XIX

Das Recht-Kapitel

[671] 256

Nicht also ist man rechtschaffen,

Daß hastig man ein Urteil fällt;

Wer beide Teile sichtend klärt,

So Recht wie Unrecht, einsichtvoll,


257

Und dann nach wohlerwognem Recht

Ein unparteiisch Urteil spricht:

Der Rechtbewahrer, Rechtkenner,

Der wird »Rechtschaffener« genannt.


258

Nicht jener ist ein Weisheitfreund,

Der große schöne Reden hält:

Der Ruhige, ohne Zorn und Furcht,

Der wird ein »Weisheitfreund« genannt.


259

Nicht weil man große Reden hält,

Ist man ein Wahrheitkundiger;

Wenn einer wenig nur gelernt

Und durch die Tat der Wahrheit lebt:

Der ist ein Wahrheitkundiger,

Der Wahrheit bis zum Tode treu.


260

Ein Ehrwürdiger ist nicht der,

Des Haupt mit weißem Haar bedeckt;

Herangereift ist seine Zeit,

»Umsonst gealtert« heißt man ihn;


[672] 261

In jenem, wo die Wahrheit wohnt,

Recht, Güte, Selbstverzicht, Geduld:

Der Fleckenreine, Standhafte,

Der wird »Ehrwürdiger« genannt.


262

Nicht durch der Rede Glanz und Macht,

Nicht durch des Leibes Wohlgestalt

Wird liebenswürdig schön ein Mann,

Der neidisch, selbstisch, listig ist;


263

Wer aber alle Gier vertilgt,

Mit Stumpf und Stiel vernichtet hat:

Der Einsichtvolle, rein von Haß,

Wird »liebenswürdig schön« genannt.


264

Tonsur macht nicht den Büßer aus;

Ein Zuchtloser, Verlogener,

Voll Wunschbegier und Willensdrang,

Wie könnte der ein Büßer sein!


265

Wer aber jede Sünde tilgt,

So groß wie klein, restlos, total:

Weil er das Böse abgebüßt,

Deshalb wird »Büßer« er genannt.


266

Nicht also ist man Bettelmönch,

Weil man erbittet mildes Mahl:

Wer völlig treu der Lehre lebt,

Ist Bettelmönch, kein anderer.


267

Wer heilig überwunden hat,

Was hier als gut und bös erscheint,

Und wissensklar sein Leben lebt:

Der, wahrlich, heißet »Bettelmönch«.


[673] 268

Nicht Einsilbigkeit Töriger,

Beschränkter macht zum Einsiedler;

Wer aber prüfend abwägend

Einzig bewahrt das beßre Teil


269

Und alles Böse schüttelt ab:

Nur der wird also Einsiedler;

Wer beide Welten einsichtig

Durchschaut, der heißet »Einsiedler«.


270

Nicht also wird zum Herren man,

Weil herrisch man die Wesen quält:

Wer alle Wesen herzlich liebt,

Ist weit und breit als »Herr« bekannt.


271

Nicht durch des Ordens strenge Zucht,

Auch nicht durch vieles Studium,

Erst durch der Selbstvertiefung Glück

Und durch die hehre Einsamkeit


272

Empfind' ich der Entsagung Heil,

Vor dem die Welt mit Grausen flieht,

Als Mönch; beruhigt bin ich nun,

Zerstört ist aller Willenswahn.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 671-674.
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