Dieser feinste Stoff durchzieht das All, das ist das Wahre, das bist du, Shvetaketu.« So bedeutungsvoll der Satz ist, so gehört er doch noch nicht hierher, sondern durchbricht den Gang der Darstellung und ist aus dem Folgenden, wo er am Platz ist, herübergenommen.

13

Die Wiederholung hier wie an anderen Stellen bedeutet das Ende eines Abschnitts und hat den Zweck, das Ende dem Lernenden zu verdeutlichen.

Quelle:
Upanishaden. Altindische Weisheit aus Brâhmanas und Upanishaden. Düsseldorf/Köln 1958, S. 108-118.
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