XII

Das Selbst-Kapitel

[649] 157

Wem teuer ist das eigne Selbst,

Der hüte es in treuer Hut;

Drei tiefeinsame Nachtstunden

Durchwache stets der weise Mann.


158

Sich selbst zuerst befestige

Der Weise auf dem rechten Pfad:

Dann erst belehre andre er,

Kein Fehl, kein Tadel ziemet ihm.


159

Wer also, wie er's andre lehrt,

Das eigne Selbst bezwingen kann,

Mag auch bekehren dann, vielleicht;

Sich selbst besiegen, das ist schwer!


160

Das Selbst nur ist des Selbstes Herr,

Welch höhern Herren gäb' es wohl!

Mit allbezähmtem Selbst, fürwahr,

Erlangt man schwer erlangbaren,

Besitzt man einzig seltnen Herrn.


161

Die böse Tat, vom Selbst getan,

Vom Selbst erzeugt, vom Selbst gereift,

Zermalmt den Toren, wie Gestein

Zermalmt vom Diamanten wird.


[650] 162

Wes Bosheit keine Grenzen kennt,

Der bringt sich selbst gar bald dahin,

Lianengleich von ihr umstrickt,

Wo ihn sein Feind zu sehen wünscht.


163

Leicht ist das Schlechte, Sündige,

Das, was uns selbst nur Unheil schafft;

Was aber frommt, was aber gut,

Ach, wie so äußerst schwer ist das!


164

Wer schmähend schilt die Heilsordnung

Der Heiligen, Vollendeten,

Der treu und standhaft Wandelnden,

Er selbst dem Schlechten zugetan,

Reift, ähnlich dem Kaṭṭhako-Baum,

Sich selbst Verderbens Früchte aus.


165

Das eigne Selbst tut Sündiges,

Das eigne Selbst ist bösgesinnt;

Das eigne Selbst flieht Sündiges,

Das eigne Selbst ist reingesinnt;

Selbst ist man böse oder rein:

Kein andrer kann Erlöser sein.


166

Das eigne Heil gib nimmer auf

Um fremden, noch so großen Heils;

Hast du das eigne Heil erkannt,

Gedenke eifrig deiner selbst.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 649-651.
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