Dreizehntes Bruchstück

Auszug

II

[207] Ein Anhänger:


895

Wer immer an sich will gewöhnen Ansicht,

»Nur dies ist Wahrheit«, also hier behauptet:

Ein jeder solche muß den Tadel reizen,

Und wenn er selber gleich ein Lob vernähme.


Der Herr:


896

Gar dürftig taugt es, langt nicht aus zum Frieden,

Des Haders Früchte heiß' ich zwiegespalten;

Wer das erspäht, er mag den Hader meiden,

Ein Heil erspüren wo da keiner hadert.


897

Was irgend auch an Meinung sei gemeinsam,

Es mag sich nähern keiner mehr der Kenner:

Unnahbar, er, wie könnt' er nahe kommen,

Beim Sehn und Hören angehalten nimmer.


898

Der Tugend Kämpen rühmen »rein« die Einkehr,

Gelübden nachzukommen, angelobten,

»So laßt uns kämpfen nur, und zwar um Reinheit«:

Verlockt von Dasein dünken sie sich kundig.


899

An Tugendwerken wer da bloß geblieben,

Es macht ihm bange seiner Tat Versäumnis,

Es macht ihn seufzen, lechzen nach der Reinheit,

Wie Meister, der verlassen zieht von dannen.


[208] 900

Doch hat man Tugendwerk verwunden gänzlich,

Was tadelbar, untadelbar getan sei,

Nach rein, nach unrein lechzen überkommen:

Unreizbar mag man Ruhe sich erringen.


901

Nach jenem jagend wird man Ekel finden,

Und wie es sei gesehn, gehört, gedacht auch;

Empor sich sehnend preisen an sie Reinheit,

Die immer noch erdürsten neues Dasein.


902

Wo Lechzen anhebt wird man Seufzer lösen,

Erbeben wird man bei gefaßtem Vorsatz;

Ein Gehn und Kommen wem da nirgend eignet,

Wie sollt' erbeben der, um was noch seufzen?


Der Anhänger:


903

Als höchste Satzung was die einen preisen,

Das wieder heißen andre gar erbärmlich;

Das wahre nun der Worte da, wer spricht es,

Wo alle ja sich kundig nur bekennen.


Der Herr:


904

Nur seine Satzung, meint man, sei vollkommen,

Und meint, erbärmlich sei die Satzung andrer:

Zerfahren also fangen an sie Hader,

Nur seine Meinung nennt ein jeder Wahrheit.


905

Von andern wer beschimpft ist unterlegen,

Er soll nie scheiden allzu scharf die Satzung;

Nach sich nur legt man Satzung aus der andern,

Erlegen schon der eignen wo man eifert.


[209] 906

Denn gute Satzung ehrt man als nur eine,

Wie jeder Orden auch sie bei sich preise;

Verkünder alle, einig um zu werden,

Ist Reinheit einem jeden doch erreichbar.


907

Nicht braucht den Priester andrer anzuleiten,

Bei Dingen wo man lassen muß Erlangung:

Und also hat man Hader überstanden,

Dünkt nimmer sich vor andrer Satzung edler.


908

»Ich kenn' und seh' es und so ist es wirklich«,

Durch Ansicht kommen manche nah' der Reinheit;

Erblickt man also etwas auch vom Eignen,

Zu ferne bleibt man, rein zu achten andres.


909

Ein Mensch, der sieht, er faßt Begriff und Bild auf,

Und weil er sie gewahrt, erkennt er diese;

So viel er nun betrachten mag, so wenig:

Nicht darum, daß man rein sei, rühmen Kenner.


910

Darein wer redet heißt nicht wohlgesittet,

Um fertig vorzuhalten seine Ansicht,

Ihr angeschlossen schön sie da zu preisen,

Die reine rühmen, wie er sie da anschaut.


911

Nicht fragt der Priester mehr nach Zweck und Absicht,

Folgt keiner Ansicht nach und keinem Wissen:

Gemeine Meinung kennt er wohl der Menschen,

Sieht unergriffen andre Ziel ergreifen.


912

Kein Bündnis bindet in der Welt den Denker,

Wo Hader anhebt einsam wird er wandern;

Bei Ungestillten still, in sich verglichen,

Greift nicht er zu wo andre Ziel ergreifen.


[210] 913

Vom alten Wahn genesen, fern vom neuen,

Kein Willensknecht und keiner, der sich einmengt,

Ein Starker, hat er Ansicht überstanden,

Ist weder froh der Welt noch sich zuwider.


914

Zu keinem Dinge taugen mehr gemeinsam,

Was immer auch gesehn, gehört, gedacht wird:

Ein Bürdeloser, Denker so, entbunden,

Undienbar ist er, unnütz, unerreichbar.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 207-211.
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