Dritter Gesang.

[36] Arjuna sprach


Wenn du die Einsicht höher stellst als wie die Tat, Janârdana1,

Warum zur fürchterlichen Tat treibst du mich an, o Keçava?

Mit doppelsinn'ger Rede so verwirrest du mir nur den Geist,

Dies Eine sag mir ganz bestimmt, wodurch das Heil ich mag empfahn!


Der Erhabene sprach


Ein Doppelstandpunkt ist von mir vorhin verkündet, Reiner, dir:

Die Erkenntnis der Denkenden und der Andächt'gen frommes Tun.

Nicht durch Vermeidung jeder Tat wird wahrhaft man vom Tun befreit,

Noch durch Entsagung von der Welt gelanget zur Vollendung man.

Nie kann man frei von allem Tun auch einen Augenblick nur sein,

Die in uns wohnende Natur zwingt jeden, irgend was zu tun.

Wer seine Tatorgane zwingt und dasitzt, doch betörten Sinns

Im Geist der Sinnendinge denkt, wird ein verkehrter Mensch genannt.

Doch wer die Sinne durch den Geist bewzingend sich ans Handeln macht

Mit seinen Tatorganen – doch nicht daran hängt –, der stehet hoch.

Vollbringe die notwend'ge Tat, denn Tun ist besser als Nichttun;

Des Körpers Unterhaltung schon verbietet es dir, nichts zu tun.

Außer dem Opfer2 steckt die Welt ganz in den Fesseln ihres Tuns,

Darum vollbring du solche Tat3, doch ohne dran zu hängen je.

Einst sprach Prajâpati, als er das Opfer und die Menschen schuf:

Durch dieses sollt ihr fruchtbar sein, dies soll die Wunschkuh sein für euch.

Fördert damit die Götter ihr! Die Götter sollen fördern euch![37]

Euch gegenseitig fördernd so, sollt finden ihr das höchste Heil.

Genüsse, die ihr wünscht, spenden die Götter dann euch, so verehrt,

Doch wer solch Glück genießt und nicht den Göttern opfert, ist ein Dieb.

Von allen Sünden wird befreit, wer nur von Opferresten lebt;

Wer für sich selber kocht, ist schlecht, und Sünde ist's, was er genießt4.

Durch Speise lebt der Wesen Schar, durch Regen wächst die Speise auf.

Durchs Opfer kommt der Regenguß, das Opfer ist des Menschen Tat.

Dies Tun stammt von der Gottheit her, die Gottheit aus dem ew'gen Sein,

Drum ist die Gottheit allerwärts vorhanden in dem Opfer stets.

Wer dies in Gang gekommne Rad nicht immer weiter rollen läßt,

Sündig, fröhnend der Sinnenlust, – der lebt vergeblich, Prithâ-Sohn!

Doch wer sich an dem Selbst erfreut und durch das Selbst gesättigt ist,

Im Selbst allein vergnügt – der Mensch, der ist von allem Tun erlöst.

Er hat's nicht nötig, daß etwas geschehn ist oder nicht geschehn,

Noch sucht bei allen Wesen er Zuflucht aus irgend einem Grund.

Drum, ohne dran zu hängen je, führ aus die Tat, die deine Pflicht!

Wer handelt ohne Hang zur Welt, der Mensch erreicht das höchste Ziel.

Durch solche Tat kam Janaka5 nebst andern zur Vollkommenheit;

Auch im Hinblick auf die Ordnung der Menschenwelt mußt handeln du.

Was irgend nur der Beste tut, das tun die andern Menschen auch,

Was er als Richtschnur stellet hin, demselben folgt die Menschheit nach.

In den drei Welten hab' ich nichts, o Prithâ-Sohn, zu führen aus,

Noch zu erlangen, was mir fehlt, und doch beweg' ich mich im Tun.

Denn wenn ich mich nicht unentwegt im Tun bewegte immerdar,

Was wär's? da alle Menschen doch nur meinen Spuren folgen nach?

Zugrunde ging' die ganze Welt, wenn ich die Tat nicht würde tun,

Ein Chaos brächt' ich dann hervor und mordete die Wesen all.

Die Toren hängen an der Tat, die sie vollführen, Bhârata,

Der Weise tu sie ohne Hang, sich mühend um der Menschheit Wohl.

Nicht mache irr die Toren er, die an den Taten hängen fest,

Gern tu der Weise jede Tat, andächtig stets sie führend aus.[38]

Die Taten kommen all zu Stand durch Eigenschaften6 der Natur;

Wen Selbstbewußtsein töricht macht, der denkt: Ich bin der Täter, ich!

Doch wer den Doppelunterschied7 von Kraft und Tat in Wahrheit kennt,

Der hängt nicht fest, der kennt das Reich, da Kräft' in Kräften walten fort.

Wen dieses Spiel der Kräfte täuscht, der hänget an der Kräfte Tun,

Schwach ist er und kennt nicht das All – wer's kennt, der lasse den in Ruh.

Drum wirf auf mich hin all dein Tun, nur denkend an den höchsten Geist,

Nichts hoffend und begehrend nichts, so kämpfe, frei von allem Schmerz.

Die Menschen, welche immerdar nachfolgen diesem meinem Wort,

Die gläubig sind und murren nicht, befrein durch ihre Taten sich.

Die aber, murrend wider mich, nicht folgen diesem meinem Wort,

In aller Einsicht ganz verwirrt, die Toren, wisse, gehn zugrund.

Der Weise auch tut immer das, was der Natur in ihm entspricht;

Die Wesen gehn nach der Natur – was will der Zwang bewirken da?

An jedem Sinnesgegenstand hängt Neigung und Abneigung fest, –

Nicht fall' in deren Herrschaft er, sie sind ja seine Gegner beid'.

Die eigne Pflicht steht oben an, und brächte sie uns auch den Tod!

Tu noch so gut die fremde Pflicht, sie bringt dir doch nichts als Gefahr.


Arjuna sprach


Allein, von wem denn angespornt begeht der Mensch die sünd'ge Tat,

Auch wenn er selbst es gar nicht will, als trieb' ihn irgend eine Macht?


Der Erhabene sprach


Das ist die Gier, das ist der Zorn, der aus der Leidenschaft entspringt!

Das ist der Böse, der verschlingt! ja wisse, dieser ist der Feind.

Wie's Feuer wird vom Rauch verhüllt und wie der Spiegel durch den Schmutz,

Wie von der Haut der Embryo, so ist von dem umhüllt die Welt.[39]

Die Einsicht ist von ihm umhüllt, der stets der Feind des Weisen ist,

Von ihm, dem proteusartigen, dem Feu'r, das unersättlich ist.

Die Sinne, Innensinn, Verstand – die werden sein Gebiet genannt,

Durch sie verwirrt den Menschen er, indem die Einsicht er umhüllt.

Drum zügle du von Anfang an die Sinne, edler Bhârata,

Gib auf das Böse, es zerstört Erkenntnis und Erfahrung dir.

Die Sinne kennt als mächtig man, mächt'ger noch ist der Innensinn,

Mächt'ger als dieser der Verstand, weit mächt'ger noch das ew'ge Selbst.

Wenn seine Macht du hast erkannt, dann stärke durch das Selbst dein Selbst, –

Töte den Feind, Großarmiger, den Proteus, den man schwer bezwingt.

1

Janârdana ist ein Beiname des Krishna, ebenso wie auch das gleich folgende Keçava.

2

D.h., wie schon das Petersburger Wörterbuch erklärt, mit Ausnahme eines Werkes, das ein Opfer zum Ziel hat, zum Opfer dient.

3

D.h. solche Tat, die auf das Opfer gerichtet ist, dem Opfer dient.

4

D.h. jegliche Speise soll zuerst als ein Opfer den Göttern dargeboten werden. Nachher ist sie dann ein Opferrest, den man mit gutem Gewissen verzehren kann. Die Götter aber müssen gewissermaßen zuvor zu Gaste geladen sein.

5

Ein berühmter König der Upanishaden-Zeit. Vgl. über denselben »Indiens Literatur und Kultur« S. 187-189, 208, 209 ff.

6

Die Gunas, Qualitäten, Eigenschaften oder Kräfte der Natur (Prakriti), walten nur in dieser und gestalten so die Welt; der ewige Geist kennt dieselben nicht, ist qualitätenlos.

7

Doppelunterschied, d.h. wohl: Qualität (Kraft) sowohl wie Tat sind beide vom ewigen Geiste absolut unterschieden und berühren ihn gar nicht. Das ist eine Welt für sich, die der Weise ruhig ihren Gang gehen läßt.

Quelle:
Bhagavadgita: Des Erhabenen Sang. Jena 1959, S. 36-40.
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