§ 2. Erster Lehrsatz

Das aufgezeigte Factum wird gesetzt: durch Empfindung, oder Deduction der Empfindung

I.

[335] Der in der Grundlage beschriebene Widerstreit entgegengesetzter Richtungen der Thätigkeit des Ich ist etwas im Ich unterscheidbares. Er soll, so gewiss er im Ich ist, durch das Ich im Ich gesetzt; er muss demnach zuvörderst unterschieden werden. Das Ich setzt ihn, heisst zuvörderst: es setzt denselben sich entgegen.

Es ist bis jetzt, d.h. auf diesem Puncte der Reflexion, im Ich noch gar nichts gesetzt; es ist nichts in demselben, als was ihm ursprünglich zukommt, reine Thätigkeit. Das Ich setzt etwas sich entgegen, heisst also hier nichts weiter, und kann hier nichts weiter heissen, als: es setzt etwas nicht als reine Thätigkeit. So wurde demnach jener Zustand des Ich im Widerstreite gesetzt, als das Gegentheil der reinen, als gemischte, sich selbst widerstrebende, und sich selbst vernichtende Thätigkeit. – Die jetzt aufgezeigte Handlung des Ich ist bloss antithetisch.

Wir lassen hier gänzlich ununtersucht, wie, auf welche Art und Weise und durch welches Vermögen das Ich irgend etwas setzen möge, da in dieser ganzen Lehre die Rede lediglich von den Producten seiner Thätigkeit ist. – Aber es wurde schon in der Grundlage erinnert, dass, wenn der Widerstreit je im Ich gesetzt werden, und aus demselben etwas weiteres folgen solle, durch das blosse Setzen der Widerstreit, als solcher, das Schweben der Einbildungskraft zwischen den Entgegengesetzten,[335] aufhören, dennoch aber die Spur desselben, als ein etwas, als ein möglicher Stoff, übrig bleiben müsse. Wie dies geschehen möge, sehen wir schon hier, ohngeachtet wir das Vermögen, durch welches es geschieht, noch nicht sehen. – Das Ich muss jenen Widerstreit entgegengesetzter Richtungen, oder, welches hier das gleiche ist, entgegengesetzter Kräfte setzen; also weder die eine allein, noch die zweite allein, sondern beide; und zwar beide im Widerstreite, in entgegengesetzter, aber völlig sich das Gleichgewicht haltender Thätigkeit. Entgegengesetzte Thätigkeit aber, die sich das Gleichgewicht hält, vernichtet sich, und es bleibt nichts. Doch soll etwas bleiben und gesetzt werden: es bleibt demnach ein ruhender Stoff, etwas Krafthabendes, welches dieselbe wegen des Widerstandes nicht in Thätigkeit äussern kann, ein Substrat der Kraft, wie man sich jeden Augenblick durch ein mit sich selbst angestelltes Experiment überzeugen kann. Und zwar, worauf es hier eigentlich ankommt, bleibt dieses Substrat nicht als ein vorhergesetztes, sondern als blosses Product der Vereinigung entgegengesetzter Thätigkeiten. Dies ist der Grund alles Stoffs, und alles möglichen bleibenden Substrats im Ich (und ausser dem Ich ist nichts), wie sich immer deutlicher ergeben wird.


II.

Das Ich aber soll jenen Widerstreit, in sich setzen es muss demnach denselben sich auch gleich setzen, ihn auf sich selbst beziehen, und dazu bedarf es eines Beziehungsgrundes in demselben mit dem Ich. Dem Ich kommt, wie soeben erinnert worden, bis jetzt nichts zu, als reine Thätigkeit. Nur diese ist bis jetzt auf das Ich zu beziehen, oder demselben gleichzusetzen: der gesuchte Beziehungsgrund könnte demnach kein anderer seyn, denn reine Thätigkeit, und es müsste im Widerstreite selbst reine Thätigkeit des Ich angetroffen oder, richtiger, gesetzt, synthetisch hineingetragen werden.

Aber die im Widerstreite begriffene Thätigkeit des Ich ist soeben als nicht-rein gesetzt worden. Sie muss, wie wir jetzt sehen, für die Möglichkeit der Beziehung auf das Ich auch als [336] rein gesetzt werden. Sie ist demnach ihr selbst entgegengesetzt. Dies ist unmöglich und widersprechend, wenn nicht noch ein drittes gesetzt wird, worin dieselbe ihr selbst gleich, und entgegengesetzt zugleich sey. Es muss demnach ein solches drittes, als synthetisches Glied der Vereinigung, gesetzt werden.

Ein solches drittes aber wäre eine aller Thätigkeit des Ich überhaupt entgegengesetzte Thätigkeit (des Nicht-Ich), welche die Thätigkeit des Ich im Widerstreite völlig unterdrückte und vernichtete, indem sie ihr das Gleichgewicht hielte. Es muss demnach, wenn die geforderte Beziehung möglich seyn, und der gegen sie sich auflehnende Widerspruch gehoben werden soll, eine solche völlig entgegengesetzte Thätigkeit gesetzt werden.

Dadurch wird der aufgezeigte Widerspruch wirklich gelöst, und die geforderte Entgegensetzung der im Widerstreite begriffenen Thätigkeit des Ich mit sich selbst wird möglich. Diese Thätigkeit ist rein, und ist als rein zu setzen, wenn die entgegengesetzte Thätigkeit des Nicht-Ich, welche sie unwiderstehlich zurückdrängt, weggedacht, und von ihr abstrahirt wird; sie ist nicht rein, sondern objectiv, wenn die entgegengesetzte Thätigkeit in Beziehung mit ihr gesetzt wird. Sie ist demnach nur unter Bedingung rein oder nicht rein; diese Bedingung kann gesetzt, oder nicht gesetzt werden. So wie gesetzt wird, dass dies eine Bedingung, d. i. ein solches sey, was gesetzt oder nicht gesetzt werden kann, wird gesetzt, dass jene Thätigkeit des Ich Ihr selbst entgegengesetzt werden könne.

Die jetzt aufgezeigte Handlung ist thetisch, antithetisch und antithetisch zugleich. Thetisch, inwiefern sie eine, schlechterdings nicht wahrzunehmende, entgegengesetzte Thätigkeit ausser dem Ich setzt. (Wie das Ich dies vermöge, davon wird erst tiefer unten die Rede seyn: hier ist nur gezeigt, dass es geschehe, und geschehen müsse.) Antithetisch, inwiefern sie durch Setzen oder Nicht-Setzen der Bedingung eine und ebendieselbe Thätigkeit des Ich ihr selbst entgegensetzt. Synthetisch, inwiefern sie durch das Setzen der entgegengesetzten[337] Thätigkeit, als einer zufälligen Bedingung, jene Thätigkeit als eine und ebendieselbe setzt.


III.

Und erst jetzt ist die geforderte Beziehung der im Widerstreite befindlichen Thätigkeit auf das Ich, das Setzen derselben als eines etwas, das dem Ich zukommt, die Zueignung derselben möglich. Sie wird, weil und inwiefern sie sich auch als rein betrachten lässt, und weil sie rein seyn würde, wenn jene Thätigkeit des Nicht-Ich nicht auf sie einwirkte, und weil sie nur unter Bedingung eines völlig fremdartigen und gar nicht im Ich liegenden, sondern demselben geradezu entgegengesetzten nicht rein, sondern objectiv ist, gesetzt in das Ich. – Es ist wohl zu merken, und ja nicht aus der Acht zu lassen, dass diese Thätigkeit nicht etwa bloss, inwiefern sie als rein, sondern auch inwiefern sie als objectiv gesetzt ist, mithin nach der Synthesis, und mit alle dem, was durch die Synthesis in ihr vereinigt ist, auf das Ich bezogen werde. Die in sie gesetzte Reinheit ist bloss der Beziehungsgrund; das bezogene ist sie, inwiefern sie gesetzt wird, als rein, wenn die entgegengesetzte Thätigkeit nicht auf sie wirken würde; aber jetzt als objectiv, weil die entgegengesetzte Thätigkeit wirklich auf sie wirkt.1

In dieser Beziehung wird die dem Ich entgegengesetzte Thätigkeit ausgeschlossen; die Thätigkeit des Ich mag nun als rein, oder als objectiv betrachtet wer den; denn in beiden Rücksichten wird dieselbe als Bedingung gesetzt, einmal, als eine solche, von welcher abstrahirt, einmal, als eine solche, auf welche reflectirt werden muss. (Ueberhaupt gesetzt wird sie freilich in jedem Falle; wie und durch welches[338] Vermögen, davon ist hier die Rede nicht.) – Und hier liegt denn, wie sich immer deutlicher ergeben wird, der letzte Grund, warum das Ich aus sich herausgeht, und etwas ausser sich setzt. Hier zuerst löst sich, dass ich mich so ausdrücke, etwas ab von dem Ich; welches durch weitere Bestimmung sich allmählig in ein Universum mit allen seinen Merkmalen verwandeln wird.

Die abgeleitete Beziehung heisst Empfindung (gleichsam Insichfindung. Nur das fremdartige wird gefunden; das ursprünglich im Ich gesetzte ist immer da.) Die aufgehobene vernichtete Thätigkeit des Ich ist das Empfundene. Sie ist empfunden, fremdartig, inwiefern sie unterdrückt ist, was sie ursprünglich und durch das Ich selbst gar nicht seyn kann. Sie ist empfunden, etwas im Ich – inwiefern sie nur unter Bedingung einer entgegengesetzten Thätigkeit unterdrückt ist, und, wenn diese Thätigkeit wegfiele, selbst Thätigkeit, und reine Thätigkeit seyn würde. – Das Empfindende ist begreiflicherweise das in der abgeleiteten Handlung beziehende Ich; und dasselbe wird begreiflicherweise nicht empfunden, inwiefern es empfindet; und es ist demnach hier von demselben gar nicht die Rede. Ob und wie, und durch welche bestimmte Handlungsweise dasselbe gesetzt werde, muss sogleich im folgenden § untersucht werden. Ebensowenig ist hier die Rede von der in der Empfindung ausgeschlossenen entgegengesetzten Thätigkeit des Nicht-Ich; denn auch diese wird nicht empfunden, da sie ja zum Behuf der Möglichkeit der Empfindung überhaupt ausgeschlossen werden muss. Wie und durch welche bestimmte Handelsweise sie gesetzt werde, wird sich in der Zukunft zeigen.

Diese Bemerkung, dass einiges hier völlig unerklärt und unbestimmt bleibt, darf uns nicht befremden: vielmehr dient sie selbst zur Bestätigung eines in der Grundlage aufgestellten Satzes über die synthetische Methode: dass nemlich durch dieselbe immer nur die mittleren Glieder vereinigt würden, die äusseren Enden aber (wie hier das empfindende Ich, und die dem Ich entgegengesetzte Thätigkeit des Nicht-Ich sind) für folgende Synthesen unvereinigt blieben.[339]

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 1, Berlin 1845/1846, S. 335-340.
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