XIII (Adhyâya 37).

Vers 1322-1355 (B. 1-34).

[89] Arjuna sprach:


(1322.)1 Die Prakṛiti und den Purusha, den Ort und den Ortskenner, das Wissen und das Zuwissende, dieses wünsche ich zu verstehen, o Vollhaariger.


Der Heilige sprach:


1. (1323.) Dieser Körper, o Kuntîsohn, wird als der Ort (kshetram) bezeichnet; den, der sich desselben bewusst ist, nennen die Kundigen den Ortskenner (kshetrajña).

2. (1324.) Der Ortskenner, das sollst du wissen, in allen Orten bin ich, o Bhârata; die Erkenntnis des Orts und des Ortskenners, das erst ist wahre Erkenntnis, so sage ich.

3. (1325.) Was dieser Ort ist, von welcher Art, welchen Umwandlungen unterworfen und woher er stammt, und hinwiederum, wer er (der Ortskenner) ist und von welcher Macht, das vernimm in der Kürze von mir,[90]

4. (1326.) wie es vielfach von den Vedadichtern in mancherlei Liedern im einzelnen besungen worden ist, und durch die von Gründen begleiteten, klar dargelegten Worte der Lehrsprüche über das Brahman (brahmasûtra).

5. (1327.) Die grossen Elemente, der Aha kâra (der Ichmacher), die Buddhi, das Avyaktam [das Unentfaltete, die Prakṛiti], die [mit Einschluss von Manas] elf Indriya's und die fünf Objekte der Indriya's;

6. (1328.) ferner Begierde, Hass, Lust, Schmerz, das [körperliche] Aggregat, Bewusstsein und Festigkeit, – damit ist in summarischer Weise der Ort (kshetram) mit seinen Umwandlungen bezeichnet.

7. (1329.) Demut, Ehrlichkeit, Schonung, Nachsicht, Geradsinnigkeit, Verehrung des Lehrers, Reinheit, Standhaftigkeit, Selbstbeherrschung,

8. (1330.) Entsagung den Sinnendingen, Freiheit vom Ichbewusstsein, Einsicht in das Leiden und die Mängel von Geburt, Tod, Alter und Krankheit,

9. (1331.) Nicht-Anhänglichkeit [an die Welt], Nicht-Gebundensein an Kind, Weib, Haus und dergleichen, beständige Gleichmütigkeit der Gedanken bei erwünschten und unerwünschten Wechselfällen,

10. (1332.) unerschütterliche Verehrung für mich ohne Hingebung an einen andern, Aufsuchen einsamer Orte, Unlust zu menschlicher Gesellschaft,[91]

11. (1333.) Standhaftigkeit in der Erkenntnis des höchsten Selbstes und Auffassen der Wahrheitserkenntnis als Zweck, – dieses wird bezeichnet als das Wissen; als Nichtwissen das, was davon verschieden ist.

12. (1334.) Nun will ich dir erklären, was das Zuwissende ist, welches erkennend man die Unsterblichkeit erlangt. Es ist das anfanglose höchste Brahman; dieses wird bezeichnet als das weder Seiende noch Nicht-Seiende.

13. (1335.) Nach allwärts ist es Hand, Füsse, nach allwärts Augen, Haupt und Mund, nach allen Seiten hin hörend, die Welt umfassend steht es da (= Çvet. Up. 3,16).

14. (1336.) Durch aller Sinne Kraft scheinend und doch von allen Sinnen frei [bis hierher Çvet. Up. 3,17], ohne [Welt-]Anhänglichkeit und doch Träger des Weltalls, ohne Guṇa's und doch Geniesser der Guṇa's.

15. (1337.) Ausserhalb der Wesen ist es und innerhalb, ist das Bewegliche und das Unbewegliche; wegen seiner Feinheit ist es unerkennbar, es ist das Ferne und ist das Nahe.

16. (1338.) Ungeteilt wohnt es in den Wesen und doch als wäre es geteilt, es ist zu wissen als die Wesen erhaltend, vernichtend und hervorbringend.

17. (1339.) Es ist auch das Licht der Lichter (Bṛih. Up. 4,4,16), es wird das Finsternisjenseitige (vgl. Vâj. Samh. 31,18) genannt. Es ist[92] das Wissen, das Zuwissende, durch Wissen zu Erlangende, es weilt im Herzen eines jeden.

18. (1340.) Damit sind in der Kürze erklärt der Ort, das Wissen und das Zuwissende. Wer mich verehrt und dies erkennt, der geht in meine Wesenheit ein.

19. (1341.) Du sollst wissen, dass die Prakṛiti und ebenso der Purusha beide anfanglos sind; von den Umwandlungen aber und den Guṇa's wisse, dass sie aus der Prakṛiti entspringen.

20 (fehlt in C.). Als Ursache von Wirkung, Werkzeug (lies: karaṇa) und Tätersein gilt die Prakṛiti, als Ursache des Geniesserseins von Lust und Schmerz gilt der Purusha.

21. (1342.) Der Purusha, in der Prakṛiti weilend, geniesst nämlich die aus der Prakṛiti entsprungenen Guṇa's; sein Behaftetsein mit den Guṇa's ist die Ursache für sein Geborenwerden in einem guten oder schlechten Mutterschoss.

22. (1343.) Zuschauer, Bewilliger, Erhalter, Geniesser, grosser Herr und höchster Âtman, mit diesen Worten wird in diesem Leibe der Purusha, welcher der Höchste [das höchste Prinzip] ist, genannt.

23. (1344.) Wer in dieser Weise den Purusha wie auch die Prakṛiti mitsamt ihren Guṇa's versteht, der wird, in welcher Lage er sich auch immer befinden mag, nicht wieder geboren.

24. (1345.) Manche schauen mittels der Meditation[93] [des Yoga] das Selbst durch sich selbst in sich selbst, andere erkennen es durch Hingebung an die Reflexion (Sânkhyam), noch andere durch Hingebung an das [uninteressierte] Werk.

25. (1346.) Noch andere, welche nicht in dieser Weise zur Erkenntnis durchdringen, hören [über den Âtman] von anderen und verehren ihn, und auch diese überschreiten den Tod, wenn sie sich an das gehörte Vedawort als Höchstes halten.

26. (1347.) Wo nur immer ein Wesen entsteht, ein unbewegliches oder bewegliches, da geschieht dies durch Verbindung des Ortskenners mit dem Ort, das wisse, o Bharatastier.

27. (1348.) Wer aber in allen Wesen den höchsten Gott wohnen sieht, der nicht vergeht, wenn sie vergehen, wer den sieht, der ist wahrhaft sehend.

28. (1349.) Denn indem er allerwärts denselben Gott wohnen sieht, wird er nicht sich selbst durch sich selbst verletzen wollen, und so geht er den höchsten Weg.

29. (1350.) Wer einsieht, dass die Werke allerwärts nur durch die Prakṛiti vollbracht werden, und dass der Âtman Nicht-Täter ist, der ist wahrhaft sehend.

30. (1351.) Wenn einer erkennt, dass die Besonderheit der Wesen in jenem Einen ihren Standort hat und von ihm her sich ausbreitet, der geht in das Brahman ein.[94]

31. (1352.) Vermöge seiner Anfanglosigkeit und Guṇalosigkeit wird jener unvergängliche höchste Âtman, obgleich er im Leibe weilt, o Kuntîsohn, doch nicht zu einem Täter und wird nicht befleckt.

32. (1353.) Wie der alldurchdringende Äther wegen seiner Feinheit nicht befleckt wird, so wird auch der den ganzen Körper durchdringende Âtman doch nicht durch ihn befleckt.

33. (1354.) So wie die eine Sonne diese ganze Welt erleuchtet, so erleuchtet, o Bhârata, der Ortsbewohner den ganzen Ort (Leib).

34. (1355.) Wer mit dem Auge der Erkenntnis in dieser Weise die Verschiedenheit des Ortes und des Ortskenners, sowie die Losgelöstheit der Wesen von der Prakṛiti erkannt hat, der geht zum Höchsten ein.


So lautet in der Bhagavadgîtâ die Hingebung an die Unterscheidung von Ort und Ortskenner (kshetra-kshetrajña-vibhâga-yoga).

Fußnoten

1 Dieser Vers steht in C., wird in B. als unecht bezeichnet und fehlt in den Separatausgaben.

Quelle:
Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahâbhâratam. Leipzig 1911, S. 89-95.
Lizenz:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Horribilicribrifax

Horribilicribrifax

Das 1663 erschienene Scherzspiel schildert verwickelte Liebeshändel und Verwechselungen voller Prahlerei und Feigheit um den Helden Don Horribilicribrifax von Donnerkeil auf Wüsthausen. Schließlich finden sich die Paare doch und Diener Florian freut sich: »Hochzeiten über Hochzeiten! Was werde ich Marcepan bekommen!«

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon