Das Vierer-Bruchstück

Nāgasamālo

[337] 267

In seidnen Schleiern, goldnem Schmuck,

Bekränzt, mit Sandel kraß geschminkt,

Im Takte tanzt' ein Dirnchen dort

Bei Lautenschlag die Lände lang.


268

Und als ich bettelnd kam vorbei,

Von Haus zu Haus, erkannt' ich sie,

In seidnen Schleiern, goldnem Schmuck,

Wie schlau der Tod die Schlinge legt:


269

Und gründlich ward ich aufgemischt,

Ergriffen innig im Gemüt,

Das Elend sah ich offenbar,

Den Unrat ragen rings umher.


270

Und alle Fesseln fielen ab –

O sieh' wie stark die Lehre wirkt –

Das Wissen ging mir dreifach auf,

Das Meisterwort, es war erfüllt.


Bhagu

271

Von matter Müde übermannt

In Klosterstille, stand ich auf,

Zum Garten wollt' ich, wollte gehn,

Da stürzt' ich schwach zur Schwelle gleich.


[338] 272

Ich rieb die Rippen, hob mich hoch,

Begann aufs neue nun den Gang,

Und ging im Garten auf und ab,

Im Innern standhaft, eigenstark.


273

Und gründlich ward ich aufgemischt,

Ergriffen innig im Gemüt,

Das Elend sah ich offenbar,

Den Unrat ragen rings umher.


274

Und alle Fesseln fielen ab –

O sieh' wie stark die Lehre wirkt –

Das Wissen ging mir dreifach auf,

Das Meisterwort, es war erfüllt.


Sabhiyo

275

Die Menschen sehn es selten ein,

Daß Dulden uns geduldig macht:

Doch wer es einsieht, wer es weiß

Gibt alles Eifern willig auf.


276

Wo Toren eifern unbedacht,

Kein Sterbestündlein kommen sehn,

Sind Kenner, klüglich aufgeklärt,

Gesunden unter Siechen gleich.


277

Was taugen Taten, lässig, lau,

Gelübde, listig abgelegt?

Asketentum in Säumigkeit

Hat karge Süße, kargen Lohn.


[339] 278

Wer unter Jüngern echter Art

Zu Ehr' und Ansehn nicht gelangt,

Von echter Tugend steht er weit,

Wie Wolken weit vom Staube stehn.


Nandako (II)

Nandako:


(einer Versucherin gegenüber)


279

Du Schande, scheußlich angefüllt,

Der Todesdiener faul Gefäß:

Neun Höhlen hast im Leibe du,

Neun Tröpfelquellen träufeln stets!


280

Vergangner Gunst gedenke nicht

Und nicht versuche Sieger du:

Nicht einmal Götter gieren dein,

Wie mag da missen dich der Mensch?


281

Doch wer da blöde, wer verblüfft

In blindem Wahne gaffend geht

Begeilt sich dran, ergetzt sich dran,

In Todesbanden todesbang.


282

Wer gierentgangen, haßgeheilt

Den ganzen Wahn verwunden hat

Begeilt sich nicht, ergetzt sich nicht.

Ist fronentfahren fesselfrei.


Jambuko

[340] 283

Durch fünfundfünfzig Jahre hin

Beschmiert' ich schmutzig mir die Haut,

Die Fasten übt' ich Mond um Mond,

Riß aus das Haar mir, aus den Bart.


284

Auf einem Fuße stand ich, starr,

Entsagte Sitz und Lagerstatt,

Aß trocknen Dreck, der Kühe Kot,

Ein Mittagmahl, ich nahm's nicht an.


285

Und also übt' ich üble Zucht,

In eitel Elend arg verzerrt –:

Da brach der Strom die Bresche durch

Und trieb mich hin zum wachen Herrn!


286

Gerettet sieh' mich rasten heut,

O sieh' wie stark die Lehre wirkt:

Drei Wissenschaften sind geschafft,

Erfüllt ist was der Herr befiehlt.


Senako

287

Willkommen, wahrlich, war Er mir,

Zu Gayā dort, in Gayerau,

Der wache Seher, den ich sah,

Der besten Botschaft Weiheherr:


288

Der glanzverklärte Scharenfürst,

Der Herde Führer, Herde Haupt,

Der Überwinder aller Welt,

Wie keiner köstlich anzuschaun,


[341] 289

Der hehre Herrscher, helle Held,

So sonnenheiter, sonnenhoch,

Entwunden allem Wust und Wahn,

Der Meister, der kein Fürchten kennt!


290

Beklommen lang in Ach und Angst,

Ins Garn des Glaubens eingegarnt,

Ward heil vom Herrn ich losgelöst,

Von allen Knoten abgeknüpft.


Sambhūto

291

Wer hastig eilt wo Zögern ziemt,

Wer zögert wo nur Eile hilft:

Mit blödem Blicke, flüchtig, flach,

Der Tor, er läuft in Leiden hin.


292

Sein Wohl nimmt ab von Tag zu Tag,

Gleichwie der Vollmond schwindend schweift,

Und Schimpf und Schande folgen bald,

Entfremdet fragt kein Freund um ihn.


293

Wer zögert wo da Zögern ziemt,

Wer eilig geht wo Eile gilt:

Mit blitzem Blicke, fleißig, flink,

Erwirkt ein Weiser glaues Glück.


294

Sein Wohl nimmt zu von Tag zu Tag,

Gleichwie der Neumond schweifend schwillt,

Und Lob erlangt er, reichen Ruhm,

Und Freundschaft gibt sich fröhlich, gern.


Rāhulo

[342] 295

In Gnaden, doppelt gnadenreich,

So bin ich »Gnaden-Rāhulo«:

Bin Sohn des wachen Siegerherrn,

Bin Seher, der die Wahrheit sieht!


296

Weil aller Wahn ist ausgewirkt,

Weil nie sich Wiedersein erneut,

Bin heil ich, bin erhaben hier:

Drei Wissen weiß ich, sehe Sieg.


297

Aus Liebe blind, ins Netz vernarrt,

In Sehnsucht sind wir eingeschnürt:

So fängt uns, faßt uns falsch der Tod,

Gleichwie die Reuse Fische rafft.


298

Ja, solche Liebschaft ist gelöst,

Die Todesfessel abgefeilt,

Der Durst nach Dasein ausgetilgt:

Erloschen bin ich, bin entlebt.


Candano

299

Mit Gold umgürtet, reich umreift,

Inmitten ihrer Mägde Schar,

Zu Hüften haltend unser Kind,

So kam zu mir die Gattin mein.


300

Und als die Mutter näher kam

Mit meinem Kinde, kannt' ich sie,

In seidnen Schleiern, goldnem Schmuck,

Wie schlau der Tod die Schlinge legt:


[343] 301

Und gründlich ward ich aufgemischt,

Ergriffen innig im Gemüt,

Das Elend sah ich offenbar,

Den Unrat ragen rings umher.


302

Und alle Fesseln fielen ab –

O sieh' wie stark die Lehre wirkt –

Das Wissen ging mir dreifach auf,

Das Meisterwort, es war erfüllt.


Dhammiko

303

Das Rechte rettet, wahrlich, den Gerechten,

Das Rechte, recht errungen, wirkt Gewährung:

Das taugt als Tugend Rechtem, recht errungen,

Daß falscher Fahrt Gerechte sind entronnen.


304

Denn Recht und Unrecht ist nicht gleich,

Ist ungleich hier, ist ungleich dort:

Zum Abweg hetzt uns Unrecht hin,

Empor zur Höhe hebt uns Recht.


305

Den Willen richte drum gar wohl auf Rechtes du:

In solchem Sinne selig treu dem hehren Herrn,

Im Rechten rüstig, besten Meisters Jünger hier,

Bestehn die Starken bester Rettung Meisterschaft.


306

Der Knäul im Innern ist entknüllt,

Zerrissen rasch der Lüste List:

Versiegt ist Wandelsein, entfremdet bin ich frei,

Entwölkt gleichwie der volle Mond um Mitternacht.


Sabbako

[344] 307

Wann dort ein Kranich, blaß gefiedert, flügelgrau,

Vor dunkler Wolken Flucht in Ängsten eilig schwirrt,

Zum Nest herniederschwebend sichre Nähe sucht:

Gar wohlig tönt mir dann der Ache Wasserschwall.


308

Wann dort ein Kranich, silbern blitzend, fahl gefärbt,

Vor dunkler Wolken Flucht in Ängsten eilig schwirrt,

Zum Horste schwebend, bänglich kreisend, Bergung sucht:

Gar wohlig tönt mir dann der Ache Wasserschwall.


309

Wen dünkt nicht lieblich diese Au,

Mit Rosenäpfeln reich umrankt?

Sie blinken hell am Ufer hin,

Umblühn der Felsen festen Fuß.


310

Von wildem Würgervolk umlauert rings

Erlauschen Unken leisen Unkenruf:

»Aus Bergesbächen hüpfe heute keines fort,

In kühlen Wassern wohlig gleitend, hochbeglückt!«


Mudito

311

Aus Notdurft zog ich fort von Haus,

Fand Eingang in den Orden hier:

Und Zuversicht, sie ward erzeugt,

Ich kämpfte kühn und unverzagt.


312

»Zergehn mag dieser Körper da,

In Fetzen fallen los der Leib,

In beiden Knieen, knochenfest,

Soll Scheibe, Schiene bersten aus:


[345] 313

Nicht essen will ich, trinken nicht,

Nicht eher aus der Öde gehn,

Nicht eher ruhen, rasten nicht,

Bis ausgedarrt ist aller Durst!«


314

Und weil ich rang und weil ich riet –

O sieh' des Mutes Übermacht –

Da ging mir Wissen dreifach auf,

Das Meisterwort, es war erfüllt.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 337-346.
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