Erstes Bruchstück

Die Schlange

[7] 1

Alsbald empfunden sondern aus den Ärger,

Mit Kräutern wie den Viperbiß man auskratzt:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


2

Begier verwinden wer da gänzlich kann,

Wie Lotusblüte mit dem Stengel ab man löst:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


3

Den Durst verwinden wer da gänzlich kann,

Den Strom, der eilig antreibt, wer ihn trocken legt:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


4

Den Dünkel tilgen wer da gänzlich kann,

Ihn stürzt, wie Sumpfrohr in der Sturmflut untergeht:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


5

Von keinem Dasein wer sich Glück verspricht,

Vom Feigenbaume wie man keine Blume pflückt:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


[7] 6

Von innen unerregbar sicher stehn,

Wer Sein wie Nichtsein also überstanden hat:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


7

Erwägung aufzulösen wer gelernt,

In sich hat eingehn heißen kundig allzumal:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


8

Zurück nicht denken, denken nicht voraus,

Vorüber hier gegangen aller Sonderheit:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


9

Zurück nicht denken, denken nicht voraus,

›Dies Ganze gilt nicht wirklich‹ hat man hier erkannt:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


10

Zurück nicht denken, denken nicht voraus,

›Dies Ganze gilt nicht wirklich‹ weiß man ohne Sucht:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


11

Zurück nicht denken, denken nicht voraus,

›Dies Ganze gilt nicht wirklich‹ weiß man ohne Gier:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


12

Zurück nicht denken, denken nicht voraus,

›Dies Ganze gilt nicht wirklich‹ weiß man ohne Haß:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


[8] 13

Zurück nicht denken, denken nicht voraus,

›Dies Ganze gilt nicht wirklich‹ weiß man ohne Wust:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


14

Bei wem da jedes Angewöhnen schwand,

Von Grund aus Übel wer entwurzelt hat:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


15

Bei wem da jede Spaltung schwand hinweg,

Hernieder um zu locken die zugrunde lag:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


16

Bei wem da jeder Späherblick entschwand,

An Dasein zäh gehangen der zu Boden zog:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.


17

An Hemmung fünfmal wer vorbei da kam,

Genesen keine Frage stellt, im Herzen heil:

Als Mönch so läßt man diese, jene Welt,

Aus alter Schuppenhülle wie die Schlange hüpft.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 7-9.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Robert Guiskard. Fragment

Robert Guiskard. Fragment

Das Trauerspiel um den normannischen Herzog in dessen Lager vor Konstantinopel die Pest wütet stellt die Frage nach der Legitimation von Macht und Herrschaft. Kleist zeichnet in dem - bereits 1802 begonnenen, doch bis zu seinem Tode 1811 Fragment gebliebenen - Stück deutliche Parallelen zu Napoleon, dessen Eroberung Akkas 1799 am Ausbruch der Pest scheiterte.

30 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon