Das Dreier-Bruchstück

Aṉgaṇiko Bhāradvājo (II)

[328] 219

Die rechte Reinheit fand ich nicht,

Im Walde betend Feuer an;

Ich wußte nichts vom reinen Pfad,

Unendlich pflegend Büßerqual.


220

Nun hab' ich Wohl um Wohl erlangt –

O sieh' wie selig Wahrheit wirkt –

Das Wissen ging mir dreifach auf,

Das Meisterwort, es ist erfüllt!


221

Brāhmanenlehrling war ich nur,

Brāhmanenmeister bin ich nun:

Drei Wissen weiß ich, preiserprobt,

Ich kenn' die Kunde, seh' den Sinn.


Paccayo

222

Fünf Tage war ich erst Asket,

Noch kämpfend in der eignen Brust;

Und als ich einsam sinnend saß

Erwuchs im Herzen heiß der Wunsch:


223

»Nicht essen will ich, trinken nicht,

Nicht eher aus der Öde gehn,

Nicht eher ruhen, rasten nicht,

Bis ausgedarrt ist aller Durst!«


[329] 224

Und weil ich rang und weil ich riet –

O sieh' des Mutes Übermacht –

Da ging mir Wissen dreifach auf,

Das Meisterwort, es war erfüllt.


Bākulo

225

Wer da verschiebt auf morgen hin

Was heute schon zu Taten mahnt:

Von hohem Heile stürzt er ab,

Und rasche Reue stachelt ihn.


226

Das Werk nur soll gepriesen sein,

Was nicht gewirkt ist preise nicht:

Wer ohne Ursach redet, rühmt,

Den Weisen wird es offenbar.


227

Wie lieblich dünkt Erlöschung doch,

Wohin der wache Herr uns weist,

Wo keine Sorge, Sünde sehrt,

Wo alles Elend untergeht.


Dhaniyo

228

Wer wohlgelungen leben will,

Asketenrecht, asketenrein:

Den Ordensrock, den Ordensreis,

Er nimmt genehm die Notdurft an.


229

Wer wohlgelungen leben will,

Asketenrecht, asketenrein:

Wie Otternbrut, wie Rattenbrut,

So haust er heimlich, hütet sich.


[330] 230

Wer wohlgelungen leben will,

Asketenrecht, asketenrein:

Erhaben heiter überall,

Ein einzig Ding, er denkt es aus.


Mātaṉgaputto

231

»Es ist zu kühl«, »Es ist zu schwül«,

»Es ist zu spät«, so schwatzt man gern:

Und weil der Mensch nun müßig steht

Entfliehn die Stunden flugs hinweg.


232

Wem gleich die Kälte gilt und Glut,

Als leichte Last, wie Grashalm groß:

In Männertaten echt geübt

Vermißt er tüchtig keine Gunst.


233

Die Priesterschnalle, Priesterschnur,

Geweihte Binsen, welken Bast:

Vom Busen reiß' ich Binde, Band,

Will rüstig wirken waches Werk.


Sobhito der Buckelige

234

Ein Mönch der Mönche Magadhās,

In rechter Rede vielgewandt,

Der Brüder einer, brav und echt,

Sobhito steht am Tore still.


235

Ein Mönch der Mönche Magadhās,

In rechter Rede vielgewandt,

Der Brüder einer, brav und echt,

In Wind und Wetter steht er still.


[331] 236

Er hat errungen, hat erreicht,

Gewonnen wohl den sichern Sieg,

Ist baß gegangen keusche Bahn,

Behütet also, also heil.


Vāraṇo

237

Wer immer auch auf Erden hier

Ein Wesen Wehe leiden läßt:

Von dieser Welt, von jener Welt,

Von beiden fällt er elend ab.


238

Doch wer da Milde, Mitleid übt,

Erbarmend alle Wesen schützt:

Der schichtet Schätze mächtig an,

Der edle Mensch, im eignen Ich.


239

Vom lichten Redner lerne Rat,

Vom Denker, der Asketen kennt,

Von ihm, der einsam sitzt und sinnt,

Und ihm, der innen einig ist.


Passiko

240

Allein gewitzigt, fromm gesinnt,

Unfrommer Sippe freier Sohn:

In Wahrheit wesend, rein bewährt,

Erwirkt er Heil der Sippe hold.


241

Aus Mitleid wies ich rauhes Wort,

Gemahnte so die Sippe recht;

Und mir zuliebe lind gelaunt

Bot gern man Bettlern Bettelgut:


[332] 242

Gestorben steigen himmlisch hell

Zu Götterbreiten Geber nun,

Die Brüder mein, die Mutter mein,

Genießen neu der Liebe Lohn.


Yasojo

243

Die Glieder gleichen Knotenried,

Nur Sehnen sieht man, knorrig, rauh:

Wer Körperatzung mäßig nimmt

Muß nicht am Geiste magern ab.


244

Verfolgt von Mücken-, Wespenbrut

In Waldesmitte, Waldespracht:

Gelassen, wie der Elefant

Im Schlachtgewühle, weile schlau.


245

Wie Brahmā lebt man abgelöst,

Selbander gut, nach Götterbrauch,

Ein Dorf schon dünkt es dann zu dritt,

Was drüber ist ist Kriegsgekreisch.


Sāvimatthiyo

Sāvimatthiyo:


246

So fröhlich warst du, warst so fromm,

Und heut ist all dein Eifer hin;

Was du begangen gilt nur dir:

Von deinen Taten nehm' ich nichts.


[333] Der Bruder:


247

Mein frommer Glaube, Freund, er fiel,

Ich fühlt' ihn gleiten eilig ab!

Verzückt alsbald, alsbald verzagt,

Was hilft uns Mönchen Heldenmut?


Sāvimatthiyo:


248

Den Mönchen kocht man Mittagskost,

Geringen Reis, von Haus zu Haus:

Als stummer Bettler will ich stehn,

Die Knie' sind stämmig, knochenstark.


Upāli

249

Wer gern entsagt, aus Zuversicht,

Ein junger Pilger, junger Mönch,

Erwähl' sich Freunde, wahrhaft, fromm,

Von reinem Wandel, rechtem Werk.


250

Wer gern entsagt, aus Zuversicht,

Ein junger Pilger, junger Mönch,

Verweil' im Orden, wirke Zucht,

In weiser Übung unverzagt.


251

Wer gern entsagt, aus Zuversicht,

Ein junger Pilger, junger Mönch,

Mit Recht und Unrecht wohl vertraut

Geh' treulich weiter, ungerühmt.


[334]

Uttarapālo

252

Erlaucht in Wissen, wortgelehrt,

Genugsam klug, und klar genau,

Verfiel ich doch der Sinnensucht,

Geblendet fünffach, weltverwirrt.


253

Verrannt in dieses Todesreich,

Von spitzem Speere durchgespießt,

Erspäht' ich Rettung, riß mich los

Von Todeslanzen, Todeslist.


254

Und alles Sehnen ist versiegt,

Und alles Wesen abgewirkt,

Zunichte, gar die Wandelwelt,

Und nimmer gibt es Wiedersein.


Abhibhūto

255

Ihr Vettern hier, Gevattern hier,

Ihr sollt mich hören insgesamt,

Die Wahrheit will ich weisen euch:

Erbärmlich ist Geburtenpein!


256

O rafft euch auf, o rettet euch,

Zum Meister kommet, kommt mit mir:

Den Todesreigen, reißt ihn durch,

Wie Elefanten Bambusrohr.


257

In solcher Lehre, solcher Zucht

Wer unermüdlich ausbeharrt:

Geburtenwandel bald entflohn

Zu Ende wirkt er alles Weh.


[335]

Gotamo (II)

(Ein Jünger)

258

Im Wirbel kreist' ich kraus in der Unterwelt,

Geriet immer neu hinab ins Totenreich,

Hinan wieder oft und oft, als Tier erzeugt,

In Leiden lungernd, ach, lange Zeiten durch.


259

Das Menschendasein dann, es gemahnte mild:

In Oberwelten wallt' ich wieder empor,

In Formensphären, in Sphären ungeformt,

Nicht unbewußt, und bewußt nicht minder nicht.


260

Gewordnes verwest, verstiebt gewiß in Staub,

Zergänglich zergeht es, immer umgewühlt:

Mein Werden gewahr' ich, was da leben läßt –

Errungen ist innig Ebbung, ewige Rast.


Hārito (II)

261

Wer da verschiebt auf morgen hin

Was heute schon zu Taten mahnt:

Von hohem Heile stürzt er ab,

Und rasche Reue stachelt ihn.


262

Das Werk nur soll gepriesen sein,

Was nicht gewirkt ist preise nicht:

Wer ohne Ursach redet, rühmt,

Den Weisen wird es offenbar.


263

Wie lieblich dünkt Erlöschung doch,

Wohin der wache Herr uns weist,

Wo keine Sorge, Sünde sehrt,

Wo alles Elend untergeht.


[336]

Vimalo (II)

264

Gemeine Freunde meide froh,

Die höchsten Meister halte hoch:

In solcher Hut sollst harren aus,

Ersehnen unvergänglich Gut.


265

Gleichwie man scheitert auf der See,

Nach morschem Holze hascht, versinkt,

Versinkt ein Frommer kläglich oft,

An faulen Freund sich klammernd fest:

Und also wehr' ihm, weis' ihn ab,

Den schwachen Freund, den schwanken Freund!


266

Mit Weltentwundnen weltentwirkt,

In Schauung selig selbstversenkt,

Beständig standhaft, herrlich hehr,

Mit lichten Helden lebe hell.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 328-337.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

Die Serapionsbrüder

Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

746 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon