2. Der Âtman nach seinem ansichseienden Wesen.

[156] 1.

Yama:

»Ein andres ist das Bessere, und ein andres

Das Liebere, die, verschiednen Ziels, euch fesseln; –

Wer sich das Bessere wählt, dem ist's zum Heile,

Des Zwecks geht, wer das Liebere wählt, verlustig.


2.

Das Bessere und das Liebere naht dem Menschen;

Umwandelnd beide, scheidet sie der Weise;

Das Bessere zieht der Weise vor dem Liebern,

Erwerbend, wahrend, wählt der Tor das Lieb're.
[156]

3.

Du hast die holden, scheinbar holden Lüste

Erwägend, Naciketas, abgewiesen;

Nicht hat gefesselt dich des Reichtums Kette,

In die verstrickt so viele untersinken.


4.

Ja, weit verschieden und entgegenstehend

Ist, was genannt wird Wissen und Nichtwissen;

Nach Wissen seh' ich Naciketas trachten,

Der Lüste Heerschar hat dich nicht zerrüttet.


5.

In des Nichtwissens Tiefe hin sich windend,

Sich selbst als Weise, als Gelehrte wähnend,

So laufen ziellos hin und her die Toren,

Wie Blinde, die ein selbst auch Blinder anführt.2


6.

Das Sterbenmüssen geht nicht ein dem Toren,

Dem Taumelnden, durch Reichtums Blendung Blinden;

›Dies ist die Welt, kein Jenseits gibt's!‹ so wähnend

Verfällt er immer wieder meiner Herrschaft.


7.

Von dem auch zu hören, vielen nicht beschieden,

Den viele, von ihm hörend, nicht begriffen, –

Ein Wunder, wer ihn lehrt, kundig, wer ihn auffasst,

Ein Wunder, wer ihn kennt, belehrt von Kund'gen.


8.

Nicht, wenn verkündigt von gemeinen Menschen,

Ist leicht er fassbar, selbst bei vielem Sinnen;

Und ohne Lehrer ist hier gar kein Zugang:

Zu tief ist er für eignes tiefes Denken.
[157]

9.

Nicht ist durch Grübeln dieser Sinn zu fassen,

Doch fassbar wohl, wenn einer dir ihn lehrt, Freund;

Dir ward er jetzt, denn treu war dein Beharren;

Ja, solche Frager wünschen wir, wie du bist!


12.

Den schwer zu schauenden, geheimnisvollen,

Den in der Höhle tief versteckten Alten,

Wer den durch Hingebung (yoga) im eignen Innern

Als Gott erfasst, lässt Lust und Leid dahinten.


13.

Der Sterbliche, der dies vernahm und fasste,

Abtat, was äusserlich (dharmyam), ergriff das Feine,

Der wird sein froh; ja, er besitzt was froh macht!

Naciketas ist als Wohnung ihm bereitet.


14.

Was frei von Gutem und Bösem,

Frei von Geschehn und Nichtgeschehn,

Frei von Vergangnem und Künft'gem –

Was du als solches siehst, – sag' an! –


18.

(Naciketas schweigt.)

Nicht wird geboren und nicht stirbt der Seher,

Stammt nicht von jemand, wird auch nicht zu jemand.

Von ewig her, bleibt ewig er der Alte,

Wird nicht getötet, wenn den Leib man tötet.


19.

Wer, tötend, glaubt, dass er töte,

Wer, getötet, zu sterben glaubt,

Irr gehen dieser wie jener:

Der stirbt nicht, und der tötet nicht!
[158]

20.

Des Kleinen Kleinstes und des Grossen Grösstes

Wohnt er als Selbst hier dem Geschöpf im Herzen;

Frei von Verlangen schaut man, fern von Kummer,

Gestillten Sinnesdrangs des Âtman Herrlichkeit.


21.

Er sitzt und wandert doch fernhin,

Er liegt und schweift doch allerwärts,

Des Gottes Hin- und Herwogen,

Wer verstände es ausser mir?


22.

In den Leibern den Leiblosen,

Im Unsteten den Stetigen,

Den Âtman, gross, alldurchdringend,

Schaut der Weise und grämt sich nicht.


23.

Nicht durch Belehrung wird erlangt der Âtman,

Nicht durch Verstand und viele Schriftgelehrtheit;

Nur wen er wählt, von dem wird er begriffen:

Ihm macht der Âtman offenbar sein Wesen.


24.

Nicht wer von Frevel nicht ablässt,

Unruhig, ungesammelt ist,

Nicht, dessen Herz noch nicht stille,

Kann durch Forschen erlangen ihn.


25.

Er, der Brahmanen und Krieger,

Beide aufzehrt, als wär es Brot,

Eingetaucht in des Tod's Brühe, –

Wer, der ein solcher (Vers 24), fände ihn?

2

Ev. Matth. 23, 24: όδηγοὶ τυφλοί. Jedem, der im Orient gereist ist, werden die Ketten der sich aneinander haltenden Blinden erinnerlich sein, wie sie auf den Jahrmärkten bettelnd umherziehen.

Quelle:
Die Geheimlehre des Veda. Leipzig 1919, S. 156-159.
Lizenz:

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