Fünfzehntes Bruchstück

Eigenqual

[215] 935

Aus Eigenqual erzeugt sich Angst,

Entzweit erblickt ihr dies Geschlecht;

Ich will sein Zittern deuten euch,

Erfunden wie es von mir ward.


936

Das Volk, das hab' ich zappeln sehn

Den Fischen gleich wo Wasser fehlt,

Verdrängen sich, erdrücken so:

Da hat mich Schauder angefaßt.


937

Die ganze Welt ist ohne Hort,

An allen Enden aufgerührt;

Behausung mocht' ich suchen mir,

Sah keine dauern unverderbt.


938

Wie rasch Verderben bricht herein

Ersah ich, Ekel kam mich an;

Den Stachel hab' ich dann entdeckt,

Verborgen der im Herzen sticht.


939

Von welchem Stachel man durchbohrt

An allen Orten rast umher:

Der Stachel, der entzogen nur

Das Rasen lindern, ruhen läßt.


[216] 940

Da reden sie von Regeln viel:

Bei solchen darf man nicht verziehn;

Verwinden wer sein Wünschen kann,

Erlöschung regeln wird er sich.


941

Sich wahr sein und erdreisten nicht,

Kein Gleisner, kein Verkläger sein,

Verfluchen weder Fehl noch Schuld,

Aus Zwiefalt mag der Mönch entfliehn.


942

Von Schlaf und Schwäche, Müdigkeit,

Von Lauheit wird er lassen gern;

Er will nicht mehr sich muten zu,

Erloschen im Gemüte sein.


943

Der Lügenkunst, er weich' ihr aus,

Und kein Gebilde lock' ihn an;

Den Dünkel um zu blicken durch

Wird ohne Hast er weiterziehn.


944

Was einst gewesen sei dahin,

Was neu erscheine gelt' ihm gleich;

Kein gestern darf ihn kümmern noch,

Kein Raum ihn halten je zurück.


945

Begehren heiß' ich Strudelflut,

Ersehnen ein Erseufzen hier,

Ergreifen Einbegriffensein:

Den Sumpf der Wünsche kreuzt man schwer.


946

Von Wahrheit weicht der Denker nicht,

Am Ufer hält er heilig an,

Hat alles lassen hinter sich:

Ihn darf man heißen »stillgemut«.


[217] 947

Der witzig weiß, und weiß genau,

Die Satzung merkt, uneingepflanzt:

Vollkommen zieht er durch die Welt,

Beneidet nirgend irgendwen.


948

Den Wünschen wer entwichen ist,

Aus Fesseln wo man schwer entweicht,

Er weiß von Jammer, Jubel nichts,

Der Flut entschwommen fesselfrei.


949

Was vorher war vertrockne du,

Auf daß dir künftig nichts mehr sei,

Kein heute je dich fassen kann:

Beschwichtigt wirst du wandern so.


950

Vollkommen bei Begriff und Bild

Verwinden wer da Meinheit mag,

Sich über Arges nicht mehr kränkt,

Ist unbesiegbar in der Welt.


951

Gedanken, ob es ihm gehört,

Ob andern zu, wer nimmer kennt,

Kein Eigentum entdecken kann:

Daß nichts er sein nennt sorgt ihn nicht.


952

Nicht ungebärdig, reizbar nicht,

Unregsam, überall sich gleich:

So wird Gewinn, ich künd' es an

Dem Frager, ewig ausgewirkt.


953

Unregsam wer da wirklich weiß,

Er weiß von keinem Unterschied,

Wird nimmer greifen um sich her,

An jedem Orte sicher sein.


[218] 954

Mit Gleichen nicht, Geringern nicht,

Mit Höhern spricht der Denker nicht:

Beschwichtigt, ohne Eigensucht,

Erwählt er nichts, verwirft er nichts.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 215-219.
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