Die Einheit des Ich mit dem Âtman und der Ausgang aller Dinge von dieser Erkenntnis

[118] In den ersten Abschnitten des VII. Kapitels tritt Nârada, der Brahmane, als Schüler Sanatkumâras, des Kriegsgottes und Vertreters der Kriegerkaste, auf. Sanatkumâra fordert jenen auf, ihm zu sagen, was er wisse, er würde ihn weiter belehren. Nârada erwähnt sein Studium der Veden und der anderen Gebiete der damaligen Literatur. So sei er mantrakundig, nicht âtmakundig, er habe von anderen aber gehört, daß der Âtmakundige die Sorge überwinde. Sanatkumâra belehrt ihn, daß alles, was er von Nârada gehört habe, nichts als ein Name sei. Von Stufe zu Stufe ihn emporführend zeigt er, daß höher als der Name die Stimme, höher als die Stimme Verstand (manas), Wille, Gedanke, Sichversenken, Erkenntnis usw. stünde bis hin zu Gedächtnis, Hoffnung, Hauch. Die Auffassung des Hauches als Brahman bildet einen vorläufigen Schluß der Reihe. In dem Hauch ist alles Leben beschlossen. Wer das erkenne, sei ein siegreicher Redner. Im Wortkampf siege man aber nur mit Hilfe der Wahrheit. Man spräche mit Wahrheit, wenn man etwas erkenne; man erkenne, wenn man denke, man denke, wenn man glaube, man glaube, wenn man etwas vollende, man vollende etwas, wenn man tätig sei, man sei tätig, wenn man Wonne empfinde; diese empfinde man nur bei ›Fülle‹, nicht bei Mangel. Die Wahl dieses Wortes, Fülle, bhûman, ist nicht ohne etymologische Spitzfindigkeit erfolgt; denn in den Steigerungen der ersten Reihe ist stets das Wort bhûyas gewählt (Stimme sei mehr als Name usw.). Es dürfte das Substantiv ›Fülle‹, bhûman, mit Anlehnung an jenes, wie ein Superlativum gewählt sein: als summum bonum. Dieses ist der Ausschluß aller Objekte des Sehens, Hörens, Erkennens unter Verschmelzung des Erkennenden mit dem Objekt der Erkenntnis, also der Brahmabegriff. So stammt aus dieser durch das Bewußtsein vom Einssein mit dem Brahman die Wonne (hier sukha genannt), daraus schöpferisches Tun, Vollenden und so in umgekehrter Reihenfolge fort.

Ich gebe aus dieser Darlegung nur den sehr charakteristischen Schluß von der Schilderung des Prâna an.


›Der Hauch ist mehr als die Hoffnung. Wie die Speichen in die Nabe, so ist alles in den Hauch eingefügt. Hauch (Leben)[118] geht mit dem Hauch, Hauch gibt den Hauch (Leben), gibt dem Hauch. Hauch ist Vater, Hauch ist Mutter, Hauch ist Bruder, Hauch ist Schwester, Hauch ist Lehrer, Hauch ist Hauspriester.

Wenn einer gegen Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Lehrer oder Hauspriester etwas hart Scheinendes sagt, so entgegnet man ihm: »Pfui über dich, du tötest ja deinen Vater, du tötest ja deine Mutter, du tötest ja deinen Bruder, du tötest ja deine Schwester, du tötest ja deinen Lehrer, du tötest ja deinen Hauspriester.«

Aber wenn er sie, nachdem ihr Leben entflohen, mit einem Speer zusammenstieße und verbrennte, so würde man zu ihm: »Du tötest deinen Vater, du tötest deine Mutter, du tötest deinen Bruder, du tötest deine Schwester, du tötest deinen Lehrer, du tötest deinen Hauspriester« nicht sagen.

Denn der Hauch ist all das. Wer also sieht, also denkt, also erkennt, ist ein überlegener Redner und, wenn man zu ihm sagen sollte: »Du bist ein überlegener Redner«, so soll er zugeben: »Ich bin ein überlegener Redner« und es nicht leugnen.

Der aber ist ein überlegener Redner, der kraft der Wahrheit durch seine Rede den anderen überlegen ist.‹

»Ich wünsche, Ehrwürdiger, kraft der Wahrheit durch meine Rede überlegen zu sein.«

›Die Wahrheit muß man zu erkennen suchen.‹

»Ich wünsche, Ehrwürdiger, die Wahrheit zu erkennen.«

›Wenn einer erkennt, dann redet er die Wahrheit; ohne zu erkennen, redet man die Wahrheit nicht. Nur der Erkennende redet die Wahrheit. Die Erkenntnis muß man zu erkennen suchen.‹

»Die Erkenntnis, Ehrwürdiger, wünsche ich zu erkennen.«

›Wenn einer denkt, dann erkennt er. Ohne gedacht zu haben, erkennt man nicht. Nur wer gedacht hat, erkennt. Das Denken muß man zu erkennen suchen.‹

»Ich wünsche, Ehrwürdiger, das Denken zu erkennen.«

›Wenn einer glaubt, dann denkt er. Ohne zu glauben, denkt[119] man nicht. Nur der Glaubende denkt; den Glauben muß man zu erkennen suchen.‹

»Den Glauben, Ehrwürdiger, wünsche ich zu erkennen.«

›Wenn einer etwas vollendet1, dann glaubt er. Ohne zu vollenden, glaubt man nicht. Nur der Vollendende glaubt. Die Vollendung muß man zu erkennen suchen.‹

»Die Vollendung, Ehrwürdiger, wünsche ich zu erkennen.«

›Wenn einer wirkt, dann vollendet er. Ohne gewirkt zu haben, vollendet man nicht. Nur wenn man gewirkt hat, vollendet man. Das Wirken muß man zu erkennen suchen.‹

»Das Wirken, Ehrwürdiger, wünsche ich zu erkennen.«

›Wenn einer der Wonne teilhaftig wird, dann wirkt er. Ohne der Wonne teilhaft geworden zu sein, wirkt man nicht. Wenn einer der Wonne teilhaft geworden ist, wirkt man. Die Wonne muß man zu erkennen suchen.‹

»Die Wonne, Ehrwürdiger, wünsche ich zu erkennen.«

Fülle2 ist Wonne. Nicht wohnt Wonne im Wenigen. Nur Fülle ist Wonne. Die Fülle muß man zu erkennen suchen.‹

»Die Fülle, Ehrwürdiger, wünsche ich zu erkennen.«

›Wenn einer nichts anderes sieht, nichts anderes hört, nichts anderes erkennt, das ist »Fülle«. Aber wenn einer etwas anderes sieht, etwas anderes hört, etwas anderes erkennt, das ist »Wenigkeit«. »Fülle« ist Unsterbliches, »Wenigkeit« ist Sterbliches.‹

»Worauf, Ehrwürdiger, ist diese (Fülle) gegründet? Auf ihre eigene Macht oder nicht auf Macht?«

›Als Macht sieht man in der Welt Rinder und Rosse, Gold und Elefanten, Sklaven und Frauen, Felder und Wohnstätten an. Ich sage nicht so‹, sprach er; ›denn das Eine beruht ja auf dem Anderen‹, (sage ich).

›Diese Fülle ist unten, oben, im Westen, Osten, Süden, Norden. Sie ist diese ganze Welt.

Nun lautet die Lehre in bezug auf das »Ich«: das Ich ist unten, oben, im Westen, Osten, Süden, Norden: das Ich ist die ganze Welt.[120]

Nun lautet die Lehre in bezug auf das »Selbst«: das Selbst ist unten, ist oben, im Westen, Osten, Süden, Norden. Das Selbst ist die ganze Welt.

Wer so sieht, so denkt, so erkennt, der vergnügt sich mit dem Selbst, spielt mit dem Selbst, begattet sich mit dem Selbst, erfreut sich an dem Selbst, ist ein Selbstherrscher und genießt Freiheit in diesen Welten3. Die aber, welche anders denken, haben einen anderen als König über sich; ihre Welten sind vergänglich, und Freiheit wird ihnen in diesen Welten nicht zuteil.

Aus dem Selbst dessen, der so sieht, denkt, erkennt, geht der Hauch hervor, aus dem Selbst die Hoffnung, aus dem Selbst das Gedächtnis, aus dem Selbst der Raum, aus dem Selbst das Feuer, aus dem Selbst das Wasser, aus dem Selbst Sichtbarwerden und Vergehen, aus dem Selbst Speise, aus dem Selbst Kraft, aus dem Selbst Erkennen, aus dem Selbst Sichversenken, aus dem Selbst der Gedanke, aus dem Selbst der Wille, aus dem Selbst der Verstand, aus dem Selbst die Stimme, aus dem Selbst der Name, aus dem Selbst die Mantras, aus dem Selbst die Werke, aus dem Selbst diese ganze Welt. So heißt es in einem Verse:

»Nicht sieht der Sehende Tod, Krankheit oder Leid. Der Sehende sieht das All. Das All erlangt er ganz.«‹


(VII, 15 ff)

1

nistishthati wie VI, 9, 1 transitiv.

2

Das ist »Mehr-als-alles-sein«: höchstes Gut.

3

»Umherwandeln nach Belieben.«

Quelle:
Upanishaden. Altindische Weisheit aus Brâhmanas und Upanishaden. Düsseldorf/Köln 1958, S. 118-121.
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