Das Achter-Bruchstück

Kaccāyano der Grosse

[377] 494

Schaff' niemals dir Geschäftigkeit,

Flieh' Menschenumgang, mach' dich nicht gemein;

Dem Kämpfer, der da gute Labe giert,

Entgeht ein Heil, das herrlich letzen kann.


495

Denn Unrat hat man es mit Recht genannt,

Das Sichbegrüßen, Sichbedanken hin und her;

Ein Splitter schiefert scharf sich ein:

Der Schlechten Lob verschlitzt sich leicht in dir.


496

Nicht andrer Raunen, andrer Rat

Läßt Böses hier den Menschen tun:

Er selber kann es bannen, ja,

Von Anfang an der Taten Sohn.


497

Mit andern spricht ein Räuber nicht,

Mit andern spricht ein Büßer nicht:

Gleichwie er selber wohl sich kennt

Erkennen auch die andern ihn.


498

Die Menschen sehn es selten ein,

Daß Dulden uns geduldig macht:

Doch wer es einsieht, wer es weiß

Gibt alles Eifern willig auf.


499

Nur Weise leben wirklich hier,

Auch ohne Geld, auch ohne Gut.

Doch wer da keine Weisheit wirbt,

Der lebt nicht, wär' er noch so reich.


[378] 500

Das Ohr hört alles, jeden Ton,

Der Blick trifft alles, jede Form:

Doch alles äußern wird er nicht,

Der Weise, was er hört und sieht.


501

Mit scharfem Auge schein' er blind,

Mit scharfem Ohre schein' er taub,

Mit scharfem Witze stumm und stumpf,

Mit scharfen Sinnen blöde, blach:

Und will ihn Ruh' bedünken recht,

Bedächtig rasten wird er dann.


Sirimitto

502

Wer Grimm und Groll verloren hat,

Wer List verleugnet, Tücke läßt,

Der ist ein Jünger echter Art,

Der stirbt gestillt und heil dahin.


503

Wer Grimm und Groll verloren hat,

Wer List verleugnet, Tücke läßt,

Beständig wachsam, wohl gewahrt,

Der stirbt gestillt und heil dahin.


504

Wer Grimm und Groll verloren hat,

Wer List verleugnet, Tücke läßt,

In treuer Tugend wohl bewährt,

Der stirbt gestillt und heil dahin.


505

Wer Grimm und Groll verloren hat,

Wer List verleugnet, Tücke läßt,

In treuer Liebe wohl bewährt,

Der stirbt gestillt und heil dahin.


[379] 506

Wer Grimm und Groll verloren hat,

Wer List verleugnet, Tücke läßt,

In treuer Weisheit wohl bewährt,

Der stirbt gestillt und heil dahin.


507

Wer Zuversicht zum Meister faßt

Und recht sie gründet, recht sie stützt,

Und wer da treue Tugend übt,

Ein heilig Labsal, heilig Lob,


508

Und wer den Orden innig liebt,

Und wer die Wahrheit wirklich weiß,

Ist wohlversorgt – so sagen sie –

Er lebt sein Leben nicht umsonst.


509

Ja, Zuversicht und Tugendkraft

Und helles Wissen halte fest

Der Weise, diesen Inbegriff

Der Botschaft aller wachen Herrn.


Panthako (I)

510

Als einst ich sah, zum ersten Mal,

Den Meister, der kein Fürchten kennt,

Ergriffen war ich, tief gerührt:

Den größten Mann, ich fand ihn da!


511

Und käme Sirī selber her,

Gehorchend willig jedem Wink:

Wer solchen Meister kiesen kann,

Den kümmert keiner Sirī Gunst!


[380] 512

So ließ ich Weib, so ließ ich Kind

Und Geld und Güter hinter mir,

Zog fort vom Hause, heimatlos,

Als Bettler hin, geschoren kahl.


513

In treuer Zucht, in treuer Hut,

Die Sinne zähmend unverzagt,

Dem Auferwachten zugewandt,

Verweilt' ich sicher, unversucht.


514

Da kam mich Sehnen sehrend an,

Der Herzenswunsch, so heiß gehegt:

»Nicht eher mag ich sitzen mehr

Bis alle Lebenslust verlischt!«


515

Und weil ich rang und weil ich riet –

O sieh' des Mutes Übermacht –

Erschuf ich dreifach Wissen mir,

Erwirkte was der Meister will:


516

»Nun weiß ich was ich jeher war,

Das Auge klärt sich himmlisch auf,

Erhaben bin ich, heilig hehr,

Bin abgeschieden, ausgeschält.« –


517

Die Nacht verging, das Dunkel wich,

Der neue Tag zog östlich an:

Da war des Lebens Durst gelöscht,

Bereiten durft' ich rechten Sitz.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 377-381.
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