II (Adhyâya 26).

Vers 879-950 (B. 1-72).

[8] Sañjaya sprach:


1. (879.) Als er ihn so von Mitleid durchdrungen, die Augen von Tränen erfüllt und getrübt in seiner Verzagtheit sah, da sprach zu ihm Madhusûdana dieses Wort.


Der Heilige sprach:


2. (880.) Woher kommt dir in gefährlicher Lage diese Bestürzung, o Arjuna, die eines Edlen unwürdige, den Himmel verschliessende, unrühmliche?

3. (881.) Verfalle nicht in Schwächlichkeit, o Sohn der Pṛithâ, denn sie ziemt dir nicht. Lass die erbärmliche Herzensschwachheit fahren und erhebe dich, o Bedränger deiner Feinde.


Arjuna sprach:


4. (882.) Wie kann ich in der Schlacht, o Madhusûdana, den Bhîshma und den Droṇa mit meinen Pfeilen bekämpfen, da mir beide doch ehrwürdig sind, o Feindetöter.[9]

5. (883.) Wahrlich, es wäre mir besser, die hoch würdigen Lehrer nicht zu töten und hier auf der Welt Bettelbrot zu essen, als dass ich die Lehrer, obgleich sie nach unserm Gut trachten, tötete und Freuden genösse, die mit Blut besudelt sind.

6. (884.) Fürwahr, wir wissen nicht, was wir vorziehen möchten, dass wir sie oder dass sie uns besiegen; denn solche, nach deren Tötung wir selbst nicht leben möchten, die stehen uns feindlich gegenüber, geschart um Dhṛitarâshṭra.

7. (885.) Da mein Herz in der Schwäche des Mitleids befangen ist, und mein Geist verwirrt ist über das, was meine Pflicht ist, so frage ich dich danach, was das Richtige ist; sage es mir mit Bestimmtheit; ich bin dein Schüler; belehre mich, der ich dich darum angehe.

8. (886.) Denn ich sehe nicht, was von mir den sinneausdörrenden Kummer fern zu halten vermöchte, auch wenn ich auf Erden ein blühendes Reich ohne Nebenbuhler, auch wenn ich die Oberherrschaft über die Götter erlangen sollte.


Sañjaya sprach:


9. (887.) Also sprach zum Struppigen der Lockige, der Feindeschreck zum Kuhgewinner: »ich mag nicht kämpfen!« und schwieg.

10. (888.) Da war es, als ob der Struppige[10] lächelte, o Bhârata, und inmitten der beiden Heere sprach er zu dem Verzagenden dieses Wort.


Der Heilige sprach:


11. (889.) Du beklagst solche, welche nicht zu beklagen sind, wenn auch deine Reden verständig sein mögen; über Tote und über Lebende klagt der Weise nicht.

12. (890.) Nie war die Zeit, da ich nicht war, da du nicht warst und alle diese Fürsten, und nie in Zukunft wird die Zeit kommen, da wir allesamt nicht sind.

13. (891.) Wie für den Träger eines Leibes in diesem seinem Leibe Kindheit, Mannheit und Greisenalter ist, so ist für ihn auch die Erlangung eines neuen Leibes; das ist dem Weisen klar.

14. (892.) Nur die Verbindungen mit dem Stofflichen, o Sohn der Kuntî, bewirken Kälte und Hitze, Lust und Schmerz; sie aber kommen und gehen und sind vergänglich; ertrage sie, o Bhârata, mit Geduld.

15. (893.) Der Mann, den diese nicht erschüttern, o Männerstier, der Weise, welcher gleichmütig bleibt bei Lust und Leid, der ist reif für die Unsterblichkeit.

16. (894.) Das Nicht-Seiende kann nicht werden, das Seiende kann nicht vergehen, den Unterschied dieser beiden [des Nicht-Seienden[11] und des Seienden] erkennen die, welche die Wahrheit schauen.

17. (895.) Wisse, dass das unvergänglich ist, durch welches diese ganze Welt ausgebreitet wurde; das Zunichtewerden dieses Unvergänglichen kann keiner bewirken.

18. (896.) Vergänglich sind diese Leiber, ewig der, welcher den Leib beseelt; unvergänglich ist er und unermesslich, darum kämpfe, o Bhârata.

19. (897.) Wer vermeint, dass jemand töte, wer vermeint, dass jemand getötet werde, die wissen beide nicht die Wahrheit: keiner tötet und keiner wird getötet. (Kâṭh. Up. 2, 19.)

20. (898.) Nicht wird geboren und nicht stirbt einer jemals, nicht ist er entstanden oder wird zukünftig entstehen; von ewig her bleibt ewig er der Alte, wird nicht getötet, wenn den Leib man tötet. (Kâṭh. Up. 2, 18.)

21. (899.) Wer diesen Unzerstörbaren, Ewigen, Ungeborenen, Unvergänglichen weiss, wie könnte der, o Sohn der Pṛithâ, irgendeinen töten lassen, wie könnte der irgendeinen töten!

22. (900.) Gleichwie ein Mann die alten Kleider ablegt und andere neue anzieht, so legt der Träger des Leibes (die Seele) die alten Leiber ab und geht in andere neue ein.

23. (901.) Ihn verwunden nicht Schwerter, ihn brennt nicht das Feuer, ihn netzen nicht die Wasser, ihn trocknet nicht der Wind.[12]

24. (902.) Unverwundbar ist er und unverbrennbar, nicht benetzbar und nicht zu trocknen, ewig ist er und allgegenwärtig, beständig, unbeweglich und immerwährend.

25. (903.) Unoffenbar ist er und unausdenkbar, unwandelbar wird er genannt; darum wenn du ihn als solchen kennst, darfst du niemandem nachtrauern.

26. (904.) Aber auch wenn du glaubst, dass er immer wieder geboren werde und immer wieder sterbe, auch dann, o Grossarmiger, darfst du niemandem nachtrauern.

27. (905.) Dem Geborenen ist der Tod gewiss, dem Gestorbenen die Geburt; darum darfst du über eine unvermeidliche Sache keine Trauer empfinden.

28. (906.) Das Unoffenbare als Anfang haben die Wesen, das Offenbare als Mitte und das Unoffenbare als Ende, o Bhârata, was ist da zu bejammern?

29. (907.) Wie ein Wunder betrachtet ihn mancher, wie ein Wunder verkündigt ihn ein anderer, wie von einem Wunder hört von ihm ein anderer, und auch wenn er von ihm gehört hat, versteht ihn doch keiner (vgl. Kâṭh. Up. 2, 7).

30. (908.) Der Träger des Leibes ist ewig unverletzbar in dem Leibe eines jeden, o Bhârata; darum sollst du alle Wesen nicht betrauern.

31. (909.) Aber auch wenn du an die dir[13] obliegende Pflicht denkst, darfst du nicht schwanken, was du zu tun hast. Denn für einen Kshatriya gibt es nichts Höheres als einen pflichtmässigen Kampf.

32. (910.) Und mit Freuden, o Sohn der Pṛithâ, begrüssen die Kehatriya's gleichwie eine zufällig sich ihnen darbietende offene Himmelspforte einen derartigen Kampf.

33. (911.) Wenn du hingegen diesen als Pflicht dir obliegenden Kampf nicht auf dich nehmen wirst, dann vernachlässigst du deine Pflicht und deinen Ruhm und wirst in Schuld geraten.

34. (912.) Auch wird alles dich mit ewiger Schmach überhäufen, für einen Mann von Ehre aber ist Schmach schlimmer als Tod.

35. (913.) Auch werden sie, welche auf grossen Streitwagen einherfahren, argwöhnen, dass du aus Furcht vom Kampfe abgelassen hast, und so wirst du bei solchen, die dich bisher hoch verehrten, in Geringschätzung verfallen.

36. (914.) Diejenigen aber, welche dir übel wollen, werden viele schmähliche Reden über dich führen und deine Befähigung tadeln; was aber wäre schmerzlicher als das?

37. (915.) Entweder du fällst und gehst zum Himmel ein, oder du siegst und geniessest die Herrschaft über die Erde, darum stehe auf, o Sohn der Kuntî, und entschliesse dich zu kämpfen.

38. (916.) Sei doch gleichgültig gegen Lust[14] und Schmerz, gegen Gewinn und Verlust, gegen Sieg und Niederlage, und bereite dich so zum Kampfe, so wirst du nicht in Schuld geraten.

39. (917.) Diese Ansicht wurde dir vorgetragen vom Standpunkte der berechnenden Überlegung (Sânkhyam). – Vernimm die folgende vom Standpunkte der Hingebung (yoga) aus. Wenn du dir diese letztere Ansicht zu eigen machst, o Sohn der Pṛithâ, so wirst du dich von der Gebundenheit durch die Werke frei machen.

40. (918.) Dann gibt es für dich keinen Misserfolg und keine Widerwärtigkeit mehr. Wer auch nur ein weniges von dieser Satzung sich aneignet, den rettet sie aus grosser Not.

41. (919.) Hier gibt es, o Liebling der Kuru's, nur eine Ansicht, welche Entschiedenheit in sich trägt, während vielverzweigt und endlos die Ansichten der Unentschiedenen sind.

42. (920.) Eine blumenreiche Rede gibt es, welche die Unweisen verkündigen, sie, welche an Vedareden sich letzen, o Pṛithâsohn, und behaupten, dass es nichts anderes gebe;

43. (921.) sie, welche in Werken befangen, zum Himmel streben und jener Rede huldigen, welche als Lohn der Werke eine Neugeburt verheisst und viel Redens macht von besonderen Zeremonien zum Zwecke des Genusses und der himmlischen Herrlichkeit.[15]

44. (922.) Wer durch, sie seinen Geist verführen lässt, der klammert sich an Genuss und himmlische Herrlichkeit; aber jene Ansicht, welche Entschiedenheit in sich trägt und auf Versenkung [sich gründet], wird ihm nicht zuteil.

45. (923.) Im Drei-Guṇahaften sind die Veden befangen, du aber, o Arjuna, befreie dich vom Drei-Guṇahaften. Sei frei von den Gegensätzen [des empirischen Daseins], feststehend in der ewigen Realität, frei von Erwerb und Besitz, dem Âtman treu.

46. (924.) Soviel Nutzen von einem Wasserbehälter ist, in welchem von allen Seiten das Wasser zusammengeflossen ist, soviel ist in allen Veden zu finden für einen Brahmanen, welcher die Erkenntnis besitzt (vgl. Sanatsujâtîya, Buch V, Vers 1785).

47. (925.) Dein Beruf ist es freilich, das Werk zu tun, nicht aber nach seinen Früchten zu streben. Lass nicht die Frucht der Werke deinen Beweggrund sein, aber verfalle auch nicht in Untätigkeit.

48. (926.) Fest in der Hingebung (yoga) vollbringe die Werke, aber lass fahren die Anhänglichkeit [an ihren Lohn], o Siegreicher; bleibe gleichmütig beim Gelingen und Misslingen, dieser Gleichmut wird Yoga (Hingebung) genannt.

49. (927.) Tief steht das Werk unter der Hingebung an die Erkenntnis, o Siegreicher;[16] in der Erkenntnis suche deine Zuflucht, elend sie, welche vom Lohn getrieben werden.

50. (928.) Wer der Erkenntnis hingegeben ist, der lässt hinter sich beides, das gute und das böse Werk; darum gib dich der Hingebung (yoga) hin; Hingebung macht auch tüchtig zu Werken.

51. (929.) Die Weisen, der Erkenntnis hingegeben, verzichten auf der Werke Frucht, und erlöst von der Fessel der Geburten gehen sie ein zu der leidlosen Stätte.

52. (930.) Wenn deine Erkenntnis über den Wirrwarr der Verblendung hinausschreiten wird, dann wirst du überdrüssig werden dessen, was du aus den heiligen Schriften lernen kannst und gelernt hast.

53. (931.) Und wenn deine Erkenntnis sich den heiligen Schriften entgegensetzen und unerschütterlich in der Meditation feststehen wird, dann wirst du den Yoga erlangen.


Arjuna sprach:


54. (932.) Welches ist die Beschreibung des in der Erkenntnis Feststehenden und in der Meditation Beharrenden, o Vollhaariger, was wird der reden, der in seinem Geiste fest ist, wie wird er sitzen und wie wird er wandeln?


Der Heilige sprach:


55. (933.) Wenn einer, o Sohn der Pṛithâ, alle Begierden fahren lässt, die in sein Herz[17] kommen, und nur an dem Selbste (Âtman) und durch das Selbst seine Freude hat (Chând. Up. 7,25,2), der wird ein in der Erkenntnis Feststehender genannt.

56. (934.) Wenn einer im Leiden unerschütterlich und in Freuden frei von Begierde bleibt, befreit von Leidenschaft, von Furcht und Zorn, er wird ein im Geiste Fester, wird ein Muni genannt.

57. (935.) Wer allerwärts frei von Anhaftung ist, mag ihm dieses oder jenes Erfreuliche oder Unerfreuliche begegnen, wer dann weder Freude noch Hass empfindet, dessen Erkenntnis ist eine feststehende.

58. (936.) Und wenn ein solcher von überallher, wie die Schildkröte ihre Glieder, so seine Organe von ihren Objekten gelöst in sich hereinzieht, dessen Erkenntnis ist eine feststehende.

59. (937.) Die Sinnendinge kehren sich ab von der Seele, die sich nicht mehr an ihnen nährt, und hat sie ihren Geschmack nicht mehr, so wird auch der Geschmack an ihnen zunichte, nachdem sie das Höchste geschaut hat.

60. (938.) Denn auch bei einem sich beherrschenden weisen Manne, o Sohn der Kuntî, reissen die ungestümen Sinne den Geist gewaltsam mit sich fort.

61. (939.) Sie alle überwältigend soll man dasitzen, hingegeben und mich [den Allgeist] als Höchstes habend, denn wer seine Sinne in[18] der Gewalt hat, dessen Erkenntnis ist eine feststehende.

62. (940.) Wenn hingegen ein Mensch an die Sinnengenüsse denkt, so bildet sich bei ihm eine Anhänglichkeit an sie; aus der Anhänglichkeit entsteht Begierde, aus der Begierde entsteht Zorn,

63. (941.) aus dem Zorn entsteht Verblendung, aus der Verblendung entsteht Trübung der Erinnerung; ist erst die Erinnerung getrübt, so folgt Verlust der Erkenntnis, ist die Erkenntnis verloren, so ist er auch selbst verloren.

64. (942.) Wer aber an den Sinnendingen vorübergeht mit Sinnen, die von Liebe und Hass sich losgemacht haben und seinem Âtman untertan sind, dessen Seele beruhigt sich und geht ein zum Frieden.

65. (943.) Hat er aber Ruhe von allen Schmerzen, so entsteht in ihm die Resignation, und ist erst sein Geist beruhigt, dann kommt auch alsbald seine Erkenntnis zu vollkommenem Feststehen.

66. (944.) Wer nicht Hingebung übt, hat nicht die Erkenntnis, wer nicht Hingebung übt, hat nicht Verinnerlichung; wer nicht Verinnerlichung hat, hat keinen Frieden, wer keinen Frieden hat, woher käme dem Freude!

67. (945.) Denn wenn die Sinne umherschwärmen und der Verstand mit ihnen fortgezogen wird, dann reisst er die Erkenntnis mit sich[19] dahin, wie der Wind ein Schiff auf dem Wasser.

68. (946.) Darum, o Grossarmiger, wenn einer seine Sinne allerwärts von den Sinnendingen zurückhält, dessen Erkenntnis ist eine feststehende.

69. (947.) Was Nacht ist für alle Wesen, darin ist wach der Selbstbezwinger, und worin alle Wesen wach sind, das ist Nacht für den schauenden Weisen.

70. (948.) Gleichwie die Wasser zur Ruhe kommen in dem vollen, unerschütterlichen Ozean, so kommen alle Begierden in ihm zur Ruhe, und er erlangt den Frieden, nicht aber der, welcher von Begierde getrieben wird.

71. (949.) Der Mann, welcher alle Begierden fahren lässt und ohne Verlangen dahinwandelt, ohne Ichbewusstsein und ohne Selbstsucht, der erlangt den Frieden.

72. (950.) Dieses ist das Feststehen im Brahman, o Sohn der Pṛithâ; wer es erlangt, wird frei vom Wahn, und in ihm beharrend, erreicht er zur Zeit des Endes das Erlöschen (nirvâṇam) in Brahman.


So lautet in der Bhagavadgîtâ, Überlegung und Hingebung (Sâ khya-yoga).

Quelle:
Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahâbhâratam. Leipzig 1911, S. 8-20.
Lizenz:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Hannibal

Hannibal

Grabbe zeigt Hannibal nicht als großen Helden, der im sinnhaften Verlauf der Geschichte eine höhere Bestimmung erfüllt, sondern als einfachen Menschen, der Gegenstand der Geschehnisse ist und ihnen schließlich zum Opfer fällt. »Der Dichter ist vorzugsweise verpflichtet, den wahren Geist der Geschichte zu enträtseln. Solange er diesen nicht verletzt, kommt es bei ihm auf eine wörtliche historische Treue nicht an.« C.D.G.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon