§ 51. Die sichtbare Natur und ihr Ursprung in ihren besondern Gestalten

[157] Das dritte Principium – nämlich außer den beiden Prinzipien von Licht und Finsternis in Gott – ist die sichtbare Welt als der dritte Grund und Anfang, diese ist aus dem innern Grunde als aus beiden ersten ausgehaucht und in [158] kreatürliche Form und Art gebracht. Diese sichtbare Welt ist aus der oberzählten geistlichen Welt als aus der ausgefloßnen göttlichen Kraft entsprossen und ist ein Objectum oder Gegenwurf der geistlichen Welt: Die geistliche ist der inwendige Grund in der sichtbaren Welt, die sichtbare Welt stehet in der geistlichen. Diese sichtbare Welt ist anders nichts als ein Ausfluß der sieben Eigenschaften; »diese äußere Welt«, sagt er (»Mysterium Magnum«, c. 6, § 10), »ist als ein Rauch oder Brodem vom Geistfeuer und Geistwasser, beides aus der heiligen und dann auch aus der finstern Welt ausgehaucht worden; darum ist sie bös und gut... und ist nur als ein Rauch oder Nebel gegen und vor der geistlichen Welt«, denn aus den sechs würkenden Eigenschaften ist sie entstanden, und in der siebenten als im Paradiese stehet sie in der Ruhe, die ist der ewige Sabbath, darinnen das Würken göttlicher Kraft ruhet. (»Clavis«, § 127, 81, 82)

Die geistliche Welt vom Feuer, Licht und Finsternis stehet in der sichtbaren elementischen Welt verborgen und würket durch die sichtbare Welt und bildet sich durch den Separatorem mit ihrem Ausfluß in alle Dinge, nach jedes Dinges Art und Eigenschaft. (»Von göttl. Beschaul.«, c. 3, § 19)

Eine jede Eigenschaft hat aber ihren eigenen Separatorem, Scheider und Macher in sich und ist in sich selber ganz nach Eigenschaft der ewigen Einheit. Also führet der Separator jedes Willens wieder Eigenschaften aus sich aus, davon die unendliche Vielheit entstehet. In jeder Kraft ist ein Gegenwurf als eine eigene Begierde entstanden. Dieselbe eigene Begierde in dem Gegenwurf der Kräfte hat sich wieder aus sich ausgeführet zu einem Gegenwurf, davon ist die Begierde solches Ausflusses scharf, streng und grob geworden und hat sich koagulieret und in Materien gebracht. Und wie nun der Ausfluß der innern Kräfte aus Licht und Finsternüs, aus Schärfe und Linde, aus feurender oder Lichts-Art ist gewesen, also seind auch die Materien worden: Je weiter sich der Ausfluß einer Kraft erstrecket hat, je äußerlicher und gröber ist die Materie worden, dann es ist je ein Gegenwurf aus dem andern gegangen, bis letztlich auf die grobe Erde. (Ebd., § 10, 11, 41, 42)

Wir müssen aber den Grund solcher Philosophiae recht vollführen und andeuten, wovon hart und weich habe seinen [159] Grund genommen, welches wir an den Metallen erkennen. Denn eine jede Materia, welche hart ist, als da seind Metallen und Steine, sowohl Holz, Kräuter und dergleichen, das hat in sich gar eine edle Tinktur (die ein Gleichnüs und Gegenwurf des göttlichen Mysterii Magni ist, da alle Kräfte in der Gleichheit inneliegen, und heißet recht Paradies oder göttliche Lust) (§ 23) und hohen Geist der Kraft, wie auch an den Beinen der Kreatur zu erkennen ist, wie die edelste Tinktur nach des Lichtes Kraft als die größeste Süße, im Marke der Beinen und dagegen im Geblüte nur eine feurische Tinktur lieget.84

Alles, was im Wesen dieser Welt weich, sanft und dünne ist, das ist ausfließend und sich selber gebend und ist dessen Grund und Urstand nach der Einheit der Ewigkeit (inwiefern sie außer der Bewegnüs als das ewige Ein die größte Sänfte ist), da die Einheit immerdar von sich ausfleußt, wie man dann an dem Wesen der Dünnheit als am Wasser und Luft keine Empfindlichkeit oder Peinen verstehet, was dasselbe Wesen einig in sich selber ist. Was aber hart und impressend ist, als da seind Beine, Holz, Kräuter, Metallen, Feuer, Erde, Steinen und dergleichen Materien, darinnen liegt das Bild göttlicher Kraft und Bewegnüs (in [160] der sich der göttliche Will in eine Stätte zur Selbheit als zur Kraft einschleußt) und verschleußt sich mit seinem Separatore als dem Ausfluß göttlicher Begierde, als ein edles Kleinod oder Funke göttlicher Kraft, vor der Grobheit und ist darum hart und feurend, daß es seinen Grund göttlicher Infaßlichkeit hat, als da sich das ewige Ein immerdar in einen Grund der Dreifaltigkeit zur Bewegnüs der Kräften einführet und sich doch für dem Ausfluß als für der Einführung des eigenen Willens der Natur verschleußt und mit der Kraft der Einheit durch die Natur würket.

Also auch mit der edlen Tinktur (dem sinnlichen Gegenwurf der Einheit und Gleichheit) zu verstehen ist: Wo sie am edelsten ist, da ist sie am meisten mit der Härte verschlossen; dann die Einheit liegt in ihr in einer Beweglichkeit als in einer Empfindlichkeit des Würkens, darum verbirget sie sich, aber in der Dünnheit lieget sie nicht in solcher Empfindlichkeit, sondern ist allen Dingen gleich, wie dann das Wasser und Luft allen Dingen gleich und in allen Dingen ist, aber das trockene Wasser (das Feurige) ist der rechte Perlengrund, darinnen die subtile Kraft des Würkens der Einheit im Centro lieget. Also verstehet dieses Geheimnüs: Daß das Weiche und Dünne von der Einheit, von dessen Ausfluß aus dem Mysterio Magno urstände und der Einheit am nächsten sei und dargegen der edelste Grund göttlicher Offenbarung in Kraft und Wirkung in der feurenden Härte liege85 und eine trockene Einheit als ein Temperamentum sei, da die Schiedlichkeit aller Kräfte wieder innelieget; dann wo die Kräften nicht in der Einheit eines Willens inneliegen, da ist der Wille zertrennet und ist keine große Kraft in dem Dinge zu verstehen, welches den Medicis wohl zu merken ist. (Ebd., § 36-48) [161] Hier haben wir also einige Proben, wie J. B. Stein und Bein, Luft und Licht, Erde und Wasser aus dem göttlichen Wesen ableitet. Als Beispiele seiner religiösen Naturphilosophie fügen wir nur noch folgende bei. »An welchem Orte die herbe Qualität primus war, das ward der Salitter (d. i. der Grundstoff der Natur, der materielle Inbegriff der sieben Eigenschaften oder Quellgeister, die erste Materie) zusammengezogen und vertrocknet, daß harte, derbe Steine wurden; an denen Orten aber, wo der herbe Geist mit dem bittern zugleich primus gewesen, da ist stachlichter Sand worden, dann der wütende bitter Geist hat den Salitter zerbrochen.« (»Aurora«, c. 18, § 11) »Das dünne Wasser suchet den Tal und ist eine Demütigkeit des Lebens; welches sich nicht erhebet wie die herbe, bitter und Feuers-Qualität. Darum suchet es immer die niedrigsten Stellen auf Erden, das bedeut‹ recht den Geist der Sanftmut.« (Ebd., c. 19, § 70, 71)

Quelle:
Ludwig Feuerbach: Geschichte der neuern Philosophie von Bacon bis Spinoza. Leipzig 1976, S. 157-161.
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