1. Die Grundlagen der Musik - Yüo Ben

[71] Die Töne entstehen im Herzen des Menschen. Die Bewegungen werden von den Außendingen veranlaßt. Die von den Außendingen beeinflußten Bewegungen gestalten sich im Laut. Indem die Laute zueinander in Beziehung treten, erzeugen sie Modulationen; Modulationen, die sich nach einer Regel richten, werden Töne genannt. Die Kombination dieser Töne zum Zweck der Erheiterung und ihre Verbindung mit Schild und Axt, Federn und Quasten2 wird Musik genannt.

Die Musik ist es, aus der die Töne entstehen, deren Wurzeln in den Beeinflussungen des Menschenherzens durch die Außendinge liegen. Darum, wenn das Herz von Trauer bewegt ist, so wird der Laut scharf und ersterbend. Wenn das Herz von Heiterkeit bewegt wird, so wird der Laut langsam und weich. Wenn das Herz von Freude bewegt wird, so wird der Laut stark und zerstreut sich. Wenn das Herz von Zorn bewegt wird, so wird der Laut grob und grausam. Wenn das Herz von Ehrfurcht bewegt wird, so wird der Laut gerade und bescheiden. Wenn das Herz von Liebe bewegt wird, so[71] wird der Laut milde und zart. Diese sechs Äußerungen sind nicht etwas spontan aus der Seele Hervorgehendes, sondern sie sind die Folge einer Bewegung, die von der Beeinflussung durch die Außenwelt veranlaßt ist. Darum waren die früheren Könige vorsichtig mit Beziehung auf das, wodurch sie die Menschen beeinflußten. So bedienten sie sich der Sitte, um die Gesinnung der Menschen zu leiten, der Musik, um ihre Äußerungen im Laut in Einklang zu bringen, der Gebote, um ihre Handlungen in Übereinstimmung zu bringen, der Strafen, um ihre Übertretungen zu verhindern. Musik und Sitte, Strafen und Gebote sind letzten Endes dasselbe; es sind die Mittel, um die Herzen des Volks zur Gemeinsamkeit zu bringen und den Weg der Ordnung hervorzubringen.

Die Töne entstehen im Herzen des Menschen. Die Bewegungen der Gefühle im Innern gestalten sich im Laut. Der Laut, der nach dem Gesetz der Form gestaltet ist, heißt Ton. Daher sind die Töne eines in Ordnung befindlichen Geschlechts friedlich und heiter, weil seine Gebote mild sind. Die Töne eines unruhigen Geschlechts sind grollend und zornig, weil seine Gebote drückend sind. Die Töne eines dem Untergang verfallenen Volkes sind schmerzlich und sehnsuchtsvoll, weil seine Bürger verzweifelt sind. Die Art der Laute und Töne stimmt mit den Geboten überein.

Der Grundton (Gung) ist der Fürst, die Sekunde (Schang) ist der Beamte, die Terz (Güo) ist das Volk, die Quinte (Dschï) sind die Werke, die Sexte (Yü) sind die Gegenstände. Wenn diese fünf nicht in Verwirrung sind, so gibt es keine unharmonischen Töne. Wenn der Grundton unrein ist, so entsteht Not, weil der Fürst hochmütig ist. Wenn die Sekunde unrein ist, so entsteht Verfall, weil die Beamten verdorben sind. Wenn die Terz unrein ist, so entsteht Trauer, weil das Volk grollt. Wenn die Quinte unrein ist, so entsteht Schmerz, weil die Werke zu mühsam sind. Wenn die Sexte unrein ist, so entsteht Gefahr, weil die Güter Mangel zeigen. Wenn alle fünf unrein sind und miteinander disharmonieren, so ist das die allgemeine Auflösung, und wo es so ist, da steht der Untergang des Volkes in allernächster Zeit bevor.

Die Töne von Dschong und We waren die Töne eines verwirrten Geschlechts, weil beide der Auflösung nahe waren.[72] Die Töne von Sang Giën (im Maulbeerwald) und Pu Schang (am Flusse Pu) sind die Töne eines dem Untergang verfallenen Volkes. Die Gebote sind unzusammenhängend, das Volk verliert sich, verleumdet die Oberen und handelt selbstsüchtig, ohne daß dem Einhalt getan werden könnte.

Die Töne entstehen im Menschenherzen. Die Musik bringt Zusammenhang in die gesellschaftlichen Beziehungen. Darum kennen die Tiere zwar den Laut, aber nicht den Ton, und die Menge kennt zwar den Ton, aber nicht die Musik. Nur der Edle vermag es, den Sinn der Musik zu verstehen.

So muß man die Laute untersuchen, um die Töne zu verstehen; man muß die Töne untersuchen, um die Musik zu verstehen; man muß die Musik untersuchen, um die Gebote zu verstehen. So wird der Weg zur Ordnung vollkommen. Wer die Laute nicht versteht, mit dem kann man nicht über die Töne reden. Wer die Töne nicht versteht, mit dem kann man nicht über Musik reden. Wer die Musik versteht, erreicht dadurch auch die Geheimnisse der Sitte. Wer Sitte und Musik beide erlebt hat, besitzt Leben. Das Leben zeigt sich im Erleben.

Darum besteht die höchste Vollkommenheit der Musik nicht in der höchsten Pracht der Töne, ebenso wie bei der Sitte des Speiseopfers es nicht auf den höchsten Wohlgeschmack ankommt. Die große Zither im reinen Tempel hatte rote Saiten und weite Intervalle. Auf einen Anschlag kamen drei Bindungen3, so daß nicht alle Töne zu Gehör kamen. Die Sitte des großen Speiseopfers stellte den dunklen Wein (Wasser) voran, auf den Platten lag ungekochter Fisch, und die große Suppe war nicht gewürzt, so daß nicht alle Geschmacksarten zur Darstellung kamen. Darum waren die alten Könige bei der Gestaltung von Sitte und Musik nicht darauf bedacht, das Begehren von Mund und Magen, Ohr und Auge restlos zu erfüllen, sondern ihre Absicht war, das Volk zu lehren, seine Zu- und Abneigungen zu mäßigen, und es auf das rechte Ziel des Menschenwegs zurückzubringen.

Der Mensch ist von Natur still, das ist seine himmlische Seele. Wenn er, durch die Außendinge beeinflußt, sich bewegt, das sind die Triebe der Seele. Durch das Herannahen der Außendinge entsteht das Bewußtsein; infolge des Bewußtseins[73] gestalten sich Zuneigung und Abneigung. Wenn Zuneigung und Abneigung keinen Rhythmus im Innern haben, so verführt das Bewußtsein ins Äußere, und der Mensch findet nicht mehr zu seiner eigenen Persönlichkeit zurück, so daß die himmlische Ordnung erlischt.

Nun aber beeinflussen die Außendinge den Menschen unaufhörlich. Und wenn die Zuneigungen und Abneigungen des Menschen keinen Rhythmus haben und es kommt ein Außending heran, so wird dadurch der Mensch auch zum Außending verwandelt. Ein Mensch, der zum Außending verwandelt ist, der vernichtet in sich die himmlische Ordnung und ist den menschlichen Trieben und Begierden wehrlos preisgegeben. So entstehen die Gesinnungen des Aufruhrs und des Betrugs und Handlungen der Unzucht und der Verwirrung. Infolge davon werden die Schwachen von den Starken unterdrückt und die Minderheit von der Mehrheit vergewaltigt. Die Toren werden von den Wissenden betrogen, und die Schüchternen werden von den Dreisten mißhandelt. Die Kranken finden keine Pflege, und Greise und Kinder, Witwen und Waisen finden keine Fürsorge. Das ist der Weg der allgemeinen Verwirrung.

Darum schufen die alten Könige Sitte und Musik, um das Menschenleben rhythmisch zu gliedern. Hänfene Trauergewänder, Weinen und Klagen dienten dazu, die Trauer um die Verstorbenen zu regeln. Glocken und Pauken, Schilde und Äxte dienten dazu, die heiteren Gefühle harmonisch zu gestalten. Die Hochzeitssitten, die Männerweihe und das Aufstecken der Haare dienten dazu, die Geschlechter züchtig zu machen. Die Schützenfeste und Gauversammlungen, die Fürstenmähler und Gastbewirtungen dienten dazu, den Verkehr zu regeln.

Die Sitte bringt Rhythmus in die Gesinnung des Volkes. Die Musik bringt Harmonie in die Laute des Volkes. Die Gebote dienen dazu, seine Handlungen zu regeln; die Strafen dienen dazu, Ausschreitungen vorzubeugen. Wenn Sitte und Musik, Strafen und Gebote alle vier ihren Zweck erreichen, ohne drückend zu sein, so ist der Königsweg vollendet.

2

Schild und Axt waren die Geräte bei den kriegerischen Pantomimen; Federn und Quasten (bzw. Flöten) waren die Geräte bei den friedlichen Pantomimen; denn Pantomimen waren in alter Zeit mit der Darbietung der Musik unzertrennlich verbunden.

3

Die chinesische Zither wird als Schlaginstrument gespielt. Aber das Geheimnis ihres Spiels besteht darin, daß auf den einzelnen Anschlag nicht nur ein Ton gespielt wird, sondern der Finger der linken Hand mehrfach über die Saiten gleitet. Die dadurch entstehenden Töne kommen natürlich nicht in vollem Umfang zu Gehör, sondern dienen nur als Anregung für die nachfühlende Phantasie des Hörers.

Quelle:
Li Gi. Düsseldorf/Köln 1981, S. 71-74.
Lizenz:

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