I (Adhyâya 25).

Vers 830-878 (B. 1-47).

Dhṛitarâshtṛa sprach:


1. (830.) Als im heiligen Lande, im Kurulande, zusammentrafen, um zu kämpfen die Meinigen und die Pâṇḍava's, was taten sie da, o Sañjaya?


Sañjaya sprach:


2. (831.) Als damals Duryodhana das Heer der Pâṇḍava's in Schlachtordnung aufgestellt sah, da trat er, der König, zu seinem Lehrer und sprach das Wort:

3. (832.) Sieh dort, o Meister, die grosse Schlachtreihe der Pâṇḍusöhne, wie sie von dem Drupadasohne, deinem weisen Schüler, aufgestellt worden ist.

4. (833.) Da sind Helden zu sehen, grosse Pfeilschützen, die es dem Bhîma und Arjuna im Kampfe gleichtun, da sind Yuyudhâna und Virâṭa und Drupada auf grossem Streitwagen,

5. (834.) Dhṛishṭaketu, Cekitâna und der heldenmütige König von Kâçi, Purujit, Kuntibhoja und Çaivya, der Männerstier,

6. (835.) Yudhâmanyu, der tapfere, und Uttamaujas, der heldenmütige, der Subhadrâsohn und die Draupadîsöhne, alle auf grossen Streitwagen.

7. (836.) Welche aber von den Unsrigen hervorragen, als Anführer meines Heeres, diese vernimm, o Bester der Zwiegeborenen, ich nenne sie dir, damit du sie kennst:

8. (837.) Da bist du selbst, da ist Bhîshma und Karṇa und Kṛipa, der Sieger im Kampf, da sind Açvatthâman und Vikarṇa und der Sohn des Somadatta mit siegreichem Wagen,

9. (838.) und viele andere Helden, die mir zuliebe ihr Leben wagen, indem sie mit mancherlei Waffen zum Angriff schreiten, des Kampfes alle kundig.

10. (889.) Unzulänglich aber ist diese unsere Streitkraft, welche von Bhîshma geführt wird, und zulänglich ist die Streitmacht jener andern, welche von Bhîma geführt wird.

11. (840.) Darum sollt ihr alle, je nach eurer Ordnung aufgestellt, bei allen Waffengängen euch um Bhîshma geschart halten.

12. (841.) Ihm [dem Duryodhana, der so gesprochen] erfüllte der Kuru-Alte, der Grossvater [Bhîshma], das Herz mit Freude, indem er, der Bussereiche, laut wie Löwengebrüll, die Muschel blies.

13. (842.) Nun erdröhnten mächtig die Muscheln, die Pauken und die Trommeln, die Tamburins und Trompeten und ein gewaltiger Lärm erhob sich.[2]

14. (843.) Da geschah es, dass [auch auf selten der Gegner] Mâdhava (Kṛishṇa) und der Pâṇḍava (Arjuna), auf einem grossen, von weissen Rossen gezogenen Streitwagen stehend, ihre himmlischen Muscheln bliesen.

15. (844.) Da blies der Struppige (Kṛishṇa) die Völkerversammelnde [Muschel], der Beutemacher (Arjuna) die Gottgegebene und der fürchterliche Wolfsbauch (Bhîma) die wie Rohrpfeifen ertönende grosse Muschel;

16. (845.) der König Yudhishṭhira, der Sohn der Kuntî, blies die Allsiegerin, Nakula und Sahadeva bliesen die Lautschallende und die Edelsteinblumige.

17. (846.) Der König von Kâçi, der gewaltige Bogenschütze, und Çikhaṇḍin auf grossem Streitwagen, Dhṛishṭadyumna und Virâṭa und der unüberwindliche Satyakaspross (Yuyudhâna),

18. (847.) Drupada und die Söhne der Draupadî, o Erdeherr, und der Sohn der Subhadrâ (Abhimanyu) mit grossen Armen, diese bliesen von allen Seiten her, jeder einzelne, ihre Muscheln.

19. (848.) Dieser Lärm zerriss die Herzen der Anhänger des Dhṛitarâshṭra, als er erdröhnend Himmel und Erde widerhallen machte.

20. (849.) Als darauf der mit dem Affen in der Fahne (Arjuna) die Anhänger des Dhṛitarâshṭra in Schlachtordnung aufgestellt sah, und als schon die Geschosse herüber und hinüber[3] flogen, da machte auch er, der Sohn des Pâṇḍu (Arjuna), seinen Bogen bereit,

21. (850.) und zu dem Struppigen sprach er, o Erdenherr, damals dieses Wort.


Arjuna sprach:


(851.) Halte an, o Unerschütterlicher, meinen Streitwagen in der Mitte der beiden Heere,

22. damit ich jene mustere, welche kampfbegierig sich aufgestellt haben, (852.) [und sehe] mit wem ich in dieser entbrannten Schlacht zu kämpfen haben werde.

23. Da sehe ich sie, welche sich dort kampfbereit versammelt haben (853.) und dem übel beratenen Dhṛitarâshṭrasohne (Duryodhana) zuliebe mit uns kämpfen wollen.


Sañjaya sprach:


24. (854.) Als der Struppige (Kṛishṇa) von dem Lockigen (Arjuna) in dieser Weise angeredet worden war, o Bhârata, da hielt er in der Mitte der beiden Heere den trefflichsten Wagen an,

25. (855.) und angesichts des Bhîshma, des Droṇa und aller Fürsten sprach er: »O Sohn der Pṛithâ, siehe da drüben die zusammengescharten Kuru's«.

26. (856.) Da sah der Pṛithâsohn einander gegenüberstehend Väter und Grossväter, Lehrer, Oheime, Brüder, Söhne, Enkel und Genossen,

27. (857.) Schwiegerväter und Freunde in den beiderseitigen Heeren. Als der Sohn der[4] Kuntî diese sah, wie sie alle als Verwandte sich feindlich gegenüberstanden,

28. (858.) da wurde er von tiefem Mitleid ergriffen und verzagend sprach er dieses Wort.


Arjuna sprach:


(859.) Wenn ich, o Kṛishṇa, dort meine eigene Verwandtschaft zum Kampfe bereit aufgestellt sehe,

29. dann versagen meine Glieder, mein Mund wird trocken, (860.) mein ganzer Leib zittert und meine Haare sträuben sich.

30. Mein Bogen Gâṇḍiva gleitet aus meiner Hand, und meine Haut brennt, (861.) nicht kann ich mich aufrecht halten und mein Sinn verwirrt sich.

31. Ich sehe widrige Vorzeichen, o Vollhaariger, (862.) und ich sehe kein Heil darin, meine eigenen Verwandten im Kampfe zu töten.

32. Ich verlange nicht nach Sieg, o Kṛishṇa, nicht nach Herrschaft und Freuden; (863.) was soll uns das Reich, o Kuhgewinner, was sollen uns Genüsse oder auch das Leben!

33. Diejenigen, um derentwillen Herrschaft, Genüsse und Freuden von mir gewünscht werden, (864.) die stehen mir dort im Kampfe gegenüber, um ihr Leben und ihr Vermögen zu verlieren,

34. sie, welche uns Lehrer, Väter, Söhne, und Grossväter, (865.) Oheime, Schwiegerväter, Enkel, Schwäger und Verwandte sind.[5]

35. Diese mag ich nicht töten, sollte ich auch selbst getötet werden, o Madhusûdana, (866.) auch nicht um der Herrschaft über die Dreiwelt willen, viel weniger wegen der über die Erde.

36. Wenn wir die Leute des Dhṛitarâshṭra töten, welche Befriedigung kann uns das gewähren, o Janârdana! (867.) Die Sünde würde auf uns fallen, wenn wir diese bewaffnet uns Entgegenkommenden töteten.

37. Darum dürfen wir die Leute des Dhṛitarâshṭra, die unsere eigenen Verwandten sind [mit C.], nicht töten; (868.) denn wie könnten wir wohlgemut sein, o Mâdhava, wenn wir unsere eigene Verwandtschaft getötet haben.

38. Und wenn auch jene, deren Geist von Begierde geblendet ist, nicht einsehen, (869.) welche Schuld wir durch Vernichtung unserer Familie, welche Sünde wir durch Verrat an unsern Freunden auf uns laden,

39. wie sollten nicht wir erkennen, dass wir uns dieser Sünde enthalten müssen, (870.) wir, die wir die Schuld voraussehen, o Janârdana, welche aus der Vernichtung unserer Familie hervorgeht!

40. Werden die Familien vernichtet, so gehen die ewigen [Opfer-]Pflichten der Familien zugrunde; (871.) geht die Pflicht zugrunde, so überwältigt Pflichtlosigkeit die ganze Familie.

41. Wenn Pflichtlosigkeit sie überwältigt,[6] so werden die Weiber der Familie verderbt, o Kṛishṇa. (872.) Sind erst die Weiber verderbt, o Abkömmling des Vṛishṇi, so entsteht Vermengung der Kasten.

42. Vermengung aber führt zur Hölle die Familienverderber und die Familien selbst. (873.) Dann stürzen ihre Vorfahren, wenn die Darbringungen an sie von Klössen und Wasser unterbrochen werden.

43. Durch diese Sünden der Familienverderber und durch die Vermengung der Kaste als Folge davon (874.) werden die ewigen Pflichten der Geschlechter und der Familien entwurzelt.

44. Werden aber die Pflichten der Familien unter den Menschen entwurzelt sein, o Janârdana, (875.) dann fahren diese sicherlich zur Hölle, so ist es uns überliefert worden.

45. O wehe! Wir sind im Begriffe eine grosse Sünde zu begehen, (876.) die wir aus Begierde nach den Freuden der Herrschaft unsere eigenen Verwandten töten wollen.

46. Fürwahr! Wenn mich, den Waffenlosen, ohne dass ich ihnen etwas antue, mit den Waffen in der Hand (877.) die Leute des Dhṛitarâshṭra im Kampfe töten würden, das würde mir noch erträglicher sein.


[7] Sañjaya sprach:


47. (878.) So sprach Arjuna im Schlachtgetümmel, setzte sich auf dem Sitze seines Wagens nieder und liess Pfeil und Bogen fallen, im Geiste von Kummer erschüttert.


So lautet in der Bhagavadgîtâ die Verzagtheit des Arjuna (Arjuna-vishâda).

Quelle:
Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahâbhâratam. Leipzig 1911, S. 2-8.
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