Vierter Gesang.

[40] Der Erhabene sprach


So hab' die Andachts-Lehre1 ich verkündet dem Vivasvant einst,

Vivasvant hat dem Manu sie, Manu Ikshvâku mitgeteilt.

So ging von Mund zu Mund sie fort, die Königsweisen kannten sie, –

Doch durch die lange Zeit ging dann verloren diese Lehre hier.

Die alte Andachts-Lehre ist's, die hab' ich jetzt verkündet dir,

Weil mein Verehrer du und Freund – ein hehr Geheimnis ist sie ja.


Arjuna sprach


Du bist von späterer Geburt, Vivasvant lebte früher doch, –

Wie soll ich's denn verstehn, daß du verkündet ihm die Lehre einst?


Der Erhabene sprach


Gar viel Geburten hab' ich schon durchlebt – du auch, o Arjuna! –

Ich weiß von ihnen allen noch2, doch du weißt nichts davon, o Held!

Zwar ungeboren, ewig auch und aller Wesen Herr bin ich,

Und doch entsteh' ich oftmals neu durch meines Wesens Wunderkraft.

Denn immer, wenn die Frömmigkeit hinschwinden will, o Bhârata,

Ruchlosigkeit ihr Haupt erhebt, dann schaffe ich mich selber neu3.

Zum Schutz der guten Menschen hier und zu der Bösen Untergang,

Die Frömmigkeit zu fest'gen neu, entsteh' in jedem Alter4 ich.

Und wer mein Werden und mein Tun, das göttliche, in Wahrheit kennt,

Erleidet keine Neugeburt, – er geht im Tode zu mir ein.[41]

Von Neigung, Furcht und Zorn befreit, mir ähnlich und auf mich gestützt,

Durch der Erkenntnis Buße rein, gingen schon viele auf in mir.

Wie diese mir sich wenden zu, so liebe ich hinwiedrum sie;

Es wandeln meinen Bahnen nach durchaus die Menschen, Prithâ-Sohn.

Erfolg bei seinen Taten wünscht der Mensch, wenn er die Götter ehrt,

Rasch kommt ja in der Menschenwelt Erfolg, der aus der Tat entspringt.

Ich bin's, der die vier Kasten schuf, nach Art und Tun sie unterschied,

Wisse, ich bin es, der da wirkt und nicht wirkt, ich, der Ewige.

Mich kann die Tat beflecken nicht, – die Frucht der Tat begehr' ich nicht!

Wer so mich und mein Wesen kennt, wird nicht gefesselt durch die Tat.

In solcher Einsicht strebten schon die Alten der Erlösung zu,

Darum vollbringe du die Tat, wie schon die Alten sie vollbracht.

Was ist denn Tat? was ist Nichttun? – das ist's, was Weise selbst verwirrt;

Drum will die Tat ich künden dir, wodurch du kommst vom Übel frei.

Denn achten muß man auf die Tat, achten auf unerlaubtes Tun,

Muß achten auf das Nichttun auch, – der Tat Wesen ist abgrundtief.

Wer in der Tat das Nichttun schaut und in dem Nichttun grad' die Tat,

Der ist ein einsichtsvoller Mensch, andächtig tut er jede Tat.

Wer Gier und Wunsch bei jeglichem Beginnen ganz und gar verbannt,

Wer in des Wissens Feu'r die Tat verbrannt hat, heißt ein weiser Mann.

Wer an der Taten Frucht nicht hängt, stets zufrieden, nicht Hülfe braucht, –

Wenn er im Tun sich auch bewegt, so tut er doch in Warheit nichts.

Nichts wünschend, zügelnd seinen Geist, aufgebend jeglichen Besitz,

Nur mit dem Körper tu'nd die Tat, – so bleibt er frei von Sündenschuld.

Vergnügt mit dem, was er bekommt, nicht neidisch, gegensatzentrückt5,

Gleich bei Erfolg wie Mißerfolg, wird er durch keine Tat verstrickt.

Wer frei von Hang ist und erlöst, wem in Erkenntnis ruht der Geist,

Indes er sich um's Opfer müht, dem löst das Tun sich völlig auf.

Die Gottheit ist das Opfer selbst, die Gottheit lebt im Opferfeu'r,

Drum geht zur Gottheit ein der Mensch, der an solch göttlich Tun gedenkt.

Die Einen führen Opfer aus, die dem und jenem Gott geweiht,[42]

Die Andern bringen Opfer dar im Feuer der Theologie.

Gehör und andre Sinne bringt der Eine im Entsagungsfeu'r,

Der Andre bringt die Sinnenwelt im Feuer seiner Sinne dar6.

Der Sinne und des Atems Tun bringt mancher Andre ganz und gar

Im Feu'r der Selbstbezähmung dar, das durch Erkenntnis ist entflammt.

Noch Andre bringen Hab und Gut, bringen Buße und Andacht dar,

Stilles Studium und Erkenntnis als Asketen der strengsten Art.

Im Aushauch bringen dar den Hauch, im Hauch den Aushauch Andere,

Hemmend des Hauchs und Aushauchs Weg, der Atmungshemmung ganz geweiht.

Andre, sich der Speis' enthaltend, bringen Leben im Leben dar.

Das Opfer kennen diese all, das Opfer macht sie sündenfrei.

Wer Opferrestes Nektar speist, der geht ins ew'ge Brahman ein;

Doch wer nicht opfert, der erlangt nicht diese, wie denn jene Welt?

So mannigfalt'ge Opfer sind in Brahmans Munde dargebracht, –

Sie alle stammen aus der Tat, – dies wisse! dann wirst du erlöst.

Besser als Opfer allen Guts ist der Erkenntnis Opfer, Held!

Denn jede Tat, ganz lückenlos, in der Erkenntnis liegt sie drin.

Dies wisse, wenn du fromm dich beugst, die Lehrer fragst und sie verehrst,

Erkenntnis werden lehren dich die Weisen, die die Wahrheit schaun.

Hast du's erkannt, o Pându-Sohn, wirst du nicht wiederum betört,

Dadurch wirst alle Wesen du in dir erschaun und dann in mir.

Auch wenn ein größrer Sünder du als alle andern Sünder bist,

Doch wirst mit der Erkenntnis Schiff du fahren übers Meer der Schuld.

Gleichwie das Feuer, wenn es flammt, zu Asche all das Brennholz macht,

So brennt auch der Erkenntnis Feu'r zu Asche alle Taten dir.

Kein Läutrungsmittel gibt's ja hier, das der Erkenntnis sich vergleicht;

Das findet selber in sich selbst, wer durch Andacht vollendet ist.

Dem Gläub'gen fällt Erkenntnis zu, der nach ihr sucht, die Sinne zähmt;

Wer die Erkenntnis fand, gelangt zum höchsten Seelenfrieden bald.[43]

Wer unwissend und glaubenslos dem Zweifel nachgibt, geht zugrund;

Nicht diese, noch auch jene Welt, noch Glück ist je des Zweiflers Teil.

Doch wer der Andacht weiht sein Tun, den Zweifel durch Einsicht zerstört,

Sein selber mächtig ist, fürwahr, den binden auch die Taten nicht.

Zerschneide mit des Wissens Schwert den Zweifel, der aus Torheit stammt.

Im Herzen! Weih der Andacht dich! Erhebe dich, o Bhârata!

1

D.h. die Lehre von der andachtsvollen Hingabe (yoga) an das pflichtmäßige Tun, im oben angegebenen Sinne.

2

Ähnlich hat auch Buddha den Vorzug, sich seiner früheren Geburten zu erinnern.

3

So entsteht auch nach buddhistischer Lehre, wenn die rechte Erkenntnis in der Welt zugrunde zu gehen droht, immer wieder ein neuer Buddha.

4

D.h. in jedem Weltalter, jedem Yuga (yuge yuge).

5

dvandvâtîta. Eigentlich »über die Paare hinausgegangen«. Die Paare (dvandva) sind die Gegensätze, wie Kälte und Hitze, Freud und Leid, auch Gut und Böse usw. Also jenseits dieser Gegensätze, ihnen entrückt, von ihnen befreit – jenseits von allem Leid, jenseits auch von Gut und Böse.

6

Vgl. dazu die Erläuterung von Garbe a.a.O. 89, Anm. 5.

Quelle:
Bhagavadgita: Des Erhabenen Sang. Jena 1959, S. 40-44.
Lizenz:

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