XVII (Adhyâya 41).

Vers 1427-1454 (B. 1-28).

[108] Arjuna sprach:


1. (1427.) Wie aber stellt es mit denen, o Kṛishṇa, welche zwar die Vorschrift des Gesetzes von sich werfen, aber im Glauben Verehrung üben? Auf welchem Boden stehen sie, auf dem des Sattvam, des Rajas oder des Tamas?


Der Heilige sprach:


2. (1428.) Dreifach ist der Glaube der Verkörperten, wie er aus ihrer Naturbeschaffenheit entspringt: er ist sattva-artig, rajas-artig und tamas-artig, darüber vernimm.

3. (1429.) Der Glaube, o Bhârata, ist bei einem jeden seiner Wesenheit entsprechend; aus Glaube besteht der Mensch, wie einer glaubt, so ist er (vgl. Mokshadharma 9458).

4. (1430.) Die Sattva-artigen verehren die Götter, die Rajas-artigen die Halbgötter und Dämonen, die übrigen aber, die tamas-artigen Menschen, verehren die Geister und die Gespensterscharen.

5. (1431.) Diejenigen Menschen, welche eine[109] furchtbare, aber nicht vom Gesetz vorgeschriebene Askese üben und dabei behaftet mit Heuchelei und Selbstsucht und von Lust, Leidenschaft und Gewalttätigkeit erfüllt sind,

6. (1432.) diese Törichten quälen nur die im Leibe versammelte Schar der Elemente und mich, der ich in ihrem Leibe weile; deren Entschliessung, das sollst du wissen, ist eine dämonische.

7. (1433.) Dreifach aber ist auch die Nahrung, die jedem lieb ist, und ebenso sein Opfer, seine Askese und sein Schenken. Vernimm, was deren Unterschied ist.

8. (1434.) Die Nahrungsmittel, die das Leben, Tüchtigkeit, Kraft, Gesundheit, Lust und Behagen vermehren, und welche als saftreich, ölig oder fest das Herz stärken, die werden von sattvahaften Menschen geliebt.

9. (1435.) Die Nahrungsmittel, die einen stechenden, sauern, salzigen, erhitzenden, scharfen, rauhen und brennenden Geschmack haben, sind bei rajashaften Menschen beliebt und veranlassen Schmerz, Beschwerde und Krankheit.

10. (1436.) Abgestandene, schal gewordene, übelriechende, übertägige, übrig gelassene und nichtopferwürdige Speisen werden von den tamashaften Menschen geliebt.

11. (1437.) Ein Opfer, welches im Hinblick auf die Vorschrift dargebracht wird von solchen, welche nicht nach Lohn verlangen, sondern[110] sich dazu entschliessen, weil man eben opfern muss, ein solches Opfer ist sattvahaft.

12. (1438.) Ein Opfer hingegen, welches mit Absicht auf den Lohn oder aus Heuchelei dargebracht wird, ein solches Opfer, o Bester der Bharata's, ist rajashaft.

13. (1439.) Ein Opfer, welches nicht vorschriftsmässig, ohne Spenden von Speise, ohne Vedasprüche, ohne Opferlohn und ohne Glauben daran dargebracht wird, ein solches Opfer nennt man tamashaft.

14. (1440.) Verehrung der Götter, Brahmanen, Lehrer und Weisen, Reinheit, Geradheit, Keuschheit und Nicht-Schädigung, diese bilden die Askese des Leibes.

15. (1441.) Eine nicht Aufregung veranlassende, wahrhafte, freundliche und heilsame Rede, sowie die Betreibung des Vedastudiums, diese bilden die Askese der Rede.

16. (1442.) Heiterkeit des Gemütes, Milde, Schweigen, Selbstbeherrschung, Reinheit des Herzens, diese bilden die Askese des Geistes.

17. (1443.) Diese dreifache, aus höchster Gläubigkeit geübte Askese, wenn sie von Menschen ohne Verlangen nach Lohn und mit Hingebung geübt wird, nennt man sattvahafte Askese.

18. (1444.) Eine Askese, welche um der Hochschätzung, Bewunderung und Verehrung willen mit Heuchelei geübt wird, eine solche heisst rajashaft, ist wankelmütig und unbeständig.[111]

19. (1445.) Eine Askese, welche aus verblendeter Entschliessung die Selbstqual unternimmt, oder auch um einen andern zu überbieten, eine solche heisst tamashaft.

20. (1446.) Eine Gabe, welche in dem Bewusstsein, dass man geben muss, am rechten Ort zur rechten Zeit der rechten Person, ohne dass sie es vergelten kann, erwiesen wird, eine solche Gabe heisst sattvahaft.

21. (1447.) Hingegen eine Gabe, welche um einer Gegenleistung willen oder im Hinblick auf einen Lohn mit Widerstreben geschenkt wird, eine solche Gabe heisst rajashaft.

22. (1448.) Eine Gabe, welche am unrechten Orte zur unrechten Zeit der unrechten Person mit Geringschätzung oder Verachtung dargeboten wird, eine solche Gabe heisst tamashaft.

23. (1449.) Om, Tat, Sat (Om, Dieses, das Seiende), das gilt als die dreifache Bezeichnung des Brahman, und kraft dieser wurden in der Vorzeit die Brahmanen, Veden und Opfer in ihre Stellung eingesetzt.

24. (1450.) Darum werden die vorgeschriebenen Übungen von Opfer, Gabe und Askese allezeit von Bekennern des Brahman damit begonnen, dass sie den Laut Om aussprechen.

25. (1451.) Tat (dieses sc. Brahman), mit diesem Worte werden ohne Absicht auf Lohn die mannigfachen Verrichtungen von Opfer, Askese und Gaben von solchen dargebracht, welche nach Erlösung verlangen.[112]

26. (1452.) Das Wort Sat (das Seiende) wird gebraucht, um die Realität und die Güte [des Brahman] zu bezeichnen, und so wendet man, o Pṛithâsohn, das Wort Sat auch auf eine rühmliche Handlung an.

27. (1453.) Sat heisst auch die Beharrlichkeit in Opfer, Askese und Gaben, und so wird auch das um ihrer willen unternommene Werk als sat (seiend, gut) bezeichnet.

28. (1454.) Was aber an Opfer, Gaben, Askese und Werken ohne Glauben dargebracht wird, das, o Sohn der Pṛithâ, heisst asat (nicht seiend, nicht gut) und ist nichtig sowohl nach dem Tode als auch schon hier.


So lautet in der Bhagavadgîtâ die dreifache Einteilung des Glaubens (çraddhâ-traya-vibhâga-yoga).

Quelle:
Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahâbhâratam. Leipzig 1911, S. 108-113.
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