Kapitel II

Kulturgeschichte

§ 1

[304] Als in der Urzeit Bau Hi die Welt beherrschte, da blickte er empor und betrachtete die Bilder am Himmel, blickte nieder und betrachtete die Vorgänge auf Erden. Er betrachtete die Zeichnungen der Vögel und Tiere und die Anpassungen an die Orte. Unmittelbar ging er von sich selbst aus, mittelbar ging er von den Dingen aus. So erfand er die acht Zeichen, um mit den Tugenden der lichten Götter in Verbindung zu kommen und aller Wesen Verhältnisse zu ordnen.


Das Be Hu Tung gibt als Urzustand der menschlichen Gesellschaft folgendes an: »In der Urzeit gab es noch keine sittlichen und gesellschaftlichen Ordnungen. Die Menschen kannten nur ihre Mutter, nicht ihren Vater. Hungrig suchten sie nach Nahrung, gesättigt warfen sie die Reste weg. Sie fraßen ihre Nahrung mit Haut und Haaren und tranken das Blut und hüllten sich in Felle und Schilf. Da kam Fu Hi und blickte empor und betrachtete die Bilder am Himmel, blickte nieder und betrachtete die Vorgänge auf Erden. Er vereinigte Mann und Frau, ordnete die fünf Wandelzustände und setzte die Gesetze des Menschentums fest. Er zeichnete die acht Zeichen, um die Welt zu beherrschen.«

Der mythische Begründer der Kultur wird verschieden geschrieben. Die Bedeutung des Namens scheint auf einen Jäger oder Erfinder des Kochens zu gehen. Die Frage, ob die acht oder auch schon die 64 Zeichen auf ihn zurückgehen, wird verschieden entschieden. Da er selbst eine mythische Persönlichkeit ist, mag der Streit auf sich beruhen. Sicher dürfte sein, daß König Wen die 64 Zeichen schon vorfand.


§ 2

Er machte geknotete Stricke und benützte sie zu Netzen und Reusen für die Jagd und den Fischfang. Das entnahm er wohl dem Zeichen: das Haftende.


[304] Es ist in diesem Kapitel ausgeführt, wie die ganzen Kultureinrichtungen entstanden sind als Abbilder von ideellen Urbildern. Dieser Gedanke enthält in höherem Sinn eine Wahrheit. Jede Erfindung entsteht zuerst als Bild im Geist des Erfinders, ehe sie als »Gerät«, als »fertiges Ding« in die Erscheinung tritt. Da nun nach der Theorie der in den Hi Tsï vertretenen Schule die 64 Zeichen auf geheimnisvolle Weise Parallelbilder zur Natur geben, so kann hier der Versuch gemacht werden, aus ihnen die menschlichen Erfindungen abzuleiten, die zur Ausgestaltung der Kultur geführt haben. Dabei ist der Hergang nicht so gedacht, daß die Erfinder einfach die Zeichen des Buchs vorgenommen und danach die Erfindungen ge macht hätten, sondern daß aus Verhältnissen heraus, die in diesen Zeichen dargestellt waren, die Erfindungen sich im Geist ihrer Urheber gestalteten.

Das Netz besteht aus Maschen, die innen leer und außen von Fäden umgeben sind. Das Zeichen Kapitel II stellt eine Vereinigung von solchen Maschen vor. Dazu kommt, daß das Zeichen die Bedeutung Haften, Hängenbleiben hat, wie denn im Buch der Lieder mehrfach erwähnt ist, daß die Wildgans oder der Fasan im Netz hängengeblieben seien (Li).


§ 3

Als der Bau-Hi-Klan vorüber war, kam der Klan des göttlichen Landmanns auf. Er spaltete ein Holz als Pflugschar und bog ein Holz als Pflugstange und lehrte den Vorteil des Öffnens der Erde mit dem Pflug der ganzen Welt. Das entnahm er wohl dem Zeichen: die Mehrung.


Der primitive Pflug bestand aus einer gekrümmten Stange, an der vorn ein zugespitztes Holz befestigt war, das die Erde aufritzte. Der Vorteil gegenüber dem Hacken war, daß man auf diese Weise die Zugkraft benützen und einen Teil der Arbeit auf das Rind abschieben konnte. Das Zeichen I, die Mehrung, Kapitel II besteht aus den beiden Zeichen Sun und Dschen, denen beiden das Holz zugeordnet ist. Sun bedeutet eindringen, Dschen bedeutet Bewegung. Die Kernzeichen sind Gen und Kun, denen die Erde zugeordnet ist. Daraus ergab sich der Gedanke, ein Instrument zu konstruieren aus Holz, das in die Erde eindringt und nach vorwärts bewegt wird und die Erde aufwühlt.


§ 4

Wenn die Sonne im Mittag stand, hielt er Markt ab. Er ließ die Leute auf Erden herbeikommen und versammelte[305] die Waren auf Erden. Sie tauschten sie gegenseitig aus, dann kehrten sie zurück, und jedes kam an seinen Platz. Das entnahm er wohl dem Zeichen: das Durchbeißen.


Das Zeichen Schï Ho, das Durchbeißen, Kapitel II besteht aus der Sonne (Li) oben und Dschen, der Bewegung, unten. Dschen bedeutet auch einen großen Weg, während das obere Kernzeichen, Kan, strömendes Wasser und das untere, Gen, kleine Pfade bedeutet. Es ist also Bewegung unter der Sonne, Zusammenströmen ausgedrückt. Das reicht freilich noch nicht aus für den Gedanken eines Marktes. Die Worte Schï Ho können, anders geschrieben, auch Speise und Ware bedeuten, so daß daraus der Gedanke des Marktes sich ergäbe. Offenbar hatte das Zeichen früher die Nebenbedeutung des Marktes, vgl. auch die Erklärung Buch I, Nr. 21, Das Durchbeißen.


§ 5

Als der Klan des göttlichen Landmanns vorüber war, kamen die Klans des Gelben Herren, des Yau und Schun auf. Sie brachten Zusammenhang in ihre Veränderungen, daß die Leute nicht ermüdeten. Sie waren göttlich in ihren Umgestaltungen, daß die Leute zufrieden waren. Wenn eine Wandlung am Ende angelangt war, so veränderten sie. (Durch Veränderung erreichten sie Zusammenhang.) Durch Zusammenhang erreichten sie Dauer. Darum: »Vom Himmel her wurden sie gesegnet. Heil! Nichts, das nicht fördernd ist!«

Der Gelbe Herr, Yau und Schun ließen die Ober- und Unterkleider herabhängen, und die Welt war in Ordnung. Das entnahmen sie wohl den Zeichen: das Schöpferische und das Empfangende.


Es sind in diesem Paragraphen zwei Schichten zu unterscheiden. Die ältere Schicht scheint der Schluß zu sein. Es wird die Einführung der Kleider geschildert. Dschong Kang Tschong bemerkt dementsprechend: »Der Himmel ist schwarzblau, die Erde gelb; darum machten sie die Obergewänder dunkelblau, die Untergewänder gelb.«

Das Herabhängenlassen der Gewänder wurde dann später dahin verstanden, daß sie ruhig und ohne sich zu rühren dasaßen und[306] alles von selber sich durch ihr Nichthandeln ordnete. Darauf wurde dann aus schon bekann tem Material eine Schilderung ihrer Kulturtätigkeit und des auf ihr beruhenden Segens beigefügt, von der der eingeklammerte Satz seinerseits wieder ein späterer Zusatz zu sein scheint. Der Sinn ihrer Tätigkeit war der, daß sie dauernd zeitgemäße Reformen durchführten.


§ 6

Sie schabten Stämme aus zu Schiffen und härteten Hölzer im Feuer zu Rudern. Der Nutzen der Schiffe und Ruder bestand in der Vermittlung des Verkehrs. (Sie erreichten die Ferne, um der Welt zu nützen.) Das entnahmen sie wohl dem Zeichen: die Auflösung.


Der eingeklammerte Satz wird von Dschu Hi beanstandet. Das Zeichen Huan, die Auflösung, Kapitel II besteht aus dem Zeichen Sun, Holz, über Kan, Wasser; darum steht auch im beigefügten Urteil: »Günstig ist es, das große Wasser zu durchqueren« und im Kommentar zur Entscheidung: »Sich auf das Holz verlassen, schafft Verdienste.« Das Schiff zur Vermittlung des Verkehrs über Flüsse und als Mittel zum Reisen in die Ferne wird hier dargestellt. Holz über dem Wasser: das ist der Sinn der Urzeichen. Die Kernzeichen Gen und Dschen bedeuten große und kleine Straßen.


§ 7

Sie zähmten das Rind und spannten das Pferd ein. So konnten schwere Lasten gezogen und ferne Gegenden erreicht werden, um der Welt zu nützen. Das entnahmen sie wohl dem Zeichen: die Nachfolge.


Das Zeichen Sui, die Nachfolge, Kapitel II besteht vorne aus Dui, Munterkeit, und hinten aus Dschen, Bewegung, ein Bild, wie Rind und Pferd vorne laufen und der Wagen sich hinten bewegt. Die Rinder waren für die schweren Wagen, die Pferde für die raschen Wagen und Kriegsfahrzeuge. Das Pferd als Reittier war im ältesten China unbekannt.


§ 8

Sie führten doppelte Tore und Nachtwächter mit Klappern ein, um den Räubern zu begegnen. Das entnahmen sie wohl dem Zeichen: die Begeisterung.


Das Zeichen Yü, die Begeisterung, Kapitel II besteht oben aus dem Zeichen Dschen, Bewegung, unten aus dem Zeichen Kun, Erde. Die Kernzeichen sind Kan, das Gefährliche, und Gen, der Berg. Kun bedeutet eine ge schlossene[307] Tür, Gen bedeutet ebenfalls eine Tür, daher die Verdoppelung der Tore. Kan bedeutet den Dieb. Außer den Toren dient zur Vorbereitung (Yü bedeutet auch Vorbereitung) gegen ihn die Bewegung, das Holz (Dschen) in der Hand (Gen).


§ 9

Sie spalteten Holz und machten einen Stößel daraus. Sie höhlten die Erde aus als Mörser. Der Nutzen des Mörsers und Stößels kam allen Menschen zugut. Das entnahmen sie wohl dem Zeichen: des Kleinen Übergewicht.


Das Zeichen Siau Go, des Kleinen Übergewicht, Kapitel II besteht oben aus Dschen, Holz, Bewegung, und unten aus Gen, Stillstand, Stein. Go bedeutet auch Übergang. Der Mörser war die Urform der Mühle und bedeutet den Übergang vom Körneressen zum Backen.


§ 10

Sie bespannten ein Holz als Bogen und härteten Hölzer im Feuer als Pfeile. Der Nutzen von Pfeil und Bogen besteht darin, die Welt in Furcht zu halten. Das entnahmen sie wohl dem Zeichen: der Gegensatz.


Das Zeichen Kui, der Gegensatz, Kapitel II besteht oben aus Li, das Haftende, und unten aus Dui, das Heitere. Die Kernzeichen sind Kan, Gefahr, und nochmals Li. Das ganze Zeichen deutet auf Streit. Li ist die Sonne, die aus der Ferne Pfeile schickt. Li bedeutet Waffen, Kan Gefahr. Die Gefahr ist von Waffen eingeschlossen, daher fürchtet man sich nicht.


§ 11

In der Urzeit wohnten die Menschen in Höhlen und lebten in Wäldern. Die Heiligen späterer Zeit verwandelten das in Gebäude: Oben war ein Firstbalken, abwärts davon ein Dach, um Wind und Regen abzuhalten. Das entnahmen sie wohl dem Zeichen: des Großen Macht.


Das Zeichen Da Dschuang, des Großen Macht, Kapitel II besteht oben aus Dschen, Donner; das obere Kernzeichen Dui, der See, ist oben am Himmel, Kiën, dem unteren Kernzeichen. Das untere Zeichen ist Kiën, der Himmel, der Luftraum. Das Ganze bedeutet also einen Himmel, einen starken, geschützten Raum unter Donner und Regen. Das Zeichen Dschen bedeutet auch Holz und als ältester Sohn den Firstbalken[308] oben. Die beiden weichen Striche oben werden dann als das abfallende Dach gedacht.


§ 12

In der Urzeit bestattete man die Toten, indem man sie dicht mit Reisig bedeckte und mitten auf dem Land beisetzte, ohne Grabhügel und Baumpflanzungen. Die Trauerzeit hatte keine bestimmte Dauer. Die Heiligen späterer Zeit führten statt dessen Särge und Sarkophage ein. Das entnahmen sie wohl dem Zeichen: des Großen Übergewicht.


Das Zeichen Da Go, des Großen Übergewicht, Kapitel II besteht aus dem Zeichen Dui, der See, oben und Sun, Holz, Eindringen, unten. In der Mitte ist als Kernzeichen zweimal Kiën, der Himmel. Das Zeichen muß als Ganzes genommen werden, die beiden Yinstriche oben und unten bedeuten die Erde, innerhalb derer der doppelte Sarg als Himmel eingeschlossen ist. Dadurch, daß die Toten so eingehen (Sun), werden sie heiter (Dui). Der Ahnenkult findet hier seine Verankerung.


§ 13

In der Urzeit knotete man Stricke, um zu regieren. Die Heiligen späterer Zeit führten statt dessen schriftliche Urkunden ein, um die verschiedenen Beamten zu regieren und die Untertanen zu beaufsichtigen. Das entnahmen sie wohl dem Zeichen: der Durchbruch.


Das Zeichen Guai, der Durchbruch, Kapitel II besteht aus Dui, Worte, oben und Kiën, stark, unten und bedeutet Festmachen der Worte. Der Einschnitt oben deutet gleichzeitig die Form der ältesten Urkunden an, die, in Holz geschnitten, aus zwei Hälften bestanden, die zusammengehalten ineinander paßten. Die alten Schriften waren in der Regel auf geglättete Bambustafeln geritzt. Hier ist die Schrift in ihrer Bedeutung für die Organisierung einer größeren Gemeinschaft hervorgehoben.

Bemerkung: Die in diesem Kapitel gegebene kulturgeschichtliche Skizze stimmt in ihren Hauptzügen merkwürdig mit unseren Auffassungen überein. Der Grundgedanke, daß allen Kultureinrichtungen eine Entwicklung von bestimmten Ideen zugrunde liegt, ist ebenfalls zweifellos richtig. Es fällt nicht immer leicht, diese Ideen in den Ideenkomplexen, die durch die genannten Zeichen dargestellt sind, wiederzuerkennen. Es ist nicht unmöglich, daß hier gewisse Zusammenhänge vorlagen, die heute[309] verwischt sind. Manche Spuren weisen darauf hin, daß die Zeichen in der Zeit vor der Dschou-Dynastie eine andere Bedeutung hatten als die heute überlieferte. Mög licherweise eröffnet dieses Kapitel Einblicke in jene Urbedeutungen. Daß ein Bedeutungswandel auch später noch stattgefunden hat, ergibt sich, wenn wir die Urteile mit den Bildern vergleichen.

Quelle:
I Ging. Köln 141987, S. 304-310.
Lizenz:

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