2. Die Geschichte des Textes

[16] Li Gi oder das Buch der Sitte (genauer: Aufzeichnungen über die Sitten) gehört neben dem Buch der Urkunden, dem Buch der Lieder, dem Buch der Wandlungen und den Frühling- und Herbstannalen zu den fünf großen klassischen Büchern des alten China. Man kann es in verschiedener Hinsicht mit der Thora (Fünf Bücher Mosis) im Alten Testament vergleichen. Es ist ein Buch für den praktischen Gebrauch, da es die Regeln des rechten Verhaltens in allen Lebenslagen – von den Riten der heiligen Opfer für den höchsten Gott und die Ahnen bis herab zu den Regeln des alltäglichen Betragens bei Speise und Trank – enthält. Aber neben den praktischen Regeln enthält es auch die großen geistigen Grundlagen, auf denen das gesamte konfuzianische System aufgebaut ist. Es weist hinauf über Konfuzius zu den Patriarchen der alten Zeit, von denen die chinesische Kultur ihren Anfang nahm, und führt herab über Konfuzius bis zu den Lehren des einflußreichsten seiner Nachfolger (der mindestens auf Jahrhunderte selbst den glänzenden Stilisten Mong Dsï in den Schatten stellte), des berühmten Staatsministers und Philosophen Sün Kuang (auch Sün King = Minister Sün genannt).

Aber ähnlich, wie die Thora nicht das Werk des Mose ist, obwohl sie das Werk des Mose in sich enthält, ist das Li Gi nicht das Werk des Konfuzius, aber enthält so gut wie alles das, was aus dem von ihm gesäten Samen im Lauf der ersten Jahrhunderte aufgegangen ist. Wie die Thora auf eine[16] Anzahl älterer Quellenschriften zurückgeht, die später vereinigt und redigiert wurden, so ist auch das Li Gi kein einheitliches Werk. Ja es ist noch weniger einheitlich als die Thora, weil von den Redaktoren gar nicht der Versuch gemacht worden ist, das Ganze einheitlich und dem historischen Verlauf nach zusammenzufassen. Vielmehr ist es zusammengesetzt aus lauter einzelnen Abhandlungen, die – oft selbst wieder Sammlungen von Sprüchen oder Anekdoten – von den Redaktoren, wie sie sie vorfanden, aneinandergereiht worden sind, ohne daß sich irgendwelcher Faden des Zusammenhangs dabei feststellen ließe. Das Li Gi verdankt, wie ein großer Teil der konfuzianischen klassischen Literatur, seine abschließende Zusammenfassung und Redaktion dem großen Gelehrten Dschong Hüan (Dschong Kang Tschong, 127-200 n. Chr.), der gewissenhaft das, was er aus dem Altertum überkommen hatte, zusammenstellte und kommentierte und nicht wagte, aus seinem Eigenen etwas dazu oder davon zu tun. Sehr im Gegensatz zu ihm steht sein abtrünnig gewordener Schüler Wang Su, der weit mehr mit seiner Person in den Vordergrund tritt und der versucht hat, ungefähr denselben Stoff, der ihm ebenfalls vorlag, unter dem Titel eines verlorengegangenen konfuzianischen Werks »Hausgespräche« (Gia Yü) einheitlich um den Meister Kung zu gruppieren, und dabei, wo es nötig war, auch vor stilistischen und verdeutlichenden Textänderungen nicht zurückschreckte.

Allein die Sammlung des Kanons hat eine jahrhundertelange Geschichte. Die Schule des Konfuzius hat sich unter der Leitung des Meisters mit der Sammlung und Sichtung derjenigen der alten Schriften und Überlieferungen befaßt, die geeignet waren, den Theorien des Meisters über die Organisation der Menschheit als Beleg zu dienen. Es wird mehrfach berichtet, daß die zweiundsiebzig näheren Schüler und deren Jünger derartige Aufzeichnungen aus alter und neuer Zeit hinterließen, die nicht nur schriftlich, sondern auch im Gedächtnis aufbewahrt den literarischen Schatz der Schriftgelehrten (Ju, dies war der Titel, den die konfuzianische Schule von den anderen Philosophenschulen erhielt und auch selbst akzeptierte) bildete. Diese Texte, von denen die verschiedenen Schulen, die sich nach dem Tod des Meisters bildeten,[17] teils die einen, teils die anderen ihren Überlieferungen und Schulunterweisungen zugrunde legten, erlitten eine große Einbuße durch den berüchtigten Tsin Schï Huang Di, der, um allein groß zu sein, die Vergangenheit zerstören wollte und daher ein Edikt erließ, daß die Bambustafeln, auf denen diese Aufzeichnungen geschrieben standen, eingeliefert und verbrannt werden sollten (nur die Kaiserliche Bibliothek behielt von jedem Werk ein Exemplar) und daß auch die mündliche Unterweisung in jenen Texten zu unterbleiben habe. So verschwanden denn jene literarischen Schätze aus der Öffentlichkeit. Vielleicht noch mehr als die Edikte des Tyrannen haben die furchtbaren Kriege, die von 209 bis 202 v. Chr. das Land in seinen Grundfesten erschütterten, dazu beigetragen, daß die Tradition der konfuzianischen Schule zwar noch nicht ganz unterbrochen, aber doch stark beschädigt wurde. Nachdem die Handynastie das Reich geeinigt hatte, gelang es gar bald einzelnen der Schriftgelehrten, den regierenden Herrschern zu beweisen, welche Stütze sie in den konfuzianischen Lehren für den Staat finden würden, und so wurde denn jenes Edikt des Schriftenverbots im Jahre 164 v. Chr. aufgehoben, nachdem es schon länger zuvor praktisch unwirksam geworden war. Die alten Traditionen wurden gesammelt, und damals entstand allmählich das, was wir als die konfuzianische klassische Literatur in ihrer gegenwärtigen Form vor uns haben. Alte Gelehrte schrieben aus dem Gedächtnis die Texte nieder, die sie von ihren Meistern seinerzeit gelernt hatten, und alte Bambustafeln, die in der Verfolgungszeit da und dort verborgen worden waren, kamen wieder ans Tageslicht und wurden nicht ohne Mühe entziffert. Die Schriftform hatte sich ja inzwischen geändert, und die alten Holztafeln waren wahrscheinlich zum großen Teil in ziemlich defektem Zustand. Belohnungen, die von Kaisern und Prinzen auf den Fund alter Schriften ausgesetzt wurden, regten den Sammeleifer mächtig an; besonders der Prinz Hiën von Ho Giën, ein Verwandter des Kaisers Wu (140-87 v. Chr.), konnte eine große Anzahl von alten Werken auf diese Weise retten. So kam ein Teil des alten klassischen Buchs der Sittenregeln (Li Ging) wieder schriftlich und mündlich zutage, das später unter dem Namen I Li unter die[18] Klassiker aufgenommen wurde. Ebenso wurde angeblich die Beamtenordnung der Dschoudynastie (Dschou Guan, später Dschou Li genannt) dargebracht, doch bestehen über die Echtheit dieses Textes unter den chinesischen Gelehrten die größten Bedenken. Das Werk scheint eher eine in das damalige Mittelalter (ca. 1000 v. Chr.) zurückprojizierte Utopie als eine wirklich historische Urkunde zu sein. Auf jeden Fall handelt es sich bei beiden Werken um offizielle Aufzeichnungen der tatsächlich ausgeübten Bräuche, ohne den Versuch einer Erklärung ihres Sinnes oder ihrer weltanschaulichen Verankerung. Das war das Werk des Konfuzius gewesen, daß er die alten Texte nicht nur überlieferte, die alten Sitten nicht nur mit seinen Schülern einübte, sondern daß er gleichzeitig ihren Sinn klarmachte und von seiner Weltanschauung aus diese alten Texte erklärte und ausdeutete (ja zum Teil auch umdeutete). Diese Lehrtätigkeit des Meisters bildete den Stoff für die Aufzeichnungen (Gi) der Schüler. Von solchen Aufzeichnungen kam nun auch eine große Menge bunter Art zutage – lauter einzelne Schriften oder Sammlungen von Sprüchen, Lehren und Anekdoten. Keiner der Schüler des Meisters hat seine ganze Lehre weitergegeben – der einzige, der dazu imstande gewesen wäre, Yen Hui, starb vor dem Meister –, aber in all den verschiedenen Schulen, die von ihm ausgingen, waren neben den klassischen Texten, die sie zur Überlieferung ausgewählt hatten, Kompendien von Aufzeichnungen über die Erklärung des Meisters vorhanden, die er zu den klassischen Texten gegeben hatte. Diese Kompendien stimmten natürlich in manchen Punkten überein, während sie in anderen voneinander abwichen, so daß eine einfache Zusammenstellung vielfache Wiederholungen ergeben hätte. Der oben genannte Prinz Hiën (Ho Giën Wang) hat von diesen Aufzeichnungen der Jünger des Kung Dsï 132 verschiedene Kapitel zusammengebracht, von denen, als der bekannte kaiserliche Bibliothekar Liu Hiang im Jahr 51 v. Chr. eine Konferenz von Gelehrten über die Verwertung der Texte auf kaiserlichen Befehl abhielt, noch 130 Kapitel vorhanden waren; doch war inzwischen anderer Stoff dazugekommen, so daß die Abhandlungen über die Sitten die Zahl von 200 überstiegen. Darunter befanden sich offenbar viele[19] Dubletten. Liu Hiang suchte den Stoff zu ordnen, wählte 130 Kapitel aus und stellte acht verschiedene Klassen auf: 1. Allgemeine Abhandlungen, 2. Regierungsmaßregeln, 3. Trauerkleidung, 4. Freudige rituelle Angelegenheiten, 5. Opfer, 6. Regeln für Söhne, 7. Aufzeichnungen über Musik, 8. Naturphilosophisches (Ming Tang Yin Yang).

Aus diesem Stoff traf nun der ältere Dai, Dai De, eine Auswahl von 83 Kapiteln unter Beiseitelassung aller Wiederholungen. Dieses Werk wurde Da Dai Li oder Da Dai Li Gi (Aufzeichnungen der Sitten des älteren Dai) genannt. Was heute von diesem Werk vorhanden ist, beläuft sich auf 38 Kapitel. Da diese noch ihre alte Numerierung tragen, so läßt sich das Verlorene leicht feststellen. Es fehlen zu Beginn 38 Kapitel und zum Schluß 4 Kapitel und an vielen Stellen dazwischen auch noch einzelne Stücke.

Der Grund für diese Verluste, die zugleich mit einer großen Vernachlässigung des Textes und dem Fehlen eines alten Kommentars zu mehreren Kapiteln verbunden sind, ist darin zu suchen, daß bald nach Dai De sein jüngerer Vetter Dai Schen ebenfalls eine Auswahl aus dem alten Stoff in 46 Kapiteln traf, die unter dem Namen Siau Dai Li Gi bald das andere Werk in Schatten stellte. Das kam zum Teil davon her, daß, wie schon in den Sui-Annalen berichtet wird, der Eindruck aufkam, daß ähnlich wie Dai De aus den 130 Stücken des Liu Hiang eine Auswahl des Wichtigsten getroffen, Dai Schen aus dieser Auswahl seines Vetters wieder das Wichtigste in seinen 46 Kapiteln ausgewählt habe. Dies ist jedoch nicht der Fall, wie schon daraus hervorgeht, daß im Da Dai Li noch heute Stücke stehen, die auch im Siau Dai Li Gi enthalten sind (Tou Hu, Pfeilwerfen und Ai Gung Wen, die Fragen des Herzogs Ai), was nicht der Fall sein könnte, wenn das heutige Da Dai Li nur den übriggelassenen Rest von Siau Dai Li darstellen würde. Immerhin muß die Zahl der gemeinsamen Stücke ziemlich beträchtlich gewesen sein, und sehr vieles, was heute im Siau Dai Li Gi steht, wird wohl im Da Dai Li auch gestanden haben. Kurz, das kürzere Werk – das noch immer lang genug ist und auch noch immer ziemlich viele Wiederholungen zeigt – kam in Aufnahme, wurde unter die klassischen Schriften eingereiht, und das[20] ältere Werk trat zurück und wurde vernachlässigt. Es bildete schließlich eine Abteilung der Han We Dsung Schu (gesammelte Werke der Han- und Wedynastie). Erst im Huang Dsing Ging Gië, dem großen Kommentarwerk der Gelehrten der Tsingzeit aus dem 18. Jahrhundert, wurde das Werk einer kritischen Bearbeitung unterzogen. Dai Dschen, der Zeitgenosse Kants, beschäftigte sich mit dem Text; eine kritische Ausgabe des Sungdrucks von Han Yüan Gi veranstaltete Wang Ba Gung. Einen sehr sorgfältigen Kommentar verfaßte Kung Giën Tau, ein Nachkomme des Konfuzius, und Yüan Yüan schrieb einen ausführlichen Kommentar zu dem Buch Dsong Dsï, das er aus dem Zusammenhang des Ganzen herausgenommen und als besonderes Werk ediert hat.

Die Aufzeichnungen über die Sitten durch den jüngeren Dai (Siau Dai Li Gi) haben wohl sechs verschiedene Quellen, die mindestens zum Teil mit denen des Da Dai Li übereinstimmen. Aus der Wezeit existiert ein Bericht, den Liang Ki Tschau zitiert, nach dem ein Mann aus Lu namens Schu Sung Tung die erste Sammlung von Aufzeichnungen über die Sitte gemacht habe. Dies dürften wohl die 130 Kapitel sein, die dem Bibliothekar Liu Hiang als Grundstock vorlagen und die er nach Klassen ordnete. In den Annalen von Sui heißt es weiter, daß Liu Hiang außerdem die Aufzeichnung über das Lichtschloß und die dunkle und lichte Urkraft (Ming Tang Yin Yang Gi) zur Verfügung gehabt habe, ferner die Aufzeichnung über die drei Audienzen des Konfuzius (heute im Da Dai Li vorhanden), die Aufzeichnungen des Wang, die des Schï und die Aufzeichnungen über die Musik (Yüo Gi). Diese fünf Quellen haben mit den Kapiteln von Schu Sung Tung zusammen die Zahl von 214 ausgemacht. In den Annalen der Handynastie werden angegeben: Li Gi (Aufzeichnungen über die Sitte) 131 Kapitel, Ming Tang Yin Yang 33 Kapitel, die Aufzeichnungen des Wang und des Schï 21 Kapitel, die Aufzeichnungen über die Musik 23 Kapitel, die drei Audienzen des Konfuzius 7 Kapitel: im ganzen 215 (also eines mehr als in den Suiannalen). Aus diesen Kapiteln trafen dann die beiden Dai – jeder selbständig – ihre Auswahl.[21]

Den ersten Kommentar von Bedeutung schrieb Dschong Kang Tschong, der berühmte Sammler und Literat (127-200 n. Chr.). In der Tangzeit schrieb Kung Ying Da nähere Ausführungen dazu. Aber schon im Jahr 175 n. Chr. wurde der Text des Werkes unter die klassischen Schriften des Konfuzianismus aufgenommen, deren Text unter der Aufsicht von Tsai Yung in Steintafeln eingraviert wurde. Das Buch kam unter die dreizehn Klassiker und später, als unter diesen eine engere Wahl getroffen wurde, unter die fünf wichtigsten Schriften (Wu Ging), für die je zwei große Gelehrte zur Erklärung und Überlieferung vom Hof bestimmt waren. In europäische Sprachen ist das Buch trotz seiner Länge mehrfach übersetzt worden. Wir erwähnen nur die wichtigsten dieser Übersetzungen: J. Legge, in The Sacred Books of the East, The Texts of Confucianism, Part III/IV, the Li Ki, Oxford 1885, und S. Couvreur, Li Ki ou Mémoires sur les bienséances et les cérémonies. Texte Chinois avec une double traduction en Français et en Latin, 2. Auflage Ho Kien Fou 1913. Es wurde daher unsre Übersetzung auf die wichtigsten Teile beschränkt. Die Abschnitte von rein antiquarischem Interesse wurden weggelassen.

Quelle:
Li Gi. Düsseldorf/Köln 1981, S. 16-22.
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