Was ist das wahre Selbst?

[126] ›Das Selbst, das alle Übel überwunden hat, das frei ist von Alter, Tod, Kummer, Hunger, Durst, wahrhaft in seinem Verlangen, wahrhaft in seinem Entschließen, das soll man suchen, das soll man zu erkennen trachten. Alle Welten und alle Wünsche erlangt der, der das Selbst findet und erkennt.‹ So sprach Prajâpati.

Die Devas und Asuras beide erfuhren das. Sie sprachen: ›Wohlan! wir wollen das Selbst suchen. Wer das Selbst sucht, erlangt alle Welten und alle Wünsche.‹ Da machten sich von den Göttern Indra und Virocana von den Asuras auf. Ohne sich miteinander verständigt zu haben, kamen sie mit Brennholz in der Hand zu Prajâpati.

Durch zweiunddreißig Jahre lebten sie in dem heiligen Schülerstand. Da sprach Prajâpati zu ihnen: ›In welcher Absicht tatet ihr das?‹ Sie sprachen: »Das Selbst, das alle Übel überwunden hat, das frei ist von Alter, Tod, Kummer, Hunger und Durst, das wahrhaft ist in seinem Verlangen, wahrhaft in seinem Entschließen, das soll man suchen, das soll man zu erkennen trachten. Alle Welten und alle Wünsche erlangt der, der das Selbst findet und erkennt. Das verkünden sie als das Wort des Heiligen. In dieser Absicht taten wir das.«

Prajâpati sprach zu beiden: ›Der Mann (das Männchen), den[126] ihr im Auge sehet, der ist das Selbst‹, so sprach er. ›Das ist das Unsterbliche, das von Gefahr freie. Das ist das Brahman.‹ »Aber der, Heiliger, den man im Wasser gewahrt, der, den man im Spiegel gewahrt, was für einer ist das?« ›Man gewahrt ein und denselben allerorten.‹

›Betrachtet euch in einem Gefäß voll Wasser. Was ihr von euch darin nicht wahrnehmet, das sagt mir.‹ Sie betrachteten sich in einem Gefäß voll Wasser. Prajâpati sprach zu ihnen: ›Was seht ihr?‹ Sie sprachen: »Heiliger, wir sehen uns hier ganz, bis zu den Haaren und Nägeln, im Bilde.«

Da sprach Prajâpati zu ihnen: ›Schmückt euch schön, leget schöne Kleider an, putzt euch und blicket dann in das Gefäß mit Wasser.‹ Sie schmückten sich schön, legten schöne Kleider an, putzten sich und blickten in das Gefäß mit Wasser. Prajâpati sprach darauf zu ihnen: ›Was sehet ihr?‹

Sie sprachen: »Ganz so, wie wir, o Herr, schön geschmückt, mit schönen Kleidern angetan und geputzt sind, so sind diese beiden (im Spiegelbilde) schön geschmückt, mit schönen Kleidern angetan und geputzt.« ›Das ist das Selbst‹, so sprach er darauf, ›das ist das Unsterbliche, das von Gefahr Freie, das ist das Brahman.‹ Beruhigten Herzens zogen sie da von dannen.

Prajâpati blickte ihnen nach und sprach: ›Ohne das Selbst wahrgenommen zu haben, ohne das Selbst gefunden zu haben, ziehen sie dahin. Wer von ihnen diese geheime Lehre befolgt, seien es die Götter, seien es die Asuras, der wird zugrunde gehen.‹ Beruhigten Herzens also ging Virocana zu den Asuras. Er teilte ihnen diese geheime Lehre mit: sein Selbst muß man hegen, sein Selbst muß man pflegen. Wer sein Selbst hegt, sein Selbst pflegt, erreicht beide Welten, diese und jene.

Darum sagt man auch jetzt noch von einem, der hier nicht schenkt, nicht glaubt, nicht opfert: ›Fürwahr, das ist einer von den Asuras!‹ Denn das ist die Lehre der Asuras. Sie rüsten den Körper eines Verstorbenen mit erbettelter Gabe[127] [mit einem Gewande, mit Schmuck], und bilden sich ein, sie werden damit jene Welt gewinnen.

Aber noch ehe Indra zu den Göttern gekommen war, kam ihm das Bedenken: Ganz so wie dieses Selbst in dem Körper, der schön geschmückt ist, schön geschmückt erscheint, schön bekleidet in einem, der schön bekleidet ist, geputzt in einem, der geputzt ist, ebenso erscheint es blind in einem blinden, lahm in einem lahmen, verstümmelt in einem verstümmelten Leibe. Es folgt dem Leibe in der Vernichtung nach. Ich sehe hier nichts, dessen man sich erfreuen kann.

Er nahm Brennholz in die Hand und kehrte wieder zurück. Da sprach Prajâpati zu ihm: ›Herr, beruhigten Herzens zogst du doch zusammen mit Virocana von dannen. In welcher Absicht kehrtest du wieder zurück?‹ Der sprach: »Ganz so, wie dieses Selbst, Heiliger, in dem Körper, der schön geschmückt ist, schön geschmückt erscheint, schön bekleidet in einem, der schön bekleidet ist, geputzt in einem, der geputzt ist, ebenso erscheint es blind in einem blinden, lahm in einem lahmen, verstümmelt in einem verstümmelten Leibe. Es folgt in der Vernichtung dem Leibe nach. Ich sehe hier nichts, dessen man sich erfreuen kann.«

›Ganz so steht's damit, Herr‹, sprach da Prajâpati, ›ich will es dir aber noch weiter erklären. Verbleibe abermals zweiunddreißig Jahre in dem heiligen Schülerstand.‹ Er verblieb abermals zweiunddreißig Jahre darin. Da sagte zu ihm Prajâpati:

›Der, der wohlgemut im Traum umherzieht, das ist das Selbst.‹ So sprach er. ›Das ist das Unsterbliche, das von Gefahr Freie; das ist das Brahman.‹ Beruhigten Herzens zog Indra da von dannen. Aber noch ehe er zu den Göttern gekommen war, kam ihm das Bedenken: Auch wenn der Körper blind ist, ist zwar das Selbst nicht blind; wenn er lahm ist, nicht lahm; nicht wird es durch seine Fehler fehlerhaft; nicht wird es durch seine Vernichtung getötet. Aber dennoch scheint man es zu töten, scheint man es zu verjagen1,[128] scheint es Unangenehmes zu empfinden, scheint es auch zu weinen. Ich sehe hier nichts, dessen man sich erfreuen kann.

Er nahm Brennholz in die Hand und kehrte wieder zurück. Da sprach Prajâpati zu ihm: ›Herr, beruhigten Herzens zogst du doch von dannen. In welcher Absicht kehrtest du wieder zurück?‹ Der sprach: »Heiliger! Auch wenn der Körper blind ist, ist zwar das Selbst nicht blind, wenn er lahm ist, nicht lahm; nicht wird es durch seine Fehler fehlerhaft, nicht durch seine Vernichtung getötet. Aber dennoch scheint man es zu töten, scheint man es zu verjagen, scheint es Unangenehmes zu empfinden, scheint es auch zu weinen. Ich sehe hier nichts, dessen man sich erfreuen kann.« ›Ganz so steht's damit, Herr‹, sprach Prajâpati. ›Ich will es dir aber noch weiter erklären. Verbleibe abermals zweiunddreißig Jahre in dem heiligen Schülerstand.‹ Er verblieb abermals zweiunddreißig Jahre darin. Da sagte Prajâpati zu ihm:

›Wenn einer in (tiefem) Schlaf befindlich, glücklich2 und ruhig keine Traumerscheinung hat, das ist der Âtman.‹ So sprach er. ›Das ist das Unsterbliche, das von Gefahr Freie. Das ist das Brahman.‹ Beruhigten Herzens zog Indra da von dannen. Aber noch ehe er zu den Göttern gekommen war, kam ihm das Bedenken: Nicht weiß ja dieser in solcher Lage3 in bezug auf sein Selbst: ›Das bin ich‹, auch nicht, ›(das sind) die anderen Wesen‹. Er ist der Vernichtung anheimgefallen. Ich sehe hier nichts, dessen man sich erfreuen kann.

Er nahm Brennholz in die Hand und kehrte wieder zurück. Da sprach Prajâpati zu ihm: ›Herr, beruhigten Herzens zogst du doch von dannen. In welcher Absicht kehrtest du wieder zurück?‹ Der sprach: »Heiliger, dieser in solcher Lage weiß ja nicht in bezug auf sein Selbst ›das bin ich‹, auch nicht, ›(das sind) die anderen Wesen‹. Er ist der Vernichtung anheimgefallen. Ich sehe hier nichts, dessen man sich erfreuen kann.«[129]

›Ganz so steht's damit, Herr‹, sprach Prajâpati. ›Ich will es dir aber noch weiter erklären; aber nicht anders als unter der Bedingung: verbleibe abermals fünf Jahre im heiligen Schülerstand.‹ Er verblieb abermals fünf Jahre darin. Das ergab zusammen hundert und ein Jahr. Darum sagt man: »Hundert und ein Jahr verweilte der Herr bei Prajâpati im heiligen Schülerstand.« Er sprach zu ihm:

›Herr, sterblich ist dieser Leib und vom Tode umfangen. Er ist der Sitz des unsterblichen, körperlosen Selbst (Âtman). Umfangen von Freud und Leid ist es, solange es in einem Körper wohnt. Nicht lassen sich Freud und Leid, solange es in einem Körper wohnt, abwehren. Wenn es aber körperlos ist, berühren es Freude und Leid nicht.

Körperlos ist der Wind; Wolke, Blitz, Donner sind körperlos: So wie diese aus jenem Raume sich erheben, in das höchste Licht eingehen und jedes in seiner besonderen Gestalt hervortreten, so erhebt diese selige Ruhe (die Seele im Tode) sich aus diesem Körper, geht ein zum höchsten Licht und tritt in ihrer eigenen Gestalt hervor. Sie ist der höchste Geist. Sie wandert in ihm (dem Leibe)4 essend, spielend, bald mit Frauen, bald mit Wagen, bald mit Verwandten sich unterhaltend, umher, ohne sich zu erinnern, daß der Leib nur ein Anhängsel ist. Sie ist (an ihn) wie ein Zugtier an einen Karren gespannt. Ganz ebenso ist der Hauch, der Prâna, an diesen Leib gespannt.

Wenn das Auge sich in den Raum richtet, so ist es der Purusha5 im Auge; das Auge dient ihm nur zum Sehen. Wenn man weiß, »das will ich riechen«, so ist das das Selbst; die Nase dient ihm nur zum Riechen. Wenn man weiß, »das will ich sagen«, so ist das das Selbst; die Stimme dient ihm nur zum Reden. Wenn man weiß, »das will ich hören«, so ist das das Selbst; das Ohr dient ihm nur zum Hören. Wenn man weiß, »das will ich denken«, so ist das das Selbst; der Verstand ist nur sein göttliches Auge. Mit diesem seinem[130] göttlichen Auge, dem Verstande, erfreut er sich am Anblick der Wünsche, die in der Brahmawelt sind.

Die Götter verehren dieses Selbst: darum sind alle Welten und alle Wünsche für sie gewonnen. Aller Welten und aller Wünsche wird der teilhaftig, der dieses Selbst findet und erkennt.‹ So sprach Prajâpati. So sprach Prajâpati.


(VIII, 7)

1

Siehe Anm. 65.

2

Ich lese für samastaḥ, das schwer verständlich ist, sama-sthaḥ.

3

Ich schlage zu lesen vor evam san praty âtmânam.

4

tatra = tasmin = sharîre: Ich weiche von der Übersetzung meiner Vorgänger ab und beziehe das »dort« – im Gegensatz zu den Worten unmittelbar vorher – auf den Aufenthalt im Körper, durch den das Selbst, der höchste Geist, alles genießt; nicht auf die Zeit, wo es den Körper verlassen hat. Es sieht, riecht, schmeckt durch die körperlichen Organe.

5

purusha = âtman.

Quelle:
Upanishaden. Altindische Weisheit aus Brâhmanas und Upanishaden. Düsseldorf/Köln 1958, S. 126-131.
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