XXVI

Das Heiligen-Kapitel

(Brāhmaṇavaggo)

[694] 383

Durchkreuze kräftig diesen Strom

Der Willenslust, o Heiliger;

Kennst du des Daseins Aufhebung,

Dann weißt du, was das Nichtsein ist.


384

Wenn beide Pole dieses Seins

Der Heil'ge überwunden hat,

Dann fallen alle Fesseln ab

Von ihm, dem klar Verstehenden.


385

Wem Jenseits so wie Diesseits schwand,

Wem Diesseits, Jenseits nicht mehr gilt,

Den Stachellosen, Seinlosen,

Den heiß' ich einen Heiligen.


386

Den selbstvertieft still Sitzenden,

Gewirkten Werkes, frei von Wahn,

Das höchste Gut Genießenden,

Den heiß' ich einen Heiligen.


387

Bei Tage strahlt der Sonne Licht,

Bei Nacht der milde Mondenschein,

In Waffenglanz der Krieger strahlt,

Der Priester strahlt in sich vertieft,

Den ganzen Tag, die ganze Nacht

Erstrahlt der Wache hell verklärt.


[695] 388

Wer sündenheil, wird »Heiliger«,

Wer einsam, »Eremit« genannt,

Wer seiner eignen Schuld entsagt,

Heißt deshalb ein »Entsagender«.


389

Man greife keinen Heiligen an,

Doch, angegriffen, flieh' er nicht;

Weh' dem, der einen Heiligen schlägt,

Und Weh' auch ihm, der jenen flieht.


390

Nicht wenig fördert es den wahren Büßer,

Wenn allem Gnügen er sein Herz verschließet;

Doch nach und nach entsagt er jeder Selbstqual,

Und nach und nach besiegt er dieses Leiden.


391

Bei wem in Taten, Worten nicht

Und in Gedanken Fehl nicht ist:

Den dreifach fest Behüteten,

Den heiß' ich einen Heiligen.


392

Wer dir die Wahrheit auferschloß,

Die der Vollendete gelehrt,

Den mögst du ehren nach Gebühr,

Wie Feuer ehrt der Brāhmane.


393

Nicht Haargeflecht, nicht Ahnenzahl,

Nicht hoher Rang macht heilig dich:

Doch wenn du wahrer Lehre folgst,

Dann wirst du rein, wirst Heiliger1.


[696] 394

Was hilft dein Haargeflecht, o Tor,

Was deine Tracht, das härne Hemd!

Im Innern haust Verderben dir,

Das Äußre machst du hell und blank.


395

Das Wesen, welches Lumpen trägt,

Das magre, nervensehnige,

Einsam im Walde selbstvertieft:

Das heiß' ich einen Heiligen.


396

Den preis' ich nicht als Brāhmanen,

Der fleischlich bloß geboren ward,

»Ja, ja!« nur sagt er immerzu

Und strebt nach diesem, strebt nach dem:

Wer weder dies noch das erstrebt,

Den preis' ich einen Brāhmanen.


397

Wer jedes Band durchschnitten hat

Und nimmermehr erschüttert wird,

Den Überwinder, fesselfrei,

Den heiß' ich einen Heiligen.


398

Wer Band und Riemen, Strang und Seil

Mit Macht zerschnitten hat entzwei

Und, auferwacht, den Riegel hebt:

Den heiß' ich einen Heiligen.


399

Wer Schmähung, Schläge, Haft und Tod

Geduldig, ruhig, sanft erträgt,

Den Dulderheld, der herrlich taugt:

Den heiß' ich einen Heiligen.


[697] 400

Der unerzürnbar schlichte Mann,

Der alles aushält, nichts verwünscht,

Der sanft das letzte Dasein lebt:

Den heiß' ich einen Heiligen.


401

Dem Tropfen gleich am Lotusblatt,

Dem Senfkorn gleich an spitzem Pfriem:

Wer an der Lust nicht hängen bleibt,

Den heiß' ich einen Heiligen.


402

Der Leiden Ende wer es da,

Hienieden noch an sich erfährt,

Von Lasten ledig, Fesseln frei:

Den heiß' ich einen Heiligen.


403

Der tief bedacht ist, weise will,

Den Weg und Abweg deutlich schaut,

Das höchste Gut errungen hat:

Den heiß' ich einen Heiligen.


404

Den weltlicher und geistlicher

Gemeinschaft Unzugänglichen,

Den heimlos, wunschlos Wandernden,

Den heiß' ich einen Heiligen.


405

Verwerfend jede Waff' und Wehr,

Nicht Tieren feind, nicht Pflanzen feind:

Wer weder tötet, weder schlägt,

Den heiß' ich einen Heiligen.


406

Wutlos in dieser Wütenswelt,

Wehrlos in dieser Waffenwelt,

Wunschlos in dieser Wunscheswelt:

Den heiß' ich einen Heiligen.


[698] 407

Wer abgeworfen Gier und Haß

Und Hochmut und Scheinheiligkeit,

Senfsamen gleich von spitzem Pfriem:

Den heiß' ich einen Heiligen.


408

Wer ohne Ärger, ohne Grimm

Der Wahrheit klare Sprache spricht,

Wodurch er keinen kränken kann,

Den heiß' ich einen Heiligen.


409

Wer da nicht Großes, Kleines nicht,

Was fein ist, grob, schön, unschön ist,

Wer nichts von allem nehmen mag:

Den heiß' ich einen Heiligen.


410

Wer nichts erhofft von dieser Welt,

Wer nichts erhofft von jener Welt,

Von Hoffnung heil ist, fesselfrei:

Den heiß' ich einen Heiligen.


411

Wer nirgend haften, hangen kann,

In Weisheit nimmer ungewiß,

Am ew'gen Ufer angelangt:

Den heiß' ich einen Heiligen.


412

Wer guter Tat und böser Tat,

Wer beiden Fesseln sich entwand,

Den gramlos gierlos Lauteren,

Den heiß' ich einen Heiligen.


413

Dem reinen vollen Monde gleich,

Dem strahlend heiter Herrschenden,

Den Gnügehabensendiger,

Den heiß' ich einen Heiligen.


[699] 414

Wer diesem Irrweg, diesem Sumpf,

Dem Wahn der Wandelwelt entrann,

Gerettet, welterlöst, vertieft,

Unwandelbar, unzweifelhaft,

Erloschen ohne Überrest:

Den heiß' ich einen Heiligen.


415

Wer da der Liebe Glück verließ

Und haus- und heimlos weiterzieht,

Den Liebegnügensendiger,

Den heiß' ich einen Heiligen.


416

Wer da den Willenstrieb verließ

Und haus- und heimlos weiterzieht,

Den Willegnügensendiger,

Den heiß' ich einen Heiligen.


417

Entronnen diesem Menschenreich,

Entgangen aller Götterwelt,

Von jedem Joche losgelöst:

Den heiß' ich einen Heiligen.


418

Der Lust und Unlust abgewandt,

Verglommen nirgend haftend an,

Den Überwinder aller Welt:

Den heiß' ich einen Heiligen.


419

Der Wesen Schwinden, wer es merkt,

Und ihr Erscheinen allzumal,

Unhaftbar, selig, auferwacht:

Den heiß' ich einen Heiligen.


[700] 420

Von dem nicht Götter, Geister nicht,

Und Menschen nicht die Spur erspähn:

Den Wahnversieger, Weiheherrn,

Den heiß' ich einen Heiligen.


421

Wem nichts mehr gilt Vergangenheit,

Nichts Zukunft und nichts Gegenwart,

Wer nichts erstrebt, wer nichts mehr nimmt:

Den heiß' ich einen Heiligen.


422

Den Hehren, Allerherrlichsten,

Den Helden, Hocherhabenen,

Den Wehe-Überwältiger,

Den Klaren, Allvollkommenen,

Den Wachen, den Vollendeten,

Den heiß' ich einen Heiligen.


423

Vergangen Dasein, wer das kennt,

So Unterwelt wie Oberwelt,

Und die Geburten hat versiegt,

Alleinig durch die Dinge schaut:

Den Allvollendensendiger,

Den heiß' ich einen Heiligen.

Fußnoten

1 Brāhmane; dieser Begriff wird eigentlich und übertragen gebraucht, im letzteren Sinne ist er identisch mit dem Begriffe des Arahās, des Heiligen.


Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 694-701.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Die Mappe meines Urgroßvaters

Die Mappe meines Urgroßvaters

Der Erzähler findet das Tagebuch seines Urgroßvaters, der sich als Arzt im böhmischen Hinterland niedergelassen hatte und nach einem gescheiterten Selbstmordversuch begann, dieses Tagebuch zu schreiben. Stifter arbeitete gut zwei Jahrzehnte an dieser Erzählung, die er sein »Lieblingskind« nannte.

156 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon