§ 37.

[110] In diesem Wissen nun, welches wir in seiner umfassendsten Synthesis erkannt haben, – wovon ist das absolute Seyn der Grund und was führt es bei sich? Offenbar: bloss und lediglich das Seyn, Stehen und Beruhendes Wissens, dass es nicht durch sich selbst hindurchfällt, als das schlechthin Leere, und in sich selber zerfliesst: also die blosse reine Form[110] des Seyns und durchaus nicht mehr. Diese aber entspringt auch aus ihm allein.

In dieser Synthesis, als der höchsten alles Wissens, kommt allein das absolute Seyn unmittelbar vor, es ist daher klar, dass in keiner tieferen Synthesis aus ihm ein Mehreres gefolgert werden kann. Das absolute Seyn ist im Wissen nur die Form des Seyns und bleibt es ewig. Was da gewusst wird, hängt durchaus von der Freiheit ab; dass aber irgend Etwas sey, und wenn es zu einem Diesen kommt, dass es gewusst werde (völlig auf- und eingehe ins Wissen), ist gegründet im absoluten Seyn. Nur die reale Form des Wissens, die Bestimmtheit des Gewussten, nicht aber die Materie des Wissens (welche in der Freiheit besteht), fliesst aus dem absoluten Seyn. Es fliesst aus ihm nur, dass eine solche Materie (Freiheit) überhaupt möglich ist, dass sie sich realisiren kann, zum (factischen) Wissen werden und so in irgend einer Bestimmtheit ergreifen kann. – So ist die Freiheit sowohl, als das absolute Seyn gegen einander durchaus bestimmt und vereinigt: die erstere völlig, in ihrer höchsten Bedeutung, gesichert, und alle absolute Unbegreiflichkeit (qualitas occulta) aus dem Wissen rein ausgetilgt.

Ein Unbegreifliches freilich stellt da, wie bisher schon erinnert worden, die absolute, allem wirklichen Wissen vorausgehende Freiheit. Aber zuförderst darf man uns dieses nicht in das unbegreifliche Seyn spielen (in den unerforschlichen Willen Gottes); denn zugleich ist dies das in jedem Augenblicke stets und richtig; Begriffene, so gewiss nur gewusst wird. Kann denn das absolute Wissen je seines Wirkens verfehlen? – Ferner begreift man durchaus, dass man es nicht begreifen kann in seiner Ursprünglichkeit, dass man es aber auch so zu begreifen gar nicht bedarf, dass aber eben das Begreifen selbst in seiner Ewigkeit und Unendlichkeit darin besteht, dass es ins Unendliche fort begreift, und eben darum nie seine eigene Ursprünglichkeit zu begreifen vermag.

So also ist es und so wird es von jeder Intelligenz, die sich im Wissen (ich meine hier auch ohne Wissenschaftslehre) zu dieser Ansicht erhebt, nothwendig begriffen. Dies im Einzelnen[111] nachzuweisen ist hier nicht Zeit: alle Systeme und Religionen und selbst die Ansicht des gemeinen Menschenverstandes wimmeln von Sätzen, welche daraus resultiren.

Aber zugleich bat sich in allem Bisherigen zur Genüge gezeigt, dass jenes Wissen (in der höchsten Synthesis des absoluten Seyns und der unendlichen Freiheit) aus sich anheben, zum wirklichen Wissen kommen könne nur an einer realen Anschauung (der uns schon bekannten Anschauung in und für sich), welche in der unendlichen Anschaubarkeit auf ein bestimmtes Quantum sich beschränkt. Dass eine solche, als ursprünglich seyend vor aller bewussten Freiheit vorausgesetzt werden müsse, und was aus ihr folge, hat sich gleichfalls zur Genüge gezeigt. Als solche ist sie ein Punct des Sichergreifens des Wissens in der unendlichen Sphäre desselben: somit Bestimmtheit der Quantitabilität, welche in der Anschauung in den einigen Raum und Materie und in die einige Zeit verwandelt wird. – Dieser Punct ist daher nothwendig ein bestimmter, durchaus in jeder der bezeichneten Rücksichten, aber so bestimmt kann er nur seyn durch sein Verhältniss zum wirklichen (nicht mehr unendlichen oder unbestimmten) Ganzen: er ist daher für sich nur, inwiefern das Ganze für ihn ist. Diese Anschauung, ist daher selber nur im Denken möglich, im freien Schweben über jenem Verhältnisse und im bestimmenden Aussondern dieses Einzelnen im Ganzen von dessen Allgemeinheit. Denken und Anschauung, durchdringen sich hier abermals: ihre Grundlage aber ist Gefühl, wie wir es früher nannten (§ 26, 1. Vgl. § 28.), – das Zusammenfallen einer Bestimmung der Freiheit und des absoluten Seyns. In diesem Gefühle dürften wir daher für ein Wissen, welches wir übrigens hier noch nicht kennen, das Princip der Individualität entdeckt haben.

Es ist einer der Concentrationspuncte für das wirkliche Seyn des Wissens, und wir nehmen diesen, wie sich versteht, als Repräsentanten aller möglichen. Dass er die Form des Seyns, das Bestehen, aus dem absoluten Seyn habe, ist klar, denn ausserdem käme es überhaupt zu keinem Stehen der Anschauung, mithin auch nicht zu dieser. Sein bestimmtes Seyn[112] hat er aber aus der Wechselwirkung seiner Freiheit mit dem Ganzen.

Was ist nun also – dies ist eine neue Frage – der Charakter des wirklichen Seyns? Durchaus nur ein Verhältniss von Freiheit zu Freiheit zufolge eines Gesetzes. Das Reale (= R), das nun daliegt und vor allem wirklichen Wissen vorher das Wissen trägt, ist ein Concentrationspunct zuvörderst aller Zeit des Individuum, und es ist begriffen als das, was es ist, nur inwiefern diese begriffen ist, – aber sie wird immer begriffen, und nie (vgl. oben). Es ist ein Concentrationspunct aller wirklichen Individuen in diesem Zeitmomente, ferner, vermittelst dessen, aller Zeit dieser und aller noch möglichen Individuen: – das Universum der Freiheit in Einem Puncte und in allen Puncten.

Nur inwiefern es ein solcher Concentrationspunct bleibt, bleibt es ein Reales; ausserdem würde es in ein Einfaches, d. i. in ein abstractes Nichts, zerfliessen.

Ist R denn nun also Etwas an sich, d. i. ein Dauerndes? Wie könnte es, da sein Grundstoff ja Freiheit ist und deren Wesen ein ewiger Fluss! Wie ruht denn nun doch ein Wissen auf ihm, z.B. des Individuum = J? Antwort: inwiefern J mit seiner immanenten Freiheit, zufolge der ersten Synthesis – wenn auch nicht in ihr – ruht auf dem absoluten Seyn, und alle anderen Individuen gleichfalls, kann es ruhen auf sich und im Verhältniss stehen zu jenen, und umgekehrt. Wie weiss J, dass diese Summe von Ichen, die es weiss, mit ihren Wissen ruhen im absoluten Wissen? Weil es ausserdem von sich nicht so wüsste, um von ihnen zu wissen, sondern anders.

Der letzte Grund des jedesmaligen Zustandes der Welt ist nun aufgegangen: er ist das Seyn und Ruhen des Gesammtwissens im Absoluten. Dadurch wird freilich auch der, wenn auch nicht immer deutlich bemerkte Zustand jedes Einzelnen bestimmt, der von seiner Seite wieder den Gesammtzustand bestimmt. Dieser Grund aber, und seine Folge, könnte in jedem Augenblicke anders seyn, und kann in jedem Momente der Zukunft anders werden, als er ist. Das höchste Gesetz[113] des Seyns, das Gesetze trägt, ist kein Naturgesetz (Gesetz eines materialen Seyns), sondern ein Freiheitsgesetz, auszudrücken in dieser Formel: Es ist eben Alles, wie die Freiheit es macht, und wird nicht anders, wenn sie es nicht anders macht.

Nun ist aber – eine Bemerkung, um möglichen Misverständnissen durch Vorgreifen vorzubauen – hier überall nur die Form des wirklichen, empirischen Seyns (oder des Sichergreifens des Wissens) erklärt, und bewiesen, dass ein Materiale (ein Quantum und bestimmtes Verhältniss) in ihr seyn müsse; über den Grund dieser Bestimmtheit aber sind wir an die absolute Freiheit gewiesen worden, oder haben auch gesagt, es sey dieser Ursprung unbegreiflich. – Nun aber glaube doch ja Niemand, dass wir wirklich schon hier, als für sich abgesondert und isolirt, die Freiheit handeln lassen, wodurch sie zu einem wirklichen Dinge an sich und zu einem durchaus blinden Ohngefähr werden und das Reich der occulten Qualitäten, – der eigentlichen Feindschaft gegen die Wissenschaft – so recht herbeigeführt werden würde. Diese Freiheit ist ja in keinem Wissen, sondern ist nur die allem Wissen vorausgesetzte Freiheit. Hier aber ist es noch zu keinem Wissen gekommen, wo nun sollte sie also seyn?

Irgend einmal – und bei diesem Puncte erst wird unsere Untersuchung zu Ende seyn – wird die Freiheit im wirklichen Wissen sich als Freiheit finden. Diese freilich also sich findende wird Bedingungen ihrer selbst und unter diesen auch eine vorausgesetzte Freiheit haben, aber sie würde die vorausgesetzte anders finden, wenn sie sich anders fände. Von da an also wird erst zurückgeschlossen auf jene vorausgesetzte Freiheit, und so nur überhaupt ist dieselbe dem Wissen zugänglich. (Was du z.B. handelst, thut dir erst das Reich des Wissens, und damit deines ursprünglichen Freiheitscharakters auf.)

Nun kann es doch seyn, dass selbst dieser Charakter, unveränderlich genommen, verschiedene Ansichten der Dunkelheit oder der Klarheit, also Potenzen zulässt, und dass in der[114] höchsten Potenz jeder eben wieder nicht beschränkt ist, sondern sich mit Freiheit im Wissen beschränkt.

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 2, Berlin 1845/1846, S. 110-115.
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