Der Âtman in der Welt und im Menschen.

[189] Mahâ-Nârâyaṇa-Upanishad.


1,1.

Im Meer ohn' Ufer, in des Weltalls Mitte,

Auf Himmels Rücken, grösser als das Grosse,

Mit seinem Glanz durchdringend die Weltlichter, –

Weilt als Prajâpati im Mutterleib er.


2.

In dem die Welt zergeht und sich entfaltet,

Auf dem die Götter alle sind gegründet, –

Es ist das, was da war, und das, was sein wird,

Es ist im Laute in dem höchsten Raume. –


8.

Alle Zeitteile entsprangen

Aus dem Blitze, dem Purusha,

Minuten, Stunden, Sekunden,

Tage und Nächte allzumal,


9.

Halbmonat, Monat, Jahreszeit,

Und Jahr seien ihm eingefügt!

Er melkt das Wasser aus beiden,

Dem Luftraum und dem Himmel dort.


10.

Nicht in der Höhe noch Breite

Noch Mitte ist umspannbar er.

Nicht ist ein Oberherr dessen,

Der da heisst grosse Herrlichkeit.
[189]

11.

Nicht ist zu schauen die Gestalt desselben,

Nicht sieht ihn irgendwer mit seinem Auge;

Nur wer an Herz und Sinn und Geist bereitet; –

Unsterblich werden, die ihn also kennen.


13.

Er ist der Gott in allen Weltenräumen,

Vordem geboren und im Mutterleibe;

Er ward geboren, wird geboren werden,

Inwärts gewendet und allgegenwärtig.


14.

Allseitig Auge und allseitig Antlitz,

Allseitig Hände und allseitig Fuss,

Biegt schaffend er mit Armen, biegt mit Flügeln

Zusammen Erd' und Himmel Gott, der Eine.


15.

Der Vena schaut es, alle Wesen kennend,

In dem die ganze Welt ihr einzig Nest hat,

Einheits- und Ausgangspunkt der Welt, den Wesen

Allgegenwärtig ein- und angewoben.


19.

Umwandelnd alle Wesen, alle Welten,

Umwandelnd alle Gegenden und Pole,

Prajâpati, der Ordnung Erstgeborner,

Hat als das Selbst zum Selbste sich entwickelt.


9,1. Wie von einem mit Blüten bedeckten Baume der Duft weithin weht, also auch weht weithin der Duft einer guten Tat.

2. Wie der [Gaukler], wenn er die über eine Grube gelegte Schwertscheide betritt, [in seinem Dialekte] spricht: »Sachteken, sachteken! oder ick turkele und falle in die Jrube«,[190] – also soll man sich vor einer Unwahrheit hüten!


10,1.

Des Kleinen Kleinstes und des Grossen Grösstes,

Wohnt er als Selbst im Herzen dem Geschöpf hier;

Den willensfreien schaut man, fern von Kummer,

Durch Gottes Gnade als den Herrn, als Grösse.


3.

Aus ihm sind Weltmeere und alle Berge,

Aus ihm die Ströme rinnen allgestaltig,

Aus ihm sind alle Pflanzen, alle Säfte,

Weil er entsprang, als innres Selbst einwohnend.


20.

Höher als der nichts andres ist vorhanden,

Nichts Kleineres und nichts Grösseres, was auch immer,

Als Baum im Himmel wurzelnd steht der Eine,

Der Purusha, der diese ganze Welt füllt.


23.

Das kleine übelfreie Haus des Höchsten,

Die Lotosblüte in der Leibstadt Mitte,

Darin ein kleiner Raum, ein kummerloser,

Was in dem ist, das hat man zu verehren.

Quelle:
Die Geheimlehre des Veda. Leipzig 1919, S. 189-191.
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