Der Lotus des Herzens

[121] In der Brahmaburg des Leibes ist eine kleine Lotusblüte, das Herz. In ihm ist ein kleiner Raum, aber er ist so groß wie der Weltenraum und enthält alles, was zwischen Himmel und Erde liegt. Das ist die wahre Brahmaburg, die mit dem Alter nicht altert und durch Tötung nicht verfällt und das von allem Übel freie Selbst beherbergt. Werktätigkeit oder religiöses Verdienst vermögen nichts Dauerndes zu schaffen; sie hinterlassen nur Unfreiheit. Aber die, welche den Âtman erkennen und wahre, nicht aufs Zeitliche gerichtete Wünsche hegen, gewinnen Freiheit in allen Welten.

Die wahren Wünsche werden von unechten überwuchert, die[121] nach der Welt der Väter, der Freunde, nach Gesang, Musik, Weibern gehen. Man wandelt über das wahre Ziel hinweg wie über einen Goldschatz, der in der Erde verborgen liegt. Tag für Tag gehen die Wesen in die Brahmawelt im Schlafe ein und wissen es nicht, weil die Unwahrheit sie bannt. In der Brahmawelt gibt es kein Übel, keine Krankheit, keine Nacht. Der Text stellt sie als ein Paradies dar, in dem ewiges Licht wohnt und Sorge, Übel, Krankheit ferne bleiben; er enthält Gedanken, die der strengen Brahmaidee nicht ganz entsprechen, die sich nur allmählich und wohl auch nur in bestimmten Schulen Bahn gebrochen haben. Der Gedanke einer Brücke, unter der man sich in nicht ganz einwandfreier Weise den Âtman vorstellt, ist einer primitiveren Auffassung entnommen, welche wie die Iranier sich eine Brücke vom Diesseits in das Jenseits denkt.

Der Abschnitt schließt mit einer halb mystischen, halb physiologischen Betrachtung über Adern des Herzens, ihre Beziehung zu Sonnenstrahlen und den Tod des Wissenden, der auf den Sonnenstrahlen zur Sonne, dem Tor jener Welt, emporsteigt.


In der Brahmaburg (des Leibes) ist eine kleine Lotusblüte als Behausung. Darin ist ein kleiner Innenraum. Was in diesem sich befindet, muß man erforschen, das muß man zu erkennen suchen.

Wenn sie zu ihm sagen sollten: ›In der Brahmaburg ist eine kleine Lotusblüte als Behausung. Darin ist ein kleiner Innenraum. Was befindet sich darin, das man erforschen, das man zu erkennen suchen muß?‹, so möge er sagen: ›So groß wie hier dieser Raum, so groß ist der Raum im Innern des Herzens. Himmel und Erde sind beide darin enthalten, Agni und Vâyu beide, Sonne und Mond beide, Blitz und Gestirne; was hier (des Menschen) ist und was nicht, das alles ist darin enthalten.‹

Wenn sie zu ihm sagen sollten: ›Wenn hier in der Brahmaburg alles enthalten ist, alle Wesen sowohl als alle Wünsche, was bleibt davon übrig, wenn das Alter sie befällt oder sie zugrunde geht?‹, so möge er sagen: ›Nicht wird sie durch sein (des Menschen) Alter morsch, noch durch seine Tötung vernichtet. Dies ist die wahre Brahmastadt (welche bestehen bleibt und nicht mit dem Körper gleichbedeutend ist). In ihr sind alle Wünsche enthalten. Dies ist das Selbst.[122] Es hat alle Übel abgeworfen, ist frei von Alter, Tod, Kummer, Hunger, Durst; wahrhaft in seinem Verlangen, wahrhaft in seinem Entschließen.

Wie die Menschen hier je nach Bestimmung sich einstellen und je nach dem Ziel, das sie erstreben, sei es ein Land, sei es ein Fleck Feldes, von diesem oder jenem leben, wie die Welt hier, die durch Arbeit erworben ist, zerrinnt, so zerrinnt auch die Welt dort, die durch religiöses Verdienst erworben ist. Die, welche, ohne den Âtman und die wahren Wünsche erkannt haben, von hinnen scheiden, genießen in allen Welten keine Freiheit. Aber die, welche nach Erkenntnis des Âtman und der wahren Wünsche von hinnen scheiden, genießen Freiheit in allen Welten1.

Wenn einer nach der Welt der Väter verlangt, so erheben sich auf seinen Willen die Väter. Er gewinnt die Welt der Väter und wird groß.

Wenn er nach der Welt der Mütter verlangt, so erheben sich auf seinen Willen die Mütter. Er gewinnt die Welt der Mütter und wird groß.

Wenn er nach der Welt der Brüder verlangt, so erheben sich auf seinen Willen die Brüder. Er gewinnt die Welt der Brüder und wird groß.

Wenn er nach der Welt der Schwestern verlangt, so erheben sich auf seinen Willen die Schwestern. Er gewinnt die Welt der Schwestern und wird groß.

Wenn er nach der Welt der Freunde verlangt, so er heben sich auf seinen Willen die Freunde. Er gewinnt die Welt der Freunde und wird groß.

Wenn er nach der Welt der Wohlgerüche und Kränze verlangt, so erheben sich auf seinen Willen die Wohlgerüche und Kränze. Er gewinnt die Welt der Wohlgerüche und Kränze und wird groß.

Wenn er nach der Welt der Speise und des Trankes verlangt, so erheben sich auf seinen Willen Speise und Trank. Er gewinnt die Welt der Speise und des Trankes und wird groß.[123]

Wenn er nach der Welt des Gesanges und der Musik verlangt, so erheben sich auf seinen Willen Gesang und Musik. Er gewinnt die Welt des Gesanges und der Musik und wird groß.

Wenn er nach der Welt der Weiber verlangt, so erheben sich auf seinen Willen die Weiber. Er gewinnt die Welt der Weiber und wird groß.

Welches Ziel er immer begehrt, nach welchem Wunsche er verlangt, all das erhebt sich auf seinen Willen. Er gewinnt es und wird groß.

All die wahrhaften Wünsche sind mit Unwahrheit überdeckt. [Sie sind wahrhaft, aber ihre Decke ist Unwahrheit2.] Wer immer von den Seinen von hier abscheidet, den bekommt man nicht mehr zu sehen.

Die Lebenden und Toten und was man sonst wünschend nicht erlangt, all das findet er, wenn er hierhin gegangen ist. Hier (im Innenraum) sind seine wahrhaften Wünsche, die Unwahrheit bedeckt. Wie man über einen verborgenen Goldschatz, dessen Stelle man nicht kennt, immer wieder hinwegläuft, ohne ihn zu finden, so finden alle diese Geschöpfe die Brahmawelt, obwohl sie Tag um Tag (schlafend) in sie eingehen, nicht. Denn sie sind durch Unwahrheit gebannt.

Dies Selbst ist im Herzen. Man erklärt das so: hridayam, d.i. hridy ayam, es ist im Herzen3. Wer so weiß, geht Tag um Tag in die Himmelswelt ein.‹

›Die selige Ruhe, die aus diesem Körper aufsteigt, in den höchsten Glanz eingeht und in ihrer eigenen Gestalt zur Vollendung kommt, die ist der Âtman‹, so sprach er. ›Das ist das aller Gefahr entrückte Unsterbliche, das ist das Brahman. Dieses Brahman führt den Namen satya.

sattiya: das sind drei Silben: sat, das ist das Unsterbliche; ti ist das Sterbliche4; mit yam hält er beides fest. Weil er damit beides festhält, darum heißt es yam. Wer so weiß, geht Tag für Tag in die Himmelswelt ein.[124]

Das Selbst ist die Brücke, die die Welten trennt, damit sie nicht zusammenstürzen5. Tag und Nacht, Alter, Tod, Kummer, gute und schlechte Tat überschreiten diese Brücke nicht.

Alles Übel bleibt davon zurück. Die Brahmawelt hat das Übel besiegt. Darum, wer diese Brücke überschreitet, wird sehend, wenn er blind war, wird heil, wenn er verwundet war, wird gesund, wenn er krank war. Hat sie diese Brücke überschritten, wird auch die Nacht zum Tag. Ein für allemal ist hell die Brahmawelt6.

Denen, die die Brahmawelt durch den heiligen Schülerstand finden, wird die Brahmawelt, wird Freiheit in allen Welten zuteil.


Der scholastische und mit Hilfe unmöglicher Etymologien erläuternde Abschnitt 5 ist weggelassen.

1

»Umherwandeln nach Belieben.«

2

Glosse.

3

Etymolgisierende falsche Erklärung.

4

Dasselbe. Siehe hierzu Anm. 112.

5

Brihad-Âranyaka IV, 4, 24.

6

= Paradies.

Quelle:
Upanishaden. Altindische Weisheit aus Brâhmanas und Upanishaden. Düsseldorf/Köln 1958, S. 121-125.
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