Die einzelnen Linien

[54] Anfangs eine Sechs bedeutet:

Halte wahr und treu zu ihm: das ist kein Makel.

Wahrheit wie eine volle Tonschüssel:

So kommt schließlich von außen her das Heil.


Wenn es sich um Anknüpfen von Beziehungen handelt, ist volle Wahrhaftigkeit die einzig richtige Grundlage. Diese Gesinnung, die unter dem Bild einer gefüllten irdenen Schüssel dargestellt wird, bei der alles Gehalt, nichts leere Form ist, äußert sich nicht in klugen Worten, sondern durch die Kraft des Innern, und diese Kraft ist so stark, daß sie mit Macht das Heil von außen an sich zieht.


Sechs auf zweitem Platz bedeutet:

Halte zu ihm im Innern. Beharrlichkeit bringt Heil.


Wenn man auf rechte und beharrliche Weise den Bitten, die von oben her zum Wirken uns auffordern, entgegenkommt, so sind die Beziehungen zum andern in erster Linie innerliche, man verliert sich selbst nicht. Wer aber streberhaft klebend Zusammenhalt sucht, der folgt nicht dem Pfad des Edlen, der seine Würde wahrt, sondern wirft sich weg.


Sechs auf drittem Platz bedeutet:

Du hältst zusammen mit Menschen,

die nicht die rechten sind.


Man ist oft unter lauter Menschen, die nicht zur eigenen Sphäre gehören. Da darf man sich nicht zu einer falschen Vertraulichkeit durch die Macht der Gewohnheit hinreißen lassen. Daß das vom[54] Übel wäre, bedarf nicht erst der Worte. Geselligkeit ohne Intimität ist solchen Leuten gegenüber das einzig Richtige; nur dadurch hält man sich frei für eine spätere Beziehung zu seinesgleichen.


Sechs auf viertem Platz bedeutet:

Auch äußerlich halte zu ihm. Beharrlichkeit bringt Heil.


Die Beziehungen zu einem Mann, der Mittelpunkt des Zusammenhaltens ist, sind hier schon fest geregelt. Da darf und soll man seine Anhänglichkeit auch offen zeigen. Man muß nur fest bleiben und darf sich durch nichts irremachen lassen.


Û Neun auf fünftem Platz bedeutet:

Offenbarung des Zusammenhaltens.

Der König läßt bei der Jagd nur von drei Seiten treiben

und verzichtet auf das Wild, das vorne abbiegt.

Die Bürger bedürfen nicht der Warnung. Heil!


Bei den königlichen Treibjagden im alten China war es üblich, daß das Wild von drei Seiten her angetrieben wurde. Auf der vierten Seite konnte das angetriebene Wild abbiegen. Soweit die Tiere hier nicht abbogen, mußten sie in ein Tor hinein, hinter dem der König jagdbereit stand. Nur die Tiere wurden geschossen, die hier eindrangen. Die, welche vorne abbogen, ließ man laufen. Diese Sitte entsprach der königlichen Gesinnung, die aus der Jagd keine Schlächterei machen wollte, sondern nur das Wild zur Strecke brachte, das sich sozusagen freiwillig gestellt hatte.

Es zeigt sich hier ein Herrscher bzw. ein einflußreicher Mann, dem die Menschen zufallen. Wer zu ihm kommt, den nimmt er auf, wer nicht kommt, den läßt er laufen. Er bittet keinen, schmeichelt keinem: sie kommen alle von selbst. Auf diese Weise bildet sich eine freie Abhängigkeit bei denen, die zu ihm halten. Die Leute brauchen sich nicht gewaltsam zusammenzunehmen, sondern können harmlos ihre Gesinnungen zeigen. Es bedarf keiner polizeilichen Veranstaltung. Sie sind ihrem Herrn von selber zugetan. Auch für das Leben im allgemeinen gilt diese Freiheit. Man soll nicht um die Gunst der Menschen werben. Wenn man in sich die Reinheit und Kraft ausbildet, die nötig ist für einen Mittelpunkt der Sammlung, so kommen die Menschen von selbst, die einem bestimmt sind.


Oben eine Sechs bedeutet:

Er findet zum Zusammenhalten kein Haupt. Unheil.


[55] Das Haupt ist der Anfang. Ohne einen rechten Anfang gibt es kein rechtes Ende. Wenn man den Anschluß verpaßt hat und nun immer zögert, vor voller, wahrer Hinga besich scheuend, so wird man zu spät seinen Fehler bereuen.

Fußnoten

1 Vergleiche dazu das Distichon: »Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.«


Die einzelnen Linien
Quelle:
I Ging. Köln 141987, S. 54-56.
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