Viertes Bruchstück

Pflüger Bhāradvājo

[20] Das hab' ich gehört.1 Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande Magadhā, bei Dakkhiṇāgiri, nahe Ekanāḷā dem Priesterdorfe.

Eben damals nun waren bei Pflüger Bhāradvājo dem Priester gegen fünfhundert Pflüge angespannt, zur Zeit der Aussaat.

Da begab sich denn eines Morgens der Erhabene, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schale versehn, zur Wirtschaft bei Pflüger Bhāradvājo dem Priester hin.

Nun war da gerade bei Pflüger Bhāradvājo dem Priester die Speisung begonnen.

Es kam aber der Erhabene dorthin wo die Speisung begonnen und stand beiseite. Da sah nun Pflüger Bhāradvājo der Priester den Erhabenen um Almosen stehn und sprach den Erhabenen also an:

»Ich, o Asket, pflüge und säe; und hab' ich gepflügt und gesät, dann ernte ich: auch du, o Asket, magst pflügen, und magst säen; und hast du gepflügt und gesät, dann sollst du ernten.«2

»Auch ich, o Priester, pflüge und säe; und hab' ich gepflügt und gesät, dann ernte ich.«

»Nicht doch sehn wir ja bei Herrn Gotamo Joch oder Pflug, Stahl oder Stange3 oder Zugstiere: und dennoch hat da Herr Gotamo also gesprochen, ›Auch ich, o Priester, pflüge und säe; und hab' ich gepflügt und gesät, dann ernte ich‹.«

Hierauf sprach nun Pflüger Bhāradvājo der Priester den Erhabenen mit einem Spruche an:


76

Ein Pflüger willst du selber sein,

Kein Pflügen sehn wir doch bei dir:

Das Pflügen sage, wie es sei,

Auf daß dein Pflügen wir verstehn.


[21] Der Herr:


77

Vertraun als Saatkorn, Ernst als Tau,

Als Joch am Pfluge weiser Witz,

Als Deichsel Demut, Geist als Gurt,

Als Stange, Stahl taugt Einsicht mir.


78

Gewahrt in Taten, wortgewahrt,

An Atzung immer leicht im Leib,

Die Wahrheit ist mein Flurbereich,

Die Milde zieht als Furche nach.


79

Der Mannesmut ist Vorgespann,

Zum sichern Ziele führt er hin,

Woher da keiner wiederkehrt,

Entkommen anlangt ohne Leid.


80

So hab' ich Pflügen wohl gepflegt,

Als Frucht erhalten Ewigkeit:

Wer so zu pflügen wohl versteht,

Von allem Elend wird er frei.


Da brachte nun Pflüger Bhāradvājo der Priester eine große eherne Schale mit Reis in der Milch gefüllt dem Erhabenen dar:

»Genießen möge Herr Gotamo den Milchreis, ein Pflüger ist der Herr, da ja Herr Gotamo ein Pflügen um die Frucht der Ewigkeit übt.«


Der Herr:


81

Was mir ein Lied ersungen mag ich lassen,

Der Seher Sitte, Priester, ist nicht anders:

Den Lohn um Lieder meiden Auferwachte,

So bringt es mit sich, Priester, rechte Satzung.


[22] 82

Doch anders magst alleignen Machtgebieter,

Den Wahnversiegten, den kein Unmut ankommt,

Mit Speis' und Trank bedienen, vor ihn treten:

Die Stätte ist er wo Verdienst gedeihen kann.


Da trat nun Pflüger Bhāradvājo der Priester an den Erhabenen heran1, und er beugte vor des Erhabenen Füßen sein Haupt nieder und sprach dann also zum Erhabenen:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsternis brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch ist von Herrn Gotamo die Lehre gar mannigfach dargelegt worden. Und so nehm' ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger soll mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.2 Möge mir Herr Gotamo Aufnahme gewähren, die Ordensweihe erteilen!«

Es wurde Pflüger Bhāradvājo der Priester vom Erhabenen aufgenommen, wurde mit der Ordensweihe belehnt.

Nicht lange aber war der ehrwürdige Bhāradvājo in den Orden aufgenommen, da hatte er, einsam, abgesondert, unermüdlich, in heißem, innigem Ernste gar bald was edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketentums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketentum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Bhāradvājo der Heiligen geworden.3

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 20-23.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Haller, Albrecht von

Versuch Schweizerischer Gedichte

Versuch Schweizerischer Gedichte

»Zwar der Weise wählt nicht sein Geschicke; Doch er wendet Elend selbst zum Glücke. Fällt der Himmel, er kann Weise decken, Aber nicht schrecken.« Aus »Die Tugend« von Albrecht von Haller

130 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon