1. Einleitung.

[151] 1. Willig gab einstmals Vâjaçravasa [bei einem Opfer] seine ganze Habe dahin. Ihm[151] war ein Sohn mit Namen Naciketas.

2. Den, obgleich er erst ein Knabe war, überkam, als die Opferlohnkühe [zur Verteilung an die Brahmanen] hergetrieben wurden, der Glaube [an die Wirksamkeit des Allhabeopfers], und er bedachte:


3.

Wasser trinkend und Gras essend,

Ausgemolken und lendenlahm! –

Ach! diese Welten sind freudlos,

In die er, solche spendend, geht.


4. Und er sprach zu seinem Vater [sich selbst anbietend, um das Allhabeopfer vollständig zu machen]: »Mein Vater, wem wirst du mich geben?« – so sprach er, [in ihn dringend] zum zweitenmal und drittenmal. Ihm antwortete [von Zorn über diese Unterschätzung seiner Opfergaben ergriffen] der Vater: »Dem Tode gebe ich dich.«

5.

Naciketas spricht:

»Zwar hin ich besser als viele,

Doch viele sind an Wert mir gleich;

Was mag wohl Yama vorhaben,

Dass er schon jetzt nach mir begehrt?«


6.

Sieh auf die Früheren rückwärts,

Sieh vorwärts auf die Folgenden;

Zur Ernte reift der Mensch korngleich,

Korngleich ersteht er wieder neu.
[152]

7.

Ein Brahmane als Gast eintritt

Ins Haus gleichwie ein Feuerbrand;

Ihn zu löschen, bring her eilig

Das Fusswasser, Vaivasvata!1


8.

Um Hoffnung, Aussicht, Freundes Verkehr und Zuspruch,

Um Opfer, fromme Werke, Kinder und Herden, –

Um alles dieses bringt den unverständigen Mann

Ein nicht von ihm bewirteter Brahmanengast.


9.

Yama:

»Weil du, Brahmane, der als Gast zu ehren,

Drei Nächte ungespeist bei mir geweilt hast, –

Verehrung dir! und Heil sei mir, Brahmane! –

Darum, entsprechend, wähle dir drei Wünsche!«


10.

Naciketas:

»Beruhigten Gemüts und wohlgesinnt sei,

Verwichnen Grolles, Gautama mir wieder;

Froh grüss' er mich, den du, o Tod, entlassen! –

Das wähle ich als ersten der drei Wünsche.«


11.

Yama:

»Auddâlaki Âruṇi wird wie vordem

Froh werden, seines Worts von mir entbunden;

Verwichnen Grolles schlaf er sanft die Nächte,

Befreit dich sehend aus des Todes Rachen.«
[153]

12.

Naciketas:

»In der Welt des Himmels gibt es keine Furcht mehr,

Dort bist nicht du, nicht macht besorgt das Alter;

Beiden entrückt, dem Hunger und dem Durste,

Von Leid frei, freut man in der Himmelswelt sich.


13.

Du kennst, o Tod, das Feuer, das den Himmel

Erwirbt; mir, der dir gläubig horcht, erklär' es!

Unsterblich sind, die dort im Himmel weilen, –

Das wähle ich mir als die zweite Gabe.«


14.

Yama:

»Wohlan! ich will das Feuer, das den Himmel

Erwirbt, dir sagen, hör' es mit Verständnis; –

Das Feuer, das der ew'gen Welt Erlangung

Und Grund ist, wisse im Versteck verborgen.«


15.

Da lehrt' er ihm das Feuer, das die Welt baut,

Die Backsteine, wie gross und wie zu schichten.

Er aber wiederholt' es nach der Reihe. –

Und wieder nahm der Tod das Wort voll Freude:


19.

»Das ist das Himmelsfeuer, Naciketas,

Das du dir wähltest als der Gaben zweite.

Nach deinem Namen wird die Welt es nennen. –

Jetzt, Naciketas, sprich den dritten Wunsch aus.«


20.

Naciketas:

»Ein Zweifel waltet, wenn der Mensch dahin ist:

›Er ist!‹ sagt dieser; ›er ist nicht!‹ sagt jener.

Das möchte ich, von dir belehrt, ergründen,

Das sei die dritte Gabe, die ich wähle!«
[154]

21.

Yama:

»Auch von den Göttern ward hier einst gezweifelt;

Schwer zu erkennen, dunkel ist die Sache.

Wähl' einen andern Wunsch dir, Naciketas,

Bedränge mich nicht, diesen Wunsch erlass mir.«


22.

Naciketas:

»Auch Götter also haben hier gezweifelt,

Und du sagst selbst, dass schwer, es zu erkennen.

Kein andrer kann es so wie du erklären,

Kein andrer Wunsch kommt diesem gleich an Werte.«


23.

Yama:

»Wähl' hundertjährige Kinder dir und Enkel,

Viel Herden, Elefanten, Gold und Rosse,

Erwähle grossen Grundbesitz an Land dir,

Und lebe selbst soviel du willst der Herbste!


24.

Wenn dies als Wunsch du schätzest gleich an Werte,

So wähle Reichtum dir und langes Leben,

Ein Grosser, Naciketas, sei auf Erden,

Ich mache zum Geniesser aller Lust dich.


25.

Was schwer erlangbar ist an Lust hienieden,

Erbitte nach Belieben alle Lust dir, –

Schau hier auf Wagen holde Frau'n mit Harfen,

Wie solche nicht von Menschen zu erlangen,

Ich schenke dir sie, dass sie dich bedienen,

Nur frag' nicht, Naciketas, nach dem Sterben!«


26.

Naciketas:

»Was uns, o Tod, gegönnt an Kraft der Sinne,

Die Sorge für das Morgen macht es welken.[155]

Auch ganz gelebt, ist doch nur kurz das Leben. –

Behalte deine Wagen, Tanz und Spiele.


27.

Durch Reichtum ist der Mensch nicht froh zu machen!

Wen lockte Reichtum, der dir sah ins Auge?

Lass leben uns, so lang' es dir genehm ist!

Als Gabe aber wähle ich nur jene.


28.

Wer, der geschmeckt hat, was nicht stirbt, nicht altert,

Hier unten steht und weiss sich altern, sterben,

Und wägt die Farbenpracht und Lust und Freuden, –

Wer mag an längerm Leben Freude haben!


29.

Worüber jener Zweifel herrscht hienieden,

Was bei dem grossen Hingang wird, das sag' uns;

Der Wunsch, der forschend dringt in dies Geheimnis,

Den wählt, und keinen andern, Naciketas.«

1

Beim Eintritte des Jünglings in Yama's (Vaivasvata's) Wohnung wird mit diesen Worten – von wem, ist nicht gesagt – der Todesgott aufgefordert, die Pflicht der Gastfreundschaft zu üben. Er ist aber abwesend und kehrt erst nach drei Tagen heim.

Quelle:
Die Geheimlehre des Veda. Leipzig 1919, S. 151-156.
Lizenz:

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon