Kapitel VII

Die Beziehung einiger Zeichen zur Charakterbildung

§ 1

[318] Das Aufkommen der Wandlungen war in der Zeit des mittleren Altertums. Die die Wandlungen verfaßt haben, hatten viel Sorge und Leid.


Das bezieht sich auf König Wen und seinen Sohn, den Herzog von Dschou, die beide schwere Zeiten durchzumachen hatten.[318] Der Schreiber dieser Zeilen fühlt sich in diesem Stück mit ihnen verbunden. Auch er kann nichts anderes tun als den Organisationsplan einer untergehenden Kultur auf die Nachwelt retten.


§ 2

So zeigt das Zeichen »Auftreten« das Fundament des Charakters, das Zeichen »Bescheidenheit« die Handhabe des Charakters, das Zeichen »Wiederkehr« den Stamm des Charakters; das Zeichen »Dauer« bewirkt die Festigkeit des Charakters, das Zeichen »Minderung« die Pflege des Charakters, das Zeichen »Mehrung« die Fülle des Charakters, das Zeichen »Bedrängnis« die Prüfung des Charakters, das Zeichen »Brunnen« das Feld des Charakters, das Zeichen »das Sanfte« die Betätigung des Charakters.


§ 3

Das Zeichen »Auftreten« ist harmonisch und erreicht das Ziel. »Bescheidenheit« ehrt und ist leuchtend. »Wiederkehr« ist klein und doch verschieden von den Außendingen. »Dauer« zeigt mannigfaltige Erfahrungen ohne Überdruß. »Minderung« zeigt erst die Schwierigkeit und dann das Leichte. »Mehrung« zeigt Wachstum der Fülle ohne Kunstgriffe. »Bedrängnis« führt in Ratlosigkeit und dadurch zu Erfolg. »Brunnen« weilt auf seinem Platz und hat doch Einfluß auf andre. »Das Sanfte« vermag die Dinge zu wägen und verborgen zu bleiben.


§ 4

Das »Auftreten« bewirkt harmonischen Wandel. »Bescheidenheit« dient dazu, die Sitte zu ordnen. »Wiederkehr« dient zur Selbsterkenntnis. »Dauer« bewirkt Einheit des Charakters. »Minderung« hält Schaden fern. »Mehrung« schafft Förderung des Nützlichen. Durch »Bedrängnis« lernt man seinen Groll verringern. »Brunnen« bewirkt Unterscheidung, was das Rechte ist. Durch das »Sanfte« vermag man die besonderen Umstände zu berücksichtigen.


Es ist hier an der Hand von neun Zeichen eine Darstellung der Entwicklung des Charakters gegeben, und zwar in der Art, daß zunächst die Beziehungen der Zeichen zum Charakter, darauf[319] das Material der Zeichen und endlich ihre Wirkung gegeben werden. Die Bewegung geht von innen nach außen. Was sich im intimsten Herzen auswirkt, wird in seinen Folgen nach außen sichtbar. Die neun Zeichen sind:

1. Lü, das Auftreten, Nr. 10. Das Zeichen behandelt die Regeln des guten Benehmens, deren Befolgung Vorbedingung für Charakterbildung ist. Dieses gute Benehmen ist harmonisch – entsprechend dem Zeichen »das Heitere«, das innen ist – und kommt dadurch selbst unter schwierigen Umständen (Auftreten auf den Schwanz des Tigers) zum Ziele. So bewirkt es die harmonischen Formen, die für das äußere Benehmen Vorbedingung sind.

2. Kiën, die Bescheidenheit, Nr. 15. Das Zeichen bezeichnet die Gesinnung, die notwendig ist, damit man überhaupt die Bildung des Charakters unternimmt. Die Bescheidenheit (Berg unter der Erde) ehrt andre und kommt dadurch selbst zu Ehren. Auf diese Weise ordnet sie den Verkehr, daß man auf Freundlichkeit Freundlichkeit erlangt. Sie gibt den Formen die richtige Gesinnung als Inhalt.

3. Fu, die Wiederkehr, Nr. 24. Das Zeichen ist dadurch charakterisiert, daß ein lichter Strich von unten wiederkehrt und nach oben steigt. Es bedeutet Wurzel und Stamm des Charakters. Das Gute, das sich unten zeigt, ist zunächst noch ganz unscheinbar, aber es ist stark genug, um sich in seiner Eigenart allen Versuchungen der Umgebung gegenüber dauernd durchzusetzen. Als Wiederkehr legt es auch den Gedanken dauernder Umkehr nach begangenen Fehlern nahe und der dazu nötigen Selbstprüfung und Selbsterkenntnis.

4. Hong, die Dauer, Nr. 32. Das Zeichen bewirkt die Festigkeit des Charakters in der Zeit. Es zeigt Wind und Donner in stetigem Zusammensein, daher gibt es mannigfaltige Bewegungen und Erfahrungen, aus denen sich feste Regeln ergeben, so daß ein einheitlicher Charakter die Folge ist.

5. Sun, die Minderung, Nr. 41. Das Zeichen zeigt Minderung des Niederen, der ungebändigten Triebe, zugunsten des höheren, geistigen Lebens. Hiermit ist die eigentliche Pflege des Charakters gegeben. Sie zeigt erst die Schwierigkeit in der Bändigung der Triebe und dann das Leichte, wenn der Charakter beherrscht ist, und hält so Schaden fern.

6. I, die Mehrung, Nr. 42. Das Zeichen gibt dem Cha rakter die nötige Fülle. Bloße Askese reicht nicht aus zu einem guten Charakter; es ist auch Größe dazu nötig. Die Mehrung zeigt nun ein organisches Wachstum der Persönlichkeit an, das nicht gemacht ist und daher das Nützliche fördert.

[320] 7. Kun, die Bedrängnis, Nr. 47. Das Zeichen führt den gebildeten Charakter nun in das Feld seiner Bewährung ein. Schwierigkeiten, Hindernisse erheben sich, die überwunden werden müssen, sich aber oft als unüberwindbar erweisen. Hier sieht der Mensch sich Grenzen gegenüber, die er nicht beseitigen kann und deren Überwindung nur durch ihre Anerkennung ermöglicht wird. Indem so Dinge anerkannt werden, die als Schicksal anerkannt werden müssen, verlernt man es, das Widrige zu hassen. – Denn welchen Wert hätte es, gegen das Schicksal anzugehen? – Und durch diese Verminderung des Grolls läutert sich der Charakter auf eine höhere Stufe empor.

8. Dsing, der Brunnen, Nr. 48. Das Zeichen stellt einen Brunnenquell dar, dessen weitreichende Wirkung trotz seines Beharrens am Platze darauf beruht, daß er weithin Segen spendet. So zeigt sich hier das Feld des Charakters, auf dem er seine Wirkung ausüben kann. Es zeigt den tiefen Einfluß, der von einer reichen, spendenden Persönlichkeit ausgeht, der darum nicht geringer ist, weil das Spendende sich in der Stille hält. Es zeigt, was das Rechte ist, und ermöglicht so, es auszuwirken.

9. Sun, das Sanfte, das Eindringliche, Nr. 57. Das Zeichen gibt die richtige Geschmeidigkeit des Charakters. Nicht Starrheit, die nach einmal festgelegten Prinzipien handelt und in Wirklichkeit nur Pedanterie ist, sondern Beweglichkeit ist nötig, daß man die Dinge wägt und in die Bedürfnisse der Zeit eindringt, ohne sich zu exponie ren, und dann es lernt, die Umstände zu berücksichtigen und bei aller weisen Mannigfaltigkeit die starke Einheit des Wesens zu wahren.

Quelle:
I Ging. Köln 141987, S. 318-321.
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