Sechster Gesang.

[47] Der Erhabene sprach


Wer, nicht auf Tatenfrucht bedacht, die pflichtgemäße Tat vollbringt,

Ist entsagungs- und andachtsreich1, nicht wer feuer- und tatenlos2.

Was man Entsagung nennt, das ist Andacht – wisse, o Pându-Sohn!

Denn wer den Wünschen nicht entsagt, der kann auch nicht andächtig sein.

Der Weise, der nach Andacht strebt, dem ist die Tat sein Element,

Doch wer die Andacht hat erreicht, des Element ist Seelenruh.

Wer an sinnlichen Dingen nicht noch an den Taten irgend hängt

Und allen Wünschen hat entsagt, der hat die Andacht, heißt's, erreicht.

Man bring' sein Selbst durchs Selbst empor, nicht bring' herunter man das Selbst!

Das Selbst ist ja sein eigner Freund, das Selbst ist auch sein eigner Feind.

Dem ist das Selbst sein eigner Freund, der durch das Selbst das Selbst besiegt;

Doch kämpft es mit der Außenwelt, dann wird das Selbst sich selbst zum Feind.

Wer sich bezwang und ruhig ward, in dem wohnt still der höchste Geist,

In Kalt' und Hitze, Lust und Leid, in Ehren und in Schanden auch.

In der Erkenntnis voll beglückt, gipfelhoch stehend, sinnbezähmt,

Andächtig heißt der Yogin dann, wenn Erdkloß, Stein und Gold ihm gleich.

Wer gegen Freund und Widerpart, Gleichgült'ge, Feind' und Sippen auch,

Gegen Gute wie Böse auch gleichgesinnt ist, der ragt empor.[48]

Der Yogin soll beständig sich abmühen in der Einsamkeit,

Allein, bezähmend Sinn und Selbst, nichts hoffend, des Besitzes bar.

An reinem Ort sich hinstellend einen sicher stehenden Sitz,

Nicht allzu hoch, zu niedrig nicht, darauf ein Kleid, Fell, Kuça-Gras;

Den Geist auf einen Punkt richtend, zügelnd Denken, Sinne und Tun,

Sich setzend auf den Sitz üb' er Andacht, zur Rein'gung seiner selbst.

Gleichmäßig Körper, Nacken, Haupt unbewegt haltend, bleib' er fest,

Schauend auf seine Nasenspitz' – nicht blick' er hier- und dorthin aus.

Ruhigen Selbstes, frei von Furcht, der Keuschheitsregel untertan,

Den Sinn zügelnd, an mich denkend, andächtig sitz' er, mir geweiht.

Sein Selbst beständig rüstend so, andächtig, mit bezähmtem Geist,

Geht er zu meinem Frieden ein, des höchstes Ziel Nirvâna ist.

Wer zuviel ißt, kennt Andacht nicht, noch der, der ganz und gar nicht ißt;

Nicht wer zu sehr verschlafen ist, noch wer stets wacht, o Arjuna.

Wer mäßig ißt und sich erholt, mäßig wirket in Handlungen,

Mäßig im Schlaf und Wachen ist, hat Andacht, die den Schmerz zerstört.

Bei wem das Denken ganz bezähmt stille verharret in dem Selbst,

Wenn von Begierden er ganz frei, dann wird er andächtig genannt.

Wie die Lampe, vom Wind geschützt, nimmer flackert, – dies Gleichnis gilt

Vom Yogin, der sein Denken zähmt und Andacht übet an dem Selbst.

Wo das Denken zur Ruhe kommt, durch Andachtsübung eingedämmt,

Und wo man, mit dem Selbst das Selbst schauend, sich an dem Selbst erfreut;

Wo man das grenzenlose Glück, dem Geist faßbar, den Sinnen nicht,

Kennend und fest darin stehend sich von der Wahrheit nicht bewegt;

Und hat man den Gewinn erlangt, ihn über jeden andern schätzt3,

In dem verharrend man vom Schmerz, auch schwerem, nicht mehr wird bewegt;

Solche Lösung vom Schmerzverein, wisse, die wird Andacht genannt;

Die Andacht üb' entschlossen man und werde ihrer nimmer satt.[49]

Begierden, die der Wunsch erzeugt, aufgebend all ohn' Unterschied,

Die Schar der Sinne mit Vernunft im Zaume haltend allerwärts;

Werd' langsam, langsam ruhig man, und mit standhaft gewordnem Geist

Versenke man sich in das Selbst und denke an nichts andres mehr.

Wo immer nur ausbrechen will der schwankende, unstäte Sinn,

Da soll man bänd'gen ihn in sich und zum Gehorsam bringen ihn.

Denn den Andächt'gen, dessen Sinn beruhigt ist, wird höchstes Glück

Erfüllen, – leidenschaftgestillt, Brahman-geworden, ist er rein.

Sein Selbst beständig übend so, wird der Andächt'ge, sündenfrei,

Erlangen unbegrenztes Glück, wo er mit Brahman sich berührt.

Sich selbst in allen Wesen sieht und alle Wesen auch in sich,

Wer so sein Selbst in Andacht übt und alles schaut gleichmütig an.

Wer mich allüberall erblickt und alles auch in mir erblickt,

Dem kann niemals entschwinden ich, und er entschwindet niemals mir.

Wer mich in allen Wesen ehrt, der Einheitslehre huldigend,

Der, wie er immer sich bewegt, bewegt sich andachtsvoll in mir.

Wer nach Analogie des Selbst allüberall das gleiche sieht,

Ob es nun Lust sei oder Leid, steht in der Andacht obenan.


Arjuna sprach


Die Andacht, welche so von dir samt dem Gleichmut verkündet ist,

Sie hat – ich seh' es – nicht Bestand, denn schwankend ist einmal der Mensch.

Es schwankt der innre Sinn, Krishna, ist ungestüm, gewaltsam, hart;

Zu zügeln ihn acht' ich so schwer als wie des Windes Zügelung.


Der Erhabene sprach


Gewiß, Großarmiger, der Sinn ist schwer zu zügeln, schwankend auch,

Doch, Kuntî-Sohn, durch Anstrengung und Entsagung zwinget man ihn.[50]

Wer sich nicht zähmt, der kann nur schwer Andacht erreichen – denk' ich mir –,

Wer sich bezwang und wer sich müht, kann solcherart erreichen sie.


Arjuna sprach


Wer sich nicht zähmt, doch gläubig ist, – bei der Andacht, schwankenden Sinns,

Andachtsvollendung nicht erreicht, o Krishna, welchen Weg geht der?

Geht er nicht, scheiternd beiderseits, zerrißnen Wolken gleich zugrund,

Ohn' allen Halt, Großarmiger, verirret auf dem Weg zu Gott?

Den Zweifel mußt du, Krishna, mir auflösen, daß nichts übrig bleibt,

Es findet ja kein andrer sich, der diesen Zweifel löst, als du.


Der Erhabene sprach


O Prithâ-Sohn, nicht hier noch dort muß solch ein Mann zugrunde gehn,

Denn niemand, der redlich verfährt, soll in das Elend kommen, Freund4!

Wenn in der Welt der Frommen er geweilet viele Jahre lang,

Ersteht in reinem, edlem Haus aufs neu, wer aus der Andacht fiel;

Oder er wird geboren gar in andächtiger Weisen Haus, –

Und solcherlei Geburt ist doch schwer zu erlangen in der Welt.

Und hier erlangt denselben Geist er wieder wie im alten Leib,

Und ringt von nun an eifriger um die Vollendung, Kuru-Sohn.

Sein ehemaliges Bemühn reißt ihn selbst wider Willen fort;

Wer der Andacht Erkenntnis sucht, hat mehr als Schriftgelehrsamkeit5.

Wenn er nur eifrig sich bemüht, andachtsvoll und von Sünden rein,

Vollendet durch manche Geburt, wandelt er dann die höchste Bahn.

Höher steht der andächt'ge Mann als die Büßer und Weisen gar,

Höher auch als die Werkfrommen – drum sei andächtig, Arjuna![51]

Und unter den Andächt'gen all, wer mich verehret glaubensvoll,

Sein Innres ganz mir wendend zu – gilt mir als der Andächtigste.

1

Im Text: Der ist ein Sannyâsin, der ein Yogin.

2

D.h. nicht derjenige, welcher das pflichtmäßig zu unterhaltende heilige Feuer und die pflichtmäßigen Verrichtungen gänzlich aufgibt.

3

Vgl. Ev. Matth. 13, 44-46.

4

Welch eine milde, humane, tröstliche Lehre!

5

Er kommt über das çabdabrahman hinaus, d.h. über das Wort-Brahman, das in Worte gefaßte Brahman.

Quelle:
Bhagavadgita: Des Erhabenen Sang. Jena 1959, S. 47-52.
Lizenz:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon