Vierzehntes Bruchstück

Eilig

[211] Ein Anhänger:


915

Den Sonnenhelden frag' ich, wie allein man sei,

Den hohen Seher um den Friedenspfad:

In welchem Anblick ist erloschen hin der Mönch,

Nicht angehangen irgend mehr der Welt.


Der Herr:


916

Das Wurzeln hier im Sondern, Unterscheiden,

»Ich bin's, der denkt«, muß gänzlich sein entrodet,

Ein jedes Dürsten seiner Brust

Entfremden muß man lernen immer klargemut.


917

Was immer für ein Ding man auch bedenke,

Ob innen, ob es außen sei erschienen,

Verweilen darf man nicht dabei:

Nicht anders kann man, sagen Gute, selig sein.


918

Nicht edler dünken sich darum,

Geringer nicht, und auch nicht gleich;

Von gar so manchem gern befragt

Mag über sich man keinem Rede stehn.


919

In sich nur kann Beschwichten sein,

Bei anderm Frieden suchen wird kein Mönch;

In sich beschwichtet wer da ward,

Wo fänd' er Eigen, wo Uneigen je?


[212] 920

Dem Meere gleich auf hoher See,

Wann keine Woge durch die Stille wallt:

In solcher Stille mag er stehn,

Empor als Mönch nie wieder wallen irgendwo.


Der Anhänger:


921

Erschlossen hat uns offner Seherblick

Die sichre Satzung, über Klippen hin den Steg:

O laß', Erlauchter, uns den Pfad verstehn

Um rein zu wandeln, Einkehr finden so.


Der Herr:


922

Das Auge schweife nicht umher,

Gemeiner Rede sei das Ohr entrückt,

Es mag verlocken kein Geschmack,

Als »mein« bedünken nichts mehr in der Welt.


923

Gerührt auch von Berührung an,

Darum bekümmern soll sich kein Asket,

Nach Dasein, wie es immer sei, nicht seufzen mehr:

Wo andern bange wird erbebt er nicht.


924

Wo Speise, Trank man spendet aus,

Die Atzung darreicht und den Rock:

Was not ist wird er nehmen an,

Auch übergangen weiterwandern ohne Angst.


925

Der Schauung treu, kein Schwärmer sein,

Vertreiben Unmut unermüdlich stark,

Verweilen soll er, suchen Lagerstatt

An lärmverlornen Orten auf, der Mönch.


[213] 926

Kein langer Schlaf umfängt ihn mehr,

Beharren wird er wachsam gern,

Wird Schwäche, Schwindel, Scherz und Spiel,

Die Paarung lassen und ihr Putzwerk auch.


927

Nicht Zauberwerk und Traum und Vorgesicht

Bespricht er, und kein Sternenbild;

Kein Loblied singt er, segnet keinen Bund,

Und wird als Arzt nicht umgehn, wer mir folgt.


928

Im Tadel unerregbar sein,

Gepriesen darf der Mönch frohlocken nicht;

Begehren, unzufriedner Sucht

Entsagt er, so dem Zorn und Afterwort.


929

Bei Kauf und Verkauf sei er fern,

Es darf kein Schimpflaut einem Mönch entschlüpfen je;

Im Dorfe heft' er sich nicht an,

Um keine Gabe darf er bitten Leute dort.


930

Nicht soll der Mönch Erzähler sein,

Kein Wort verwenden mag er um Erwerb,

Die dreiste Miene meiden gern,

Und feindlich führen wird er kein Gespräch.


931

Der Lügenkunst, er weich' ihr aus,

Besonnen sei er ohne Falsch gewahr;

Und nicht um Leben, Wissen nicht,

Verachten wird er andre nicht um Tugendwerk.


932

Vernommen stört da manches Wort,

Gewöhnlich wie Asketen kund es tun;

Erwidern wird er keinem heftig mehr:

Denn Stillgemute widerstreiten nicht.


[214] Der Anhänger:


933

Wer solche Satzung eingesehn,

Um die als Mönch zu prüfen immer klargemut,

In Ruhe Seligsein erkennt:

Der Weisung Gotamos vergessen kann er nie.


934

Als Überwinder blickt er, überwunden nicht,

In sich bezeugte, keiner Sage Satzung an:

Der Weisung also des erhabnen Herrn gemäß

Um unermüdlich immer treu zu folgen nach.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 211-215.
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